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Ausgabe:

1937

Spalte:

348-349

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leipoldt, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Gottesdienst der ältesten Kirche 1937

Rezensent:

Stelter, Hugo

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347

H48

stalt des Täufers Johannes ist aber erst spät in die man-
däischen Schriften eingedrungen, und eine Berührung
mit den Johannesjüngern ist sehr fraglich.

Nach dieser außerordentlich sorgfältigen Untersur
chung des Quellenbefundes wendet sich der Verfasser
nun im zweiten Teil der Herkunft und Geschichte der
baptistischen Bewegung zu. Als wesentlichstes Kennzeichen
werden nicht die Bäder an sich hervorgehoben,
sondern die kultische Wertung der Bäder; die Bäder
sind an die Stelle des abgelehnten Opfers getreten. Darum
waren auch die Täufergruppen Gegner des Fleischgenusses
. Vergleicht man diese baptistische Religion
mit den übrigen antiken Religionen, wie es der Verf.
nun tut, so finden sich in den altorientalischen Religionen
viele verwandte Riten, aber nirgends eine kultische
Wertung der Bäder oder die Taufe als Einweihungsritus.
In den hellenistischen Mysterienreligiaiien finden sich
zahlreiche Formen von Waschungen vor den Weihen,
aber keine Taufe als eigentlicher Einweihungsriitus, der
Wiedergeburt bewirkt (das wird mit Recht gegen Lei-
poldt betont). Das Judentum kennt viele Reinigungsriten
, auch gelegentlich die Vorstellung der Heilbäder,
aber diese Bräuche charakterisieren das Judentum nicht.
Die Proselytentaufe scheint dem Vf. nicht vor dem Ende
des 1. Jahrhunderts allgemein verbreitet gewesen zu
sein (das argumentum e silentio wird dabei vielleicht
zu stark herangezogen). Auch dieses Bad war zunächst
nur eine rituelle Reinigung, wurde damn aber immer
mehr zum Ritus der Eingliederung in das auserwählte
Volk; doch ist ein sakramentaler Sinn nicht bezeugt.
Es scheint dem Vf. gut möglich, daß die Woge der
Ausbreitung der Bäder in diesem Punkte auch das
orthodoxe Judentum erfaßt hat. Im Christentum ist
die Taufe so alt wie die Kirche selber, und daß Jesus
sie eingesetzt hat, dünkt den Vf. nur natürlich. Die
Taufe machte zum Teilhaber an den Gütern des Reiches
Gottes (das offenbar nicht eschatologisch gefaßt
wird). Die Totentaufe in 1. Kor. 15,29 ist ein magischer
Mißbrauch, ebenso magisch gedachte Reinigungsbäder
in späterer Zeit. Die Taufe ist aber im Christentum
kein wiederholbarer Kultbrauch; Jesus übernahm
zwar einen bestehenden Ritus, gab ihm aber einen neuen
Sinn.

So kann nun zum Schluß die Geschichte der baptistischen
Bewegung skizziert werden. Obwohl der Baptismus
im jüdischen und judenchristlichen Gebiet gewachsen
ist, ist das Vorhandensein der verschiedenen
Bäder und ihre kultische Wertung doch keine normale
jüdische Entwicklung. Der Verf. nimmt darum einen
Einfluß der iranisch-babylonischen Religion auf Palästina
an. Die Ersetzung des Opferkuftus durch die
Taufriten erklärt sich der Verf. als Teil der SpirituaLi-
sierungsbestrebungen der hellenistischen Zeit. Uei
fremde Einfluß auf diese Sekten hat aber auch später
nicht aufgehört, und so erklärt sich, daß man gelegentlich
bis zur Wasseranbetung fortschritt. Auch Johannes
der Täufer gehört in diesen religionsgeschichtlicheii
Zusammenhang hinein.

Thomas scheint mir die schwierigen Probleme, die
er zu lösen hatte, in der Hauptsache überzeugend gelöst
zu haben. Besonders scheint mir endgültig erwiesen,
daß die Johannestaufe nicht aus der Proselytentaufe hergeleitet
werden kann, und daß die Mandäer mit dem
westlichen Baptismus zusammenhängen. Freilich vermißt
man bei der sehr besonnenen und überzeugenden
Besprechung der Mandäerfrage, daß noch immer keine
wirklich ausreichende Analyse der mandäischen Schriften
vorliegt. Den Nachrichten der Kirchenväter schenkt
der Vf. vielleicht gelegentlich allzuviel Vertrauen, und
gegenüber den neutestamentlichen Nachrichten vermißt
man mehrfach die notwendige Kritik (der Taufbefehl
Jesu gilt als geschichtlich, aus Mt. 14, 12 wird
das gute Einvernehmen zwischen Johannesjüngern und
Jesus abgeleitet, usw.). Aber diese wenigen Punkte
berühren das Ganze kaum, und darum scheint mir Thomas
erwiesen zu haben, daß es eine an bestimmten Zügen
, besonders der Verdrängung der Opfer durcli kultische
Waschungen erkennbare baptistische Religion im
Palästina und Syrien zu Beginn unserer Zeitrechnung
gegeben hat, die den Hintergrund sowohl für Johannes
den Täufer wie für die christliche Taufe bildet.
Man kann deshalb dem Verf. für seine mühevolle und
förderliche Arbeit nur Dank wissen.

