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Ausgabe:

1937 Nr. 22

Spalte:

401-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harrison, Percy N.

Titel/Untertitel:

Polycarp's two epistles to the Philippians 1937

Rezensent:

Krüger-Haye, Georg

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401

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 22.

402

Darlegungen zu fragen, ob Polykarps Philipperbrief
als Zeuge für „eine nicht besonders vorgeschrittene
Verfassungsform" angerufen werden kann. Endlich sind
für alle drei Briefe alle sogenannten Einleitungsfragen
wohl kritisch und besonnen erwogen, aber zugleich in
einer erfreulichen Schwebe gehalten; wir können eben
nicht mit Bestimmtheit, höchstens als eine unsichere Vermutung
, auf Grund des Briefes urteilen, ob der Phil.-
Brief in Rom oder Cäsarea oder auch in Ephesus geschrieben
ist. Alles was hier zu sagen ist, ist jedes Mal
in einem Exkurs am Ende der Briefe zusammengefaßt.

Was von diesen äußeren Fragen gilt, gilt von dem
ganzen Kommentar. Er ist ein Muster knapper und reicher
Erklärung, Muster auch jener methodischen, d. i.
sachlichen Einheit, in der geschichtliches und theologisches
Verstehen steht. Er will nirgends mehr wissen
und sagen als sich begründeter Weise wissen und sagen
läßt; aber er sagt auch besonnen und begründet,
was sich sagen läßt.

Greifswald. Ernst Lohmeyer.

Harrison, P. N., M. A., D.D.: Polycarp's two Epistles to
the Philippians. Cambridge: At the University Press 1936. (XII,
356 S.) 8°. 21 s.

Der Verfasser dieses im wörtlichen wie im übertragenen
Sinne gewichtigen Buches ist schon vor längeren
Jahren (1921) mit einer Studie über die Pastoralbriefe
vor die gelehrte Öffentlichkeit getreten. Damals
versuchte er als Anhänger der sogenannten Fragmentenhypothese
, auf Grund eingehender lexikographischer
Darstellungen die Scheidung zwischen den paulinischen
und niehtpaulinischen Teilen der Briefe durchzuführen.
In der Anzeige des Buches in unserer Zeitung (1922
Sp. 521 f.) erkannte Dibelius an, daß die Wortstatistik
der Briefe wohl noch nie so ausführlich und übersichtlich
dargelegt worden sei, wie es hier durch Harrison
geschah. Kleine Ausstellungen hinderten Dibelius nicht,
das Buch als eine sehr förderliche Leistung der allgemeinen
Beachtung zu empfehlen. Gleiches Lob wird der
Unbefangene auch dem neuen Buch zubilligen, wenn
er den ersten Schreck überwunden hat, den die 356
einem anscheinend geringfügigen Problem gewidmeten
Seiten. Jedem, der das Buch in die Hand nimmt,
einflößen müssen. Es wird ihm dann freilich zum Bewußtsein
kommen, daß Lightfoot vor einem halben Jahrhundert
für seine Ausgabe der Ignatianen und des Polykarpbriefes
mehr als das Fünffache, nämlich 1857 Seiten
füllte, ohne daß man sich veranlaßt gesehen hätte,
ihn der Weitschweifigkeit zu zeihen. Auch unserem Verfasser
wird man zugeben, daß er von Kapitel zu Kapitel
sein Generalthema in immer neue Beleuchtung
zu setzen und dadurch eine gewisse Spannung bei seinen
Lesern wachzuhalten vermag.

Worum aber handelt es sich denn? Von jeher ist
kritischen Lesern des Polykarpbriefes der Widerspruch
aufgefallen, der sich zwischen dem 13. Kapitel des
Briefes, dem zufolge der Schreiber offensichtlich noch
ohne Nachricht vom Schicksal des Ignatius ist, und dem
9. auf tut, in dem ebenso unverkennbar von dem Martyrium
des Bischofs als einer vollzogenen Tatsache
die Rede ist. Bei Annahme der Unechtheit des ganzen
Briefkorpus braucht dieser Widerspruch nicht zu beunruhigen
, aber den Verteidigern der Echtheit hat er
stets große Schwierigkeiten bereitet. Zahn, Lightfoot
und Harnack, um nur die Matadore zu nennen, haben
sich die größte Mühe gegeben, ihn seines Gewichtes zu
berauben. Unser Verfasser, der selbst von der Echtheit
überzeugt ist, zeigt in einer lückenlos geführten Untersuchung
aller dieser Versuche, daß auf diesem Wege
nicht weiterzukommen ist, und eine der wichtigsten
literarkriti'schen Fragen der nachapostolischen Zeit 'ohne
durchschlagende Antwort bleiben muß, wenn es nicht
gelingt, sie auf einem neuen Wege einer befriedigenden
Lösung entgegenzuführen. Harrison glaubt einen, solchen
gefunden zu haben. Nach ihm hat Polykarp zwei

