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Ausgabe:

1937

Spalte:

228-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Orientalische Stimmen zum Erloesungsgedanken 1937

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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Theologische Ljteraturzeitung 1937 Nr. 13.

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sittlichen Zustände der späteren Karolingerzeit vervollständigen
. Die von Flade zusammengestellten Äußerungen
einer noch Lebendigen heidnischen Religiosität,
gegen die eingeschritten werden mußte, sind Oestirn-
dienst, Opfer- und Vogelschau, Toten- und Wetterbe-
schwörung, abgöttische Maskeraden, Hexenkünste, Amulett
- und Feuerzauber bei Krankheiten und werden auch
anderweitig bezeugt. Allein stehen die arioli, die mit
Wünschelruten Gold finden wollen, das Murmeln heidnischer
Segenssprüche beim Weben oder Kräutersam-
meln, Liebeszauber sowie der Bau von Laubhütten zur
privaten Götterverehrung.

Innerhalb der ureigenen Sitten unserer Vorfahren
erscheint der Brautraub dem Verfasser als der bezeichnendste
Ausdruck ihrer trotzigen Selbstherrlichkeit, und
er versteht ihn mit Weinhold als Verbindung von Friedens
Verletzung mit Notzucht. Nun begegnen uns zwar
in den Geschichten der Sturlungerzeit (W. Baetke) Überfälle
auf wehrlose Frauen genug, aber wie Neckel für
das verhängnisvolle Wort „Brautkauf" betont, ist damit
nicht ausgedrückt, daß ein Weib gegen seinen Willen
verheiratet werde. Wie die Helgi-Dichtung vermuten
läßt, ist die Freiheit der germanischen Mädchen größer
gewesen als vielfach angenommen wird. Das Konkubinat
wird offenbar im germanischen Urteil nicht als unsittlich
verdammt, und allein vier Stellen unserer Ordnung
stellen es noch als unabänderliche Tatsache in
Rechnung. Ohne gleichzeitige standesgemäße Ehe wird
ein Konkubinat als erträglich nachgelassen, eine Magd
aus dem Ehebett entfernen und eine Frau von freier
Abkunft heimführen, gilt nicht als Doppelehe, sondern
als Fortschritt in der Sittlichkeit. Nach Flade war ein
dringend nötiges Erziehungswerk die kirchliche Inzestgesetzgebung
, da Männer mitunter nicht nur die eigenen
Nichten, sondern auch Schwestern und Mütter zu Ehefrauen
machten. Das macht Flade durch die Parallelstellen
aus den Islandsagas deutlich; denn die alten
Isländer gelten als die klassischen Zeugen für das vorchristliche
Germanentum (Heusler). Die Belege aus Baetke
IV, 36, 135, Harbardslyoth 20 b wären übrigens
noch durch einen Hinweis auf Prokops Bericht über
die Heruter zu ergänzen, gleichfalls fehlt die Erwähnung
der Häufigkeit unehelicher Kinder auch von Frauen und
Töchtern vornehmer Familien, die auf einem abseits
gelegenen Hof von Mägden betreut werden (Baetke, Islands
Besiedlung 219, Niedner, Norwegische Königsgeschichten
I), soweit sie nicht ausgesetzt wurden. Reginos
Buch rechnet so unverhohlen mit Kindsmord (auch Abtreibung
!), daß die Kirchengesetzgebumg den angefochtenen
Müttern den üblen Ausweg der Aussetzung nahe
legt. Aber das Schicksal der Aussetzung traf nicht
bloß das uneheliche Kind, sondern Vater und Mutter
konnten überhaupt über Leben und Sterben der Abkömmlinge
entscheiden. Wie gegen den Kindsmord wendet sich
die kirchliche Abwehr gegen Verwandtentötung und sucht
eine gleichmäßige Beurteilung im Verhalten der beiden
Geschlechter durchzuführen, weshalb sie es ablehnte,
daß die Enttäuschung eines Mannes in Bezug auf die
Jungfräulichkeit seiner Frau ihn zum Eingehen einer
anderen Ehe berechtige. Freilich liegen die Vorschriften,
die dem positiven Aufbau der Sexualethik dienen sollen,
durchaus in gnostisch-asketischer Richtung, bedeuten das
andere Extrem: möglichste Verleugnung des Naturtriebes
. Flade konstatiert daher richtig: Ein Bemühen um
positive sexuelle Versittlichung mit negativen Mitteln.

