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Ausgabe:

1936 Nr. 26

Spalte:

478-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seiffert, Walter

Titel/Untertitel:

Die Erbgeschichte des Menschen 1936

Rezensent:

Schulze, Fritz

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 26.

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Entlehnungen des einen Kirchentums aus dem anderen,
nicht um direkt sieht- und nachweisbare Beeinflussungen
hin- und herüber handelt, sondern um neues Durchbrechen
des urchristlichen Auferstehungsglaubens, der
für A. die Substanz des Evangeliums ist. Diese Grund-
Überzeugung macht ihn nicht kritiklos; er sieht, wie
wenig z. B. die hochkirchliche Bewegung eigenen Boden
im Leben der wirklichen Gemeinde und Kirche unter
den Füßen hat (39,45); er weiß um das Neben- und
Miteinander von Legalismus und mystischem Realismus
in der katholischen Kirche (52), der gegenüber der
Ostkirche stärker die Auferstehung mit ihren kosmisch-
eschatologischen Ausblicken betont (51); er erkennt,
wie dem neuen christlichen Realismus hie und da die Gefahr
droht, daß das „unaussprechliche Gnadenmysterium
der Menschwerdung und der Verklärung" in
allzu stark naturhafte, gar biologische Begriffe gefaßt
wird (57); nur wünschte man, solche kritischen Sicherungen
theologisch eingehender durchgeführt zu sehen.

Sehr wertvoll sind die reichlichen Anführungen aus altgriechischen
und russischen Liturgien und Kirchengebeten, die einen Einblick in die
reichen Schatzkammern der östlichen Kirche tun lassen (leider fehlen die
Fundorte! — und auch für einen Hinweis auf Ausgaben oder Übersetzungen
, die dem Nichtfachmann zugänglich sind, wäre man dankbar
gewesen), sowie die Hinweise auf wichtige theologische Literatur des
Anglikanismus, die nur Wenigen in Deutschland bekannt sein dürfte.
Am Anglikanismus wird neben seiner Inkarnationstheologie< und der Lehre
von der Kirche als „the expression of Christ's Person", ,,an extension
of the Incarnation" (34) mit Recht besonders die Inkarnationsethik
hervorgehoben (24, 35 ff.): die Kirche muß selbst in ihren Gliedern das
Opfer des Herrn leben; auch das soziale Leben der Menschheit soll
durch das Sakrament der Gemeinschaft wenigstens im Ansatz in den Bereich
seines verklärten Lebens aufgenommen werden. A. muß selbst betonen
, wie leicht hier die Umsetzung des Echatologischen ins Irdisch-
Politische, ins Utopistisch-Sozialistische zustande kommt (36). Auch
bezüglich des hierarchischen Begriffes des Kosmos wäre zu fragen, was
hier philosophische Überlieferung aus Antike und Mittelalter, was christliches
Zeugnis über die Welt sei (26 f.). Die christologische Gefahr
einer Auflösung des fleischgewordenen Christus in das Symbol und Prinzip
einer göttlichen Durchdringung der Welt hat A. selbst hervorgehoben
(28). Trotz alledem wird gerade aus A.'s Ausführungen über
den Anglikanismus (wie auch aus denen über die Ostkirche) deutlich,
wie wenig hier mit bloßer theologischer Abgrenzung geschehen wäre,
wie wir, auch unsererseits in Traditionen erstarrt, uns durch das bewegen
zu lassen haben, was hier in der andern Kirche gesehen worden
ist. — Was die ökumenische Bewegung anlangt, so hat sich A.
allzusehr auf die Lausanner Bewegung beschränkt, obzwar sie natürlich
bei seinem Thema ihm am nächsten stehen mußte. Die bei manchen Anlässen
im ,.Weltbund für die Freundschaftsarbeit der Kirchen" zutage getretene
Anlehnung an den Geist des Völkerbundes findet seinen berechtigten
Widerspruch. Sinn der ökumenischen Bewegung ist das gemeinsame
Hinwachsen zum Haupte, Christus. — Im Anhange beigegeben ist der
erschütternde Bericht über das Martyrium des Erzbischofs Antonios von
Archangelsk.

Heidelberg. Heinz-Dietrich Wen dl and.

Ruland, Dr. Ludwig: Handbuch der praktischen Seelsorge.

1. Bd.: Grenzfragen der Naturwissenschaften und Theologie (Pastoral-
medizin). 2. Bd.: Die allgemeinen Grundlagen des sittlichen Handelns
. Die Ethik des Geschlechtslebens. 3. Bd.: Von den Pflichten
des Menschen gegen Gott und gegen sich selbst. Der Mensch und
die Kreatur. München: M. Hueber 1930 u. 1933. (VIII, 371, IX, 416
U. VII, 448 S.) gr. 8°. Bd. 1 : 1930. RM 10.60; geb. 12.85.

„ 2: 1931. „ 11.85; „ 14.10.

„ 3: 1933. „ 11.85; „ 14.10.

In leicht verständlicher flüssiger Sprache tut der
Verfasser tiefe Blicke in das Leben. Die Stoffe lösen
sich mehr und mehr von den naturwissenschaftlichen
Grundlagen und werden fortschreitend rein theologisch.
Er rechnet mit dem Bedürfnis der Seelsorger, in jeder
Frage der Wirklichkeit ohne große Umstände einen
katholischen Rat geben zu können. Gute Sachregister
erleichtern das Finden derselben. In Bd. I bespricht
er die Anfänge des menschlichen Lebens von der Potenz
an, die Voraussetzungen für seine Grunderhaltung,
die Störungen derselben durch euphorische Genußmittel
Maßnahmen gegen die Krankheiten und einige moralpsychologische
Grenzfragen wie Psychanalyse, Suggestion
usw.

