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Ausgabe:

1936 Nr. 4

Spalte:

78-79

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaller, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Idee des Menschen 1936

Rezensent:

Schultz, Werner

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 4.

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„So ist die Heiligung die Darstellung vergebender Widerfahrnis in
der Lebensordnung, eine Darstellung, die wie menschliche Existenz
schlechthin erneutes Scheitern darstellt. Allein als Erweis von Dissonanz
gliedert sich der Dekalog je und je in die Lebensordnung ein, um auf
die Heilsordnung zu verweisen" (S. 39).

„Die Reine Lehre ist durch das Anerkenntnis bestimmt, das über
menschliche Existenz grundsätzlich verfügt wird . . . Existenz ist als
verfügte Existenz verlorene und erhaltene Existenz zugleich" (S. 41).

„Hier wird deutlich, daß, obgleich der Glaube sich ethisch vergegenwärtigt
, darstellt, letztlich nicht das Ethische des Glaubens, sondern das
Glauben des Glaubens Heilsbedeutung besitzt, wobei festzuhalten ist,
daß Glaube wie Tun aus Glauben keine verfügbaren Seelen — und
Willenserzeugnisse, also Substanzen, sondern nicht verfügbare Wirkungen
des Heiligen Geistes sind, wofür die Wortbildung iustificatio per fidem
nicht propter fidem, ein deutlicher Hinweis ist" (S. 45).

Wenn wir Nebe recht geben, da er sagt, „Theologie
geschieht nicht im luftleeren Räume", dann ist all dies
Gerede an sich keine Theologie und damit ganz unwesentlich
. Fast durchweg ist das, was Nebe sagen will,
richtig und aus der lutherischen Theologie Amsdorffs
auch zu belegen und richtig verstanden. Aber durch den
Nebel dieser Worte findet wohl nur der Eingeweihte
hindurch. Daß es zur Feststellung dessen, was reine
Lehre ist, erst dann kommt, wenn das Bekenntnis in Gefahr
durch Irrlehren in den eigenen Reihen der Anhänger
steht, ist durchaus richtig, und dafür sind Ams-
dorff und seine Gegner ebenso sehr Beweis, wie die
geistigen Auseinandersetzungen im kirchlichen Räume
unserer Zeit. Und daß diese reine Lehre dann mit einem
Totalitätsanspruch auftritt gegenüber allem, was hier
und da auch gelehrt werden mag, ist indiskutabel ebenso
wie etwa die Feststellung, daß nur unzweideutiges
Wort Gottes Kirche stiftet — während mehrdeutige Hermeneutik
Sekten gestaltet (S.17f. 7) — oder wie die Feststellung
, daß es keine „christliche" Obrigkeit und keinen
„christlichen" Staat geben kann (S. 52).

Durch das Hereinzerren schlichter Kämpfe, Erfahrungen
und Lehren Amsdorffs in diese „theologischen
Haarspaltereien" aber wird weithin der Eindruck entstehen
, daß Amsdorff dem Menschen unserer Tage tatsächlich
nichts zu sagen hat und daß er mit den
Kämpfen seiner Zeit für uns erledigt ist. Dieser Eindruck
wird um so nachhaltiger und eindringlicher, als
Nebe fast Zeile um Zeile Amsdorff zitiert und sich diese
Zitate weithin der Nachprüfung durch den Leser entziehen
. Wir glauben freilich dargetan zu haben, daß Nebe
dem Schrifttum Amsdorffs ohne das notwendige technische
Können und ohne exaktes (philologisches) Verständnis
gegenüber steht, und daß darum all dieses
Geschehen im luftleeren Räume an dem Theologen
Amsdorff vorbeigeht.

Vorbedingung für die sehr notwendige und aussichtsreiche
Auswertung der Amsdorffischen Theologie
in unserer Zeit bezw. für die Kirche unserer Tage ist
zunächst eine exakte bibliographische Grundlage in Anlehnung
an den Abschnitt Amsdorff im Preußischen
Gesamtkatalog. Sodann handelt es sich um die Herausgabe
der wichtigsten Amsdorff-Schriften aus der Handschrift
und aus dem Erstdruck der Reformationszeit in
zuverlässigem Neudruck. Der Referent möchte diese
Ausführungen als Prolegomena zu einer von ihm veranstalteten
Auswahlausgabe betrachtet wissen. Darauf
könnte man zu einer diesem Manne gerecht werdenden
Biographie schreiten, die freilich unseren heutigen Ansprüchen
genügen müßte und sich nicht auf erbauliche
Zusammenfassung der Daten beschränken dürfte. Diese
Biographie Amsdorffs dürfte ebenso wenig wie eine
Darstellung seiner Theologie an der geistigen Gestalt
seiner katholischen Gegner, namentlich Pflugks, vorübergehen
. Amsdorffs Leben und Wirkungsmöglichkeiten
waren durch die Zeit und ihre Kräfte in ganz besonderer
Weise bedingt. Es gilt, diese zu erhellen und
sie nicht zu vernebeln durch ein wolkiges Gestrüpp
theologischer Haarspaltereien, um die es in Wirklichkeit
damals nicht ging, wie es auch heute nicht darum geht.
Berlin. Otto Lerche.