Zürich. Werner Georg Kümmel.

I Cawley, Frederick: The Transcendence of Jesus Christ. A
Study of the Unique Features of His Person. With special reference
to the Fourth Oospel. Foreword by H. R. Mackintosh. Edinburgh
T. & T. Clark 1936. (XV, 308 S.) 8°. 9 s:

Die vorwiegend systematische, stark von Heim be-.
einflußte Untersuchung arbeitet die Transzendenzaussagen
über den neutestamentlichen Christus vorwiegend an
j Hand des Johannesevangeliums heraus. Ausgehend von
I den Paradoxien des Jesusbildes geht der Verf. in großer
j Breite weniger kritisch als vielmehr kontemplativ, zu-
! weilen fast dichterisch vor, um die Einzigartigkeit der
I Person Jesu nach allen Seiten hin ins Licht zu rücken.

Das Material und die Ergebnisse des Buches enthalten nichts eigentlich
Neues. Auch der johanneische Christus hat alle Seiten eines wirklichen
Menschen, aber schon in dieser Totalität liegt ein Stück seiner
Besonderheit. Das gesamte Johannesevangelium enthält keine Theologie
über Jesus, sondern an ihm gemachte Transzendenzerfahrungen, die an
seine mancherlei äußeren und seelischen Krafttaten anknüpfen. Warum
gerade Deutschland als Beispiel des Anstoßes an dem Ärgernis in-Jesus
zitiert wird, ist nicht einzusehen (S. 43); in genau demselben Satz hätte
der Verf. auch England sagen können. Einige psychologische Einsichten
verdienen genannt zu werden, so der Versuch, sich in die innere Entwicklung
der Jünger einzufühlen. Auch der ständige Hinweis auf das
unableitbare Geheimnis der Person und des Lebens Christi ist für die
historische Arbeit am Neuen Testament hörenswert. Die Behandlung
der Kreuzigung steht rein unter systematischen Gesichtspunkten und ist
eine Zusammenfassung aller Lehren über den Tod Christi. In der Gotteslehre
Jesu überwertet der Verf. den Heiligkeitsbegriff (S. 194). Bei der
Wunderfrage hätte doch die religionsgeschichtliche Problematik nicht
einfach übergangen werden dürfen ! Die Verfasserfrage des Evangeliums
wird offengelassen, doch werden „Memoranda" des Herrenjüngers Johannes
als Grundlage angenommen, jedoch ohne irgendwelche Scheidungsversuche
.

Königsberg i. Pr. Carl Schneider.

Lei pol dt, Joh.: Der Gottesdienst der ältesten Kirche, jüdisch?
griechisch? christlich? Leipzig: Dörffling & Franke 1937. (61 S)
gr. 8". RM 2.85.

Bei der Neugestaltung der Kirche, an der wir jetzt
arbeiten, wird sich auch die Notwendigkeit eines neuen

I Aufhams des evangelischen Gottesdienstes ergeben. Da-

I zu hat der Leipziger Professor Leipoldt im seiner Schrift
„Der Gottesdienst der ältesten Kirche" eine grundle-

■ gende Vorarbeit geleistet.

Das christliche Gemeindeleben — so Leipoldt — ist
aus dem Tempel- und Synagogendienst herausgewachsen

I und doch in hohem Maße Neuschöpfung. Jesus baut

j „mit Steinen aus der Synagoge", aber er baut etwas

j Neues. Nach seinem Tode entsteht neben den andern
die Synagoge der Nazarener mit der Losung: Jesus ist

i der Messias.

Freier als „das Judenchristentum in Jerusalem" kann
sich dann schon „das frühe Griechenchristentum" entfalten
. Natürlich muß es sich auch „dem betreffenden
Volkstum ampassen, um überhaupt begriffen zu werden."

| Die Griechen bereichern den christlichen Gottesdienst
durch Gesang. So ist I. Tim. 3,16 spezifisch griechisch.

Das Jerusalemer Brotbrechen wird zum Abendmahl des
Herrn. Das Grunderlebnis dabei ist: Jesus ist gegenwärtig
. So bleibt nur ein „angedeutetes" Essen übrig.

„Das spätere Griechenchristentum", das etwa' mit
dem Hebräerbrief einsetzt, behält die Verlesung des

! A.T. bei; weil dieses aber fremd geworden ist, bedarf
es der Auslegung. So entsteht die Predigt. In dieser
Zeit regt sich auch ein Widerspruch gegen die „jüdischen
" Feiern. Die Fasttage werden absichtlich verlegt,
die Jahresfeier des Todestages Christi wird eingeführt.
Wortgottesdienst und Abendmahl werden- zu einer
Sonntagsfeier vereinigt.

Soweit der Gedamkengang. Besonders interessant
und beachtenswert ist es aber auch, wie L. die Ent-