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Ausgabe:

1937

Spalte:

455-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Vom Aufgang des geschichtlichen Bewusstseins. Jugendaufsaetze und Erinnerungen 1937

Rezensent:

Niedermeyer, Hans

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45f> Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 25. 456

Dämonen noch heute lebendig, und die von diesen Oei- Es sind in diesem Bande die Arbeiten vereinigt,
stern besessenen nehmen in der Dorfgemeinschaft eine j welche die Geschichtsschreibung in Deutschland seit Jo-
Stellung ein, die behaupten zu können sich mancher j hannes von Müller schildern. Um aber die Lage der
rechtgläubige Qadi glücklich schätzen würde. Winkler, j geistigen Kultur in Deutschland zu erfassen, aus deren
der sich in mehrjährigem Zusammenleben mit den Fei- ! seelischer Haltung die Geschichtsschreibung erwuchsen,
lachen eine heute wohl unerreichte Kenntnis ihres Le- ist schon von Dilthey als methodischer Ausgangspunkt
bens und Fühlens angeeignet hat, schildert uns in die- j die Gestalt Hamanns genommen. Dann hat der Heraussem
lebendig geschriebenen Buch auf Grund eigener j geber mit Recht den Festaufsatz Diltheys für den Propst
Beobachtungen ausführlich das Leben dieser Besessenen i Karl Emmanuel Nitzsch eingereiht. Dilthey hat diesen
und ihre Bedeutung für den Glauben ihrer Volksge- ' 1860 für dessen 50jähriges Dozentenjubiläum in der
nossen. Im Mittelpunkt steht die Gestalt des 'Abd er- ; deutschen Zeitschrift für christliche Wissenschaft veröf-
Rädi aus Nag' el-Hegiri, in dessen Seelenleben er dank | ^entlieht (vgl. die launige Schilderung des Drucks des

eines vnn ein™ feinen Taktgefühl ap+rwnen Vprhal Aufsatzes, des Festes in Der junge Ddthey S. 126). In

eines von einem teinen laktgetuhl getragenen Verhal- j -h ht Dütbey von der Lage d,er theologischen Wis-

tens Einblicke tun konnte, wie sie wohl noch keinen, : senschaften seit Schleiermacher aus. Dartn schließen

Europaer bisher vergönnt waren. Es ist nicht möglich, sich die Laienbriefie über ejnige weltliche Schriften",

ehrlich frommen Muslims und seiner Umwelt eine Vor- £ Z S thS>JÄ^ Ät nÄ

Ausdnfck <X? da^ fcde?T d^rch^ ff 1S" Jahrh" weitgehend%ngehörte, 'ist (S. 57f.). Der
Ausdruck get>en, da« jeder, der die durch die üpan | t enthält die Anzeige von Gustav Freytags „Bildern
nungen zwischen Volksrel.gion und Theologie gestell- der d,eut9chen Vergangenheit" (S. 60 ff.) Die Beten
Fragen ernst nimmt, dieses Buch mit reichem Ge- ^^„„r, „™ r„^i,;«i+,, dJu; " / ,c ,n«
winn leten wird Die ieoiirhem nlarten Rationalkmn«! 1 sPrechung von Burckhardts „Renaissance" (S. 70ff.)
winn lesen wird, uie jeglienem platten Rationalismus . t d besonders interessanter Beitrag für die Stellung
w?udew .feSe gehende Erörterung der Frage der | Di,th m ^ ß positiven stofflichen Sicht der
Wirklichkeit von Totengeistern, die die durch meh- j Zdt fer beurteilt das Werk als eigentlich „erste konse-
rere Badaufnahmen 'Abd er-Rad.'s in seinen Besessen- te Durchführun!g dner kulturhistorischen. Behand-
heitszuständen wirkungsvoll ergänzte Darstellung be- I iu,ng in Deutschland" und betont das große wissenschließt
, wird jeden zu eigenen Gedanken über diese : schaftliche Ziel Burckhardts, daß die Kultur der Re-
fur religionsgeschichthche Forschung entscheidend wich- ; naissance der Unterbau einer Geschichte der bildenden
tige Frage veranlassen; für den, der das Leben der Künste seiner Zeit sein sollte, welchen Plan Burckhardt

oberägyptischen Fellachen in seiner Gesamtheit kennen
lernen möchte, sei außerdem noch auf des gleichen

ja nicht ausgeführt halt. In beiden wäre nach Burckhardts
Sinn der Nationalcharakter des schöpferischen

hingewiesen, die besonders auf S. 228 ff. und S. 334 ff.

willkommene Ergänzungen zu dem vorliegenden Buch
gibt.

Güttingen. W. von Soden.