Alverdes, Prof. Dr. Friedr.: Die Totalität des Lebendigen.

Leipzig: Joh. Ambr. Barth 1935. (VIII, 107 S.) gr. 8°. = Bios. — Ab-
handlgn. z. theor. Biologie u. ihrer Gesch. sowie z. Philos. d. organ.
Naturwiss., Bd. 3. RM 6.60.

F. Alverdes setzt sich in Frontstellung zur Aufklärung
mit dieser auseinander. Überprüft die Maschinentheorie
des Lebens und zeigt, was diese aus irrigen Prinzipien
heraus übersehen mußte. An die Stelle dessen
tritt eine Biologie der Ganzheit und Zukunftsbezogen-
heit, Prinzipien, die wir auch in der Philosophie Heideggers
und in den neueren Schulen der Psychologie
' finden. Das Wesen des Lebendigen auch und gerade
1 des Seelischen besteht in der Aktivität und irrationalen
organisatorischen Prinzipien, die sich jeder rationalen
Fassung entziehen. Von dieser Einstellung aus kann
Alverdes die „Gestalttheorie" auch im Bereich des Psychologischen
erweitern und kommt konsequenterweise
' zu einer Metaphysik. — Diese Studie zur Philosophie
I des „Lebens" verdient für die weltanschauliche Orientierung
besondere Beachtung.
i Gießen. Johannes Neumann.

Schalter, Heinrich: Die Idee des Menschen. Ein Beitrag zur
metaphysischen Anthropologie. München: R. Oldenbourg 1935. (32 S.)
gr. 8°. RM 1.50.

In gedrängter Kürze versucht der durch seine Arbeiten
über die Weltanschauung des Mittelalters und der
Reformation bekannte Verfasser die Umrisse einer philosophischen
Anthropologie zu geben. Dabei folgt er im
wesentlichen der Metaphysik des Thomas v. Aquin ohne
deren theologischen Überbau und verbindet damit Gedanken
Schelers, Nietzsches und Klages. Der letzte Sinn
des menschlichen Daseins ist ihm „das Anschauen der
göttlichen Werke und die Visio beatifica". Das innere
geistige Auge, welches ein inneres Schauen ermöglicht
! und den Geist zum kosmischen Erkenntnisorgan des
Weltgeistes macht, unterscheidet den Menschen vom
Tier. Damit wird die immer wiederkehrende philoso-
; phische Grundhaltung ausgesprochen, daß der Mensch
I schon als natürliches Sein einen Weg zu Gott finden
kann. Der Beschreibung dieses Weges gilt das 1. Kap.
dieses Heftes.

Sch. verhüllt sich aber nicht, daß der Zugang des
Menschen zu Gott von einer schweren Problematik
belastet ist. Er muß feststellen, daß das Dämonische
den tiefsten Grund menschlichen Daseins bildet, der
durch des Menschen Macht nicht zu beseitigen ist. Dabei
unterscheidet Sch. eine sinnliche Dämonie, die sich
als unheimliche Übermacht des Daseindranges, als Übermacht
der Lebensgier, Herrschgier usw. äußert, von
einer geistigen Dämonie als einer Übermacht der intellektuellen
Triebe. Der wahre Sinn der Geschichte
liegt in der Überwindung des Dämonischen und Tierischen
und der Aufwärtsführung des Menschen zur Heiligkeit
und Vornehmheit. Nur durch die allseitige Bezie-

: hung des Weltgeschehens auf Gott, wie wir es bei Hiob,
Augustin, Franziskus, Eckhardt, Luther u. a. sehen, verliert
das Dämonische seine Schrecken.

Freilich wird es auch so nicht aufgehoben. In einem

j 3. und letzten Abschnitt zeigt Sch., wie die „Leidenschaft
des großen Ungenügens" die letzte Haltung des Menschen
ist. Es gibt keine andere Möglichkeit echter Erlösung
als die Verherrlichung der Gottheit durch selbstvergessenes
Opfer. Für den Menschen selbst bleibt nur
die „Schwermut der Resignation", die „Pein der Ungewißheit
" (31): „uns ist gegeben auf keiner Stätte zu

1 ruhen...".

Die interessanten und bis zuletzt fesselnden Ausführungen
, die manche Dinge in neuer Beleuchtung
sehen Tassen und immer von dem objektiv und unvoreingenommenen
Blick ihres Verfassers zeugen, werfen
ein helles Schlaglicht auf die ungemein kritische Situation
der modernen philosophischen Weltanschauung und Anthropologie
. Das Ende ist Resignation, Ungewißheit,