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Ausgabe:

1937 Nr. 17

Spalte:

309-310

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Deutsche Chroniken 1937

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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309

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 17.

310

daß es dieselben Persönlichkeiten gewesen sind, die in
Theologie und Politik jener Epoche die Führung inne- j
hatten. Infolgedessen tritt auch in L.s Darstellung Hum- I
bert von Silva Candida besonders deutlich hervor, der inzwischen
auch als der Autor des Papstwahldekretes erkannt
worden ist (vgl. A. Michel, Papstwahl und
Königsrecht, München 1936, und dazu Klewitz in
den Gött. Gelehrten Anz. 1936 S. 531—42). Gerade
von Humberts Wirksamkeit her, seiner Stellung im
Ahendmahlstreit und seiner im Letzten Grunde gegen
Petrus Damiani gerichteten Auseinandersetzung über die
Gültigkeit der Sakramente, wird es möglich aufzuzeigen,
daß dich „auch die Kirchenreform auf dem Boden der
sakramentalen Sphäre abgespielt hat" (S. 87). Und
wenn Wir uns auch längst darüber klar sind, daß dasr
„Zeitalter des Investiturstreites" eine sehr viel umfassendere
geistige Revolution umschließt als durch den
Hinweis auf den Hauptstreitgegenstand zwischen Königtum
und Kirche zum Ausdruck kommt, so wird es dennoch
nicht ohne Nutzen sein, sich von Neuem darauf
aufmerksam machen zu lassen, daß „das zentrale Sakrament
— die Eucharistie —, das lebendige Abbild des
Kreuzopfers als der ewiggültigen Auseinandersetzung
Gottes mit der Welt, in der Zeit der entscheidenden politischen
Auseinandersetzung zwischen der Kirche und
der Welt des Mittelalters besonders umstritten und
schließlich — im Transsubstantiationsdogma — dogmatisch
festgelegt worden ist" (S. 25).

Göttinnen. _Hans-Walter Klewitz.

Deutsche Chroniken. Herausgegeben von Dr. Hermann Masch ek.
Leipzig: Phil. Reclam jun. 1936. (340 S.) 8°. Deutsche Literatur. Reihe
Realistik des Spätmittelalters, Bd. 5. RM 7.50; geb. 9—.

Erst um die Mitte des 12. Jahrh. eröffnet der Regensburger
Geistliche Konrad mit der „Kaiserchronik"
die Reihe der deutschsprachigen Geschichtswerke. Aber
das Vordringen der deutschen Sprache beruht im Grunde
darauf, daß die Chronikenschreiber jetzt aus einer andern
gesellschaftlichen Schicht stammen, nämlich dem
Bürgerstande; und mit der Sprache und dem Stand
des Verfassers erfuhr auch der Inhalt einen Wandel.
Nicht immer leitet den Verfasser die Freude an den vergangenen
Ereignissen, häufig treibt man Geschichte,
um die Gegenwart zu verteidigen oder die nachfolgenden
Geschlechter vor bösen Erfahrungen zu behüten. Ein
besonders lehrreiches Beispiel für den Charakter der
mittelalterlichen Weltchroniken bietet die „Oberrheinische
Chronik", die unsere Sammlung einleitet. 1337 von
einem Unbekannten aufgezeichnet bietet sie neben Papst- |
und Kaiserverzeichnis eine besondere Fülle von Sagen
wie der von Roland, der Schwanenrittersage und die
Braunschweiger Löwenfabel. Dann folgt ein Stück von
Bendicht Tschachtlan, der die Börner Chronik des Konrad
Justinger fortsetzte. Das bekannteste Geschichtswerk
ist Ulrich von Richentals Bericht über das Konstanzer
Konzil, über das der bischöfliche Notar wie ein
moderner Zeitungsmann Reportagen schreibt. Fritsche
Closeners Chronik hat weniger in ihrer fehlerhaften
Papst- und Kaisergeschichte ihre Bedeutung als durch
ihre genauen Nachrichten über die Geißlerfabrten. Die i
Liniburger Chronik des Notars Tiiemann Einen (1335
bis 98) zeichnet sich durch ihre Notizen über die Lieder 1
und Kleidertrachten der Zeit aus. Die „Cronika van der
hilliger stat van Coellen" bringt die berühmte Stelle
über die Erfindung der Buchdruckerkunst.

