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Ausgabe:

1936 Nr. 2

Spalte:

28-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eissfeldt, Otto

Titel/Untertitel:

Einleitung in das Alte Testament 1936

Rezensent:

Hertzberg, Hans Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 2.

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gut, das sich in Übereinstimmung mit den engen kulturellen
Beziehungen zwischen beiden Völkern in annähernd
gleicher Weise entwickelt hatte". Auch unter den
andern von Germanen verehrten und ausführlich behandelten
Göttinnen wird augenscheinlich keine als ursprünglich
keltisch betrachtet.

In den letzten Jahrhunderten des Heidentums werden
zunächst die einzelnen Stämme: die Goten, Langobarden
, Franken, Schwaben, Sachsen, Friesen und Angelsachsen
unterschieden und für sich behandelt. Dabei
kommt unter der Überschrift: Die Franken auch die bei
Kehrlich gefundene Spange vor, deren Unechtheit für
de Vr. nicht festzustehen scheint, sowie namentlich der
zweite Merseburger Zauberspruch, den er für sehr wahrscheinlich
heidnisch erklärt. Dagegen sagt er (231) von
Phol: „Seine Erwähnung am Anfang des Spruchs scheint
ihm eine größere Rolle als die eines Statisten zu geben,
aber wenn er der Besitzer des Pferdes ist, so müßte
er mit Balder gleichgesetzt werden, was auch wenig
glaubhaft ist." Auffällig ist endlich zunächst, daß bei
den Franken auch Ostara oder Eostra mitbehandelt wird,
de Vr. hält es aber (232 f.) für „nicht ausgeschlossen,
daß wir sie als eine uralte idg. Gottheit betrachten dürfen
, weil ihr Name in durchaus klarer sprachlicher
Beziehung zu der vedischen Usas, der griechischen Eos,
der römischen Aurora und der litauischen Auszrä steht"1,
und fährt dann fort: „Weil das Wort Ostern nur in Süd-
deutschland gebräuchlich ist gegen Paschen im Norden
, könnte man daraus schließen, daß diese Göttin nur
in einem beschränkten Teil des südgermanischen Gebietes
verehrt worden ist, sogar sich zu dem Skeptizismus
versteigen, daß das süddeutsche Ostern dem Einfluß
der angelsächsischen Mission zuzuschreiben sei;
es ist aber wahrscheinlicher, daß die Benennung
Paschen aus rom. pascua (franz. Päques) sich durch
die Vermittelung der Kölner Kirchenprovinz über den
nördlichen Teil Deutschlands bis nach Skandinavien verbreitet
hat und daß hierdurch die Ostern-Gebiete Süddeutschlands
und Englands als Randreliktgebiete stehengeblieben
sind. An der allgemein-südgermanischen Geltung
dieser Göttin braucht also nicht gezweifelt zu
werden; sie ist wohl nicht als eine Gottheit der Morgenröte
, vielmehr als eine besonders im Frühling verehrte
Fruchtbarkeitsgöttin zu betrachten, die dadurch in den
Kreis von Frija, Nerthus u. a. tritt." Freilich widerspricht
das einigermaßen jener sprachlichen Deutung
ihres Namens und ist besonders die „allgemein-südgermanische
Geltung dieser Göttin" kaum zu beweisen.
Andrerseits von den Schwaben wird auch die Nordendorfer
Spange abgeleitet, deren erstes Wort aber (234)
als „gänzlich unerklärt" bezeichnet wird. Oder wie
de Vr. weiter sagt: „Die oft versuchte Gleichsetzung
mit dem altnordischen Gott Lodurr ist nur eine etymologische
Spielerei und ist auch sachlich unbedingt abzulehnen
. Vorläufig läßt sich also die Nordendorfer Inschrift
, die vielleicht durch eine gelungene Deutung unsere
Kenntnis des südgermanischen Heidentums bereichern
wird, nur dazu verwerten, daß wir die Verehrung
der beiden Hauptgötter auch im suevischen Gebiet für
das 7. Jahrh. bezeugt finden; das hätten wir freilich im
voraus schon erwarten können." Der Kult, die Grabformen
und Grabriten werden dann für alle Stämme zusammen
besprochen, im allgemeinen bemerkte de Vr.
schon zu Anfang dieses Kapitels (223): „Wie können
wir aus den verdammenden Urteilen der Christenprediger
auch nur eine Ahnung bekommen von der heidnischen
Ehrfurcht vor dem Göttlichen oder von den religiösen
Elementen im Leben von Individuum und Gemeinschaft
? Die um soviel reichere Überlieferung im
skandinavischen Norden läßt uns ahnen, wieviel des
südgermanischen Glaubens unwiederbringlich verlorengegangen
ist."

