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Ausgabe:

1937

Spalte:

325-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Humbert, Paul

Titel/Untertitel:

Les prophêtes d'Israël ou les tragiques de la Bible 1937

Rezensent:

Wendel, Adolf

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Seite 1

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32f)

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 18.

Soweit sich Vorstehendes von Frl. B.s Ansichten
entfernt, so wird doch der Wert ihrer Arbeit nicht
dadurch herabgesetzt, wenn hier die eine oder andere
ihrer Schlußfolgerungen abgelehnt wurde. Gerade bei
dieser kritischen Nachprüfung hat sicli gezeigt, daß
der Unterbau der Arbeit, die Materialsammlung, fest
und zuverlässig ist; die Diss. ist also ein wertvolles
Hilfsmittel für jeden, der diesen Dingen nachgeht.

Güttingen. Heinrich Dörries.

Humbert, Paul, Prof. ä la Faculte' de Theologie de l'Univ. Neuchätel:
Les prophetes d'lsraül ou Ies tragiques de la Bible. (Ex-
trait de la Revue de Theologie et de Philosophie, No. 100, Juillet-
Sept. 1936.) Lausanne: Imprimierie la Concorde 193b. (43 S.) gr. 8°.

Der Verf. veröffentlicht in diesem Sonderdruck einen
Vortrag, den er am 6. Nov. 1935 vor Pfarrern in Neuchätel
gehalten hat. Er will eine synthetische Interpretation
des isr. Prophetentums unter Verwendung der
Texte als eigentlicher Quelle geben.

Zunächst werden die außergewöhnlichen Erscheinungen
skizziert, welche die meisten Propheten begleiteten
(Zweites Gesicht, Symbolhandlungen etc). Sie schaffen
Schauspieler mit eindrucksvoller tragischer Maske.
So zeigt sich im ersten Ansatz der shakespearische
Charakter der Israelit. Propheten.

Tragisch ist zunächst die Persönlichkeit der
Propheten. In barocken Bildern sprechen sie von
dem Zwang, der auf ihnen lastet. Wie die Helden der
antik-klassischen Tragödie werden s>ie von höheren
Mächten getrieben und haben teil an der göttlichen
und menschlichen Welt. In willenlosen Werkzeugen
äußert sich, z. TL brutal, eine entfesselte Kraft. Aehn-
lich den tragischen Helden rufen sie politische, moralische
, religiöse Krisen hervor, Herolde und Agenten
der Alternative im schlimmsten Sinne des Entweder-
Oder. Furchtlos treten sie auf, als Helden die Ehre
Israels und des A.T. rettend, in dessen Geschichtsbüchern
man sonst so viele Shylock-Ahnen findet. In
ihrer machtvollen Rhetorik, majestätisch, pathetisch, ironisch
, sarkastisch, vermögen sie die Kontraste und die
Tragik des Lebens darzustellen, eine Parallele zu Äschy-
los, dem ersten griechischen Tragiker.

Tragisch waren auch die Geschicke des zeitgenössischen
Orients und die Perspektive, unter
der die Seher das Ende der Geschichte betrachteten. Tragisch
ist der Schauplatz; Szenerie und Beleuchtung passen
zu solchen Schauspielern. Mit Judas Untergang ist
die Tragödie zu Ende. Ihre Kassandra auf zitterndem
Boden waren die Pr., deren Geschichtsauffassung als
katastrophisch zu bezeichnen ist.

Tragisch war auch die Botschaft der Pr., oder,
wenn man will, der Text des Stückes. Gott ist heilig,
der Mensch ist sündig. Solidarisch ist sein Geschlecht
in der Schuld; er kommt aus dem Bezirk' des Profanen.
Deshalb kämpfen die Pr. gegen den menschlichen Hochmut
, die Verneinung des Glaubens. Gott und Mensch,
Glaube und Unglaube, als fundamentale Unterschiede,
lehren die Propheten mit Leidenschaft.

Gott ist nach prophetischer Lehre unsterblich, unsichtbar
; der Mensch sieht nur seinen Widerschein,
seinen „Ruhm" (kabod). Als Jahwe Sebaot ist er der
Herr aller kosmischen Kräfte. Als König hält er das
Imperium; er ist die Verkörperung des Willens. Die
Weltgeschichte ist für die Propheten, und dies zum ersten
Mal im Altertum, das Entwickeln eines göttlichen
Planes; nur die menschl. Ungläubigkeit bleibt blind.
Jahwe wird mit dem Guten identifiziert; moralischer
Monotheismus. Weil Gott frei, der Mensch abhängig
'st, dient er ihm nur im sittlichen Handeln, nicht im
Kult.

