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Ausgabe:

1937 Nr. 1

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kosnetter, Johann

Titel/Untertitel:

Die Taufe Jesu 1937

Rezensent:

Michel, Otto

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Seite 1, Seite 2

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211

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 12.

gen", die in 6 „Abteilungen" aufgebaut sind. Besondere
Beachtung verdient die 1. Abteilung („Grundlegende
Vorfragen"), die zur Literarkritik das Wort nimmt.
Auffallend war mir der Satz, der vielleicht für das
ganze Buch bezeichnend ist: „Wem immer die echten
Jesusurkunden Weg und Stern sind, der erkennt diese
größte Gestalt der Weltgeschichte sicher und leicht.
Umgekehrt wird sie dem zur Sphinx, der sie nach eigenem
Ermessen zu gestalten und willkürlich zu deuten
versucht" (S. 3). Hinter diesem Satz, der allerdings
näher bestimmt und gegen falsche Konsequenzen abgegrenzt
werden müßte, steckt eine biblische Wahrheit,
die nicht zu überhören ist. Dann geht die Untersuchung
Schritt für Schritt weiter, spricht von der Persönlichkeit
, der Tugendfülle, der Messianität und der Gottheit
Jesu und endet mit dem Zeugnis der Urkirche (6. Abteilung
). Für den protestantischen Forscher, der in
dem Sohnesverhältnis, in der Bezeugung Gottes durch
den Sohn und in der Fleischwerdung des Wortes Gottes
die entscheidenden Tatsachen der biblischen Chri-
stologie sieht, ist die Art verwunderlich, mit der unser
Verf. die wahre Menschheit Jesu behandelt. Dieser
Jesus ist harmonisch und allseitig; alle Gegensätze und
Dissonanzen lösen sich in einer höheren Harmonie auf
(S. 81); er ist irrtumslos und fürchtet nie fehlzugehen
(S. 108). Jesus ist darum „der Idealmensch voller
Tugenden" (S. 87—88). Demgegenüber müßten wir
uns mit 1. Kor. 15,45 und 49 zum „letzten" und „himmlischen
" Menschen bekennen, der eben darum nicht nur
ein „Idealmensch voller Tugenden" werden kann. Das
johanneische Zeugnis von der öK|f>eia wird im Sinne
der Irrtumslosigkeit (S. 108) und der Wahrheitsliebe (S.
129) gedeutet. Aber gerade die johanneische Botschaft
wird auch sonst — wie noch an einem anderen Beispiel
gezeigt werden soll — falsch verstanden. Wenn Felder
S. 381 schreibt: „Der Sohn eines geistigen Wesens,
einer reinen Intelligenz ist eben sein Erkennen, sein
Wissen, sein Gedanke, und indem dieser Gedanke Menschengestalt
annahm, wurde er zum ausgesprochenen
Gotteswort", so erhebt sich die Frage, ob wirklich diese
religionsphilosophische Überlegung als Auslegung der
johanneischen Logoslehre angesprochen werden darf.
Wie die literarische Frage, so ist auch die religionsgeschichtliche
Situation viel zu einfach gesehen; ganz
eigentümlich ist die Konstruktion, daß die philonische
Religionsphilosophie die Gebildeten und das Volk in
Ephesus verwirrt sowie den Abfall des Kerinth verursacht
habe (S. 374—375), daß darum Johannes seine
Gedanken antithetisch formulieren mußte. „Nachdem
Johannes den Logosnamen von allen Schlacken, welche
heidnische Philosophie, jüdische Theosophie und pseudochristliche
Spekulation darin zurückgelassen, gereinigt
hatte, goß er in das providentiell bereitgestellte
Gefäß den reinen und überaus erhabenen Offenbarungs-
inhah der echten Logoslehre" (S. 378). Das Wesen
der protestantischen Christologie ist nicht Skepsis und
Zersetzung, wie es einem katholischen Forscher vielleicht
erscheinen könnte, sondern ein besonderes Ernstnehmen
des johanneischen Zeugnisses, daß das Wort
Gottes Fleisch wurde, wobei die Worte Gott und Fleisch
einer viel tieferen und gefährlicheren Deutung bedürfen
als sie auch bei Felder haben können. Andererseits
hat auch die römisch-katholische Theologie von
den Irrwegen der sogenannten „Leben-Jesu-Forschunig"
nicht nur in negativem Sinn Kenntnis zu nehmen, sondern
muß auch selbst wieder methodisch und inhaltlich
die eigene Exegese prüfen. Es ist eine Tragik, daß wir
Menschen selbst dann, wenn wir für die Wahrheit der
heiligen Schrift eintreten wollen, doch auch in dem
Punkt Sünder bleiben, daß wir an unserem Teile dazu
beitragen, Gottes Wort an die Gedanken und Mächte
dieser Welt preiszugeben. Das sei dem ehrwürdigen
Verf. dieses Jesusbuches, der in seinem siebenzigsten
Alters- und im fünfzigsten Ordensjahr steht, angesichts
seines leidenschaftlichen Urteils über die Irrwege rationalistischer
Evangelien- und Jesuskritik in aller Demut
und Bescheidenheit gesagt, wie sie dem jüngeren
Bruder, der auf dem gleichen Wege ist, geziemen.
Halle a. S. Otto Michel.

