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Ausgabe:

1936 Nr. 7

Spalte:

119-123

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hempel, Johannes

Titel/Untertitel:

Die althebräische Literatur und ihr hellenistisch-jüdisches Nachleben 1936

Rezensent:

Baumgartner, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 7.

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mals überhört werden: „Sie stehen allesamt im vollen
Licht des biblischen Glaubens an die verheißene Gottes-
herrschaft, die nun Wirklichkeit geworden ist im Anbruch
der neuen Schöpfung" (S. 139). Die Worte
„Neuer Äon" und „Neue Schöpfung" führen hin zur
religiösen Lehre von den Weltzeiten, die das
ganze antike mythische Denken beherrscht. Dieser Hintergrund
der biblischen Weltauffassung ist Gemein -
gut orientalischer und hellenistischer Gnosis (S. 140);
in der Synthese von Äonenlehre und Christo
log ie liegt das religionsgeschichtliche Problem der
biblischen Erlösererweckung (S. 141). So entstehen für
die weitere Untersuchung zwei Gesichtspunkte: 1. in
welchem Gebiet der vorchristlichen Religionsgeschichte
läßt sich die Verbindung von Äonenlehre und
Sotermythus nachweisen? 2. Gibt es zu der absoluten
(= endgültigen) Eschatologie der Bibel
eine religionsgeschichtliche Parallele innerhalb der altorientalischen
Weltauffassung oder hat sie den biblischen
Gottesgedanken zur alleinigen Voraussetzung? (S.
142—143). W. Staerk berührt sich in manchen Punkten
mit A. Jeremias „Die biblische Erlösererwartung
" (1931) und J. Jeremias „Jesus als Weltvollender
" (1930). Reiche religionsgeschichtliche Kenntnis
und theologische Klarheit in der Gedankenführung
machen das Buch sympathisch und lassen auch der Fortsetzung
des Werkes mit Hoffnung entgegensehen. Nicht
ganz befriedigt hat mich die Herleitung und der theologische
Befund bei reveöjux (S. 104—105) und elxdrv xov öeoü
(S. 103), wo gerade das A.T. auf reicheren und tieferen
Gehalt schließen läßt. Die Frage nach dem Geist
und dem Ebenbild Gottes ist zunächst nicht spätjüdisch
und hellenistisch, sondern alttestamentlich. Vielfach muß
auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß biblische
„Prädikationen" im Gegensatz und ohne direkte
Beziehung zur religionsgeschichtlichen Verwendung zu
verstehen sind; das hätte vielleicht noch stärker herauskommen
können.
Halle a. S. Otto Michel.

Hempel, Prof. D. Dr. Joh.: Die althebräische Literatur und
ihr hellenistisch-jüdisches Nachleben. Potsdam : Akad. Verlagsgesellschaft
Athenaion 1930—34. (203 S. mit 71 Abb. im Text u. i
6 Taf.) 4°. = Ergänzungsband zum „Handbuch der Literaturwissenschaft
." RM 15.30; geb. 19.60.
Seit J. G. Eichhorn 1870 es scharf formuliert ausgesprochen
, daß uns im A.T. die Reste der einst vorhandenen
hebräischen Nationalliteratur vorliegen, war
auch die Idee einer hebräischen Literaturgeschichte gegeben
. An die Namen Lowth, Herder, Reuß knüpfen
sich die ersten Versuche literargeschichtlicher Behandlung
. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt man,
die herkömmliche „Einleitung in das A.T." durch chronologische
Anordnung in eine Literaturgeschichte des
A.T. umzuwandeln (Wildeboer, Kautzsch, Budde). 1906
entwickelt Gunkel als erster die Grundsätze einer he- j
bräischen Literaturgeschichte und wagt auch, in der
„Kultur der Gegenwart" die Skizze einer solchen zu
zeichnen; seine Absicht, dieselbe später einmal durch
eine volle Darstellung zu ersetzen, kam nicht mehr
zur Verwirklichung. Heute liegt nun eine solche aus
Hempels Feder vollständig vor, deren erste Lieferung
schon 1930 erschienen ist.

Um das Gebotene richtig würdigen zu können, muß
man sich die Schwierigkeiten klar machen, mit denen
jeder Versuch hier zu kämpfen hat: Einmal die Schwierigkeit
der praktischen Abgrenzung gegen die „Einleitung
", die, statt eine feste und allgemein anerkannte
Basis von literar-kritischen Ergebnissen abzugeben, in
vielen Fällen überhaupt noch nicht zu sicheren Datierungen
gelangt ist und gerade heute wichtige Fragen, die
erledigt schienen, wieder in vollem Flusse zeigt, so
daß eine Erörterung der kritischen Probleme und eine
Begründung der eigenen Stellungnahme unerläßlich wird;
dann der Mangel an ausreichenden literaturgeschicht-

licheri Vorarbeiten auf manchen Gebieten; endlich die
Schwierigkeit der ganzen Anordnung und Gestaltung
des so ausgedehnten, komplizierten und unter den verschiedensten
Gesichtspunkten zu betrachtenden Stoffes.

