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Ausgabe:

1937 Nr. 20

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Siegmund, Georg

Titel/Untertitel:

Psychologie des Gottesglaubens auf Grund literarischer Selbstzeugnisse 1937

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 20.

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teren Idealismus die Harmonie des Ganzen nicht stört,
sondern lediglich ein Durchgangspunkt und ein Sporn
der Weiterentwicklung ist. Aber trotz alles Widerstrebens
der Geister sieht S. doch in der Geschichte Gott
am Werke zur Verwirklichung seines höchsten Zweckes,
Wie es sich auch für eine religiöse Weltanschauung
gehört.

Der Nachdruck, der von S. auf die in der Geschichte
nach dein Willen des Schöpfers wirksamen und giltigen
objektiven Mächte und Ordnungen gelegt wird, im Gegensatz
zu dem zersplitternden und auflösenden Individualismus
, führt jedoch nicht zu einer Geringschätzung
oder gar Ausschaltung des Individuums wie bei dem
evolutionistisehen Idealismus, namentlich dem Hegel-
schen. Es ist nicht das selbstlose Werkzeug des Absoluten
, sondern sein (relativ) selbständiger Träger und
Vollführer; nur so gewinnt sein Tun sittlichen Charakter
und Wert. Daher wird bei der Behandlung der
großen Lebensgemeinschaften nach der Erörterung ihres
Wesens und ihrer Lebensfunktionen immer die persönliche
Mitarbeit ihrer Glieder an ihren Zwecken sowie
die Wahrung ihrer Freiheit, bei aller Abhängigkeit von
ihnen hervorgehoben. Daß dieser Gesichtspunkt auch
und erst recht in dem personalen Teile der S.'schen
Ethik zur Geltung kommt, versteht sich von selbst.

Damit habe ich bereits die Atifrechterhaltung der
Individual- bezw. Personalethik durch 5, neben der von
ihm so eingehend behandelten Sozialethik berührt. Er
unterscheidet sich in dieser Beziehung von viel genannten
und geschätzten Theologen der Gegenwart, die
gegen jene geradezu Sturm laufen und lediglich diese
gelten lassen wollen, ein Standpunkt, der jedes tiefere
Verständnis des Sittlichen vermissen läßt und bei Vertretern
des Christentums vollends unverständlich ist. Der
Weg der christlichen Sittlichkeit geht von innen nach
außen, von der Einigung des menschlichen Willens mit
dem göttlichen zur Betätigung desselben in den gott-
geordneten Gemeinschaften. Aber freilich, wenn man
wie jene Richtung den Menschen total und aussichtslos
verderbt sein läßt, dann bleibt für die Ethik nichts
weiter übrig als die „Ordnungen", in die der aller
Liebe bare Mensch sich hinweggezwungen sieht (Go-
garten). Das ist eine Karikatur der Sittlichkeit, die
nicht etwas objektiv Bestehendes, sondern subjektiv zu
Verwirklichendes, nicht etwas von außen her Erzwungenes
, sondern innerlich Begründetes und frei sich Entfaltendes
ist: ein Individualismus, der dem Christentum
— bei allem seinem Sozialismus — unveräußerlich
eigen ist und mit dem, auch von S. bekämpften, Individualismus
der Aufklärung nichts zu tun hat.

Gegenüber der rein transzendenten, alles Heil vom
Weltende erwartenden Auffassung der Erlösung und
des Reiches Gottes, welche Hand in Hand mit der
schroffsten Erbsündentheorie bei dieser Ablehnung jeder
Individual-Ethik maßgebend ist, wird von S. eine
zugleich immanente behauptet. Die Schöpfung ist angelegt
auf die schon gegenwärtige Erlösung, welche die
in sie eingedrungene Störung beseitigen und die ursprüngliche
Ordnung in Gestalt des Gottesreiches wiederherstellen
soll, was an Schleiermachers Verständnis
der Sache erinnert. Ich weise hierfür noch besonders
hin auf die — oben nicht erwähnten — Schlußabschnitte
der beiden Teile des ethischen Systems von S. In dem
ersten wird die hienieden erreichbare Gestaltung des
sittlichen Lebens als das Streben nach dem Ideal der
christlichen Vollkommenheit im Sinne von Conf. Aug.
27 von der ewigen Vollendung der christlichen Sittlichkeit
unterschieden, und am Schlüsse der Sozialethik
wird das innergeschichtliche Kommen des Gottesreiches
als die Voraussetzung und Vorbereitung seiner übergeschichtlichen
Vollendung hingestellt. Wie sollte es auch
anders sein? Vollendet werden kann doch nur, was
bereits begonnen hat. Insbesondere gilt vom religiössittlichen
Leben, daß es werden und wachsen will und
nicht am Ende der Weltzeit mit einem Male in voller

Reinheit und Kraft hervorgezaubert werden kann. Das

1 ist ganz unethisch gedacht.

