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Ausgabe:

1937 Nr. 10

Spalte:

188-189

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thielicke, Helmut

Titel/Untertitel:

Vernunft und Offenbarung 1937

Rezensent:

Heinze, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 10.

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Brasilien zuteil werden ließen, konnte die richtige Hilfe
doch erst durch die Kirche kommen. Was die Evangelische
Gesellschaft für die protestantischen Deutschen
in Südamerika (= Barmer Gesellschaft, Langenberger
Verein) seit 1837, zunächst noch in enger Verbindung
mit der Rheinischen Missionsgesellschaft geleistet hat,
was an Mitteln und Kräften vom Gustav Adolf-Verein
und vom Lutherischen Gotteskasten (Lutherisches Hilfswerk
der verbündeten Gotteskasten-Vereine, Martin
Luther-Bund) in den letzten Jahrzehnten nach Brasilien
ging, das alles wäre verloren und vertan gewesen,
wenn nicht der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin
mit allergrößesten Mitteln, mit ausgleichender, ordnender
, behutsamer und fester Hand immer wieder geholfen
und die schier Versinkenden gerettet hätte. Gerade
der Lutheraner, der der „Kirche" der Union mit aller
nur denkbaren Skepsis gegenüberstand, wird dem Ev.
Oberkirchenrat in Berlin in Anbetracht dieser Leistung
und dieses wahrhaft kirchlichen Handelns den unbedingt
kirchlichen Charakter nicht absprechen. Da, wo
kirchlich gehandelt und aus kirchlicher Haltung heraus
der Wortverkündigung die Wege geebnet werden, da ist
Kirche. Und dort, wo man die Not der abgesprengten
Brüder erkennt und sich zur Hilfe angesprochen fühlt,
da ist Kirche. Das ist auch heute in mehrfacher Hinsicht
bedeutsam. Und es ist ferner von Bedeutung, daß
diese ganze Arbeit geschah, als es noch keinen VDA.,
noch keine Auslandsorganisationen und dergl. gab; als
die katholische Kirche Deutschlands noch nicht daran
dachte, sich auf dem Gebiete der Volkstumsarbeit zu
betätigen.

Der andere Gesichtspunkt ist noch mehr konfessionell
, also noch mehr betont kirchlicher Art: Wilhelm
Rotermund stammte aus der lutherischen Landeskirche
Hannovers; die Universität Göttingen war damals schon
im Wesentlichen lutherisch, und Rotermund hatte außer
in Göttingen auch im Erlangen studiert, wo ihn Komrad
v. Hofmann stark beeinflußt hatte. Rotermund hatte
schwere Lernjahre im Baltischen Luthertum verbracht,
er war als Lutheraner so zuverlässig und so geschult,
wie überhaupt nur jemand sein mag; aber er stellte
seine kirchlich-theologischen Wünsche, Bindungen und
Ideale zurück. Im Dienste einer großen Sache standen
für ihn das Evangelische und das Deutsche im Vordergrunde
; als Pfarrer und als Lehrer, als pastor pastorum
und als Lehrerbildner, als Verleger und als Zeitungsschreiber
, als Schulbuchverfasser und als Volkserzieher
war er deutsch-evangelisch — diese kirchlich sonst nicht
tragbare Formulierung bewußt und betont gebraucht!
Fausel zeigt das an vielen Stellen von Rotermunds
bewegtem Leben und in seinen oft schweren Entscheidungen
, am deutlichsten an seinem christlichen Katechismus
für die deutschen Schulen Brasiliens (Fausel S.
44 f.). Fausels Buch gibt nicht nur eine eingehende
Entwicklungsgeschichte Rotermunds, sondern auch einen
guten Einblick in das Land und die Verhältnisse, in die
Rotermund 1874 eintrat. Gegenstände wie Pseudopfar-
rer, Mischehe, Materialismus, Brummer, Mucker, Missouri
, Liberalismus, Freimaurerei, Jesuitismuis usw. im
brasilianischem Räume werden ausreichend erklärt; das
an oft schier unerträglichen Spannungen reiche und
doch fruchtbare, bedeutsame Verhältnis Rotermunds zu
Koseritz wird mit eindringendem Verständnis geschildert
. Im Vordergrunde aber steht Rotermunds Arbeit
für die Rio Grandenser Synode, für die evangelische
Kirche in Brasilien überhaupt, sein Zusammenwirken
mit Männern wie D. Fabri in Barmen, mit seinem
Amtsvorgänger Dr. Borchard, mit dem Beauftragten
des Evangelischen Oberkirchenrats D. Braunschweig, mit
D. Zoellner u. a. m. Auch Fausel verarbeitet in sein
Buch eine Fülle uns entlegener Quellen; daß ihm hier
und da kleine Ungenauigkeiten unterlaufen oder Lücken
bleiben, wollen wir der verdienstlichen Gesamtleistung
gegenüber gewiß nicht betonen.

