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Ausgabe:

1937 Nr. 13

Spalte:

233-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cartellieri, Alexander

Titel/Untertitel:

Der Aufstieg des Papsttums im Rahmen der Weltgeschichte 1047-1095 1937

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 13.

234

gen Zusammenhang zu lockern scheint, als ein Abgleiten
in einen im Grunde unterchristlichen Moralismus
werten, von dem aus sich der Übergang zur Umwelt dann
leicht vollzieht?

Nicht ganz überzeugend sind für mich die bisher
Unternommenen Versuche, die Lasterkataloge der einzelnen
Gemeindebriefe aus der konkreten Situation der
jeweiligen Leser heraus verstehen zu wollen. Von anderem
abgesehen, vermisse ich bei derartiger Voraussetzung
einigermaßen im 1. Kor. die auf Spaltung und
Parteiung hinzielenden Begriffe, die Gal. 5,20 vorkommen
. Dafür hätte sich doch 1. Kor. 6,9f. Platz finden
müssen, falls der Apostel wirklich in diesem Augenblick
an die Sonderverhältnisse von Korinth dachte.
Ebensogut wie das Trinken und Schmähen sollte, so
meint man, auch das Zerreißen des Leibes Christi den
Eintritt ins Reich Gottes verwehren. Ein späterer Abschreiber
hat, offenbar aus ähnlichem Empfinden heraus
, wenigstens 3,3 die oixootaoiai hinzugefügt.

Dagegen hat es meinen vollen Beifall, wenn V. wenig
von dem Nachweis hält, daß es einen urchristlichen
Moralkatechismus gegeben hätte.

Aufs Ganze gesehen ist Vögtles Erstlingsschrift eine
sehr anerkennenswerte Leistung, die allein schon durch
die Stoffdarbietung und die Entfaltung der Probleme die
Forschung gefördert hat.
(Döttingen.__W. Bauer.

Cartellieri, Prof. Dr. Alex.: Der Aufstieg des Papsttums im
Rahmen der Weltgeschichte 1047—1095. München: R. Olden-
bourg 1936. (XLIII, 292 S.) 4°. RM 15—; geb. 16.50.

Das vorliegende Buch ist die Fortsetzung der beiden
Bücher des Verfassers: Weltgeschichte als Machtgeschichte
382—911, die Zeit der Reichsgründungen, 1927
und die Weltstellung des deutschen Reiches 911—1047,
1932. Unter den Gesichtspunkt der Machtgeschichte, der
politischen Geschichte, mit besonderer Rücksicht auf die
zwischenstaatlichen Beziehungen ist das Buch geschrieben
. Religion, Kunst und Literatur, Verfassung und
Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, treten hinter diesen
die Darstellung beherrschenden Gesichtspunkt zurück
. In 3 Büchern ist der Stoff gegliedert: Vor Gregor
VII, 1047—1073, Gregor VII, 1073—1085, nach Gregor
Vi I, 1085—1095. Der welthistorische Kampf zwischen
Kaisertum und Papsttum seit der Mitte des 11. Jahrhunderts
ist das Thema dieses Bandes. C. zeigt, wie der
Vorrang des Kaisertums verloren ging und das Papsttum
unter Gregor VII, den er mit Recht als den größten
aller Päpste bezeichnet, den Sieg im Bunde mit den
Unteritalienischen Normannen erringt. Fast wird der
Leser durch die Mitteilung unendlich vieler Einzelheiten
überschüttet, aber C gelingt es immer wieder, die großen
Linien in seiner Schilderung der geschichtlichen Vorgänge
hervortreten zu lassen. Dabei gründet sich seine
Darstellung auf eine erstaunliche Kenntnis der Quellen,
die er sehr vorsichtig benutzt und auf deren Lückenhaftigkeit
er immer wieder aufmerksam macht. Auch mit
der umfangreichen Literatur setzt er sich, oft ohne sie
ausdrücklich namhaft zu machen, stetig auseinander. Die
großen Persönlichkeiten vor allem die Gregor VII sind
lebensvoll und geschickt charakterisiert, was bei dem
Versagen der mittelalterlichen Quellen in dieser Hinsicht,
die vielfach nur indirekte Schlüsse ermöglichen, keine
•eichte Aufgabe war. Die Beurteilung z. B. von Canossa
u"d Forchheim halte ich für durchaus zutreffend, da er
sich von der einseitigen Würdigung dieser Ereignisse
durch die frühere Geschichtsschreibung ferngehalten hat.
Ein besonderer Vorzug des Buches von C. ist die Berücksichtigung
der außerdeutschen Geschichte im 11.
Jahrhundert: der Geschichte Ostroms, des Schismas zwischen
der römischen und griechischen Kirche, der. Eroberung
Englands durch den Normanneinherzog Wilhelm
, deS Vordringens der Seldschuken in Kleinasien,
£es Verlustes Jerusalems und derGeschichteder spanischen
•Halbinsel, auf der der Islam einen Rückgang und die
ehristlichen Reiche einen Aufstieg erlebten. Durch die