Dagegen begegnen Geistliche als Geschichtsschreiber
in bedeutend größerer Zahl als in andern Gegenden im
deutschen Norden. Nach einem Flugblatt schändeten
1492 Juden in Sternberg mehrere Hostien, die beim
durchstechen Blut gezeigt haben sollen. Die Schuldigen
wurden nach der Entdeckung hingerichtet; ein
ganz besonders aufschlußreiches Stück für den Fragen-
Kreis der Zeit. Die Deutschordenschronik des Heinrich
Caper bietet den Bericht über die grausame Ermordung
des Danziger Bürgermeisters durch den Landkomtur. An
der Magdeburger Schöppenchronik, deren erster Mitarbeiter
Heinrich von Lammespringe hieß, ist von Interesse
, daß Cäsar als Gründer Magdeburgs und die
Sachsen als Nachkommen der Mazedonischen Heere bezeichnet
werden. Die Chronik des Konrad Stolle (1430
bis 1505) enthält wertvolle Angaben über den religiös-
sozialen Schwärmer Niklas Böhm, sowie über das Wils-
nacker Hostienwunder. Zu den besten Quellen der Sittengeschichte
gehört die Chronik des Nürnberger Bierbrauers
Heinrich Deichsler (1431—1506), für wirtschaftliche
Nachrichten bedeutsam ist die Klosterneuburger
Chronik, die 1322 beginnt. Die Sammlung endet mit
Johannes Cuspinians Bericht über den Tod Maximilians
I., dessen Verfasser dem Humanismus angehört, der
das Erbe des Spätmittelalters angetreten hat. Natürlich
lassen sich bei jeder Auswahl von Proben noch viele
Wünsche aussprechen, aber die angewandten Gesichtspunkte
, das deutsche Sprachgebiet möglichst gleichmäßig
zu Worte kommen zu lassen, in sich abgeschlossene
und kulturgeschichtlich wichtige Texte zu bieten und
entlegenen den Vorzug zu geben, verdienen unbedingte
Zustimmung. Eine grundlegende Einführung sowie die
Beifügung notwendiger Sach- und Worterläuterungen
erleichtern das Verständnis der Texte. Das häufige Urteil
vom "Unwert tler deutschen Chroniken wird durch
die vorliegende Ausgabe revidiert; denn selbst in der
Auswahl ergibt das geschichtliche Schrifttum ein prächtiges
Bild, das den Vergleich mit der übrigen Literatur
leicht erträgt.

Quakenbrück. H. Vorwahl.

Martin Luther: Von der Auferstehung der Toten. Das

15. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther gepredigt und ausgelegt
. Gütersloh : C. Bertelsmann 1936. (229 S.) 8°. RM4 -; geb. 4.80.

Herausgeber hat die freiere Bearbeitung der Rörer-
schen Nachschriften zu Grunde gelegt; die Erstquelle1
erweist, daß diese Reihenpredigten Luthers ursprünglich
noch stärker bewuchtet waren, sodaß manche urtümlichen
Kraftausdrücke und -Wendungen abgeschliffen anmuten
. Eine Umdeutsohung von Rörers Niederschriften
muß aber als unmöglich erscheinen und würde zudem
den predigenden Luther doch nicht einwandfrei zu Gehör
bringen. Für zu lesende, nicht zu hörende Predigten
Luthers dürfte deshalb die hier genutzte Vorlage
brauchbar sein, zumal deren nur schonsam glättende
Behandlung den Sprachrhythmus Luthers möglichst
klangrein erhält. — Das Ganze i.st im Doppelton von
Trost und Trotz gehalten; man ist versucht, Wendungen
von unnachahmbarer Plastik und unüberbietbarer
Dramatik sieh auszuschreiben. Zum Inhalt kann
hier nur Grundsätzliches angemerkt werden. Durchgehends
tritt ein Doppeltes zutage: die überraschende
Kongenialität, mit der Luther völlig in Paulus denkt,
und zugleich die überraschende Kühnheit, eigene Heils-
erfahrnis an Paulus zu entfalten — das stete Ineinander
beider (häufig ist kaum zu unterscheiden, ob Paulus
oder Luther im „ich" redet) sichert das Biblisch-Reformatorische
. Wenn auch naturgemäß die Auferstehungshoffnung
, die sich gegen jegliches" Leugnen
und Klügeln unter offenbarendem und darum bindendem
Worte Gottes absetzt, vordergründig bleibt, so rückt
doch nahezu die ganze Theologie Luthers mit in diese
Belichtung. Somit kann die Herausgabe auch Fernerstehenden
, zu einer Gesamtschau verhelfen, den Theologen
aber zwingen, im Sinne Luthers „hinfort eine
neue Rede und Sprache zu lernen vom Tode und Grabe"
(S. 175).

Stade. Wiebe.

1) vergl. auch L.s Werke in Auswahl, Verlag de Gruyter Bd VII
I S. 278 ff.____ '

I Stupperich, Lic. Dr. Robert: Der Humanismus und die
Wiedervereinigung der Konfessionen. Leipzig- M Heinsius
Nchf. 1936. (VII, 133 S.) 8°. RM 4 —

Wir stimmen dem Verfasser darin bei, daß das Ge-
i spräch über das „Buch des Kaisers" vor dem Regens-
I burger Reichstage 1541 die stärkste Annäherung zwi-