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Ausgabe:

1937 Nr. 1

Spalte:

254-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meinecke, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des Historismus 1937

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 14.

'2ö4

gegationalistischeir Prediger dient. Sie enthält 15 Auf- i
sätze — 14 sind geschrieben von ehemaligen Angehörigen
dieser Bildungsstätte, dazu kam einer aus der
Feder von James Moffat — und sie ist herausgegeben von
ihrem derzeitigen Leiter N. Micklem, gewidmet seinem
Vorgänger im Amt Prinzipal W. B. Selbie. Der allgemeine
Leitgesichtspunkt für die einzelnen Beiträge
heiiit „Christlicher Gottesdienst", und dieser Gegenstand
ihrer Wahl ist darum besonders beachtlich, weil
die Freikirchen, in der Vergangenheit gerade den kultischen
Fragen scheinbar wenig Aufmerksamkeit gewidmet
haben. Angesichts dieses Sammelbandes indessen
wird sich jenes landläufige Vorurteil nicht länger aufrecht
halten lassen.

Das Buch beginnt mit grundsätzlichen Betrachtungen
über „need of and reason for" unter dem Titel „The
Philosophy of Worship". Die folgenden Abschnitte gliedern
sich in Biblische Studien (Kultisches Leben im
A.T. — Wort und Sakrament im N.T.), in geschichtliche
Untersuchungen (älteste Liturgien, Meßopfer des M.
A.), in Einzeldarstellungen der reformatorischen Schau
und Lehre (Luther, Zwkigli, Calvin, die Puritaner nacheinander
). Der letzte Teil, auf die Gegenwart bezogen,
gibt psychologische Anregungen, betrachtet Wort, Kirche
und Predigt im Verhältnis zu einander, handelt von
Gebet und Lobpreis, aus dem Stegreif oder gebunden,
schließt ab mit einer Darlegung des Verständnisses von
den Sakramenten. Hier gewinnt man Einblicke in Frömmigkeit
und Andachtsübung, eine Vorstellung vom gottesdienstlichen
Leben der englischen Freikirchen, Verständnis
für ihre Auffassungen und die Weisen des
Vollzugs.

Die historischen Überblicke zeugen von eindringlicher
Sachkenntnis, Klarheit der Durchsicht, das Ganze ist getragen
von einer seltenen Kunst, die Dinge einfach, verständlich
und ansprechend zu sagen. Die Verfasser der einzelnen
Beiträge gehören zu den hervorragenden Vertretern
der Britischen Theologie. Sie geben Proben ihres
Wissens und Könnens, Beispiele einer uns verwandten
und doch eigentümlichen Forschungs- und Lehrweise
nach Inhalt und Form. Unter ihnen verdient der Name
eines Mannes besondere Erwähnung: J. Vernon Bartlett.
Denn er hat vom Jahre 1933 an in Rede, Schrift und
Rundfunk unter seinen englisch-sprechenden Landsleuten
sich tapfer eingesetzt für ein zutreffendes und gerechtes
Verständnis der deutschen Erhebung und des Wandels
, der sich hier vollzogen hat.
Erlangen. Willi. Vollrath.

Stöhr, Dr. Herrn.: So half Amerika. Die Auslandshilfe der Vereinigten
Staaten 1812 -1830. Stettin: Ökumenischer Verlag 1936.
(328 S.) 8°. 0eb- RM 5-60-

Das vorliegende Buch verarbeitet eine Fülle von
Quellenmaterial aus USA, nicht nur Berichte ameri-,
kanischer Hilfsgesellschaften, sozialer Komitees und Religionsgemeinschaften
, sondern vor allem auch — in
freilich eicht immer einwandfreien Übersetzungen (bes.
S. 39, 41) — die Ausschreibungen der Präsidenten
von USA zum nationalen Danksagungstage. Hier haben
wir in der Tat die verbindliche Grundlegung für das
amerikanische Hilfswerk, vornehmlich gegenüber dem
alten Europa. Man mag über eine gewisse glatte Modalität
in diesen programmatischen Kundgebungen hier
und da wohl kaum ein Lächeln unterdrücken können, i
lr>i Ganzen ist die Haltung durch einen echten, rühmenswerten
, puritanischen Ernst gekennzeichnet, der verpflichtet
, der wohl immer eine religiöse, wenn auch
gelten eine christlich gebundene Note anklingen läßt.
Diese methodisch anerzogene und staatspolitisch gepflegte
Hilfsbereitschaft des USAmerikaners gegenüber <
den Menschen überhaupt, denen es schlecht, denen es j
schlechter geht als dem Amerikaner in USA, gegen- ;
über den Menschen jenseits des Staates und seiner Gren- ,
Zen, jenseits der Volksgrenzen, ohne jede Rücksicht
auf Rassen, Farben, Staatsformen, Konfessionen und