i gegenüber früheren Historikern stärkere Einbeziehung des
j Ostens in die Weltgeschichte fällt auch ein helleres
| Licht auf die Haltung von Kaisertum und Papsttum, und
I die ganze Kreuzzugsbewegung, deren geistiger Urheber
! der französische Papst Urban II. ist, wird in ihren ersten
I Anfängen verständlich. Auf Einzelheiten einzugehen, ist
im Zusammenhang dieser Anzeige nicht möglich. Nur
i an einem Punkte möchte ich mir ein Fragezeichen erlauben
. C. nimmt an, daß bereits Heinrich IV. einen
Kreuzzug geplant hat. Die Unterlagen für diese An-
| nähme erscheinen mir jedoch wenig gesichert, auch ist
mir ein solcher Plan bei der religiösen Haltung des Kai-
j sers nicht wahrscheinlich. Eine zusammenfassende Wür-
digung der Persönlichkeit Heinrich IV., dieses großen
Gegenspielers Gregors VII., die diesen Plan begründen
könnte, fehlt noch, sie ist wohl dem folgenden Bande
vorbehalten, dem wir mit großen Erwartungen entgegensehen
dürfen.

Münster i. W. G. Orützmacher.

Hesse, Ernst: John Miltons mystisch-theistisches Weltbild.

Mit einem Anhang: Miltons Gedanken über Jugenderziehung. (Leipziger
philos. Diss. 1934). Kommissionsverlag: Risse-Verlag, Dresden.
(64 S.) 8°.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine
Leipziger philosophische Dissertation von 1934. Sie stellt
das Miltonsche Weltbild dar, ohne es in größere historische
Zusammenhänge einzuordnen und unter der
Anwendung nicht gerade neuer Begriffe und Kategorien
im einzelnen. Unter dem Begriff der Mystik will der
Verf. die Gedanken erfassen, „In denen die Sehnsucht
des vereinzelten Individuums nach inniger Vereinigung
mit Gott Ausdruck gewinnt"; unter Theismus versteht
der Verf. „die feste Verwurzelung des Miltonsehen Weltbildes
in der Gottesvorstellung der christlichen Dogma-
tik". Diese Bestimmungen sind nun freilich so allgemein
gehalten, daß man damit wohl manches Weltbild
als mystisch-theistisch bezeichnen kann. So kennt der
Verfasser leider nicht den Begriff der „mystischen Theologie
" und seine Geschichte, der ihm das Verständnis
Miltons erleichtert und der auf den neuplaitonischen
Enschlag in Miltons Gedanken zu achten ihn gelehrt
hätte, stärker als das gelegentlich zum Ausdruck kommt.
Die Miltonsche Mystik ist neuplatonische Mystik; aber
sie wird, weil in bestimmte theologische Begriffe gekleidet
, mystische Theologie. Und was die „Verwurzelung
in der christlichen Dogmatik" anbetrifft, so gibt
es eine solche nicht, sondern nur eine bestimmte Interpretation
des Dogmas und in dieser hält sich Milton
auf der durch den calvinistischen Puritanismus bezeichneten
Linie. Die Verwendung alter Schablonen hat es
dem Verf. schwer gemacht, mehr zu bieten als eine Wiedergabe
nach den Gesichtspunkten, die für ihn unter
Mystik und Theismus fallen. Die Arbeit gliedert sich —
recht äußerlich — in drei Abschnitte: A. Gott und das
vorweltliche Sein; B. Die Welt: Inhalt und Verlauf der
sichtbaren Schöpfung. C. Das Ende des Weltlaufs.
Die Arbeit bietet so, unbeschwert durch das Bemühen,
um die Aufhellung historischer Zusammenhänge und
sachlicher Beurteilung, eine Darstellung Miltons, die Milton
selbst oft zu Worte kommen läßt.

Kiel. Peter Mein hold.

Hoefs, Albert: Philipp Bickel. Ein Führer der zweiten baptistischen
Generation in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte der
deutschen Baptisten. Kassel: J. G. Oncken Nachf. 1936. (145 s
4 Abb.-Taf.) 8°. rm 3 j'

Seit ihrem fünften Weltkongreß in Berlin (4.—10. August 1934)
hat sich das Ansehn der Baptisten in der deutschen Öffentlichkeit unzweifelhaft
vermehrt. Dazu kommt, daß die Auseinandersetzungen innerhalb
der deutschen evangelischen Kirche die Anziehungskraft der Freikirchen
zwangsläufig stärken müssen. Unter diesem Gesichtspunkte darf
auch das vorliegende Buch, das keine wissenschaftliche, sondern eine für
die Anhänger der Bewegung erbauliche, freilich sprunghafte und nicht
immer zuverlässige Darstellung des Lebens eines führenden Baptisten
ist, auf ernsthafte Beachtung Anspruch machen. Philipp Bickel, 1829
geboren und auf dem Benderschen Institut in Weinheim geschult, trat