Kosnetter, Joh.: Die Taufe Jesu. Exegetische und religions-
geschichtliche Studien. Wien: 1936. (XXVII, 316 S.) gr. 8°. = Theol.
Studien der Österreichischen Leo-Oesellschaft, Heft 35.
Auch der protestantische Forscher wird in dieser
! dem Kardinal Inuitzer gewidmeten Untersuchung eine
sehr fleißige und sorgfältige Arbeit sehen und als
solche auch anerkennen dürfen. Der Verf. betont die
alttestamentliche Grundlage der Johannestaufe (Jes. 1,
16; 4,4; Ez. 36,25; 47,1; Sach. 13,1) und lehnt eine
Beeinflussung durch gnostische und essenische Anschauungen
ab; dagegen scheint ihm eine gewisse Verwandt-
j schaff mit der Proselytentaufe festzustehen („. . . so-
I daß man mit Recht angenommen hat, der Vorläufer
I habe sich wenigstens hinsichtlich der äußeren Form
seiner Taufe an den jüdischen Ritus angelehnt" S. 68
bis 69). In der literarkritischen Analyse geht K. von
dem Grundsatz aus: „Für die Kirche sind alle vier
Evangelien gleichwertige Geschichtsquellen" (S. 70). „Etwaige
Widersprüche sind, wie schon Origenes bemerkt,
nur scheinbar und meist auf die manchmal sehr kurze
und knappe Berichterstattung der Evangelisten zurückzuführen
, da nicht jeder von ihnen alles bringen kann
und will" (S. 70). Nach diesen „kirchlichen" Grundsätzen
ist also Joh. 1,31 (x<iyd> ovx jj&eiv avrov) mit
Mth. 3,14 (6 &i biexo>X,i)8v aurov) durchaus vereinbar; der
Täufer kannte den Heiland persönlich nicht, wußte aber
von ihm oder erfährt jetzt von seiner messianischen
Würde (S. 97—100). Es ist sehr schade, daß die
theologische Frage: „Warum läßt sich Jesus taufen?" (S.
101—116) nicht tief genug in das Wort „jctoujaioat nötfocv
öiy.aiooüvr|v" Mth. 3, 15) eindringt (dieser Vorwurf gilt
übrigens auch den modernen protestantischen Kommentatoren
: warum macht man sich nicht den Sachgehalt
des Wortes j&T)ooirv in der evangelischen Überlieferung
deutlich?). Bei der theologischen Behandlung der „Wunder
bei der Taufe Jesu" wird dankenswerterweise das
Taubenmotiv mit der Sintfluterzählung (Gen. 8,11) in
! Verbindung gebracht; jedenfalls hat diese alte kirch-
! liehe Interpretation (Sinnbild der Errettung) ebensoviel
Recht wie irgendeine willkürliche religionsgeschichtliche
Kombination. Verf. stellt fest: „Man wird
daher unter der Taube bei der Jordantaufe nicht eine
I wirkliche, lebendige Taube zu verstehen haben, sondern
' eine sichtbare, aber auf übernatürliche Weise hervorge-
j brachte Taubengestalt, die während der Himmelsstimme
I über Jesu Haupt schwebte, dann aber verschwand" (S.
i 134). Bei der Frage nach dem Wortlaut der Himmels-
! stimme kommt K. zu dem Ergebnis: „Die indirekte
Form der Himmelsstimme bei Mth. 3, 17 ist eine spätere
I durch Mth. 17,5 u. Par. beeinflußte Angleichung des
ursprünglichen Wortlautes an die Verklärungsstimme"
I (S. 149). Leider finde ich hier die Frage, was der Tauf-
j bericht theologisch für die biblische Geistanschauung
I bedeutet, kaum gestreift (vielleicht erspart sich in Zu-
i kunft die Forschung diese notwendigen Frage nicht).

Mth. 3,17: 6vwsdv<wCT|T6s ist für K. =» filius unicus (nicht
I = exlslf.yyL&voq Lk. 9,35); st'xW.i-iv tv ttvt — „Wohlgefallen
haben an" (nicht = erwählen). Ob nicht doch ver-
j kannt wird, daß für die Bibel in beiden Fällen das Wil-
i lensmoment entscheidend ist? (Gottes Liebe und Wohl-
I gefallen ist seine Erwählung). Die besondere Offen-
: barung Mth. 3, 16—17 wird von dem mißverständlichen
Begriff der „Vision" S. 198 mit Recht abgegrenzt;
| nach K. ist sie ein objektiv wahrnehmbarer Vorgang,
j der allerdings nur den Täufer zu Zeugen hat (S. 210).
j Die Johanuestradition der Mandäer ist nach unserem
Verf. nicht ursprünglich, sondern erst später vom Chri-
! stentum übernommen (S. 277); der Taufbericht der
I Evangelien gehört nach ihm zum ältesten Bestandteil der
I synoptischen Überlieferung (S. 292). Wir können in