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Ausgabe:

1936 Nr. 3

Spalte:

45-46

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eissfeldt, Otto

Titel/Untertitel:

Molk als Opferbegriff im Punischen und Hebräischen und das Ende des Gottes Moloch 1936

Rezensent:

Soden, Wolfram

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 3.

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eine Iriserscheinung der Ilias (XVII 547) nicht mit dem
Regenbogen, sondern mit dem Nordlicht in Verbindung
bringt, begründet diese Auffassung mit dem Hinweis,
daß das Nordlicht eine in den Strichen des Mittelmeers
nicht seltene Erscheinung sei; die Sternwarte in Athen
habe von 1S59 bis 1872 nicht weniger als 39 Nordlichttage
verzeichnet.

S. 54 sagt N., „Alkmaion habe einen Seelenteil den führenden genannt
und ihm den Sitz im Gehirn angewiesen" (Diels Vors. 14 A 8);
daran ist nur richtig, daß Alkmaion das Hegemonikon in das Gehirn
verlegte. Sonst könnte man aus dem gleichen Wortlaut auch für Parme-
nides (18A45) und Empedokles (21A 97) ablesen, sie hätten einen
Seelenteil den führenden genannt, und darum verdient die Stelle nicht
die Bedeutung, die N. ihr beimißt, als sei sie gleichsam die Keimzelle
für das platonische Bild vom Führer des Seelengcspannes. — Der
Zwölfgötterkreis (S. 53 und 56) hat mit der Zahlenlehre des Pythagoras
nichts zu tun, sondern ist eine Erscheinung der griechischen Religion.

Die Glätte der Auseinandersetzungen vermeidenden
Darbietung darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß noch
viele offene Fragen bleiben, als wichtigste wohl die, wieweit
Piaton sich an seine Vorlagen angeschlossen und
wieweit er seinen eigenen reichen Geist hat walten lassen
. Man muß dem Vf. recht geben, wenn er den Anteil
Piatons am Ausbau seiner Mythen nicht zu gering
bemißt.

Ist somit das Buch kein Erzeugnis der strengen Forschung
, so hat es doch ein von seinem Gegenstande ergriffener
Mann geschrieben, der seine Betrachtungen
zwar in oft recht lange, an Schachtelungen und Ein-
schüben reiche Sätze kleidet, aber über das Ganze das
schöne Pathos eines feierlichen Ernstes auszugießen
versteht.

Northeim. G. Breithaupt.

Ei ß fei dt, Prof. D. Dr. Otto: Molk als Opferbegriff im Puni-
schen und Hebräischen u. d. Ende des Gottes Moloch.

Halle a. S.: Max Niemeyer 1935. (VIII, 71 S. m. 13 Abb.) 8°. = Beiträge
zur Religionsgesch. d. Altertums, H. 3. RM 4.50.

Zu den mancherlei im AT. genannten kanaanäischen
Gottheiten gehörte nach der bisherigen Ansicht auch ein
Gott Malk „König", den man an 8 Stellen in der
„tendenziös vokalisierten'' Form ~2- erkennen zu können
glaubte. Da an allen diesen Stellen von Kinderopfern
die Rede ist, konnte dieser „Moloch" als ihr
Empfänger in unserer Sprache sogar zu einem Symbol
grausam unersättlicher Gier überhaupt werden. E i ß -
t e 1 d t weist nun in der vorliegenden Arbeit nach, daß
es einen im AT. Moloch genannten kanaanäischen Gott
Malk — gar nicht gegeben hat; sei nämlich kein
Eigenname, sondern ein eine Opferart kennzeichnendes
Abstraktum. Gewonnen hat E. diese überraschende Erkenntnis
vor allem aus punischen und punisch-lateini-
schen Inschriften, in denen -fba lateinisch molc umschrieben
, in verschiedenen Zusammensetzungen offenbar als Bezeichnung
von Opferdarbietungen zu verstehen ist. Nicht
alle im Punischen "fx genannten Opfer scheinen blutige
Opfer zu sein, das mit punisch ba zweifellos identische
des AT. hingegen wird nur für das Kinderopfer verwendet
. Aus dieser neuen Deutung von Iba ergibt sich
E. auch eine neue Auffassung von der Geschichte des
Kinderopfers in Israel, die er im 2. Teil seiner Arbeit
vorführt. Er stellt dabei fest, daß das Opfer von Kindern
, zumal den erstgeborenen, ursprunglich auch der
Jahwe-Religion keineswegs fremd gewesen sei; selbst
Jesaja erkläre es noch durchaus nicht für Götzendienst.
Erst das Deuteronomium bringt einen völligen Umschwung
mit sich, indem das Kinderopfer nunmehr
der gleichen Verdammnis verfällt wie alle anderen kanaanäischen
Kulte. Die damit geforderte Abschaffung
dieser Unsitte konnte sich allerdings nur langsam durchsetzen
; noch Jeremias mußte scharfe Worte gegen sie
gebrauchen. Zur Zeit der griechischen Übersetzung des
AT. aber war das Kinderopfer nicht nur ganz beseitigt,
sondern auch schon völlig vergessen, so daß die Bedeutung
des Wortes lf- nicht mehr verstanden wurde;

denn Tfb~ wurde nunmehr, sofern man es nicht einfach
durch 11ö/07 umschrieb, als Partizip von "fffl gedeutet
und entsprechend durch üqxwv wiedergegeben.