In Bd. II bespricht er den Menschen als sittliche

j Persönlichkeit, dabei der konstitutionellen Bestimmthei-
j ten als Komponenten der freien Willensentscheidungen
I gedenkend.

Aus der objektiven (die 3 Sittengesetze) und der
[ subjektiven (Gewissen) Norm des sittlichen Handelns
baut er eine Lehre von der Pflicht und behandelt in
treukatholischer Weise die Störung der sittlichen Ordnung
durch die Sünde, aber auch ihre Wiederherstellung
durch Christus (Sakramente). Über 100 Seiten
widmet er der Ethik des Geschlechtslebens, seiner normalen
und anormalen Äußerungen.

In Bd. III behandelt er die Pflichten der inneren
(Glaube, Liebe, Hoffnung) und äußeren (Gebet) Got-
j tesverehrung, ihre äußergewöhnlichen Akte (Gelübde,
Eid) und ihre Verletzungen (Sakrileg, Simonie, Aberglaube
.) Dann die Pflichten innerhalb der christlichen
Gemeinde. Nicht ohne Wiederholung nennt er unter
den Pflichten des eigenpersönlichen Lebens wieder die
des leiblichen Lebens neben denen des geistlichen (Bildung
, Arbeit, Eigentum, Ehre, Erholung). Wenn er im
Schlußkapitel: der Mensch und die Kreatur „Wege in
die Zukunft" annonciert, so hätte er mehr sagen müssen
als Allzubekanntes. Gerade bei solchen Parteien
spürt man die absichtlich volkstümliche Höhenlage des
Werkes.

Dösen.__ Erich Knabe.

S e i f f e r t, Prof. Walter, Berlin-Dahlem, Reichsgesundheitsamt: Die Erb-
geschichte des Menschen. Eine Vortragsfolge ü. d. erbbiologische
Stellung des Menschen als Gattung, Rasse u. Persönlichkeit. Stuttgart:
Ferd. Enke 1935. (VII, 176 S. m. 108 Abb.) gr. 8°. RM 8.50; geb. 10—.
Das Buch des führenden Mediziners umfaßt Fragen
aus drei Wissensgebieten. Der größere Teil beschäftigt
sich mit dem Erbbild des Ich (2. Teil, 5.—9. Vortrag
). Hier redet der Verfasser aus seinem naturwissenschaftlichen
Fachwissen heraus und entfaltet biologische
Erkenntnisse, deren Beurteilung dem Naturwissenschaftler
überlassen werden muß. Dem Geisteswissenschaftler
sind sie deshalb so schwer zugänglich, weil sie sich in
hohem Maße medizinischer Fremdworte bedienen, ohne
daß der Versuch unternommen wird, sie durch allgemeinverständliche
Ausdrücke zu ersetzen. Die acht Seiten
„Fachausdrücke und Definitionen" im Anhang helfen
kaum über diese Schwierigkeiten hinweg. Der zweite
Fragenzusammenhang beschäftigt sich mit historischen
und prähistorischen Untersuchungen. Sie sind dem
ersten Teil der Schrift über Gattung und Rasse (1.—4.
Vortrag) eingereiht, aber auch hier und da im zweiten
Teil eingestreut. Hier bietet sich dem Geisteswissenschaftler
manche Gelegenheit, ein Fragezeichen zu setzen
, z. B. bei der Beurteilung Griechenlands und Roms
(S. 158). Der dritte Teil der aufgeworfenen Fragen
ist weltanschaulicher Natur. Der Verfasser weist selbst
im Vorwort darauf hin, daß sich die ihm gegebenen
Wirklichkeiten von selbst und ungewollt zu einem einheitlichen
Weltbild formten, wobei dieser Ausdruck wohl
im Sinne von „Weltanschauung" zu verstehen ist. Der
Ansatzpunkt ist auch vorsichtig gesetzt und erkenntniskritisch
besonnen abgegrenzt. Es wird zugegeben, daß
die Zeugung des Lebendigen aus toter Materie der
Naturwissenschaft unbegreiflich ist, und daß sie innerhalb
der Frage der Entstehung des Menschen nur
seine verwandtschaftlichen Beziehungen zur Tierwelt im
Aufbau des Körpers aufzudecken vermag, während es
ihr unmöglich ist, den Ursprung der menschlichen Fähigkeit
nachzuweisen, die Materie zweckbewußt umzugestalten
(S. 1). Aber dieser vielversprechende Ausgangspunkt
geht bald wieder verloren. Wenn auch im Verlauf
! der Erörterungen die Rasse in die Stellung einrückt,
die ihr im neuen deutschen Denken zukommt, so ist
j der Ansatzpunkt der Gedankenentwicklung über Rasse
I und Milieu recht schwierig. Er deckt sich mit der
Frage nach dem äußeren Anlaß, der den Vorfahren des
j Menschen bewog, die in seinen Anlagen gegebene Be-
i fähigung zum aufrechten Gang auch auszuüben. Denn
I an dieser Stelle entscheidet sich die Frage nach der Ab-