Sitton weicht grundsätzlich ab von der Diasporapflege
und von der Volkstumsplitterpflege, auch in ihrer Verbindung
mit einander, wie wir sie kennen, wie sie
die katholische Kirche von der evangelischen Kirche
etwa übernommen hat und wie sie der Volksbund für
die Auslanddeutsehen etwa mit dem Gustav Adolf-
Verein hin und wieder gemeinsam treibt. In dieser
Grundhaltung weicht Wilsons Ideologie von der Roose-
velts durchaus eicht ab; auch bei Wilson handelt es
sich um keinerlei pharisäische Tiraden, sondern um
echte puritanische Moral. Freilich entspricht die Wirklichkeit
nicht immer ganz den von den Präsidenten vertretenen
Idealen; aber diese Ideale sind doch die Grundlage
der caritativen Leistung. In der Gesamtüberschau
ist die ausgesprochen glaubensbrüderliche Hilfeleistung
seitens USA verhältnismäßig bescheidenen Umfanges.

In dem vorliegenden Buche geht St. nach einer
grundsätzlichen Einleitung zunächst historisch vor: er
behandelt die Zeiten vor dem Weltkriege, im Weltkriege
und in der Nachkriegszeit. Für die beiden letzten Perioden
bilden sowohl die Tätigkeit des mit überreichen Mitteln arbeitenden
Roten Kreuzes von USA wie auch die bekanntlich
umstrittene Hilfeleistung Hoovers (vgl. dazu Otto Dibe-
1 i u s in „Die Evangelische Diaspora" Jg. 3: 1921 S. 141 f.)
— St. lehnt S. 171 f. eine abschließende Stellungnahme
zu dem Werk Hoovers ab — gewisse Kernpunkte. Der
Abschnitt über das Wirken religiöser Gemeinschaften
1914 ff. (S, 173—240) bringt in 14 Kapiteln alles Mögliche
, auch Interessantes und Wenigbekanntes. Im Ganzen
aber ist dieser Teil, der uns in erster Linie angeht,
trotz seiner Fülle von Namen und Zahlen unzulänglich,
weil jede zuverlässige Einzelnachweisung fehlt. Weithin
aber, darf man sagen, deckt sich diese Hilfeleistung
mit Diasporapflege und Missionsarbeit. — Prof. Karl
Barth wurde in Göttingen vom Reformierten Bund besoldet
; daß der Reformierte Bund die Mittel dazu von
den Reformierten in USA erhalten hat (S. 189), war
wohl noch nicht bekannt.

Berlin. Otto Lerche.

Mein ecke, Friedrich: Die Entstehung des Historismus. 2 Bde.

München: R. Oldenbourg 1936. (660 S.) 8°. RM 19-; geb. 22—,

Mit dem Worte „Historisinus" ist seit Nietzsche
ein geringschätziger Sinn verbunden, Meinecke aber
will die Ehre dieses Wortes wieder herstellen, indem
er zeigt, daß das Aufkommen des Historismus eine der
größten geistigen Revolutionen war, die das abendländische
Denken erlebte. Historismus als Sinn für die
Individualität und individuelle Entwicklung des geschichtlichen
Menschen und der geschichtlichen Gebilde
ist nichts anderes als die Anwendung der in der großen
deutschen Bewegung von Leibniz bis zu Goethes Tode
gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche
Leben. Dieser Sinn entwickelte sich im Gegensatz
zu der alten naturrechtlichen Anschauung der Aufklärung
, für die der Mensch zu allen Zeiten ein- und
dasselbe im Grunde vernünftige Wesen ist. Geschichte
wurde für die daraus folgende Anschauung des Pragmatismus
zu einer pädagogisch nützlichen Beispielssammlung
, oder diente in der späteren Aufklärung dazu, eine
Linie gradlinigen Fortschritts aufzuzeigen, die im eigenen
herrlichen Zeitalter oder einer noch schöneren Zukunft
ihr Ziel fand. Voltaire und Montesquieu freilich
glauben noch nicht an den absoluten Fortschritt, sondern
anerkennen den irrationalen Charakter des geschichtlichen
Lebens, womit bereits ein Weg aus der Aufklärung
heraus gefunden ist. Indem die englische Aufklärung
die Erfahrung in den Mittelpunkt Ihrer Weltanschauung
stellte, hatte sie noch einen andern Zugang
zu den irrationalen Phänomenen der Geschichte
Aber bei keinem der englischen Denker (Hume Gibbon
, Robertson) finden wir das in die Tiefe dringende
Wissen um das individuelle Wesen der historischen
Phänomene, insbesondere der menschlichen Persönlichkeit
. Burkes Traditionalismus führt zwar bereits an die