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Ausgabe:

1937

Spalte:

203-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lammers, Heinrich

Titel/Untertitel:

Luthers Anschauung vom Willen 1937

Rezensent:

Reffke, Ernst

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203

Theologische Literaturzeitung: 1937 Nr. 11.

204

usw. aus sehr verschiedenen Zeitabschnitten in wörtlicher
Anlehnung an die Quellen sehr erbaulich berichtet.

Wertvoll ist besonders der Abschnitt über die Augsburger
Prediger in den Kämpfen der Reformation, in
denen der Prior Johs Faber im Kampfe gegen Luther
auf Seiten Erasmus' stand; S. kann sich hier weithin
auf die Forschungen von Nikolaus Paulus stützen. Bemerkenswert
ist, daß noch kurz vor der Reformation
die Augsburger Bürgerschaft sich überaus rührig und mit
großen Mitteln am Neubau der Predigerkirche St. Mag-
dalenen beteiligt hat (1513/15), daß sie aber knapp zwei
Jahrzehnte drauf überaus feindlich gegen das Kloster
der Dominikaner eingestellt war. Es wäre erfreulich gewesen
, wenn diese Tatsache entsprechend gewürdigt und
zu erklären gesucht wäre. —

Im Übrigen gibt das Buch in seiner eintönig erbaulichen
, hier und da eifernden, aber sauberen und zuverlässigen
Darstellung eine große Anzahl kirchengeschichtlich
bemerkenswerter Einzelheiten, die es wertvoll und
verdienstlich machen.

Berlin. _Otto Lerche.

Lammers.Lic. Heinrich: Luthers Anschauung vom Willen. Ein

Beitrag zu seiner Anthropologie. Berlin: Junker & Dünnhaupt 1935.

(84 S.) gr. 8°. = Neue Deutsche Forschungen. Abt.: Religions- u.

Kirchengesch., hrsg. v. Ernst Benz u. Erich Seeberg, Bd. 1.
Luthers Anschauung vom Willen ist — wie es seit
seiner Auseinandersetzung mit Erasmus offenbar und
von ihm selber in seiner Beurteilung von De servo ar-
bitrio immer wieder hervorgehoben worden ist — von
entscheidender Bedeutung für das Verständnis seiner
Religion. Doch nur selten ist das genügend beachtet
worden, und auf das Ganze gesehen ist Luthers Anschauung
vom Willen ähnlich der Gottesanschauung
seiner'Abendmahlsschriften eigentlich ein Fremdkörper
in dem modernen Lutherbild geblieben; ja durch die kantische
Stilisierung der Ethik Luthers, die die voluntaristischen
Elemente im Denken Luthers sterilisieren
mußte, bei Holl und seinen Epigonen ist dieser Übelstand
verschärft worden.

Demgegenüber versucht die vorliegende — aus der
Schule Erich Seebergs stammende — Arbeit, eine
Darstellung der Religion Luthers im Licht des Willensphänomens
zu geben. An Hand der frühen Vorlesungen
bis hin zu De servo arbitrio gelingt es dem Vf.,
die grundlegende Bedeutung des Willens für die Ge-
isamtauffassung der Religion Luthers entscheidend herauszustellen
und so den Unterschied der Ethik Luthers
von der vorwiegend rationalistisch bestimmten des Katholizismus
als einen in der Tiefe eines anderen Lebensgefühls
verwurzelten herauszuheben.

Dabei erscheint nicht eine rigoristische Verschärfung
der mittelalterlichen Ethik als die Leistung Luthers,
sondern die Auflösung der heterogenen Elemente der
mittelalterlichen — auf dem Ausgleich der christlich
voluntaristischen und der antik aristotelisch rationalistischen
Gestaltung der Sittlichkeit beruhenden — Ethik
auf Grund einer die Urtenidenzen des Christentums wieder
aufdeckenden voluntaristischen Gesamtweltanschauung
überhaupt. Die Erkenntnis der beherrschenden
Macht des Willens im Leben und die sich daraus ergebende
religiöse und metaphysische Unfreiheit des Willens
eröffnet den Blick auf ein von Gott bis zu den Menschen
reichendes durch den Willen bewegtes Kräftq-
feld, das die Zentren der Personen in eine lebendige
Beziehung zueinander setzt. Von hier aus erhält auch der
transzendentalistische Zug der Theologie Luthers eine
neue Beleuchtung: zusammen mit dem voluntaristischen
Element ergibt sich der für Luthers Religion und Theologie
so bezeichnende Charakter einer dynamistischen Auflösung
des alten statischen Systems in einen Zusammenhang
auf einander bezogener und auf einander wirkender
Willenskräfte hinein. Vf. führt dann unter häufigem Hinweis
auf die neuplatonischen und mystischen Motive
für die Ausprägung der Anschauung Luthers seine Konzeption
des Voluntarismus an einer Reihe von Problemen

der Religion Luthers durch und weist dabei die genuine
Reproduktion urchristlicher Motive auf dem Boden einer
realistischen Anthropologie, die erst so zu der wirklichen
Erlösung des gebundenen Willens führen können,
überzeugend nach. Es wäre dabei sicher fruchtbar gewesen
, der Frage nach der Art und Ursache der Wandlung
des Willens in der Rechtfertigung in inhaltlicher

