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1936 Nr. 2

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31-32

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

[Immanuel Benzinger Palaestinae antiquitatum veterisque testamenti investigatori Universitatis Latviensis professori et doctori septuagenario dedicant collegae et discipuli] 1936

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 2.

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weist darauf hin, daß das eigentliche Buch Hiob auch Handlung enthält
; am Schluß „geben beide einander Recht, Hiob Qott, aber auch
Gott Hiob" (S. 513). Denn bei Hiob ist ja nicht nur das Aufbegehren
gegen Gott, sondern auch die „Sehnsucht nach ihm als der letzten
Rettung" zu finden (S. 518). Die ganze Argumentation, besonders der
Abschnitt (S. 518 — 20) „Voraussetzungen der Dichtung", ist vortrefflich
und als wichtiger Beitrag zur Hiobfrage zu betrachten. Die Elihukapitel
werden für unecht erklärt (dabei Kap. 37 nicht gewürdigt), ebenso Be-
hemoth und Leviathan. Die Behandlung des Ganzen hätte noch gewonnen,
wenn das Buch mehr in den Zusammenhang der Chokhma hineingestellt
worden wäre. — Bei den Prov. wird die Verschiedenheit der einzelnen
Sammlungen gut herausgearbeitet, für die Frömmigkeit ihr mehr menschheitlicher
als israelitischer Charakter betont. Auch der Abschnitt überdas
Hohelied, das als Liebesliedersammlung gewertet wird, ist besonders gut
gelungen. Weniger ist das beim Buche Ruth der Fall, bei dem die
nachexilische Abfassung und das Fehlen jeder Beziehung zu David behauptet
, aber nicht zwingend bewiesen wird. Den Titel des Predigerbuches
versteht E. so, daß sich das Rhetorenideal in Salomos Benennung
Qohelet widerspiegeln soll (S. 551). Auch hier bewährt sich die allen
Experimenten abholde Arbeitsweise des Verfassers; mit der Formel
„durchweht von dem Geist skeptizistischer Aufklärung und müder Resignation
" hat er indessen das Buch nicht ausreichend gekennzeichnet. Im
Buche Ester wird „die Möglichkeit, daß Mythologisches zu Grunde liegt"
(S. 562) zugegeben. Bei Daniel soll die Sammlung 1 - 6 im 3. Jhd., der
Rest in der Makkabäerzeit entstanden sein. So erklärt sich das ältere
aramäische Buch 2, 4 b — Kap. 6. Die aramäische Schreibweise von
Kap. 7 kommt nach E. daher, daß der Verf. seine Visionen nacheinander
geformt habe. Für Esr-Neh wird die Klostermann-Schaeder'sche These
betreffs der Tabeeldenkschrift mit nicht zureichenden Gründen abgewiesen.
Wie vorsichtig E. verfährt, sieht man daran, daß er sogar die historische
Reihenfolge Esra-Nehemia nur für „wahrscheinlich" hält!

Im vierten Teil („Geschichte des Kanons") ist der Abschnitt „Vorgeschichte
des Kanons" rühmend hervorzuheben. Von der Anordnung
des Ganzen aus gesehen, ist es überraschend, wenn auch in jedem Fall
verdienstlich, daß hier die Apokryphen und Pseudepigraphen behandelt
werden, kurz, aber doch so, daß man die literarischen Probleme erkennt.
Der letzte Teil spricht über den Text des AT; dabei kommen die Versionen
zu ihrem Recht. Den Schluß des Buches bildet ein sehr guter,
leider recht kurzer Abschnitt „Die Wirkungsgeschichte des AT". Hier
hätte man gerade von E. und angesichts der heutigen Kämpfe um das
AT gern etwas mehr über die Frage .Altes und Neues Testament" gehabt.

Das ganze Buch stellt eine bedeutsame und wertvolle
Bereicherung unserer Wissenschaft dar. Es ist
nicht nur eine Einführung in die Fragen des AT, sondern
auch eine Antwort, die in ihrem ruhigen Abwägen
den Leser zur Mitarbeit nötigt. Damit wird dem
Lernenden gedient, dem Lehrenden geholfen, dem Interessierten
der gegenwärtige Stand der Forschung vor
Augen geführt. Indem E. immer von den gegebenen Tatbeständen
in Text und Überlieferung auszugehen sucht,
statt kühne Einfälle an den Text heranzubringen, wendet
er die einzig mögliche Methode an. Freilich geht
diese gewollte Nüchternheit und Besonnenheit manchmal
auf Kosten des Schwunges, was aber durch die
Solidität der Arbeit hinreichend wettgemacht wird. Gelegentlich
wird einmal gesagt, man dürfe sich die israelitische
Religionsgeschichte nicht zu „eingleisig" vorstellen
. E. hat sich, meist mit Erfolg, bemüht, für das
hier in Frage kommende Gebiet der „Einleitung" diesen
Fehler zu vermeiden, der bei ihm, dem von der Literar-
kritik herkommenden Forscher, nahe gelegen hätte. Das
Buch, das so geschaffen wurde, steht in jeder Beziehung
auf der Höhe und kann des Dankes und der Anerkennung
gewiß sein.

Caldern (Marburg). H. W. H e rt z b e r g.

