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1936 Nr. 6

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100

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Prophetenbücher und "Schriften" : (Jesaja bis zum Schluß des Alten Testaments) 1936

Rezensent:

Beer, Georg

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99

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 6.

100

Weise in der Form einer Spezialuntersuchung, sondern
nur gelegentlich bei allgemeinen Vergleichen zwischen
dem Buddhismus und dem Christentum oder zwischen
buddhistischer und christlicher Ethik oder speziell nur
in kleineren Aufsätzen. Das Ergebnis, zu dem man dabei
vielfach gekommen ist, ist nicht immer ein sachlich
richtiges gewesen, auf Seiten der einen nicht, weil
es am richtigen Verständnis des Christentums, und auf
Seiten der anderen, weil es an gründlicher Kenntnis des
Buddhismus fehlte. Es ist daher sehr erfreulich, daß
ein Mann, der die nötige indologische und theologische
Ausrüstung besitzt, der viel umstrittenen Frage, wie
Maitri und Agape zu verstehen und einzuschätzen sind,
eine Spezialuntersuchung widmet.

Der Verfasser begnügt sich nicht damit, die von
Maitri und Agape handelnden Stellen aus dem buddhistischen
Kanon und dem Neuen Testament zusammenzustellen
und in ihrem Wortsinn zu deuten — ein sehr
beliebtes Verfahren, bei dem man nur zu falschen Ergebnissen
kommen kann —, sondern stellt sie in den
Rahmen des Ganzen der buddhistischen und neutesta-
mentlichen Anschauungen, untersucht z. B. vor allem
für Agape das Verhältnis zur Pistis und für die Maitri
ihre Stellung innerhalb des buddhistischen Heilsweges.
Zur Verdeutlichung zieht er dann noch weiter die platonische
Eros-Vorstellung und die hinduistische Bhakti-
Lehre hinzu. Das Ergebnis, zu dem er kommt, kann
man vielleicht in folgende Sätze kurz zusammenfassen.
Eros benutzt den Nächsten zum eigenen Aufstieg, ist
der Weg des Menschen zu Gott. Bhakti ist immer
nur Liebe des Menschen zu seinem Gott. Maitri gehört
als Liebe des Menschen zu der gesamten Kreatur dem
Gebiete der Meditation an, ist eine bestimmte meditative
Übung, die den Prozeß der Loslösung des Menschen
von allem Irdischen fördern soll und ihre Vollendung
und Auflösung in Upekkha, in Gleichmut, in der
sancta indifferentia findet. Agape bezeichnet die Liebe
Gottes zu dem Menschen, die Liebe des Menschen zu
Gott und die Nächstenliebe und ist als solche unbedingt
, unmotiviert und souverän. Inhaltlich ist also
Agape etwas völlig anderes als die Maitri, und sie bewirkt
deswegen auch etwas ganz anderes. „Die Übung
der Maitri hat magisch beruhigende, besänftigende, bezwingende
, die Übung der Agape helfende, rettende,
lebenfördernde Wirkung." Hoffentlich hört in Zukunft
die gedankenlose Gleichstellung von christlicher und
buddhistischer Auffassung der Liebe auf!

Da der Verfasser es liebt, seine Ausführungen in
die knappe Form von Thesen zu kleiden, ist der Inhalt
des Büchleins ein reichhaltigerer, als seine Seitenzahl
es vermuten läßt.

Halle a. S. Schomerus.

Boström , Gustav: Proverbiastudien. Die Weisheit und das fremde
Weib in Spr. 1—9. Und: C. W. K. Oleerup 1935. (183 S.) gr. 8°.
= Lunds Univ. Arsskrift. N. F. Avd. 1. Bd. 30. Nr. 3. Kr. 7-.

Boström macht sich durch seine Proverbienstu-
dien sehr verdient um die Erforschung eines wichtigen
Teiles der sogenannten Sprüche Salomos. Er hat sich
zu seinem Thema die Abschnitte gewählt, in denen der
Spruchlehrer den jüdischen jungen Mann vor der Issa
zara „dem fremden Weib" warnt. Es gelingt B. der
Beweis, daß mit diesem Stichwort keine allegorische
Figur, wie vielfach angenommen, sondern ein Weib von
Fleisch und Blut (S. 43) gemeint ist. Näher ist darunter
eine unzüchtige Frauensperson zu verstehen, die zwar
nicht dauernd, jedoch gelegentlich gemäß einem Gelübde
das Opfer ihrer Keuschheit bringt. Es handelt
sich um sexuellen Kult (S. 108), ein sakrales Fest
(Spr. 7,14), zu dem die fremde Frau den jüdischen
Jüngling einladet, wobei die körperliche Vereinigung die
Hauptsache ist. Besonders stützt B. seine These auf
Spr. 7, lff. Der Kult gilt der Liebesgöttin, „der Göttin
im Fenster", die (nach Zimmern) bei den Babylo-
niern K i 1 i 1 i heißt. Eine Erinnerung an dieses „Fen-

