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Ausgabe:

1936 Nr. 7

Spalte:

115-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kern, Otto

Titel/Untertitel:

Von den Anfängen bis Hesiod 1936

Rezensent:

Breithaupt, G.

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 7.

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soll und wird. Das ist für unsere Kenntnis der religiösen
Haltung der Völker der Erde von großem Wert. Rosenkranz
hat darauf verzichten müssen, die Stellung des
chinesischen Heiligen im Rahmen der gesamten Religionsgeschichte
aufzuzeigen, aus Raummangel. Hoffentlich
kann er das einmal später tun. An sich ist es
kein Schade, daß der Abschnitt hier nun fehlt. Man
kann nun selbst vergleichen, was Rosenkranz sagt, mit
den Büchern von E. Norden, E. Abbegg und A. Jeremias,
die die andern Gebiete behandeln. Wenn einmal jemand
das Buch von Jeremias neu schreiben würde über die
außerbiblische Erlöser-Erwartung, so wäre das ein Verdienst
. Denn heute haben wir darüber ein viel reicheres
Material, bis hin zu den Naturvölkern. Auch
die Germanen sollten und brauchten dann nicht zu fehlen
, so wenig wie die Mexikaner und andere alte Völler
, deren Religionen nicht mehr bestehen.
Berlin. Johannes Witte.

Jahn, Ulrich: Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau j
und Viehzucht. Unveränderter Neudruck der Ausg. von 1884. |
Breslau: M. & H. Marcus 1935. (VIII, 350 S.) gr. 8°.= Oermanistische
Abhandlungen 3 H. RM 16. — .
Während des 19. Jahrhunderts ist die germanistische
Forschung im Banne der romantischen Anschauung
geblieben, die in den neuzeitlichen Volksüberlieferungen
die ehrwürdigen Reste einer uralten Vergangenheit
zu sehen liebte. In diesem Sinne hat U. Jahn 1884 die
deutschen Opferbräuche bei Ackerbau und Viehzucht
als „Beitrag zur deutschen Mythologie" zusammengetragen
. Aber so unzweideutig die Zeugnisse für die drei
großen Opferfeste, die mit den Hauptzeiten des bäuerlichen
Jahres verbunden waren, wie für Menschenopfer
in der altgermanischen Religion sind, ist bei
Opferhandlungen, die in der Neuzeit bei Steinen, Bäumen
und Quellen stattfinden, die Auffassung als Relikte
heidnischer Zeit mit größter Zurückhaltung aufzunehmen
(de Vries, Altgerman. Religionsgeschichte I, j
291), da ein großer Teil der Volkstradition als gesunkenes
Kulturgut zu betrachten ist, ja in ihr Anschau- {
ungen von fremder Herkunft mannigfach nachzuweisen
sind. Wir dürfen daher nicht in jeder Strohfigur einen |
Vegetationsdämon, in jedem Aufzug einen heidnischen
Kultakt, im Tanz mit der letzten Garbe eine sakrale
Hochzeit wittern, da der „Korndämon" nur als scherzhafte
Bildung der Phantasie aufzufassen ist und außer- ';
halb des Glaubens steht. Ebenso handelt es sich beim j
Tanz mit der letzten Garbe um einen derben Spaß, ist
das Traktieren der andern Knechte durch den letzten
Mäher so unmythisch wie möglich. Glücklicherweise
hat sich Jahn nicht damit begnügt, auf tönernen Füßen
solche Hypothesen aufzubauen, er hat überdies eine
reiche Ernte volkskundlicher Materialien zusammengetragen
. Darin liegt der Wert des unveränderten Neu- j
drucks.

Quakenbrück. H. V o r w a h 1.

Kern, Otto: Die Religion der Griechen. 1. Bd.: Von den Anfängen
bis Hesiod. 2. Bd.: Die Hochblüte bis zum Ausgange des 5.
Jahrhunderts. Berlin: Weidmannsche Buchh. 1926 u. 1935. (VIII, 308
u. VIII, 319 S.) gr. 8°. I. RM 11.— ; geb. 13.—.

II. RM 16.— ; geb. 18.—.
Aus einer ein Gelehrtenleben umspannenden, an Sonderarbeiten
reichen Beschäftigung mit der Religion der
Griechen entspringt dieses schöne Werk, das nunmehr
bis zum zweiten Bande fortgeschritten ist und dessen
Vollendung in einem dritten man um des Verfassers
selbst und seiner Lebensarbeit willen nur wünschen kann.
Der vor fast zehn Jahren veröffentlichte erste Band hat
seinerzeit in der ThLZ. keine Besprechung gefunden.
Mag er, nachdem er die ihm gebührende Anerkennung
gefunden hat, vielleicht auch über den Kreis der Leser
der ThLZ. hinaus bekannt sein, so könnte doch seine
nachträgliche Besprechung manchem nicht unerwünscht
sein.

