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Ausgabe:

1937

Spalte:

277-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goguel, Maurice

Titel/Untertitel:

La foi a la résurrection de Jésus dans le christianisme primitif 1937

Rezensent:

Bertram, Georg

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wenn der Name „Menschensohn" auf das Konto
der Apokalyptik der Urgemeinde geht. W. hat
wieder neu die Frage nach dem Sendungsbewußt-
sein Jesu und nach seiner Selbstbezeicluiung „Sohn"
oder „Menschensohn" aufgeworfen. Wie man auch
immer zu W. stehen mag, es ist ein Buch, das aus
reicher Kenntnis des Stoffs mit warmen Herzen geschrieben
ist, das den Leser nicht nur zu erneutem
Durchdenken der schweren Leben-Jesu-Probleme zwingt,
sondern hinter die Theologie zur Person und Wirklichkeit
Jesu selbst führen will. Vor allem aber: es
ist ein Buch, das aus dem Sehnen und mit Wissen
um die religiöse Not der Zeit geschrieben ist in dem
heißen Bemühen, Jesus den Deutschen nahezubringen.
Breslau. Herbert Preisker.

Goguel, Maurice: La foi ä la räsurrection de J6sus dans le
Christianisme primitif. Etudc d'histoire et de Psychologie religi-
euses. Paris: Einest Leroux (1933). (XI, 469 S.) 8". = Bibliotlieque
de l'ecole des hautes etudes. Sciences religieusts. XLVIIe vol. Fr. 70—
Maurice Goguel, Professor für Neues Testament
an der freien protestantischen Fakultät und als Nachfolger
Alfred Loisys Dozent an der Universität Paris
ist der deutschen Forschung aus zahlreichen Veröffentlichungen
bekannt; vor allem ist er mit einer umfassenden
Linleitung ins Neue Testament hervorgetreten.
In einer Darstellung des Lebens Jesu, die seit 1934
auch in einer flüssigen deutschen Übersetzung vorliegt,
hat er sich der Geschichte des Urchristentums zugewendet
. In mannigfachen gelehrten Aufsätzen, wie überhaupt
in seinen Werken, hat er sich mit der ausländischen
, namentlich auch mit der deutschen Forschung
auseinandergesetzt. Auch das vorliegende Werk, das
eine Ergänzung seines Lebens Jesu bedeutet und seinem
Thema nach grundlegende Bedeutung für die Geschichte
des Urchristentums besitzt, nimmt fortlaufend auf die
deutsche Forschung Bezug. Namentlich ist es das Werk
von Josef Kroll, Gott und Hölle, Der Mythus vorn
Descensuskampfe (vgl. meine Besprechung in OLZ 1933,
401—408) mit dem er sich an den in betracht kommenden
Stellen immer wieder beschäftigt. Das Schwergewicht
des Werkes liegt, wie es nicht anders sein kann,
auf der Untersuchung der Überlieferung, die den zweiten
Hauptteil einnimmt. Ihr geht eine Einleitung voraus,
die das Problem umreißt, und ein erster Hauptteil, der
die Bedeutung des Glaubens an die Auferstehung in den
verschiedenen Kreisen des Urchristentums umschreibt.
Verf. unterscheidet dabei die älteste jerusalemische Gemeinde
, die Theologie des Paulus, das volkstümliche
Christentum, den Deuteropaulinismus, die johanneische
Theologie und die Apostolischen Väter. Er setzt also
einen ähnlichen Aufriß der Geschichte des Urchristentums
voraus wie die deutsche Theologie. Aber er betrachtet
das älteste Heidenchristentum (Antiochia)
nicht, wie das seit Wilhelm Bousset vielfach geschieht,
als das Bindeglied zwischen der Urgemeinde und Paulus,
sondern sieht den volkstümlichen Glauben, den er in
bestimmten Stücken der Synoptiker und der Apostelgeschichte
bezeugt findet, als gemeinsamen Hintergrund
des von Petrus und des von Paulus vertretenen Christentums
an. In all diesen Kreisen des Urchristentums
und in den entsprechenden Schichten der literarischen
Überlieferung nimmt der Auferstehungsglaube eine zentrale
Stellung ein, wenn er auch seinen Ausdrucksformen
Wie seinem Gehalt nach erheblichen Wandlungen und
Unibildungen unterworfen ist. Am Anfang steht jedenfalls
die Gewißheit der Erhöhung Christi zu himmlischem
Leben und messianischer Herrlichkeit. Die Geschichten
vom leeren Grabe und von den Erscheinungen
des Auferstandenen sind verschiedene Gestaltungen dieses
Glaubens an den Sieg Christi über den Tod. Nicht
der Gemeindeglaube an und für sich wohl aber die Vertretung
dieses Glaubens nach außen gegenüber dem
Heidentum und der doketischen Gnosis führte zu immer
stärkerer Betonung der „Beweise" für die fleischliche
, mit irdischen Sinnen wahrnehmbare „Wirklichkeit
" des Auferstandenen. Ursprünglich spielen die Beweiserzählungen
in den verschiedenen Überlieferungs-
kreisen keine Rolle. So sieht die jerusalcmische Urgemeinde
die Verherrlichung Jesu als die unmittelbare
Folge seiner Auferweckung durch Gott an. Für Paulus
wird Christus durch die Auferstehung zum Herrn der
künftigen Weltzeit. Auch die deuteropaulinische Überlieferung
und die Offenbarung Johannis denkt nicht
an eine Rückkehr Jesu ins irdische Leben. Nirgends
in diesen Überlieferungen werden auch die Erscheinungen
des Auferstandenen in diesem Sinne gewertet.