! Hinsicht weiter nachzugehen, denn hier eröffnen sich
die Ausblicke auf die Eigenart des durch die Geschichte
vermittelten Handeln Gottes bei Luther, die auch für
seine Anschauung vom Willen von größter Bedeutung
sein dürfte. — Mit der Heraushebung des gemeinsamen

I rationalistischen Kerns in der Willenslehre des Thomas
und Duns Sootus scheint der Vf. auch dort das Richtige
getroffen zu haben.

Mag die Arbeit auch etwas leiden unter dem Mißverhältnis
zwischen der Fülle der Gesichtspunkte und gewinnreichen
Durchblicke und dem Mangel einer festeren
Gliederung, so zeichnet sie sich dafür neben der Aufdeckung
eines für die Lutherdeutung höchst wichtigen
Grundzuges der Religion Luthers aus durch eine weit
von der puritanischen Haltung der modernen Theologie
abliegende, angenehm berührende Neigung, Gedanken
und Aussprüche Goethes, Schoppenhauers und Nietzsches
zur Illustration lutherischer Gedanken heranzuziehen
, die dem Buch auch nach außen hin den reizvollen
Charakter einer individuellen Leistung verleiht.

Hohen Neuendorf bei Berlin. Ernst Reffke.

Dletsch, Walter: Das Problem des Glaubens in der Philosophie
des deutschen Idealismus. Ein Beitrag zu einer Religionsphilosophie
. Heidelberg: Carl Winters Univ. Buchh. 1Q35. (134 S.)
8°. RM 6-.

Wenn es mir im Folgenden nicht gelingen sollte, dem
Anliegen des Verfassers gerecht zu werden, so dürfte
das wohl an der ganzen Darstellungsart und Sprechweise
des Buches liegen, die wenig klar und durchgeformt
(seitenlang läuft der Text ohne Abschnitt, z. B.
S. 88—95) und alles andere als begrifflich scharf, wohl
aber gesucht kompliziert sind, wofür sich auf fast jeder
Seite Belege finden. Eine wohl an Heidegger orientierte
philosophische Terminologie wird ziemlich äußerlich und
wenig durchsichtig benutzt. Ich zitiere als Beleg einen
Satz von S. 109: „Die Verborgenheit der Wahrheit in
der Vorwegnahme verbürgt sowohl den Wahrheitsgehalt
des Systems, wie die Versöhntheit des vom Glauben
Betroffenen durch die Vorwegnahme, also innerhalb der
Gemeinschaft der Gläubigen der absoluten Religion".
Auch der gelehrte Verfasser und gerade er hat auch gegenüber
der Sprache Pflichten, die er nicht ungestraft
verletzen darf.

Dargestellt wird die Religionsphilosophie von Kant
bis Hegel unter der Fragestellung nach der Koinzidenz
von Transzendenz und Immanenz oder — 'ganz theologisch
geredet — nach dem Verhältnis von Natur und
Gnade. Der Verfasser sieht richtig — und das ist ein
Verdienst der Schrift — daß man die Idealismen von
Kant bis Hegel nicht zu dem Idealismus vereinheitlichen
darf, und daß man bei ihrer Würdigung viel mehr den
zeitlichen Abstand berücksichtigen muß, der uns von
ihnen trennt. Beides hat die übliche Idealismuskritik
nicht getan und sich dadurch die „Widerlegung" zu
leicht gemacht.

Der eigene Standpunkt des Verfassers, den man als
kritischen Idealismus bezeichnen könnte, wird nicht recht
klar. Er weiß, daß es unmöglich ist, die großen Idealisten
in unserer heutigen Situation zu wiederholen, aber
er will doch ihr letztes Anliegen in die heutige Lage hineinnehmen
. „Ihre Weltverbundenheit und darin ihre
Bewahrung des Glaubens gegenüber der Koinzidenz wie
der Transzendenz, in seiner Formulierung als Zukunft
der menschlichen Gemeinschaft muß bewahrt werden",
j Die geschichtliche Forschung hat die mannigfaltigen
„Gläubigkeiten" darzustellen, die systematische Arbeit
in Philosophie und Theologie nach ihrem Wahrheitsge-
i halt zu fragen, „nach der Bedeutung, nach Ordnung