Das Kommen des Gottesrekhs vollzieht sich nach
S. in engem Zusammenhange mit der Entwicklung der
geistigen Kultur und innerhalb der sie pflegenden natür-

, liehen Gemeinschaften. Nur auf der Grundlage der
Schöpfungsordnung mit der von ihr gebotenen Möglich-

j keit der Ausbildung des Persönlichkeitsbewußtseins, des

; Gemeinbewußtseins und der Erhebung über die ding-

' liehe Welt durch ihre Bemeisterung verwirklicht sich
die Erlösungsordnung. Bei dieser positiven Würdigung
der Kultur, die ihm natürlich von der dialektischen Theologie
verdacht werden wird, ist S. jedoch fern von

I aller Kulturverhimmelung und Kulturseligkeit. Er weiß,

| daß in ihr auch das Böse sein Wesen treibt und die
Entfaltung des Reiches Gottes hemmt, so daß es schließlich
nur auf einem anderen Schauplätze, als diese Welt
ihn bietet, zum Ziele kommen kann. Gleichwohl bleibt
für ihn das geistige Leben der Menschen die Bedingung

' für das Werden desselben in der Zeit.

Noch ein kurzes Wort über S.'s Stellung zum Kir-

i chenstreite! Seine diesbezüglichen Äußerungen sind

, heute noch beachtenswert, wenngleich er sich inzwischen
weiter entwickelt hat. S. steht ohne Frage den deutschen
Christen näher als der Bekenntnisfront, deren starres

j Festhalten an der überlieferten Glaubensform ihm bei

I seinem freien Sinn und offenem Blick für die Bedürfnisse
der neuen Zeit, aber auch bei seinem tieferen
Verständnis des Glaubens und des Bekenntnisses nicht
zusagt. Der Glaube ist ihm kein Fürwahrhalten von
Lehren, sondern persönliche Hingabe an Gottes Offenbarung
und Offenheit für die Einwirkungen seines Gei-

| stes, und das Bekenntnis ist ihm der Ausdruck der in

I diesem Erleben begründeten Glaubensgemeinschaft.
Darin sollten und könnten sich nach ihm die streitenden
Parteien zusammenfinden und so eine gemeinsame Front
bilden gegenüber der deutschen Glaubensbewegung und
der von ihrer Seite der Kirche drohenden Gefahr. Ob
dieser Ruf zur Verständigung beherzigt werden wird? S.

, denkt darüber vielleicht zu optimistfsch.

Auch über die Grenzen der Theologie hinaus verdient
diese Ethik Interesse und Würdigung in ihrer

J Großzügigkeit und Klarheit, in ihrem feinen Verständnis
für die Eigenart des sittlichen Lebens und in ihrer
Aufgeschlossenheit für das ganze Geistesleben. Sie zieht

■ alles in ihren Bereich, was unsere Zeit bewegt und
stellt es in das Licht des höchsten Ideals, eines Geisterreiches
unter der Herrschaft und in dem Dienst des
Gottes, der die Macht des Guten ist.

I Mit diesem Werk hat Erich Seeberg die Herausgabe
einer neuen Sammlung theologischer Lehrbücher
eröffnet, die er mit anderen nach und nach erscheinen
lassen will. Ein verheißungsvoller Anfang!

' Königsberg i. Pr.__M. Schulze.

, Siegmund, D. Dr. Georg: Psychologie des Gottesglaubens

auf Grund literarischer Selbstzetignisse. Münster i. W., Aschendorff
1937. (VIII, 256 S.) 8». RM 4.50; geb. 5.50.

Die vorliegende religionspsychologische Untersuchung
beabsichtigt innerhalb der Gesamterscheinun g des
, Religiösen den Gottesglauben als besonderes Phänomen
zu betrachten. Auf Grund von literarischen Selbstzeug-
; nissen meist ,moderner' Menschen, die in die Zwiespältigkeit
von Glauben und Unglauben hineingestellt"
waren, sollen die mannigfachen irrationalen Vorgänge
und Erscheinungen erhoben werden, die zur eigentüm-
j liehen Gestaltung des Gottesglaubens bei einzelnen Per-
| sönlichkeiten führten. In die etwas weit gefaßten Ab-
'< schnitte: ,Die Unruhe zu Gott'; ,Das Finden Gottes'
und ,Die Bedeutung des menschlichen Willem für den
, Gottesglauben' ordnet der Verfasser das vielcrestaltiye
j Material ein, das er den literarischen Dokumenten eines
j „Strindberg, des Propheten alles Modernen Tolstois
der mit der kirchlichen Tradition seiner Umwelt brach'
| einer Madeleine Semer, die lange begeisterte Nietzsche-
anhängerin war, eines O. Wilde, des großen englischen