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Ausgabe:

1937

Spalte:

275-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Winkel, Max Erich

Titel/Untertitel:

Der Sohn 1937

Rezensent:

Preisker, Herbert

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monischen Schriften (S. 49—66) auf die mannigfachste
Wei9e aus- und umgedeutet werden. Dabei ist besonders
wertvoll die Behandlung der drei salomonischen
Schriften, die die Rabbinen in besonderem Maße zur Um-
deutung herausgefordert haben: die Sprüche Salomos,
weil man sich daran stieß, daß ein Bibelbuch nur Volksweisheit
enthalten sollte; der Prediger Salomo, weil er
innere Widersprüche zu enthalten und eine laxe Lebensauffassung
zu vertreten schien; das Hohelied als rein
weltliches Liebeslied. Waren auch bei diesen drei Schriften
apologetische Motive für die allegorische Deutung
maßgebend, so wendet sich H. doch mit Recht gegen
die rationalistische Auffassung, als ob die Allegoristik
lediglich aus dem apologetischen Bedürfnis erwachsen
sei, angefochtene Texte durch Umdeutung zu rettert.
Vielmehr wird überzeugend als das eigentliche Motiv
der Allegoristik nachgewiesen: die Freude der morgenlandischen
Volkskunst am Bildhaften, am geistreichen
Gedankenspiel, am Verrätsein und Enträtseln, und die
Überzeugung, daß der Bibeltext als heiliger Text unter
dem Schleier des Wortsinnes Geheimnisse bergen müsse.

Sein besonderes Augenmerk richtet Vf. auf die verschiedenen
Formen der Allegoristik. Er geht aus von
der Unterscheidung zwischen 1. der Allegorese der biblischen
Schriftsteller, die Metaphern, Symbole, Allegorien
zum Ausdruck ihrer Gedanken benutzen, und 2. der
Allegoristik der rabbinischen Bibelerklärer. Diese Allegoristik
gliedert er nun wieder in ein fünffaches Schema,
indem er als erste Stufe solche symbolischen, typologi-
schen etc. Deutungen rechnet, die den Wortsinn nicht
antasten, als 5. Stufe („echte Allegoristik") solche Deutungen
, die den Wortsinn völlig aufheben. Hier liegt
die Schranke der Arbeit: das Schema wirkt künstlich,
weil die Grenzen zwischen den fünf Gruppen fließend
sind; die ganze Arbeit leidet darunter, daß eine wertvolle
und sorgfältige durchdachte Materialsammlumg in ein
Schema gepreßt wird, das dem Stoff in dieser Form wesensfremd
ist.
Göttingen. Joachim Jeremias.

Der Sohn. Die evangel. Quellen und die Verkündigung: Jesu von Na-
zareth in ihrer ursprüngl. Gestalt u. ihre Vermischung mit jüdischem
Geist. Nach textlich revidierten kanonischen u. aulierkan. Aussprüchen
u. Berichten von M. Erich Winkel. Kampen, Sylt: Niels Kampmann
1935. (497 S.) gr. 8°. RM 8.20; geb. 9.50;

Unter den mancherlei neuen Jesus-Büchern ist W.'s
Arbeit entschieden die gehaltvollste, die darum auch
von der Forschung ernst genommen werden muß. Man
ist überrascht, wie weit ein Nicht-Theologe — Winkel
ist Privatgelehrter und seine Studien haben sich bisher
auf dem Gebiet der Naturphilosophie und Astronomie
bewegt — in der sehr schwierigen Materie zu
Hause ist und auch selbständige Beiträge zu dieser
Frage liefern kann. Es geht ihm darum, hinter die
spätere Verkündigung der Apostel zu kommen und aus
der kanonischen und außerkanonischen Jesusüberlieferung
die Verkündigung Jesu, seinen „Glauben an den
Vater, dessen gewaltige Allmacht nichts ist als Liebe"
(S. 22 u. ähnlich oft) herauszustellen. Die Unmittelbarkeit
der Persönlichkeit Jesu mit dem, wofür sie sich
mit dem ganzen Sein einsetzte, und was sie als ihr Eigenstes
zu verkünden hatte, soll, unbeschwert von theologischer
und kirchlicher Tradition, vor den heutigen
Menschen erstehen. Diese immer neue und immer so
schwere Aufgabe mit allem Ernst der Theologie wieder
gestellt zu haben gerade in einer Zeit, wo nur zu
oft kritisches Besinnen überlieferungstreuer Bindung geopfert
wird, ist schon ein Verdienst des Verfassers.
Das umfangreiche Werk umfaßt drei Teile: im 1. Teil
bemüht sich W., mit den Mitteln der Historie und der
Textkritik die „mannigfachen Übermalungen" zu entfernen
; im 2. Teil sind dann die sich aus dieser kritischen
Arbeit ergebenden Worte Jesu zusammengestellt;
der 3. Teil bietet eine anregende Fülle von Anmerkungen
, die den 1. Teil unterbauen. Dabei erweist sich
immer wieder, wie der Inhalt der Botschaft Jesu trotz