ster-Kilili" gibt Spr. 7, 6, wo die Issa zara, ihre hohe
Patronin nachahmend, durchs Fenster schaut (S. 122).
B. hat mich überzeugt, daß 7, 6, wie schon Frankenberg
richtig sah, G u. S dem Masoretischen Text vor-
! zuziehen sind. Wer dem „fremden Weib" und ihrer
Herrin folgt, ist auf törichtem, zur Hölle führenden
Weg; er verläßt die „Weisheit". Das Haus, das die
: Weisheit Spr. 9,1 auf 7 Pfeilern errichtet hat, ist eigent-
; lieh das Weltgebäude, die 7 Pfeiler entsprechen den
7 Planeten und die Weisheit selbst ist ursprünglich die
Himmelskönigin (S. 3 ff.). Schließlich wurde die Weisheit
als Hypostase (vergleichbar den Töchtern Allah's
- im Islam!) in die monotheistische Jahwereligion auf-
I genommen und dient hier als Mittel, um polytheistische
1 Neigungen der Volksreligion zu überwinden. Aus dem
Kult der Liebesgöttin aber stammen Bilder wie z. B. die
Weisheit zu lieben, die Weisheit als Braut u. s. w. (S.
| 174). Beispiele für Sexualkult findet B. wohl mit Recht
| auch in der Baal-Peorgeschichte Num. 25 und in dem
Opfer der Tochter Jefta's Rieht. 11.

Die Abhandlung Boströms ist eine erfreuliche
Erscheinung in der at.liehen Wissenschaft der Gegenwart
. Immer wieder zeigt es sich, welche Fortschritte
; in unsrem Wissen erzielt werden können durch die
I Hereinstellung des AT. in den großen Kulturkreis, der
einst die um das östliche Mittelmeer gelagerten Völker
und Länder zusammenschloß. Immer deutlicher aber
wird zugleich die hervorragende Sonderleistung Israels.
Heidelberg. Georg Beer.

Weber, Prof. Otto: Bibelkunde des Alten Testaments. 2.

Halbband: Prophetenbücher und „Schriften". (Jesaja bis zum Schluß
des Alten Testaments) Berlin: Furche-Verlag 1935. (318 S.) 8°.

KM 4.80 ; geb. 5.80.

Dem in dieser Zeitung besprochenen ersten Halbband
ist rasch der zweite gefolgt. Er hält sich mit dem früheren
auf gleicher Höhe und ähnelt ihm auch nach Anlage
und Form.

Behandelt sind die Propheten und die Hagiogra-
| phen. Ich hebe einige Abschnitte besonders hervor. Mit
| das Beste, was der 2. Halbband bietet, ist das S. 215ff.
j über den Psalter gesagte. Der Psalter ist nicht bloß
Gesangbuch, sondern auch Lehrbuch der jüdischen Ge-
1 meinde. Selbst für die Klagelieder weiß W. S. 273 ff.
Interesse und Verständnis zu wecken. Für den Prediger
i wird W. im Recht sein, daß die Stellen, in denen dem
> heiteren Lebensgenuß das Wort geredet wird, veranlaßt
haben, daß das Buch, das im Übrigen die Nichtigkeit
alles Lebens preist, beim fröhlichen Weinlesefest
als Vorlesetext verwendet wird. S. 278 bringt W. das
i seltsame Buch, das mit seinem Pessimismus aus dem
Ton des A.T. herausfällt, mit dem Thema von Jes. II-
' „Alles Fleisch ist eitel" in inneren Zusammenhang. Es
I ist ein Buch „Illusionen zu zerstören". S. 270 möchte
ich dem Lob auf das Hohelied nicht zustimmen. Denn
ist's wirklich so, daß im Hohenlied die Liebe zart und
duftig und echt leibhaft genommen wird und es die
; Einehe, nicht die Mehrehe verherrlicht? Treffliche Wor-
; te findet W. für die Propheten, obwohl ich hier man-
i ches Fragezeichen bei der historischen Kritik zu setzen
hätte. Ein packendes Bild ist die Charakteristik Jesajas
! als Theologe. Bei Jesaja dem Redner und Dichter ist
nicht zu vergessen, daß seinen Worten den Schwung
erst gibt sein Ergriffensein von seinem Gott (S. 55).
Ich breche ab. Willkommen wird vielen Benützern der
I Anhang 305 ff. sein: eine Zusammenstellung von Tex-
i ten nach inhaltlichen Gesichtspunkten und das, aller-
! dings zu kurze, Register der Hauptbegriffe S. 318.

Das nunmehr fertige, „die schlanke Linie" vielleicht
zu sehr verlassende Buch Webers gibt dem
Studenten, dem Lehrer und Pfarrer brauchbares Rüstzeug
, um den Freund des A.T. in seinem Verständnis
zu fördern und zu korrigieren, und um den Gegner des
j A.T. von vorgefaßten Meinungen abzubringen.
I Heidelberg. Georg Beer.