Im Vergleich mit den weiten Räumen Brasiliens

tritt das Dasein des evangelischen Deutschtums in Por-
I tugal an Umfang und an Bedeutung gewiß zurück.
I Aber Gennrieh weiß uns die eigentümliche Geschichte
der Evangelischen im Portugal und namentlich in Lissabon
nach beiden Seiten, hinsichtlich des Volkstums und
hinsichtlich der Kirche, so eindringlich und auf grund
eines umfangreichen weitverstreuten, nicht ohne Mühe
zusammengetragenen Quellenmaterials so lebendig zu
schildern, daß auch hier die Grundprobleme der deutschen
evangelischen Diaspora im Auslande deutlich herauskommen
. Die deutsche evangelische Gemeinde in
Lissabon, neben der die kleinen z. T. nur vorübergehend
pastorierten Filialgemeinden im Lande zurücktreten, ist
in ihrer ganzen Geschichte ein typisches Beispiel für
die Diasporagemeinde ohne den Charakter einer geschlossenen
Siedlung (vgl. Theod. H e ekel: Die deutschen
evangelischen Gemeinden in den Welt-, Haupt-
j und Handelsstädten, in: Franz Rendtorff-Festschrif t
| 1930 S. 137—151); es ist ein Zusammenschluß Evangeli-
I scher aller Sonderbekenntnisse aus den verschiedensten
I Ländern, Völkern und Sprachen, unter denen Deutsche
I aus allen Gauen sich nicht immer rühmlich bewährt haben
, unter denen Interessengegensätze, finanzielle und
personelle Nöte eine ebenso große das Gemeindeleben
schwer beeinträchtigende Rolle spielten, wie die schwierigen
und intriguenvollen Auseinandersetzungen mit der
mißtrauischen Regierung des Gastlandes und der herrschenden
römisch-katholischen Kirche. Der Verfasser
hatte schon vor dem Erscheinen dieses Buches, das
sich stark auf die Gemeindeprotokolle und die handschriftliche
Chronik des Pfarrers Rothe, auf die Festschrift
Garlipps (1911), auf die Berichte der Pfarrer
Schütze, Bellermann und Rothe im Gustav Adolf-Verein
und namentlich auf die Akten des Evangelischen Oberkirchenrats
in Berlin stützt, über die evangelische Kirche
in Portugal geschrieben (Auslanddeutschtum und Evangelische
Kirche, Jahrbuch 1:1932 S. 189—214; Die Evangelische
Diaspora 13:1931 S. 243—250). In der nun
vorliegenden größeren Darstellung sind namentlich die Anfänge
und die Grundlagen stärker durchleuchtet und
die schweren Hindernisse, die die katholische Kirche
mit der Inquisition dem Evangelium in den Weg legte,
geschildert. Eine Fülle biographischen und spezialge-
schichtli-chen (auch familiengeschichtlichen) Materials
wird in den Anmerkungen und Beilagen (S. 206—229)
nachgewiesen. Auch hier ergibt sich frühzeitig, daß
sich eine bekenntnismäßig lutherische Gemeinde nicht
halten kann, daß die enge Verbindung mit dieser oder
jener Gesandtschaft eines evangelischen Souveräns auf
die Dauer nicht genügt, daß diese Verbindung nicht
kirchebildend ist, daß aber auch glaubensbrüderliche Hilfe
von Diasporapflegeorganisationen, wie sie auch in diesem
Falle namentlich der Gustav Adolf-Verein in den
ersten Jahrzehnten seines Bestehens geleistet hat, nicht
ausreicht, daß vielmehr allein der Evangelische Oberkirchenrat
bezw. das Deutsche Evangelische Kirchenbundesamt
hier dauernde kirchliche Institutionen schaffen
konnte.

Berlin. Otto Lerche.

Thiel icke, Helmut: Vernunft und Offenbarung. Eine Studie
über die Religionsphilosophie Lessings. Gütersloh: C. Bertelsmann
1936. (X, 161 S.) gr. 8°. RM 6.80; geb. 8.50.

Th. stellt sich die Aufgabe Klarheit in die Religionsphilosophie
Lessings zu bringen, genauer in die
Frage, ob die positive Offenbarung transcendent sei oder
aus der Vernunft stamme. Beide Anschauungen finden
sich bei Lessing. L. soll nach Loofs (Th.Stu. Kr. 1913,
S. 31 ff.) eine zweifache Darstellungsweise haben: eine
exoterische, die an der Theologie festhält und eine esoterische
, die geheimnisvoll eine Philosophie verkündet
(S. 9 und S. 34 ff.). Diese Deutung kann aber nicht -befriedigen
, weil sie eine einheitliche Erklärung des Zu-
! sammenhangs unmöglich macht. Sie wird ermöglicht,
wenn man von einer ruhenden Gedankensubstanz aus-