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Ausgabe:

1937 Nr. 11

Spalte:

205-206

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haeuptner, Gerhard

Titel/Untertitel:

Die Geschichtsansicht des jungen Nietzsche 1937

Rezensent:

Zeltner, Hermann

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205

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 11.

206

und Grenze der in der Gläubigkeit angezeigten Richtung
auf das Unendliche". Anscheinend will der Verfasser
damit den Mittelweg zwischen Schwarmgeisterei und
Säkularismus gehen. Er rührt damit an eine Frage,
die heute sehr brennend ist, ich bezweifle, daß hier ein
gangbarer Weg gezeigt ist. Das Problem der „Grenze"
scheint mir in seiner ganzen Schwere noch nicht restlos
ernst genommen, deshalb bleibt der Verfasser „diesseits
" stehen.

Lanz (Westprignitz). Kurt Kessel er.

Haeuptner, Gerhard: Die Geschichtsansicht des jungen
Nietzsche. Versuch einer immanenten Kritik der zweiten unzeitgemäßen
Betrachtung: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
Leben". Stuttgart: W. Kohlhammer 1936. (VII, 242 S.) gr. 8°. =
Geisteswiss. Forschungen, hrsg. von W. Mitscherlich, H. 9. RM 12-.
Häuptner beabsichtigt, „im Zusammenhang mit dem
von der geschichtlichen Philosophie des Lebens ausgehenden
logischen Bemühen, gegenüber der Nietzsche-
schen Verfemung der Wissenschaft, wie sie heute am
stärksten in der Existenzialphilosophie ihre Kreise zieht,
Kraft und Berechtigung methodischer Wissenschaft zur
Geltung zu bringen" (Vorwort). Er sucht in dieser Absicht
durch „immanente Interpretation" die Ambivalenz
im Geschichtsbegriff der 2. Unzeitgemäßen Betrachtung
nachzuweisen und aus einer inneren Uneinheitlichkeit
des N.'sehen Denkens zu verstehen. In einem Vorgehen,
das an die extremsten Fälle philologischer Quellenscheidung
erinnert, glaubt er in derselben Schrift die
Spuren von zwei einander völlig heterogenen Denkansätzen
nachweisen zu können, nicht ohne schließlich wenigstens
eine Ahnung von der tieferen Einheit der Neschen
Konzeption zu verraten (vgl. (219) ff.).

H. unterscheidet in der 2. U. B. eine pantheistische und eine dualistische
Anschauung von Welt und Leben. Mit der pantheistischen Konzeption
setzt N. ein: alles, was aus der Natur entspringt und aus dem
Instinkt kommt, ist echt und ist als solches gut. Denn die Natur ist
selbst gut. In dem Leben aus der Natur heraus liegt das dem Menschen
mögliche Glück. Daraus folgt eine abwertende Haltung gegenüber
dem historischen Bewußtsein: es bedarf sogar einer besonderen,
der plastischen Kraft, um die Schäden und Gefahren der Erinnerung zu
überwinden. Aber diese assimilierende Kraft erlaubt doch wenigstens,
die Erinnerung als produktiven Faktor in das pantheistisch gesehene
Dasein hereinzunehmen. Hier entspringt N.'s dreifach gegliederter Begriff
der Historie. Recht unvermittelt aber setzt schon im ersten Abschnitt
der 2. U. B. die Entfaltung der dualistischen Anschauung ein:
■wenn N. die große Tat aus der Leidenschaft entspringen läßt, so versteht
er die Natur als das unbewußt und unkontrollierbar Wirkende, als
dämonische, ethisch-indifferente Macht. Von da ist es aber nur ein
Schritt zu der Absage an die Natur und damit zur Erhebung über die
Geschichte als das Reich der blinden Leidenschaft und des Wahnes.
Die Besinnung, aus dem naturalistisch verstandenen geschichtlichen Leben
ausgestoßen, erhält nun antithetisch als Weisheit des überhistorischen
Menschen eine Rolle im Dasein zugewiesen. Und so wird nun alles
Werthafte und Geistig-Sittliche in eine übergeschichtliche Sphäre versetzt
. Nicht mehr der geschichtlich Mächtige gilt als der Mensch der
echten Größe, sondern der große Einzelne, der Genius im Gegensatz
zur Masse; und weil das wahrhaft Wertvolle sein Wesen jenseits der
Geschichte hat, so kann die Geschichte das Werk des .Genius nicht in
seiner echten Gestalt bewahren. Ebensowenig aber ist es der Geschichtswissenschaft
gegeben, das wahrhaft Große adäquat zu erfassen ; sie bedeutet
vielmehr immer nur seine Relativierung. Demgenüber proklamiert
nun N. die künstlerische Historie, die sich an dem schöpferischen
Werk des Genius beteiligt und diesen in dem heilsamen Wahn bestärkt,
m't dem er an die Macht des Vollkommenen und Rechten glaubt.

H. sucht nun im einzelnen nachzuweisen, wie die Verquickung
dieser beiden Konzeptionen in den tragenden Begriffen (wie „Historie",
»Wissenschaft", „Leben", „Glauben") zu Aequivokationen führt, die die
scheinbare Konsequenz des N.schen Denkens begründen. Aus ihrer Auflösung
ergibt sich eine notwendige Korrektur, durch die jedoch die in
dem Ganzen fortwirkende wahre Kraft nicht gemindert sondern freigebet
werden soll, wie H. (7) hofft.

