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1937 Nr. 12

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216

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gedenkbuch der Evangelischen Kirche in Polnisch-Oberschlesien 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 12.

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Drucke gebracht, unter Mitgäbe eines gut unterrichtenden ,1
„grundsätzlichen" Vorwortes.

Gedacht ist dieses dem „Osten" (Berlin-Branden- |
bürg, Mecklenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen,
Posen und Schlesien) behandelnde Werk als erster einer
Anzahl von Bänden, in denen der gesamte Kirchenbau
des Protestantismus zur Darstellung kommen soll. Gewiß
ein gutes und notwendiges Unternehmen. Wie vieles !
ist seit dem grundlegenden Werke der Vereinigung der j
Berliner Architekten, herausgegeben von K. E. O. Fritsch, j
1893, in unsern Gesichtskreis getreten: an Denkmälern j

— es sei nur an die immer noch nicht ausreichend :
bekannten Dorfkirchen erinnert — wie an liturgisch- I
kirchlichen, künstlerischen und geschichtlichen neuen hr- {
kenntnissen und Maßstäben! Wie große Fortschritte ha- |
ben die reproduktiven Künste gewonnen! Alles das soll j
jetzt zu einer neuen Anschauung gebracht werden, mit j
der besonderen Absicht, die geschichtlich-künstlerischen
Offenbarungen des für die Herausbildung des protestantischen
Kirchbaugedankens Charakteristischen für die
Gegenwart und Zukunft ebenso als die geschichtlichen
Grundlagen wie zur fortwährenden Auseinandersetzung
im lebendigen Neuschaffen vor Augen zu stellen. Alfred j
Wiesenhütter hat dieses Programm mit Vorlegung eines >
reichen, auch der jüngsten Gegenwart entnommenen
Stoffes (auch ländlicher Bauten), in übersichtlicher, das
Typisch-Sachliche und die historische Folge verbindein- I
der Anordnung mit sicherer Differenzierung der Besonderheiten
und scharfer Herausarbeitung des entwicke-
lungsgeschichtlich Wirkenden vortrefflich verwirklicht. Er
hat sehe viel aus der fast unübersehbaren Fülle selber
gesehen mit sicherem künstlerischen und geschichtlichem
Urteile, immer mit dem Blick auf das Wesentliche
und auf das noch heute Brauchbare und Unart- i
behrliche. Schon darum ist es durchaus zu verstehen,
daß nicht alles, was einmal gebaut ist, sondern nur das i
Charakteristische verzeichnet wird; zumal in dem, was zu |
der nicht selten geradezu überquellenden Ausstattung j
gehört, zieht er enge Grenzen, indem er nur die „Kapitalstücke
" d. h. die Ausmalung und die gottesdienstlichen
Geräte heraushebt.

Erfreulich ist auch, daß der dem Fortschritte bis in
die unmittelbare Gegenwart lebhaft aufgeschlossene Verf.
mit seinem kritischen Urteil nicht Halt macht vor man- j
chem der modernen Kirchbauten, in dem mehr Künstlichkeit
als Kunst und mehr menschlich-geräuschvolles
als stille Ewigkeitsahnung zum Ausdruck kommt. Hier
hätte wohl bei verschiedenen Beispielen ein noch schärferes
Wort sein Recht. Ich denke auch an die Mißhandlung
der Kanzel in manchem gerühmten Neubau. I
Nur einiges wenige sei außerdem noch kritisch herausgestellt
. Die Dominante der Grundrißgestaltung erscheint
mir im allgemeinen zu stark betont. Nicht j
allein der Grundriß schafft den geeigneten kirchlichen j
Raum: es wirken verschiedene Faktoren für die nötige j
Wirkung zusammen. Die bloße Zweckmäßigkeit im engen
und äußeren Sinne genügt durchaus nicht. Ich kann
deshalb auch der Beurteilung Schinkels („Die Tragödie
Schinkel" ist der Abschnitt überschrieben) durchaus |
nicht beistimmen. War wirklich „seine Epoche im Grunde
ihres Wesens religiös wie künstlerisch unschöpferisch?"
Ich vermag das ebensowenig zu unterschreiben wie das
Wort von „dem substanzlosen Christentum des Rationalismus
" und gestehe, daß — auch abgesehen von der j
im engern Sinne künstlerischen Raumgestaltung — für i
mich die religiös sammelnde und erhebende Wirkung
von Schinkels Schöpfungen erheblich stärker ist als die |
mancher nach streng protestantischem Bauplane errichteten
neuen Kirche. Ungern vermisse ich den Namen O. i
Holtfelds, der zahlreiche gute Bauten geschaffen und
auch literarisch gewirkt hat (nur ein Bau — Bentschen

— ist erwähnt, doch nicht unter seinem Namen). Unter j
den dinglichen Desiderien steht mir voran eine eingehendere
Würdigung des Turmes und die Anführung
von Glockengerüsten: wo finden sich solche, wann er- j

richtet, in welcher Forin? Wir brauchen sie wieder
an gar nicht wenigen Stellen.