Auch das volkskundliche Material, von dem endlich
das letzte Kapitel handelt, ist nach de Vr.
(279), wie er übrigens schon in seinem 1932 in der

Nederlandsch Tijdschrift voor Volkskunde erschienenen
Vortrag: Het haidige bijgeloof als bron voor de kennis
van den heidenschen godsdlenst der Germanen ausführte
, „für die Rekonstruktion der heidnischen Religion
nur ausnahmsweise" zu verwenden. Denn (278) „der
größte Teil dessen, was man heute in der Bauernkultur
findet, stammt letzten Endes aus der Kultur der Oberschicht
der Gesellschaft, vielfach geändert und vergrö-

■ bert, aber dennoch von dort entlehnt. Das gilt nicht
nur von Tracht und Hausrat, von Tanz und Musik, sondern
auch von Volkslied und Bauernsitte, von Aberglauben
und Volksfesten". „Ein großer Teil dieser Bräuche

[ ist" ferner (296) „über ganz Europa verbreitet und darf

j deshalb nicht als eine primitive Unterschicht der heidnisch
-germanischen Religion betrachtet werden, weil sie
auch in späterer Zeit namentlich durch den vereinheitlichenden
Einfluß der katholischen Kirche gewandert

[ sein können". Und doch frägt de Vr. nicht nur (300):
„Wer möchte leugnen, daß sich Heidnisches aus germanischer
Zeit bis jetzt erhalten haben kann?" sondern
sagt (305) auch direkt von der Vorschrift, bei zahlreichen
Kult- und Zauberhandlungen barfuß zu gehen:
„Hier kann etwas Altheidnisches dahinterliegen." Ja
ich möchte das namentlich von den ja bei den verschiedensten
Indogermanen nachweisbaren, aber doch sehr
eigentümlichen agrarischen Bräuchen, die de Vr. nur als
Spaß zu erklären sucht, in viel größerem Maße als er
annehmen. Aber daß gegenüber dem Unfug, der in der
deutschen Presse jetzt mehr denn je mit der Zurück-
führung von Volksbräuchen auf die alten Germanen (die
außerdem schon vor 4000 Jahren existiert haben sollen)
getrieben wird, seine Warnung durchaus berechtigt ist,
wird kein Verständiger verkennen.

Im allgemeinen ist an de Vr.' Werk außer der auch
sonst zu beobachtenden Vorsicht noch rühmend hervorzuheben
, daß es zwar nicht die unwissenschaftliche Literatur
über die germanische Religion (oder dasjenige,
was man dafür erklärt), die bei uns in den letzten Jahren
so üppig ins Kraut geschossen ist, wohl aber die
wertvollen Veröffentlichungen nicht nur über sie, sondern
zugleich über die verschiedensten Nachbargebiete in
einem Umfang berücksichtigt, wie das noch an keiner
andern Stelle geschehen war. Namentlich die nordische
Literatur und hier wieder besonders die Ortsnamenforschung
ist bei uns wenigstens in weitern Kreisen ja
bisher viel zu wenig beachtet worden; auch insofern
wird also der zweite Band von de Vr.' Werk, der die

I nordgermanische Religion behandeln soll und wohl, da

| schon hier einmal (82) zitiert, bald erscheinen wird, uns
eine weitere Fülle reichster Belehrung bringen.

| Bonn. Carl Clemen.

Eißfeldt, dtto: Einleitung in das Alte Testament unter Ein-
-schluß der Apokryphen und Pseudepigraphen ; Entstehungsgeschichte
des AT. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1934. (XVI, 752 S.)
gr. 8°. = Neue Theolog. Grundrisse, hrsg. v. Rudolf Bultmann.

RM 15.50; geb. 17.50.

Es ist ein gründliches und umfangreiches Werk,
| das E. hier vorlegt, und geht eigentlich über das Maß
! von „Grundrissen" hinaus, in deren Reihe es erscheint,
j Der Benutzer hat Gelegenheit, die gegenwärtige Lage
, der alttestamentlichen Einleitungswissenschaft unter ver-
| läßlicher Führung kennen zu lernen, sowohl im allge-
I meinen wie im besonderen. Denn E. hat auf der einen
j Seite, unter Abkehr von einseitig literarkritischen Metho-
i den, die Fragen der Literaturgeschichte in den Kreis
! seiner Arbeit ausgiebig miteinbezogen; ja die Anordnung
des Buches ist so gemeint, daß das Literaturgeschichtliche
als Grundlage des Literarkritischen erscheint. Er
hat andererseits natürlich, wie es seiner Einstellung und
Arbeitsweise entspricht, die „Spezielle Einleitung", wie
man sie früher nannte, zum Mittelpunkt gemacht; dabei
| werden die einzelnen Bücher und Fragen, die sie be-
treffen, meist unter Darlegung der Geschichte der For-
i schung und immer unter Beigabe einer gediegenen