Es ist hier nicht möglich, die Fülle der Gesichtspunkte
anzudeuten, die eine kirchliche Gegenwehr anregten
. Von besonderem Interesse wird noch der Hinweis
sein, daß Hinkmar sich für die Anwendung der
Gottesurteile einsetzt, um dem Mißbrauch des Eidschwu-
res vorzubeugen. Denn die Lüge ist in den Isländersagas
nicht kurzweg verpönt, der Eid wird durch Wortklauberei
oft gefälscht (Heusler). So ergibt das in mühsamer
Kleinarbeit gewonnene und sorgfältig durch Parallelen
untermauerte Bild einen wichtigen Beitrag zur

Kultur- und Sittengeschichte, der die Triersche Sendan-
! Weisung innerhalb der Zeit nicht als Entartungsanstoß,
i sondern vielmehr als Bollwerk gegen Entartungen be-
J zeugt. Daß die Kirche derartiges dringend braucht,
i liegt auf der Hand, die Arbeit ist im besten Sinne zeit-
[ gemäß und wird künftig unentbehrlich für die Zurückweisung
der üblichen Beschuldigungen sein, denen zumeist
eine gleiche wissenschaftliche Gediegenheit, die
Flades Arbeit auszeichnet, nicht nachgerühmt werden
I kann (Vergl. Reicharts Sammelbesprechung Zschr. f.
Deutschkunde 1936 S. 235).
Quakenbrück._H. Vorwahl.

Orientalische Stimmen zum Erlösungsgedanken. In Gemeinschaft
mit W. Foerster, A. Rücker, H. H. Schaeder, Fr. Schmidtke hrsg.
von Franz Taeschner. Leipzig: J. C. Hinrichs Verlag 1936. (V, 117 S.)
gr. 8°. = Morgenland. H. 28. RM 3.60.

Ein überaus wertvoller Beitrag zur Religionsgeschichte
, der uns hier in den auf Vorträgen von Orientalisten
an der Universität Münster beruhenden Beiträ-
j gen vorgelegt wird. Als Einleitung stellt der Herausgeber
Frz. Taeschner eine kurze Betrachtung über ,den
Erlösungsgedanken in der Religionsgeschichte' voran, um
hinzuweisen, in welch mannigfaltiger Form und in welch
reicher Skala von Schattierungen das Erlösungsbedürfnis
gerade im vorderen Orient zum Ausdruck kommt.
In seinem am erster Stelle stehenden Beitrag behandelt
Frdr. Schmidtke ,Gilgamesch's Streben nach Erlösung
vom Tode', wobei er zunächst mit Recht darauf
hinweist, daß im babylonischen ReligioTtskrels Erlösung
im materiellen Sinne als Befreiung von allerlei Unglück
zu verstehen sei. Dies uralte Epos will eigentlich nur
zeigen, daß das Streben nach ewigem Leben eitel und
nichtig ist, denn „auch Gilgamesch bleibt wie jeder gewöhnliche
Sterbliche dem Tod unterworfen". ,Die Erlösungshoffnung
des Spätjudentums' schildert W. Foerster
unter Bezugnahme auf die rabbimischc Literatur
und die Apokalyptik. Beide Richtungen berühren sich
vielfach und ihr Hauptstreben ist eschatologisdi zentriert
auf Erlösung von der Macht des Bösen im Menschen
und in der Welt. ,Aus dem mystischen Schrifttum
nestorianischer Mönche des 6.—8. Jahrhunderts'
bietet uns A. R ü c k e r lehrreiche Proben und Hinweise,
die zeigen, wie eng die spätere nestorianische Kirche bis
auf wenige Abweichungen mit der orthodox-griechischen
Lehre verbunden iblieb. Eingehend und aufschlußreich
analysiert Frz. Taeschner ,Die Erlösungssehnsucht
in der islamischen Mystik des Mittelalters' und zeigt)
I wie die anfänglich eschatologisch-enthusiastische Hochstimmung
, der der Begriff der „Rettung" (naga) ent-
I sprach, allmählich auch in die rein religiöse Sphäre hin-
I überglitt, den Passionsgedamken in sich aufnahm und
| eine eigene Mystik im sog. Sufismus ausbildete. Macht
| „sich doch bald, spätestens im 9. Jahrhundert, eine
I kühnere Geistesrichtung geltend, die gewiß nicht unbe-
J einflußt von der christlichen Mystik des orientalischen
' Mönchtums, dann aber auch von gnostischen Richtungen
mitbeeinflußt, eine völlige Loslösung von allem Irdischen
und ein völliges Aufgehen in Gott als letztes
I Ziel ihrer Frömmigkeit pflegte. Ja in Ibn al-'Arabi
j (ca. 1240 n. Chr.) erhielt die sich bildende islamische
Gnosis einen „systematischen Theoretiker, der unter Benutzung
einerseits der dem mittelalterlichen Orientalen
zur Verfügung stehenden antiken Philosophie, vornehmlich
der neuplatonischen, und unter sehr eigenwilliger,
z. T. allegorisierender Verwendung der islamischen Reil"
giousuuellen (Koran und Sünna) ein mystisch-theologi-
| sches System gnostischer Prägung geschaffen hat, das
! für die sufischen Kreise von da ab maßgebend geblieben
[ ist". Solche gnostischen Spekulationen waren auch die
Grundlage der auf altiranische Vorstellungen zuriickge-
I henden Lehre^ vom „Vollkommenen Menschen" (al-inu
sän al-kämil, uvöqootoc, r&lewc;),), die schließlich zur Heiligenverehrung
, der Verehrung des „vollkommenen Meisters
" führte. In der Konsequenz der gnostisch-islaiui-
schen Mystik lag letzten Endes auch der Gedanke (wohl