Briefe an die Philipper geschrieben, die nach dem Tode
des Bischofs auf einer und derselben Papyrusrolle abgeschrieben
und in eins verschmolzen wurden. Das
erste Schreiben, nämlich das 13. Kapitel des uns vorliegenden
Briefes, war als Begleitschreiben (cover, Man-

i tel) zur Übersendung der im Besitz des Bischofs be-

| findlichen Briefe des Ignatius gedacht, abgefaßt vermutlich
sehr bald nachdem Ignatius Smyrna passiert
hatte. Das zweite, d. h. die 12 ersten Kapitel, wurde
geschrieben, als das Schicksal des Antiocheners bereits
längere Zeit der Geschichte angehörte, und zwar auf

! Wunsch der Philipper, die des Rats des inzwischen zu
hohem Ansehen (prineeps Asiae, Hier. vir. ill.) gelangten
Bischofs von Smyrna in den anscheinend durch das Auftreten
Marcions veranlaßten inneren Zwistigkeiten bedurften
. Das 14. Kapitel ist lediglich ein Postscriptum,

j das sowohl den Schluß des einen wie des anderen Briefes
gebildet haben könnte.

Die Vorzüge dieser Hypothese, die merkwürdigerweise
noch von niemandem ernsthaft in Betracht gezogen
ist, liegen auf der Hand. Sie besticht durch ihre
große Einfachkeit, zumal sie an dem überlieferten Text
keine Änderung nötig macht, und sie beseitigt die
Schwierigkeiten, die sich bisher jedem Versuch entgegenstellten
, den Märtyrertod des Ignatius und den
Brief Polykarps zeitlich auf einen Nenner zu bringen:
denn es würde nun nichts mehr entgegenstehen, das
Martyrium in die letzten Jahre Trajans (ca 115), den
2. Brief Polykarps etwa 20 Jahre später (ca. 135)
anzusetzen. Damit wäre dann auch der „erstgeborene
Satans" (Pol. 71) wieder in sein traditionelles Recht
eingesetzt, in dem Harnack im letzten Stadium seiner kritischen
Bemühungen zur Ignatius-Polykarp-Frage Marcion
nicht wiedererkennen wollte oder durfte, nachdem
er sich zum Ansatz auch des Polykarpbriefes unter
I Trajan glaubte bekehren zu müssen („the most serious
j blemish in the most authoritative study of Marcionism
i that has yet appeared", schreibt Harrison). Ich würde
j darum Harrisons Hypothese gern zustimmen, wie es
Streeter u. Burkitt schon vor der Drucklegung getan haben
(Streeter hat auch eine Prefatory notice beigesteuert)
bliebe nicht der Stachel, daß ihr keinerlei äußeres Zeugnis
zur Stütze dient, sodaß dem Zweifel doch immer
wieder Raum gegeben werden kann. So kann ich z. B.
! über das Bedenken nicht hinwegkommen, das das erste
Kapitel in mir erweckt. Es wird dort einer Gruppe von
„mit hochheiligen Banden Beladenen" gedacht, die bei
den Philippern liebevolle Aufnahme gefunden haben.
| Bisher hat man das in Verbindung mit Kapitel 9 zwang-
. los auf Ignatius und seine Weggenossen bezogen, während
H. an eine andere Gruppe von Märtyrer-Kandidaten
(sit venia verbo) denken möchte. Seine Beweisführung
macht hier einen gekünstelten Eindruck, was er selbst
! zu empfinden scheint. Im Übrigen ist die Vorurteilslosig-
I keit zu rühmen, mit der Harrison den sogenannten apa-
gogischen Beweis handhabt. Der Schluß ist natürlich
immer der gleiche: da alle denkbaren Erklärungen versagen
, bleibt die von H. vorgeschlagene Lösung die ein-
! zige Möglichkeit.

Wie dem auch sei, so ist doch der wissenschaftliche
Ernst, der uns durch das ganze Buch begleitet, hohen
, Lobes wert, und der Wunsch ist berechtigt, daß künftig
niemand an diesem Standwerk kritischer Unbefangen-
j heit vorübergehen möge. Ich hebe noch besonders her-
i vor die Umsicht, mit der Harrison das Verhältnis Polykarps
zum werdenden neutestarnentlichen Kanon behandelt
, wobei es ihm gelingt, die vorbildliche Arbeit der
Oxforder Gelehrten von 1905 (The New Testament
j in the Apostolic Fathers) erfolgreich weiterzuführen.
I Die 15 Seiten umfassende Bibliographie ist, soviel ich
sehen kann, lückenlos, und beruht, was mit besonderer
Anerkennung hervorgehoben werden muß, fast durchweg
auf eigener Einsicht. Nur 26 von den aufgeführten
etwa 350 Arbeiten bat H. nicht benutzen können. Viele
Mühe hat der Verfasser auf die Übersetzung und den