Studia Theologica. I. Edidit Ordo Theologorum Universitatis Latvien-
sis. Riga: Latvijas universitäte Teologijas fakultäte 1935. (227 S.) 8°.
Eine Zahl wertvoller Untersuchungen ist in diesem
Bande zusammengefaßt, den die Theologische Fakultät
der Lettischen Universität ihrem Mitgliede L Benzinger
zu seinem 70. Geburtstage überreichte.

Die ersten drei Arbeiten entstammen der Feder
schwedischer bezw. finnischer Gelehrter. J. Lindbio
m-Lund berichtet über die „Gesichte der Propheten
", die er in Halluzinationen, ekstatische Visionen
usw. einteilt. A. F. Puukko - Helsingfors weist in
einem kurzen Beitrag zu Ps. 46 die religiösen, bleibenden
Werte dieses Psalmes auf. In einem sehr anregenden
Aufsatz geht sodann R. Gyllenberg auf die pau-
I linische Rechtfertigungslehre und das A.T. ein. — Es
folgen sechs Aufsätze aus der Feder Rigascher Gelehrter
. L. Adamovics, der bisherige Kultusminister
Lettlands, schreibt über die „erste Verfolgungszeit der
lettischen Brüdergemeinde 1743—45". K. Kundzins
prüft in Fortsetzung seiner in Deutschland gut bekann-
j ten Arbeiten die jerusalemischen Berichte der Ew. an
| Hand ihrer topographischen Daten. W. Maldon is
I berichtet in einem volkskundlichen Beitrag über Dievs,
| den Gott der lettischen Volkstraditionen. Es folgt ein
I Beitrag zur NT.lichen Einleitung aus der Hand von
J. Rezevskis über die Makarismen bei Mtth. und
Luk. und ihr Verhältnis zueinander. E. Zicäns' Thema
berührt sich mit dem von Maldonis, „die Hochzeit der
I Sonne und des Mondes in der lettischen Mythologie". Den
I Abschluß bildet ein Bericht von F. Treu über die Funde
! in Ras Shamra.

Besonders begrüßen wir es, daß alle Aufsätze (mit
Ausnahme des letzten) in deutscher Sprache erschienen
sind. Wir begrüßen es, weil uns dadurch die wissenschaftliche
Fühlungnahme mit der Theologischen Fakultät
der lett. Universität und ihren Vertretern erleichtert
wird. Erstaunt ist man, daß der letzte Beitrag nicht
deutsch, sondern französisch geschrieben ist. Der Verfasser
desselben ist der einzige unter den 9 Mitarbeitern,
der einen deutschen Namen trägt und doch wohl auch
deutscher Abstammung ist. Warum hat er es vorgezogen
, französisch zu schreiben, während alle nichtdeut-
j sehen Mitarbeiter sich die Mühe machten, dem Jubilaren
Benzinger ihre Beiträge in dessen Muttersprache
; darzubringen?

Die Festschrift als solche aber vermittelt uns einen
sehr interessanten, eindrucksvollen Einblick in die Arbeit
der Theologen der Universität Riga.
Riga. H.Seesemann.

Koch, Hai: Pronoia und Paideusis. Studien über Origenes und
sein Verhältnis Piatonismus. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1932.
(III, 344 S.) 8°. = Arbeiten z. Kirchengesch. hrsg. v. E. Hirsch u.
' H. Lietzmann, 22.

RM 15—; geb. 16.50.

Das Buch des Dänen Hai Koch knüpft an die umfassende
Origenesmonographie von de Faye an. Für den
Ansatz Ks. ist es sehr bezeichnend, daß er in de Fayes
I Werk eine „ganz neue Epoche in der Geschichte der
| Origenesforschung" eingeleitet sieht und es als ein
| Hauptwerk innerhalb der ganzen Literatur, welche dieGe-
1 schichte der alten Kirche behandelt, betrachtet. Nun hat
I de Faye in sehr elegant geschriebenen Essays die ganze
Breite des Wirkens, der Gedankenwelt und der geistigen
Umwelt des Origenes dargestellt, aber im Ganzen faßt
er doch nur zusammen was Bigg, Denis und Harnack
vor ihm erarbeitet hatten. K. will nunmehr die For-
i schung weiterführen, da de Faye nach Ks. Meinung die
Vorsehungslehre und die Theodizee des Origenes nur
beiläufig behandelt hat. K. sieht in der Lehre von der
Vorsehung und der göttlichen Erziehung, in der Theodizee
die Zentralgedanken der origenistischen Theologie
, denen alle andere Stücke des Systems unterzuord-
j nen sind. Man kann kaum mehr im einzelnen die Gedanken
der Vorsehung und der göttlichen Erziehung bei
Origenes behandeln, als es K. getan hat. Daß er zu einseitig
vorgegangen ist, wird man nicht so sehr bemängeln
müssen, denn durch seine Untersuchung, die
I methodisch sauber durchgeführt wird, werden gewisse
| Tatsachen der origenistischen Gedankenwelt deutlich.

In der Einseitigkeit trifft sich K. scheinbar mit Völkers
j Origenesbuch (vgl. meine Besprechung in dieser Ztschr.
' 1932, Sp. 489), das kurze Zeit vor ihm erschienen ist.
| Ks. Buch ist jedoch Vs. Monographie dadurch über-
! legen, daß K. einen ernsthaften Versuch macht, Origenes
geschichtlich zu verstehen. Auch methodisch arbeitet
K. viel sauberer als V. Z. B. habe ich seinerzeit
mich zu schnell von Vs. Interpretation der Stel-