geläufiger jüdischer und orientalischer Ausdrucksforin
im schroffsten Gegensatz steht zur Welt der jüdischen
Religion. So anerkannt dies ist, beginnt doch das Problem
dort, wo konkret die Frage zu beantworten ist,
welche jüdischen Vorstellungen Jesus radikal abgelehnt
hat. Gern gehe ich mit W. mit, wenn er viel Richtiges
und Schönes sagt über Jesu Kampf gegen alles
Wissen-und Erforschenwollcn des Schicksals aus menschlichem
Verstand, gegen Kleinglauben und das Ergründenwollen
des Willen Gottes, dem Jesus das Horchen
auf Gottes Willen und das Trauen auf Gott gegenüberstellt
. Ohne Zweifel hat W. im Gegensatz zum dialektischen
Gottesbild mit vollem Recht die Liebe Gottes im
ihrer unerhörten Gewalt als das Hauptstück in der
Verkündigung Jesu betont1, die dem Bitten und Glauben
gegeben wird. In aller erfreulichen Schärfe rückt
W. diese Botschaft von aller „menschlich-orthodoxen
Gottesweisheit" wie von einer „denkenden liberalistisch-
ethischen Gottesauffassung", die ohne Sinn ist für den
irrationalen Kern der Verkündigung Jesu, ab. Mit aller
Klarheit wird herausgearbeitet, daß der einzigen Mahnung
zum Wachsein die Tatsache entspricht, daß der
Eintritt ins Reich Gottes nur als Geschenk Gottes
auf Bitten und Glauben hin, nicht aus menschlichem
Vermögen Wirklichkeit wird. Richtig gesehen ist auch
Jesu Stellung zum Gesetz. Ohne Zweifel hätte Paulus
nicht seine bekannte Stellung zum Gesetz gefunden
, wenn er sich nicht auf Jesusworte hätte berufen
können. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß W. nicht
nur mancherlei Treffendes über die Textkritik sagt
(436 ff.), sondern auch an Einzelbeispielen seine textkritische
Auffassung ernste Erwägung verdient. So gilt
i ohne Zweifel von W.'s Arbeit, daß sie eine wirklich
beachtliche Erscheinung ist.

Freilich sind auch Fragezeichen zu setzen. Am wenigsten
geglückt erscheint mir Winkels Wurf dort, wo
er alle Eschatologie als jüdischen Restbestand aus Jesu
Botschaft streicht. Es geht nicht an, den Begriff der
„Neugeburt" den Synoptikern zu unterstellen (S. 429).
Das kommt daher, daß Verf. die fWÄi (u -rov tteofl viel
zu sehr als einen wesenhaften, inneren Zustand (406)
auffaßt. Er sieht ■nicht das Dynamische, wie er auch
zu wenig Liebe Gottes und Reich Gottes in Verbindung
miteinander bringt. Liebe Gottes ist schöpferischbefreiendes
, erlösendes Handeln Gottes, und nur als
I Hineingezogenwerden in die Gewalt des Reiches Gottes
j widerfährt dem Menschen diese Liebe. Hier ist auch die
I Einbruchsstelle für eine oft zu individualisierende Auffassung
der Frömmigkeit, wie sie sich doch auch bei
I W. findet, und die dem Reich- Gottes-Glauben nicht
! gerecht wird. Wie er Reich Gottes nicht als Han-
j dein Gottes, sondern als Zustand ansieht, so will er
) auch für Jesus den Titel „Sohn Gottes" als Ausdruck
j für die „Geburt aus Gott" als historisch anerkennen
ohne alle eschatologische Bestimmtheit. Hier merkt
man einen starken Zug zu unbistorisch-niodernisierter
Umbiegung des Jesusbildes beim Verf. Weil ihm Reich
Gottes mehr ein Zustand ist und nicht so sehr Handeln
J Gottes, darum sieht er nicht, wie Jesus ins kommende
| Reich hineingehört, wie das Reich den Bürgen des
I Reiches bringt. Und gerade der eschatologisch ge-
l faßte Sohn-Gottes-Glaube in Verbindung mit dein
I Gedanken des „Knechtes Gottes" ist so antijüdisch
wie nur möglich und so einzigartig, daß ihn
j die Gemeinde schwerlich erfunden haben dürfte. Mit
dieser Umbiegung des Verf.'s hängt manche gewaltsame
Exegese (z. B. S. 81. 95. 459 u. a.) zusammen.
Gewiß zeigt die heutige Überlieferung tendenziöse Korrekturen
die die Selbstbezeichnung Jesu als „Men-
j schensohn" fälschlich in die Jesusworte hineinsetzt
. Gewiß ist das Problem der Messiasworte sehr
ernst zu nehmen. Aber W. macht es sich zu einfach
j und modernisiert zu sehr. Die Eschatologie bleibt, auch

1) Vgl. meine Schrift „Die uichristliche Botschaft von der I.iete
| Gottes im Lichte der vergleichenden Rcligionsgeschichte", 1930.