Man kommt dem Buche gegenüber nicht leicht zu
kritischen Bemerkungen. Der warme persönliche Klang
der Schilderung und die Gediegenheit sorgfältiger Durcharbeitung
fesselt stark, und eine einzelne Beanstandung
wird immer wieder zurückgedrängt von dem überwältigenden
Reichtum, der sich hier im Kirchenbau des
Protestantismus vor uns auftut, von der Fülle des Schönen
und Charakteristischen, die hier aus der innigsten
Vereinigung von Kirche und Volk auf deutschem Boden
gewachsen ist, Bestes nicht selten zur Zeit schwerster
Bedrängnis, wie höchst anschaulich die schlesischen Gna-
denkirchen dartun. Schon dieser erste Band einer neu
bereicherten und vertieften Darstellung macht verstärkt
wiederum deutlich, daß die protestantische Kirchbaukunst
eine der größten Leistungen der christlichen Geisteskultur
ist.

Halle a. S. Johannes Ficker.

Schneider, Dr. Rudolf: Gedenkbuch der Evangelischen
Kirche in Polnisch-Oberschlesien. Posen: Lutlierverlag 1936.
(106 S.) 8°.

Die evangelische Kirche in Polnisch-Oberschlesien ist ein schwer
kämpfendes Diasporagebiet: von 1,1 Millionen Einwohnern sind nur
32 000 evangelisch. Diese Evangelischen sind immerhin überwiegend
deutsch; doch ist der polnische Einschlag andererseits so stark, daß sich
die Kirchenleitung, an deren Spitze seit 1904 der Kattowitzer Superintendent
D. Voß steht, entschlossen hat, ein besonderes Gesangbuch für
ihre polnischen Glieder herauszugeben (1931). Die der Kirche der altpreußischen
Union angeschlossenen Gemeinden des abgetrennten Oberschlesiens
haben sich immer wacker bemüht, mit den neuen Verhältnissen
friedlich fertig zu werden. Dem polnischen Protestantismus und namentlich
der protestantischen Überlieferung des Industriegebiets steht die
kleine Kirche mit bewußter Sympathie gegenüber. Aber die nackte Existenz
ist durchaus in Frage gestellt, so daß das „mergitur, sed non sub-
mergitur" der Diaspora kaum noch gilt. Die nüchterne Statistik, die
Schneider S. 54 etwa über die evangelischen Minderheitsschulen gibt,
spricht eine eindringlichere Sprache als die kulturpolitische Beredsamkeit
jeglichen modus vivendi. 60 Seiten des schmuck ausgestatteten
Büchleins sind der Zeitschrift „Kirche und Heimat" entnommen. Das
Buch, das in erster Linie den Freund und Helfer der Diaspora anregen
und zu treuer Fürsorge mahnen soll, unterrichtet im Übrigen trefflich
über ein politisches Schüttergebiet, das zugleich in besonderein Maße
kirchliches Notstandsgebiet ist.

Berlin. Otto Lerche.

Nederlandsch Archief voor Kerk(;eschiedenis. N.S.Deel XXVIII.
s'Gravenhague: M. Nijhoff 1935. (256 S.) Fl. 10—.

Nach einer Vorbemerkung über die Erweiterung des
Redaktionsstabes durch den Eintritt von M. van Rhijn
(Utrecht) und J. N. Bakhuizen van den Brink (Leiden)
eröffnet der dritte Mitherausgeber J. Lindeboom
den Jahrgang mit dem Aufsatz: Betrekkingen tusschen
Roomsch-Katholieken en Reinunstranten in den tijd der
Synode van Dordrecht. Es werden die Flugschriften
besprochen, die den Remonstranten Verbindung mit den
Katholiken vorwarfen; in Wirklichkeit gehen die Beziehungen
nicht über eine gewisse Sympathie (man hat
den Feind gemeinsam und verwirft gemeinsam die Prae-
destination) hinaus. — L. Knappert: E. A. J. Tam-
ling 1819—42 gibt an Hand von Briefen dieses Pfarrers
an'der niederländisch-reformierten Gemeinde zu St. Petersburg
an den Leidener Professor Suringar hochinteressante
und wertvolle Nachrichten über den Protestantismus
in Rußland unter Alexander I. und Nikolaus I.
Man plante ein Reichsgeneralkonsistorium mit einem
Bischof an der Spitze (Claus Harms sollte es werden
!), war überhaupt ganz von Preußen abhängig. Religiös
weht die Luft des Joh. Arnold Kanne, Gotthilf
Heinrich v. Schubert und der Frau v. Krüdener, dem
Reformierten schwer erträglich. — W. M. C. Regt:
Aanvullingen en verbeteringen op de naamlijst van predi-
canten in Zuid-Holland ergänzt die Series pastorum
1566ff. — P- J- Meertens: Godefridus Cornelisz
Udemans gibt Leben und Schriften eines Mannes (1581
bis 1649), der in die Anfänge des niederländischen
Pietismus hineingehört, ohne mystischen Einschlag, aber