Damit ergibt sich für das Verständnis des Auferstehungsglaubens
eine bestimmte Linie der Entwicklung.
; Goguel gibt natürlich zu, daß diese Linie im einzelnen
nicht immer deutlich nachzuziehen ist. Im ganzen aber
ist damit grundsätzlich das Verständnis der Texte bestimmt
und ihre Anordnung und Wertung in der Geschichte
der christlichen Frömmigkeit festgelegt. Selbstverständlich
ist das so im ersten Hauptteil nur scheinbar
vorweggenommene Gesamtbild in der Einzelerklärung
der Texte gewonnen, und wird im zweiten Hauptteil
auch für den Leser ausführlich begründet. In der exegetischen
Untersuchung der in Frage kommenden Texte
liegt der Hauptwert der ganzen Arbeit. Der Verf. geht
dabei von den Berichten über das Begräbnis Jesu aus.
Für sicher nachweisbar hält er vor allem die Tatsache,
daß man die Überlieferung davon ursprünglich nicht
für 'besonders wichtig gehalten hat. Im übrigen lassen
sich verschiedene nicht auf dieselbe Wurzel zurückführbare
Anschauungen unterscheiden. Nach der einen
ist Jesus nur vorläufig und eilig beigesetzt worden; die
genaue Erfüllung aller Gebräuche haben die ihm Nahestehenden
bis nach Sabbatende aufgeschoben. Nach der
anderen ist das Begräbnis zwar eilig aber unter Beobachtung
aller üblichen Bräuche vollzogen worden. Vielleicht
ist Jesus von den Juden 'bestattet worden, die die
Schändung des Sabbat durch den unbestatteten Leichnam
vermeiden wollten. Aber je länger je mehr glaubte
man sogar im Widerspruch mit gewissen entgegenstehenden
Nachrichten, selbstverständlich hätten die
Freunde Jesu für ein ehrenvolles Begräbnis gesorgt.
Richtig ist sicher, daß Jesu Leichnam nicht, wie es
römischer Brauch gewesen wäre, einfach am Kreuz der
Auflösung überlassen worden ist, sondern daß ihm ein
Begräbnis nach jüdischer Sitte zuteil wurde. Der Zeit-
i punkt der Auferstehung wird teils mit „nach drei Tagen
", teils mit „am dritten Tage" angegeben. Beide
Formeln müssen scharf unterschieden werden. Die er-
stere ist unabhängig von dem Datum Sonntag früh,
das sich schließlich durchgesetzt hat, entstanden. Vielleicht
spielen dabei volkstümliche Vorstellungen eine
Rolle, nach denen die Seele eines Verstorbenen sich
noch drei Tage in der Nähe des Leichnams aufhält, dessen
Zersetzung auch erst nach dieser Frist begönne (?).
Nach der kanonischen Überlieferung ist der Zeitpunkt
der Auferstehung, wie diese selbst von niemandem unmittelbar
beobachtet worden, sondern entweder von dem
Zeitpunkt der Feststellung des leeren Grabes aus oder
von dem der ersten Erscheinungen aus erschlossen worden
. Die Geschichte vom leeren Grab trägt aber überhaupt
nicht die Züge einer erlebten Geschichte an sich.
Erlebt i st vielmehr der Glaube an den Sieg Jesu über
den Tod und an seine Verherrlichung. Von da aus ergibt
sich der durch Ps. 16 nahegelegte Schluß, daß
Jesus nicht der Verwesung verfallen konnte, daß also
auch sein Leib aus dem Grabe und damit aus dem irdischen
Bereich der Vergänglichkeit überhaupt auf wunderbarem
Wege verschwunden sein mußte.

Zu diesen Ergebnissen gelangt der Verf. durch eingehende
Analyse der inbetracht kommenden evangelischen
Überlieferungen und der apokryphen Nachrichten,
wie sie etwa im Zusatz des Codex Bobbiensis, in den
beiden Markus-Schlüssen und im Petrus-Evangelium enthalten
sind. In einem bestimmten Stadium der Entwick-