Es kann nicht zweifelhaft sein, daß E. mit dieser
Untersuchung den Gott Malk Moloch endgültig in das
Reich der Fabel verwiesen hat. Ebenso sicher ist es,
daß wir in (molc) einen Ausdruck der Opferterminologie
vor uns haben; fragt sich nur, was er bedeutet.
; E. leitet ihn im Anschluß an Chabot unbedenklich von
der Wurzel -fta ab, die neben anderen auch die Bedeu-
I tung „versprechen" haben soll. Er hat dabei aber
! nicht beachtet, daß die an sich gemeinsemitische Wurzel
! "{ba lediglich im Syrischen auch im Sinne von „versprechen
" gebraucht wird, während diese Verwendung
allen anderen semitischen Sprachen und auch den meisten
aramäischen Dialekten fremd ist. Wenn wirklich
zur Wurzel "[ba zu stellen wäre, könnte es als qutl-
Form nur die Bedeutung „Königtum" haben (vgl. dazu
bwä „Herrschaft" als Abstraktum zu brä „herrschen"),
eine Bedeutung, die im Phönizischen vielleicht auch tatsächlich
anzusetzen ist (vgl. die von Lidzbarski, Hand-
buch d. nordsem. Epigraphik S. 310 b als Infinitiv von
j "fba gebuchte Form 'obn sowie röba Ahiram Z. 2);

es leuchtet aber ein, daß eine solche Grundbedeutung
des Op f e r begriffs denkbar unwahrscheinlich ist.
j Ich möchte daher in vielmehr eine Defektivschreibung
für sehen und das Wort dann von der Wur-
I zel -p- „gehen" ableiten, die ja bekanntlich weithin als
| Wurzel primae wa- behandelt wird; Tp- (Nominalform
maqül wie ~?^-, nEria u.a.m.) würde damit ebenso
wie mrj, ■jarijj und akkad. muhhiiru zu den von Verben
der Bewegung hergeleiteten Opferbegriffen gehören
i und wörtlich als „Gang" (durch den Rauch zum Him-
I mel) zu verstehen sein. Dabei braucht es nicht zu stören,
j daß im Hebräischen die /«-Bildung von -jbn vielmehr
Ttbna (Form maqtal) lautet und auch in anderen
Bedeutungen als Ttba verwendet wird; wir lernen aus
dieser Tatsache nur, daß "~ kein ursprünglich hebräisches
Wort sein kann, sondern aus dem Kanaanäisch-
Phönizischen entlehnt sein muß, in dem die Wurzel
•fsn anscheinend ebenso wie manche andere schwache
Verba (vgl. besonders phön. ]rv gegenüber hebr. -m
: „geben") vom Hebräischen abweichend flektiert wurde.
Ist aber das Wort tibta aus dem Phönizischen entlehnt,
so ist das gleiche für den damit bezeichneten Brauch des
I Kinderopfers wahrscheinlich; E.s religionsgeschichtliche
Ausführungen über das Kinderopfer bedürfen also wohl
auch einer gewissen Modifikation, um so mehr als die
von ihm angeführten Stellen zum Erweis eines von Haus
, aus israelitischen Kinderopfers kaum ausreichen. Außer-
j dem wird bei der Auffassung von ip als phönizischem
Fremdwort im Hebräischen auch ohne weiteres verständ-
[ lieh, daß die Juden nicht nur das Kinderopfer selbst,
t sondern auch das Wort dafür später so gründlich ver-
i gessen konnten, daß eine so grundfalsche Übersetzung
| wie das uqxov der LXX möglich wurde.

Auf die von E. am Anfang seiner Arbeit behandelten
punischen Opferbezeichnungen kann ich hier nicht mehr
näher eingehen; ich möchte nur die auch von E. nicht
> verschwiegene Unsicherheit mancher seiner Deutungen
noch entschiedener betonen. Besonders unwahrscheinlich
ist die übrigens auch nur mit starkem Vorbehalt
vorgetragene Erklärung des in einer lateinischen Inschrift
begegnenden Opferbegriffes nlptiam aus dem
Kanaanäischen (S. 10ff.); bei dieser wenig semitisch
anmutenden Bildung liegt es doch wohl näher, an ein
libysches Wort zu denken (vgl. für die geringen altlibyschen
Sprachreste Meinhof, Die libyschen Inschriften
, in Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes
XIX 1, 1931). Ich schließe mit dem herzlichen Dank
! für die reiche Belehrung, die E.s in gewohnt meisterhafter
Literaturbeberrschung wurzelnde Arbeit vermittelt.
: Göttingen._ W. von Soden.