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Ausgabe:

1937 Nr. 26

Spalte:

467-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ohlmarks, Åke

Titel/Untertitel:

Heimdalls Horn und Odins Auge 1937

Rezensent:

Clemen, Carl

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Seite 1

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467

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 26.

468

Setzungen, durch die das bewirkt worden sein soll,
„an der Kluft, die in der Längsrichtung den
Felsen räum durchsetzt." Die Zerstörung kann also
auf natürlichem Wege stattgefunden haben, ja wenn anders
das Fenster in der Nordwestwand des Raumes,
wie wieder Fuchs wahrscheinlich macht, zu Anfang des
12. Jahrhunderts angelegt worden ist, so wird das erst
nachher geschehen sein; denn nach A. selbst hatte
ein solches Fenster ja nur einen Zweck, so lange der
Raum noch geschlossen war. Daß, wie er weiter
anf ührt, vor dem Kreuzabnahmerelief ein steinerner Tisch
und Baumsärge aus germanischer Zeit gefunden worden
sind, beweist wieder nichts für seine eigentliche These,
und erst recht nicht der Felskomplex, der ehemals zu
dem heutigen Sargstein gehörte, oder die Trockenmauern
, die sich zwischen zwei und vor einem Felsen
befanden. Wenn A. endlich (S. 64) erklärt: „die Untersuchungen
haben ergeben, daß auf dem weißen Sand
rings um die Trockenmauer kultische Feuer in germanischer
Zeit abgebrannt worden sind", und vorher (S.
52f.) sagt: „Beweis dafür ist einmal ihr Vorhandensein
nur auf der Fläche des weißen Sandes, zweitens das Einbringen
der Reste der Feuerstellen in den Schacht", so
wäre das letztere, wie die in Lossow gefundenen Gruben
zeigen, bei Opferfeuern verständlich; aber an sie ist nach
A. deshalb nicht zu denken, weil „nirgends — weder
bei den Feuerstellen noch in den dunklen Sandschichten
der Schachtausfüllung — auch nur der kleinste Rest
eines Knochens gefunden wurde." Daß die Feuer mit
einem sog. Totenkult in Verbindung standen, hat er
allerdings nur als wahrscheinlich hingestellt, aiber auch
dazu reichen die von ihm angeführten Gründe nicht
zu. Hält er mir also zum Schluß vor: „man sollte ein
Buch sorgfältiger lesen, bevor man Kritik daran übt",
so finde ich es meinerseits reichlich sonderbar, daß er
selbst meine in der eingangs erwähnten Rezension erwähnte
Untersuchung über die Externsteine, in der ich
auoh die weiteren Ausführungen A.s über die angeblich
an ihnen dargestellte und auf ihnen aufgestellt gewesene
Irminsul besprochen habe, überhaupt: nicht angesehen
haben dürfte. Das ist zwar sehr bequem, aber kaum ganz
gewissenhaft.

Bonn. Carl Clemen.

Ohlmarks, Ake: Heimdalls Horn und Odins Auge. Studien
zur nordischen und vergleichenden Religionsgeschichte. Erstes Buch
(I — II) t Heimdallr und das Horn. Lund: C. W. K. Gleerup 1937.
(399 S.) gr. 8°.

In diesem außerordentlich gründlichem und inhaltsreichen
Buch wird zunächst eine Darstellung der Astralmythologie
sowie der Kulturkreislehre gegeben und ausgeführt
, daß in den vaterrechtlichen oder, wie Ohlmarks
immer sagt, patriarchalischen, und besonders in den von
Willi. Schmidt sogenannten Herrscherkulturen (d. h. den
hamito-semitischen, ural-altaischen und indogermanischen
) die Sonne eine große Bedeutung habe, ohne doch
deshalb deren „kulturelles Signum" zu sein. Aber da die
Germanen eine solche Kultur hatten, erwartet O. doch
von vornherein, daß bei ihnen die Sonne die Hauptrolle
spielte.

Indes untersucht er zunächst streng philologisch alle
Stellen in den beiden Edden, bei den Skalden und in sonstigen
Quellen, an denen Heimdallr vorkommt, und
macht zu einigen solchen Stellen, was hier besonders interessieren
wird, auch schon religionsgeschichtlich bedeutsame
Bemerkungen. So findet er nach andern hinter
dem Mythus der Skirnismäl einen leQbq yäio<; und hinter
demjenigen der Thrymskvida einen magischen Gebrauch
, durch den man dem Donnergott seinen Hammer,
den er, wenn es längere Zeit nicht regnete, verloren
hätte, wieder verschaffen wollte. Aus Ulfr Uggasons
Hüsdräpa wird schon hier geschlossen, daß Heimdallr
Sonnengott war, und dasselbe soll sich nach den religionsgeschichtlichen
Ausführungen O.s im Gegensatz zu
der Herleitung Heimdalls aus dem Christentum und andern
Auffassungen seines Wesens aus der Angabe Snor-

