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Ausgabe:

1937 Nr. 13

Spalte:

235-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Freiburger Diözesen-Archiv 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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'235

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 13.

236

nach kurzem Rechtsstudium in Heidelberg 1849 mit seinen Eltern die
Ausreise nach USA an, fand den Weg zu den Baptisten, in deren Verkündigungsdienst
nach theologischen Studien in Rochester er sich verzehrte
. Seit 1878 in Deutschland, zunächst in Hamburg, von 1897 ab
in Kassel, 1891 —1905 von seinem Sohne Karl unterstützt, hat er den
Aufstieg der Baptistenkirche in Deutschland an ihrer Spitze erlebt und
maßgeblich geleitet. Besonders wertvoll an dem Buche Hs' sind die
Mitteilungen über Bickels Schriftstellerei und über die geradezu erstaunlichen
Ausmaße des baptistischen Verlagswesens. Der Umsatz des Verlagshauses
betrug bei Bickels Eintritt 37 500.- M., 1900—1914 jährlich
je 330 000.— M. Um 1900 wurden jährlich etwa 25 000 Stück
der Schriften Spurgeons abgesetzt. Bickels Bedeutung für die Baptistenkirche
von heute liegt vor allen Dingen in seinen vielen Liedern, die
fortlaufend glatt und formvollendet, leicht singbar und sentimental, für
lutherischen Geschmack oft flach und ans Banale grenzend, in den baptistischen
Gemeinden und ihrem Andachtsleben Eingang gefunden haben.
Wichtiger aber ist, daß Bickel sich für die theologische Schulung der
Baptistenprediger eingesetzt hat, daß er das Seminar in Hamburg gegründet
und ausgebaut hat. Bickel war trotz einer nicht leicht zu nehmenden
Gegnerschaft, die sich nicht nur an seinem amerikanischen Draufgängertum
stieß, nach J. G. Onckens Tode (1884) der unumstrittene Führer
der Bewegung. Hs' Buch wird in gewissem Abstände neben Luckeys
Onckenbiographie seinen Platz beanspruchen.

Berlin. Otto Lerche.

Freiburger Diözesan-Archiv. Neue Folge, 36. Bd. Freiburg i. Br.:
Herder & Co. 1935. (IV, 324 S.) 8°.
In dem vorliegenden Bande sind für weitere wissenschaftliche
Kreise beachtenswert die Aufsätze von Adolf
Willi ard und Max Miller. Williard (S. 1— 65) gibt
Beiträge zur Gründungsgeschichte der Oberrheinischen
Kirchenprovinz 1818—1821; er setzt damit einen bereits
im 34. Bande des Diözesanarchivs erschienenen
Aufsatz fort, in dem wir in vieler Hinsicht ein süddeutsches
Gegenstück zu der auch hier besprochenen Arbeit
von Eduard Hegel: Die kirchenpolitischen Beziehungen
Hannovers, Sachsens und der norddeutschen
Kleinstaaten zur römischen Kurie 1800—1846 sehen
möchten (vgl. Theol.-Lit.-Ztg. 1934 Nr. 22 Sp. 405 ff.).
In dem vorliegenden Teile der Arbeit von Williard handelt
es sich, nachdem alle anderen Fragen bereits zwischen
der Kurie und den beteiligten Staaten in langen
und schwierigen Verhandlungen friedlich bereinigt waren,
um den Schlußstein des Ganzen, um die Festlegung des
Metropolitansitzes. W. zeigt sich hier aufgrund sorgfältig
verarbeiteter archivalischer Quellen erfolgreich bemüht
, ein klares Bild von der wechselvollen Geschichte
dieser uns heute kleinlich anmutenden Kämpfe zu geben.
In dem Streit um den Wohnort des Erzbischofes lebten
noch einmal alle Meinungsverschiedenheiten und Eifersüchteleien
auf, so daß sich abstruse Pläne, wie der
Verzicht auf ein Metropolitanoberhaupt und etwa auf das
Alternieren des Metropolitansitzes mit dem Wechsel seiner
Inhaber zur Erörterung stellten. Wenn auch zwischen
Baden und Württemberg in dieser Sache schon lange
ein Einvernehmen hergestellt worden war, in dem
Württemberg mit Rücksicht auf die größere Zahl katholischer
Einwohner in Baden auf den Vorrang verzichtete
, so verhielt sich doch Hessen-Darmstadt lange Zeit,
eigentlich bis zum Schlußtermin ablehnend und zögernd;
es war nicht bereit, ohne zwingenden Grund die alten
symbolischen Vorrechte von Mainz preiszugeben. Endlich
am 19. Januar 1821 ließ Großherzog Ludwig I.
(X.) durch seinen Gesandten erklären, daß er mit dem
Metropolitansitz Freiburg i. Br. einverstanden sei.