Für die Anordnung hat H. zu einer einfachen Dreigliederung
gegriffen. In einem 1. Teil „Voraussetzungen"
(S. 2—23) wirft er erst einen Blick auf die Geschichte
der Disziplin; dann gibt er eine großzügige plastische
Schilderung des Landes und seiner Geschichte, wobei
er mit Recht betont, wie die Sondertraditionen der
verschiedenen Elemente, die das Volk Israel haben bilden
helfen, in der entstehenden Gesamttradition Israels
aufgegangen sind. „Von hier aus muß... ein
einheitliches geistiges, politisches und kulturelles Leben
in der ganzen Breite des israelitischen Volkes unmöglich
erscheinen." Wenn sich das A.T. trotzdem sprachlich
wie in der seelischen Haltung als gewisse Einheit
darstellt, so ist „diese Einheit eine künstliche
Schöpfung späterer Zeiten ... Es gilt, in der von der
Synagoge geschaffenen sekundären Einheit, die weithin
eine Verarmung darstellt, die Spuren alter Differenziertheit
und alten Reichtums wieder zu entdecken, aus der
Übermalung einer späteren Zeit die Umrisse und die
Farben der ursprünglichen Schöpfungen herauszuholen,
um ein lebendiges Bild der Eigenbewegung der Literatur
in der Zeit ihrer Schöpfung zu erarbeiten, zugleich
aber die Kräfte zu erfassen, die zur Einheit drängten und
sie schufen" (S. 9 f.). Und endlich die literarischen Voraussetzungen
: „Die israelitische Literatur ist weithin
nur als Glied der altorientalischen ,Weltliteratur' verständlich
, und sie ist wurzelhaft aus zwei Elementen
zusammengewachsen, aus der lebendigen ... Tradition
der in das Land einbrechenden Stämme und aus dem
kanaanäischen Schrifttum, in das man, wenn auch in
verschiedenem Maße, hineinwuchs" (S. 11). Es werden
nun die babylonischen und ägyptischen Einflüsse erörtert
, die durch den Kult der zumeist vorisraelitischen
Heiligtümer vermittelt zu denken sind, wobei freilich
Ritus und Kultlegende vermutlich umgebogen wurden.
Wie verschieden das Erbgut auch der Einwandernden
in seiner Struktur war und wie es unter der Ideologie
der Jahwereligion und der politisch-großisraelitischen
Tendenz bearbeitet wurde, wird an der Mosesage und
der Josephsgeschichte veranschaulicht. Abgesehen vielleicht
von einer Ausnahme in der Urgeschichte kennen
die althebräischen und kanaanäischen Stoffe nach H. nur
einfache Erzählungstechnik, Einzelerzählungen und lose
Kränze. „Nur auf dem Hintergrund dieser Verhältnisse
wird man die gewaltige Leistung Israels gerade in der ge-
schichtserzählenden Prosa sowohl in der Kompositionstechnik
als in der geistigen Meisterung des Einzelstoffes
von bestimmten Leitmotiven her würdigen" (S. 18).
Höher bemißt H. das hebräische Erbgut in der Poesie,
wo er auch den Anfängen nachgeht (Arbeit und Tanz
die Uranlässe!) und die Grundfragen der hebräischen
Metrik erörtert. — Ein II. Teil (S. 24—101) befaßt sich
mit den „Formen": erst den profanen und religiösen
Liedarten, dann den verschiedenen Arten von Sprüchen
(Volkssprichwort, Weisheits-, Propheten-, Priester- und
Rechtsspruch), endlich der Prosa, den Gattungen Märchen
, Mythus, Legende, Sage, Geschichtschreibung und
ihren Kunstmitteln. Ein III. Teil (S. 102—194) „Der
Gang der Geschichte", behandelt die Literatur nach den
wichtigsten Gattungen geordnet in 4 Querschnitten, wobei
jeweils erst kurz die geschichtliche Lage gezeichnet
wird: Das Zeitalter der Stammesrecken und das Werden
des Staates. Die nationalstaatlichen Kämpfe in Syrien
und die Assyrerzeit, Zusammenbruch und Wiederaufbau
, Nachhall und Ausklang. Aus Raumgründen muß
ich es mir leider versagen, auf den Inhalt dieser beiden
letzten Teile näher einzugehen. Den Schluß machen
Nachträge und ausführliche Register, wobei höchstens
eines der besprochenen Stellen zu vermissen ist.

Geht es auch bei dieser Gliederung nicht ganz ohne
Wiederholungen ab, so wären solche doch wohl auf