I ris ergeben, daß er mit Loki um das Brisingamen, den
Schmuck Freyjas kämpfte. Denn das bedeute (S. 269):
„bei seinem Untergang im Meer hatte der Gott der
Sonne einen Kampf mit dem Vertreter der Nacht, Loki

| auszutragen, und der Kampf ging eben um den rotglänzenden
Sonnenkörper", der das Brisingamen ursprüng-

I lieh gewesen sei. Auch die neun Mütter Heimdalls, von

| denen mehrfach die Rede ist, werden auf die Wellen des
Meeres gedeutet, aus dem in andern patriarchalischen

j Kulturen die Sonne entstanden sein soll. Zugleich gilt
sie hier als Stammvater der Menschen, hauptsächlich
der Häuptlinge und ihrer Geschlechter; also wird auch
Heimdallr, von dem dasselbe gesagt wird, ursprünglich
ein Sonnengott sein. Ebendafür spricht, daß als

| seine Wohnung der Himmelsberg gilt — „besonders
in höheren patriarchalischen Kulturen ist es eine sehr
geläufige Vorstellung, daß der Sonnenaufgang, oft auch
der Untergang, aus oder über einem Berg stattfindet"
(S. 286 —; auch der Name von Heimdalls Pferd,
Gulltopper, d. h. das mit goldner Mähne, paßt zu dieser
Deutung. Selbst die Kenning für Schwert: Heimdalls
Kopf wird damit erklärt, daß unter diesem die Sonne
zu verstehen sei, mit deren Glanz derjenige des Schwerts
verglichen werde, und die Namen Heimdalls selbst,
Gullintanni und Hallinskidi werden als „der mit den
goldnen Strahlenspitzen" und der „schräg geneigte Sonnenstrahlenstab
" gedeutet. Eher ist es wieder unter jener
Voraussetzung verständlich, daß er weiß oder glänzend
heißt und zu höchst oben am Himmel sitzt, sowie
namentlich daß er der Wächter der Götter ist; kurz, der
Beweis für den solaren Charakter Heimdalls dürfte im
Ganzen gelungen sein.

Dagegen scheint mir daraus, daß in den Grimnismäl
von Heimdallr gesagt wird, daß er guten Met trinkt,

I was immer nur aus einem Horn geschah, noch nicht
zu folgen, daß dieses selbst „das Konstitutive in Heimdalls
Verbindung mit dem Horn ist, nicht das Blasen"
(S. 317 f.). Ja auch ob in den andern vaterrechtlichen
Kulturen, von denen O. hier ausgeht, der Mond unter
all den verschiedenen gebogenen Gegenständen zu verstehen
ist, von denen er das annimmt, ist mir zweifelhaft
. Von dem gekrümmten und sichelförmigen Schwert
der orientalischen Kulturen glaubt er das selbst nicht
sicher feststellen zu können, und den Angelhaken, Nagel
eines Fingers, Schnabel des Ibis, das Boot und den
Bogen bezeichnet er nur als zufällige oder fragliche
Mondassoziationen. Aber auch der Bumerang und Eselskinnbacken
sind vielleicht keine solchen, nicht einmal
die Kuhhörner oder das einzelne Kuhhorn. Ja wieder
O. selbst scheint noch eine ganz andere Erklärung von
Heimdalls Horn für möglich zu hatten, wenn er zum
Schluß (S. 376) sagt: „im Norden, wo das natürliche
Horn das alte heilige Trinkgefäß der Blotfeier ist, das
zuerst von dem König erhoben werden soll, erhält auch
der Sonnengott, der in gewissen Formen als der Ahnvater
des Königs gedacht wird, ein Horn. Die große
Rolle des Blasinstruments im Kriege und bei der Feier
hat Heimdalls Horn zu einem Lur (sie) gemacht." Aber
das Einfachste und Natürlichste bleibt es wohl, in ihm
von vornherein ein Blasinstrument zu sehen, das Heimdallr
als dem Wächter der Götter zugeschrieben wurde.

Kann ich so der neuen These des Verfassers nicht zustimmen
, so möchte ich doch die Reichhaltigkeit und
Gelehrsamkeit seines Buchs nochmals voll anerkennen.
Man wird daher das Erscheinen seiner zweiten Hälfte,
die Odins Auge behandeln soll, mit lebhaftem Interesse
begrüßen und darf vielleicht nur noch wünschen, daß
sich O. für ihren deutschen Text, den er uns dankenswerter
Weise vorlegt, eine Hilfe sichert, die wirklich
durchaus sachverständig ist und das Deutsche vollständig
beherrscht, bezw. die Druckfehler, die in dem ersten
Teil manchmal noch stehen geblieben sind, vermeidet.
Bonn. Carl Clemen.