Im einzelnen hat diese Analyse viel Richtiges gelben
. Auch als Ganzes hat sie zunächst etwas Bestechendes
, das lediglich durch den schulmeisterlichen
' on beeinträchtigt wird, mit dem H. Zensuren erteilt,
nach denen N.'s einzelne Thesen als halbe Wahrheiten,
als schief, gelegentlich auch als offenkundig falsch zu
gelten haben. Das wirkt besonders fatal, wenn es ohne
e'gene Begründung lediglich unter Berufung auf fremde

(Diltheysche) Anschauungen geschieht. Wer so urteilt,
scheint 9ich im Niveau der philosophischen Auseinandersetzung
vergriffen zu haben. Das gilt auch gegenüber
dem Versuch der Quellenscheidung, die jedenfalls in dieser
Direktheit unglaubwürdig wirkt. H. hat N.'s Aussagen
aus seinem Ansatz heraus gewissermaßen ü b e r-
belichtet, er glaubt Tendenzen hinter ihnen vermuten
zu dürfen, die ihnen wesentlich fremd sind. Das ist
aber vor allem eine Folge der Anlehnung an die Typenlehre
Diltheys. So hat H. etwa das Telos des Eingangskapitels
der 2. U.B. durchaus mißverstanden: auch
hier ist für N. das menschliche Dasein „im Grunde",
wie N. selbst sagt, „ein nie zu vollendendes Imperfektum
", „ein Ding, das davon lebt, sich selbst zu verneinen
und zu verzehren, sich selbst zu widersprechen". Die
oben referierte pantheistische Auskunft liegt N. also
von Anfang an völlig fern.

Dieses Beispiel zeigt, wie sich H., indem er sich
von Diltheyschen Konzeptionen abhängig macht, das Verständnis
für die spezifische Tiefe von N.'s Geschichtsbewußtsein
verbaut hat. Er sieht nicht, daß dieses Geschichtsbewußtsein
wesentlich zugleich ein Bewußtsein
der Krise als geschichtlicher Situation ist, und er übersieht
damit zugleich die besondere Form und die besondere
immanente Logik dieses „Krisendenkens". Die Untersuchung
H.'s wird so bei aller Scharfsinnigkeit und
entgegen ihrer ursprünglichen Absicht zu einem Prüfstein
der Diltheyschen Philosophie, indem sie die Unzulänglichkeit
der Diltheyschen Kategorien für das Verständnis
N.'s und seines Geschichtsbegriffs dokumentiert.
Göttingen. Hermann Zeltner.

Menschen, die zur Kirche kamen. Selbstdarstellungen moderner
Gottsucher aus 21 Nationen, herausgeg. von P.Severin Lamping
O. F.M. (7.—9. Taus.) München: Jos. Kösel & Friedr. Pustet 1935.
(349 S.) 8°. geb. RM 5.80.

Eine fesselnde und bestechende Zusammenstellung.
41 Persönlichkeiten aus aller Welt berichten über ihre
Bekehrung zur katholischen Kirche. Ein ähnliches Werk
auf protestantischer Seite — obwohl auch viele wichtige
umgekehrte „Konversionen" erfolgen — gibt es
nicht und wird es auch wohl nicht geben, da uns grundsätzliche
Bedenken von solchen Zusammenstellungen abhalten
. Der Herausgeber behauptet, daß überall eine
rückläufige Bewegung zur katholischen Kirche eingesetzt
habe, vor allem unter den Gebildeten, und bezweckt
mit dem Werk ausdrücklich auch die Einwirkung auf
die noch Getrennten.

Die Verwerfung der Lehren anderer enthalten aber kein Verdammungsurteil
Andersgläubiger. Das bekannte Wort des hl. Cyprian:

„Extra ecclesiam nulla salus" — bedeutet nicht, daß nach katholischer
Glaubenslehre alle Außenstehenden verloren gehen. Es besagt
nur, daß der fortlebende Christus, die heilige katholische Kirche, in
ihrem Wahrheitsgehalt und ihren Gnadenmitteln der gottgewollte Weg
zum ewigen Heil ist. Ein Nichtkatholik, der die Kirche nicht kennt
und im guten Glauben seine religiösen Pflichten erfüllt, gehört, wenn
auch nicht äußerlich, so doch innerlich zur wahren Kirche, ja er nimmt
sogar in bestimmtem Maße an ihrem Gnadenreichtum teil, durch den
er selig werden kann. Es gibt viele Andersgläubige, die in den Augen
Gottes höher dastehen als manche Katholiken. Die Kirche empfängt
Andersgläubige darum auch nicht als reumütige Sünder, sondern als
verirrte Kinder, die den Weg ins Mutterhaus zurückfanden" (S. 21).

Übereinstimmend wird die Konversion als Gnade
erlebt und als Beweis für die Güte Gottes gewertet.
Betont wird vielfach, daß die Kirche nicht Seelen fange,
sondern die Leute zu sich herankommen lasse und vorsichtig
und langsam mit ihnen verfahre.

Über den Protestantismus wird etwa gesagt:
Er hat nicht das ganze Evangelium, er kennt Jesus nur
als Idealmenschen, er ist unlogisch, er hat keinen Kul-
I tus, es fehlt ihm Opfersinn und Abtötung. Im einzelnen
j werden übertriebene Behauptungen aufgestellt, wie daß
j die allermeisten Schweden religiös indifferent 'seien und
j daß nur der Nationaldünkel die Engländer von der
katholischen Kirche fernhalte. Am häufigsten wird na-
I türlich die Zerspaltung der Nichtkatholiken in so viele
! Gruppen, Parteien und subjektive Lehrineinungen betont
und die Einheitlichkeit und objektive Wahrheit der