Miller (S. 121—152) erörtert die württembergische j
Bischofswahl vom Jahre 1822; er setzt dabei Bischofswahl
in Gänsefüßchen, denn es war keinerlei Wahl,
die irgendwelchen kanonischen oder kurialen Vorschriften
entsprach, sondern es handelte sich für die Landesregierung
um die autoritäre Einsetzung eines Landesbischofs
; die Regierung wollte sich durch eine Umfrage
bei den Spitzen der Landesgeistlichkeit lediglich über
deren Stimmung unterrichten. Die Geistlichkeit trat wider
Erwarten der Regierung fast geschlossen für den
Generalvikar J. v. Keller ein, der 28 Stimmen auf sich
vereinigte, während Wessenberg, den die Regierung gern
auf dem Rotten burger Stuhle gesehen hätte, nur fünf '

Stimmen erhielt. Aber Wessenberg wäre von der Kurie
ohne Zweifel überhaupt abgelehnt, und so blieb der Regierung
gerade nach dieser Umfrage nichts anderes
übrig, als Keller hinzunehmen, der sich dann später
etwas zur kirchlichen Richtung hinzuwenden suchte, dem
aber alle Führerqualitäten fehlten und der jeglicher
geistlicher Potenz ermangelte. Miller hatte zuvor Keller
kurz aber treffend charakterisiert in seinem Artikel K.
im „Lexikon für Theologie und Kirche", 2. Aufl., Bd.
5. 1933, Sp. 921 f. Mit diesem Beitrag Millers wird
das Bild aus der württembergischeu und deutschen Kirchengeschichte
, das A. Hagen: Der Mischehenstreit
in Württemberg 1837—1855 (1931) gegeben hatte, in
mancher Hinsicht wertvoll ergänzt (vgl. Theol. Lit. Ztg.
1932, Nr. 12, Sp. 279 ff.)
Berlin. Otto Lerche.

Bildungskräfte im Katholizismus der Welt seit dem Ende des

Krieges. Unter Mitwirk, von Fachkennern des In- u. Auslandes hrsg.

von Prof. Dr. Friedrich Schneider. Freiburg i. Br.: Herder & Co.

1936. (XXII, 403 S.) 8°. RM 6.80; geb. 8.20.

Sutherland, Halliday: Erleben und Bewahren. Berlin: Ernst

Rowohlt [1936]. (324 S.) 8°. RM 5—; geb. 6-.

Schneiders Buch hat einen außerordentlich anregenden
, aber auch sehr anspruchsvollen Titel. Man denkt
an alle die kulturellen Gewinne, die der politische Katholizismus
nach dem Ende des Weltkrieges in der ganzen
Welt eingeheimst hat. Insbesondere haben sich die
Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns, also Rumänien, Jugoslawien
und Tschechoslowakei, aber auch Polen, das Baltikum
und Skandinavien mit den oft nicht sehr bescheiden
auftretenden Forderungen des Nachkriegskatholizismus
auseinanderzusetzen gehabt. Die Form, in der man
sich mit den Forderungen auseinandersetzte, war das Konkordat
(vgl. etwa Theodor Grantrup: Die kirchliche
Rechtslage der deutschen Minderheiten katholischer Konfession
in Europa, 1928. — Theol. Lit. Ztg. 1932, Nr.
22, Sp. 526 f.). In diesen verschiedenen Konkordaten
wurde dem Bildungswillen des Katholizismus weithin
Raum gegeben.

In Schneiders Buch merkt man von diesen Zusammenhängen
nichts. Es handelt sich im Wesentlichen
um Fachpädagogik, um ihre theoretische Gestaltung und
praktische Auswirkung in katholischer Haltung' und
Schau. Aber auch in dieser Einschränkung gibt das
Buch keine Weltübersicht, wie sie der Titel ankündigt,
sondern nur Ausschnitte. Wie die oben genannten Länder
völlig fehlen, so fehlen auch Berichte über die
Lage des katholischen Bildungsanliegens etwa in Brasilien
, in den Niederlanden, in Belgien, in Mexiko, in Ca-
nada usw. Die Ausführnugen des Bonner Professors
Joseph Antz über die Bildungskraft des katholischen
Gedankens im Deutschland der Nachkriegszeit schließen
mit Worten, denen wir durchaus zustimmen: „Der
deutsche Katholizismus kann von der Schuld nicht freigesprochen
werden, daß er sich zur vollen Erkenntnis
seiner Verantwortung gegenüber den Nöten der Zeit —
dabei ist keineswegs nur an die Arbeiterfrage gedacht —
nicht aufgeschwungen hat. In der Trägheit des Her/cns
überhörten wir den Anruf der großen Stunde. Wie sehr
es daher erlaubt ist, einzelne Leistungen und auch wirkliche
Taten anzuerkennen und sich ihrer dankbar zU
freuen, so haben wir doch, aufs Ganze gesehen, die
Pflicht zur Besinnung, zum demütigen Eingeständnis unseres
Unvermögens. Nichts tut uns mehr not als der
Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und das Verlangen
nach Wahrheit, jene Seelen- und Geisteshaltung, der
der Herr die Sättigung verheißen hat." —

Etwa die Hälfte des Buches füllen fachpädagogische
Aufsätze, die überterritorial ausgerichtet sind; die territorialen
Aufsätze sind an Wert außerordentlich verschieden
. Einer unerhört schwachen Leistung von P-
H. Drinkwater über den Katholizismus als Bildungsmacht
in England (S. 98—108) steht etwa gegenüber der
recht lesenswerte und anregende Beitrag von Hermann
Platz über Frankreich (S. 116—148). Im Ganzen be-