Das wichtigste Gottesprädikat ist die Gerechtigkeit
. Die von ihr hervorgerufenen Konflikte beschleunigen
die Tragödie zur Katastrophe; sie fordert den
Schluß-Akt. Die ungeschriebene, allgemein-menschliche
Gerechtigkeit ist das höchste Gesetz des Universums.

Manche Pr. mäßigen ihren Pessimismus durch mes-
sianische Hoffnungen. Eigentlich ist Jahwe universal;
aber dieser Universalismus wird nur formell gewahrt,
zu Gunsten des fanatischsten Nationalismus.In Haggai
und Saeharja scheint das dekadente Prophetentum selbst
als Opfer der Tragödie zu fallen.

Gott und Mensch stehen im schroffsten Gegensatz
. Welche Ironie liegt in dem Aufbegehren der
menschlichen Hybris gegen die göttliche Dynamis!
Welche Tragik im Kampf des Fleisches und des Geistes
, in dem der Mensch nur Gott selber zu Hilfe hat.
So kann der Mensch nur gläubig vor Gott sich beugen
oder trunken aufbegehrend untergehen.

Was soll nun der christliche Leser von diesen
Tragikern und dieser Tragödie denken? Der Pro-
phetisrnus darf ihm nicht als Dokument der Vergangenheit
erscheinen, sondern bedeutet für ihn ein bedeutsames
Element seines christlichen Existenzverständnisses.
Die Tragödie des Prophetismus findet ihre Peripetie
im Evangelium; so besteht eine tragische Einheit. Die
Gerechtigkeit Gottes bei den Propheten, das Gefühl
des Nichtsseins des Menschen, und die Liebe Gottes
im Evangelium, das Bewußtsein des Kindseins, bleiben
die beiden Pole jeder christlichen Theologie. So
findet das Drama seine Einheit in der christlichen Seele.

Ich habe mich mit Absicht auf eine ausführliche Inhaltsangabe
des Vortrages beschränkt, der in bilderreicher
Sprache gehalten ist. Das aus Titelformung
und Eingangsausführungen erwachsende Bedenken, auch
die inhaltliche Fragestellung sei zu ästhetisch-literarisch
gesehen, wird durch die weitere Gedankenfühnwig entkräftet
. Der Inhalt bietet mehr und Tieferes als der
Titel verspricht, wenn auch für den Kenner der deutschen
Forschung nichts sonderlich Neues. Wertvoll ist
die kurze Gesamtschau von einem Leitgedanken her.

Druckfehler: S. 36: II presse, statt pressent.
Breslau. Adolf Wendel.

Larmann, Dr. Hans: Christliche Wirtschaftsethik in der
spätrömischen Antike. Der Umbruch in der Wirtschaftsgesinnung
zu Beginn der Neuzeit. Berlin: Furche-Verlag 1935. (184
S.) 8°. RM 3.80; geb. 4.80.

„Der Umbruch in der Wirtschaftsgesinnung zu Beginn
der Neuzeit", wie es im Untertitel des Buches
heißt, oder „Der Umbruch des Wirtschaf tsdenkens im
ausgehenden Mittelalter", wie es in merkwürdiger Abweichung
davon die buchhändlerische Anzeige formuliert
, soll in der vorliegenden Abhandlung dargestellt
werden. Es ist gewiß zu begrüßen, wenn neben dem Wenigen
, was sich aus dem N. T. und anderen Quellen der
beiden ersten christlichen Jahrhunderte über das Wirtschaftsethos
des Urchristentums entnehmen läßt, auch
' einmal das christliche Wirtschaftsethos in der ausgehenden
Antike, wie es bei den großen christlichen Kirchenschriftstellern
von Justin bis Chrysostomus und
von Irenäus bis Hieronymus sich darstellt, ins Auge
faßt wird. Freilich hätte das weitaus sorgfältiger geschehen
müssen, wenn dabei wirklich neue Erkenntnisse
gewonnen werden sollten.

Der Verfasser beginnt in seinem ersten Kapitel mit
einer Darstellung der „Wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse in Rom", wobei er sich nach seinem eigenen
Bekenntnis in der Hauptsache auf Mommsen stützt
und dabei die Behauptung aufstellt, daß die Fortschritte
auf den Gebieten der Archäologie, Epigraphik und
Papyrusforschung zu den grundlegenden Untersuchungen
Mommsens „nur unerhebliche Ergänzungen" gebracht
hätten. Das mag für Rom und Italien allenfalls zutreffen
, gilt aber keineswegs für die sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse im römischen Weltreich und
namentlich nicht von dem eigentlichen Mutterboden des
Christentums in Palästina, Syrien, Kleinasien und Ägypten
, über den die umfangreichen Papyrusfunde der letzten
Jahrzehnte uns ganz neue Erkenntnisse gebracht
haben (vergl. z. B. den Aufsatz über „Großgrundbe-