Der „von den Anfängen bis Hesiod" reichende

Stoff ist auf zwölf Kapitel verteilt, denen Nachträge
und ein Register angehängt sind. Kern beginnt mit
den „Anfängen religiösen Lebens in der Aigaiis", indem
er dem Vorkommen der primitivsten Erscheinungen
der Religionsgeschichte wie Fetischismus und
Anthropomorphismus nachgeht. Den chthonischen Gottheiten
, sei es der Tiefe oder der Höhe, wendet sich das
folgende Kapitel, „Die Mächte der Erde", zu. Gegenstand
von III ist „die Entwicklung des Anthropomorphismus
", dessen Wurzel Kern in dem Rätsel der
Zeugung erblicken zu dürfen glaubt. Mit der Ortge-
bundenheit der Religion befaßt sich Kapitel IV: „Religion
und Ort", das durch den Satz charakterisiert sein
mag: „Die Götter und Heiligen kommen und gehen:
geweiht bleibt das Stück Erde, das der Hauch echten
üottesglaubens einst berührt hat." In V, „Götter und
Heilige", unterscheidet Kern zwischen Göttern einerseits
, die volle, umfassende Verehrung genießen, aber
nur von bestimmten Berufsgruppen verehrt werden wie
Artemis von Jägern oder Kriegern, und Sondergöttern
anderseits, die nur ein begrenztes Gebiet verwalten;
über Usener hinausgehend, der die letzteren so genannt
hat, stellt Kern ihr Wesen klarer, indem er für
sie die Bezeichnung Schutzheilige vorschlägt. „Namenlose
Götter" (VI) sind diejenigen, die ohne bestimmte
Namen, nur als Gott, Göttin, Mutter oder ähnlich angerufen
werden. Für „die Anfänge der Mysterien"
nimmt Kern in VII kleinasiatischen Ursprung an, indem
er die schon antike Ableitung der eleusinischen
Mysterien aus Kreta bestätigt und den ungriechischen
Charakter der Mysterien der Diesseitsreligion
der Griechen gegenüberstellt. Die Mittel, mit denen
der Mensch die Gottheit zu gewinnen sucht, stellt
VIII, „Der Kultus", dar. „Der Sieg der olympischeu
Zeusreligion" über die vorgriechischen Gottheiten wird
in IX geschildert. Als einen Versuch will Kern seine
Ausführungen über „Götterwanderungen" (X) angesehen
wissen, wofür er Demeter, Dionysos und die Kabiren
auswählt. XI ist „Hesiodos von Askra" gewidmet
, dem „ersten religiösen Denker, den Europa kennt."
Mit einer Zusammenfassung der Religiosität bis auf
Hesiod schließt das Buch in dem Kapitel „Eusebeia"
(XII).

Der neue Band nun umfaßt „die Hochblüte bis zum
Ausgange des fünften Jahrhunderts". Bei nur wenig
größerem Umfange gliedert sich der Inhalt wieder in
ein Dutzend Abschnitte. Ein Register fehlt, doch wird
ein Gesamtregister und eine chronologische Übersicht
für den letzten Band in Aussicht gestellt. Zunächst
führt ein Kapitel über „die olympische Religion und
Homer" den schon im ersten Bande geäußerten Gedanken
näher aus, daß von einer homerischen Religion
nicht gesprochen werden könne, sondern daß nur die
Macht einer gewaltigen Dichtung die Ilias zu einer
Art Bibel hat werden lassen; die religiöse Grundlage
bildete die olympische Religion. II sammelt die Beiträge
, die „Gesetzgeber und Dichter" bis auf Theognis
dem religiösen Leben geliefert haben, III, „Die Religion
der Fürstenzeit", die der Machthaber des 7. und 6. Jahrhunderts
, vor allem des Peisistratos. IV behandelt
„Delphoi", seine Geschichte und die von ihm ausgehende
Wirkung, V „Orakel. Wundermänner. Theologen
", u. a. Pythagoras, Empedokles, die Orphiker. „Die
eleusinischen Mysterien", in gewisser Weise die Ergänzung
zu Delphi, sucht VI zu rekonstruieren. VII,
„Der Kampf um den Glauben", führt in die Anfänge
der Aufklärung, die bereits bei Homer sichtbar werden.
VIII stellt das Eindringen „fremder Gottesdienste"
fest. IX gruppiert sich um „die religiöse Erhebung
der Perserkriege". Während X „die Hochblüte der
griechischen Kultur" aus Denkmälern und Gestalten
dieser Zeit erschließt, erstreckt sich XI auf den „Ausgang
des fünften Jahrhunderts" und behandelt die
Kritik an der Religion, den Seelsorger Sokrates und
die beginnende Vergottung von Menschen. In eine Dar-