Verfassers „Ägyptische Volkskunde^ ^Stuttgart ^1936) j Genius' zur Darstellung gebracht worden. Allerdings

ist Dilthey von dem bei ihm im - Psychologischen wurzelnden
Kausalnexus her — dieser besteht in einer psychologischen
Beziehung des Gesamtkulturzusatnmen-
hangs zu dem Erlebnis des Individuums — doch dem
großen Wurf Burckhardts gegenüber nicht frei von Kritik
. Denn er sieht das Besondere an Burckhardts Werk
darin, daß es „überall an die Stelle der einzelnen Ereignisse
das Zuständliche setzt." Burckhardt führe damit
Zustände in derselben Weise auf ihre Ursachen
zurück, in der es die politische Geschichtsschreibung
mit der Begebenheit tut (S. 72). Doch den Grundlagen,
den Allgemeinbegriffen fehle die Bestimmtheit und so
sei die spezifische Bedeutung der Epoche nicht festgehalten
. Aber ganz würdigt er den Zauber, den Burckhardts
Schilderung dem Stoff und seiner Deutung verleiht
. Von dieser Kritik her erklärt es sich, wenn
Dilthey später Burckhardt gegenüber das uns befremdende
Urteil findet, daß „der keinen großen ihn tragenden
Lebensinhalt habe" (D. j. D. S. 238). Die Stellung
der geistigen Schweiz lag auch später nicht dem
von dem Zentrum deutscher politischer Dynamik, Berlin,
kommenden Dilthey. Nimmt man zu der Besprechung
Burckhardts die tiefsinnige Würdigung Scherers (XI,

Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften.

XI. Bd.: Vom Aufgang des geschichtlichen Bewußtseins
. Jugendaufsätze und Erinnerungen. (XX, 278 S.) gr. 8°.

RM 9.50; geb. 11.50; Hldr. 18.50.

XII. Bd.: Zur preußischen Geschichte. Schleiermachers politische
Gesinnung und Wirksamkeit. Die Reorganisatoren des preußischen
Staates. Das allgemeine Landrecht. (X, 212 S.) gr. 8°.
Leipzig: B. G. Teubner 1936. RM 7—; geb. 9—; Hldr. 15—

Die beiden letzten Bände der Gesammelten Schriften
Wilhelm Diltheys enthalten die Hauptstücke einer Geschichtsschreibung
des Philosophen, die politischen Einschlag
haben. Sie stellen eine Art Mosaik dar, dem aber
gerade das eigen ist, was dem Mosaik fehlt: wirkliche
Tiefe. Und diese Tiefe schafft die Einheit überzeugender
Art der in diesen beiden Bänden zusammengefaßten Arbeiten
. Sie stammen aus der eigensten Geschichtsauffassung
Diltheys und sind ihr Ausdruck oder Niederschlag
auf dem Gebiet politisch-geschichtlichen Feldes. In diesem
besonderen Sinn klingen diese letzten Bände der

Gesammelten Schriften mit dem ersten, der Einleitung j 236 ff.) hinzu, so erkennt man die feine Linie einer

in die Geisteswissenschaften, zusammen. Denn es han- Grenze in Dilthey seiner Epoche gegenüber. Diese

delt sich bei diesen politisch-geschichtlichen Aufsätzen i Grenze aber ist es, die ihn so ganz vom Hauch eines

um den Gang der deutschen Kultur, von der aus Einzel- [ auch nur leichten Epigonentums gegenüber den Initia-

erscheinungen gesehen und erfaßt werden. Der Haupt- | toren der deutschen Bewegung freihält. Sie liegt gerade

teil des XI. Bandes geht auf Pläne einer Sammlung i jn seiner eigenartigen geistigen Verbindung, zum 18.

durch Dilthey zurück, wofür noch das Fragment einer i Jahrhundert begründet, auf welche der Aristoteliker

Vorrede von ihm selbst geschrieben ist (S. XIV—XIX). | Trendlenburg nicht ohne Einfluß gewesen sein wird.

In diesem Entwurf tritt die Verbindung der Grundauf- Wärmste menschliche Empfindung führt an sich Dilthey

fassung der in der Sammlung vereinigten Arbeiten mit Feder, wenn er (1886) Scherers in wissenschaftlicher

der Einleitung klar zutage. Die Aufsätze stellen das Wir- i Aufopferung bewährte „heldenmütige" Art würdigt,

ken der Männer auf dem Gebiet der Geschichte in der i Waren doch beide, Dilthey wie Scherer, durch Berlin

„deutschen wissenschaftlichen Bewegung" dar, „welche [ der preußischen deutschen Lösung zuinnerst verbunden

am meisten original und wirksam in die allgemeine Ge- j und darüber hinaus seit langem menschlich befreundet

schichte des Geistes eingegriffen hat." In ihr hat sich ' geworden. Bewundernswert ist, wie Dilthey an dieser

der „Aufgang des historischen Bewußtse ins vollzogen" j Stelle die wissenschaftliche Gesamtsituation in Berlin

(S. XVII). Die Sammlung ist vom Herausgeber Erich
Weniger durch Einfügungen vermehrt worden, welche
das Bild des Gebotenen erweitern und bereichern

seit den Gründern der Geisteswissenschaften Wilhelm
v. Hümboldt, Fried. Aug. Wolf, Hegel, Savigny über
Grimm, Ranke Ritter bis zu den Zeitgenossen Scherers