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Ausgabe:

1936 Nr. 24

Spalte:

443-444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Papsttum und Päpste im XX. Jahrhundert 1936

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 24.

444

Schmidt in, Josef: Papstgeschichte der neuesten Zeit. 3. Bd.:
Papsttum u. Päpste im 20. Jahrh. Pius u. Benedikt XV. (1903—1922).
München: Josef Kösel u. Fr. Pustet 1936. (XIX, 350 S.) gr. 8°.

RM 13.50; geb. 17—.

Der erste Band dieses Werkes umfaßte 708 Seiten,
der zweite — der nur die Pontifikate Pius' IX. und
Leos XIII. behandelt — immerhin noch 610 Seiten,
während der vorliegende dritte Band, der das Werk
zu einem vorläufigen Abschluß bringt, auf etwa der
Hälfte des Raumes die Geschichte der Pontifikate Pius'
X. und Benediktes XV. bietet. Schon in diesem rein
äußerlichen Moment liegt ein Mißverhältnis, das sich
auch jm Innern des Buches stark und entscheidend
auswirkt. Gewiß waren die Pontifikate Pius' IX. und
Leos XIII. Höhepunkte der neueren Papstgeschichte,
und diese Glanzzeit der römischen Weltkirche unter
auch menschlich bedeutsamen Führerpersönlichkeiten zu
schildern, das war immerhin eine Aufgabe, die auch des
Einsatzes lohnte. Die Pontifikate Pius' X. und Benedikts
XV. sind keineswegs Glanzzeiten der römischen
Kirche. Pius X. ist auch in katholischen Kreisen durch
seinen Kampf gegen die fälschlich Modernismus genannte
katholische Bewegung der Gegenwart, der im
Grunde doch ein Kampf gegen den geistigen Fortschritt
der Menschheit überhaupt war, belastet — und I
selbst Schmidlin versucht es kaum, den Syllabus und
die Enzyklika „Pascendi" uneingeschränkt zu vertei- |
digen; er bemüht sich vielmehr aus einem gewissen Mitleid
heraus den persönlichen Anteil des Papstes an
diesen vatikanischen Kundgebungen in nicht gerade für
den zehnten Pius schmeichelhafter Weise einzuschränken
. Das Pontifikat Benedikts XV. aber ist politisch belastet
. Wir wissen, er war der Papst, der die Jungfrau
von Orleans trotz Shaw heilig sprach (1920); er war
mit der Seele ganz und gar Franzose und ermahnte
die deutschen Kardinäle, daß sie sich in erster Linie
als Priester der Weltkirche zu fühlen hätten. Schmidlin
macht aus ihm den neutralen Papst, der als Statthalter
Christi auf Erden sich vergeblich um den Frieden der
Welt bemüht. Die Versuche, die Benedikt XV. im Weltkriege
für den Frieden unternahm, hätten erfolgreich
sein müssen, oder sie hätten unterbleiben müssen. Was
über die gescheiterten Versuche bekannt geworden ist
— Schmidlin bringt weder neues Material, noch neue
Gesichtspunkte bei und stützt seine Darlegungen im
wesentlichen auf den immerhin recht einseitigen Ritter
von Lama — das muß gerade im heutigen Europa das i
Ansehen und die diesbezügliche Befähigung des Vati- j
kans durchaus in Frage stellen. Eine Abrundung und
die richtige Fülle hätte dieser Band erst durch Mitberücksichtigung
der Regierungszeit Pius' XL 1922 ff. erfahren
. Daß unter dem gegenwärtig regierenden Papste
die römische Weltkirche wieder anders dasteht als unter
seinen beiden unmittelbaren Vorgängern, das unterliegt i
wohl keinem Zweifel. Daß aber trotzdem die Regierungszeit
des jetzt regierenden Papstes nicht gut in
eine geschichtliche Darstellung verarbeitet werden
konnte, ist wohl selbstverständlich.

Wie in den beiden voraufgegangenen Bänden (I. j
1933 vgl. Theol. Lit. Ztg. 1934, 254 f. II. 1934 vgl.
Theol. Lit. Ztg. 1936, 131 f.) verarbeitet der Verfasser J
auch in diesem Schlußbande ein reiches Quellenmaterial, j
Naturgemäß sind es im Wesentlichen gedruckte Quellen, |
vornehmlich die ,Acta sedis apostolicae', die der Dar- j
Stellung das Rückgrat gaben. Führende geschichtlich i
hochstehende Darstellungen — Biographien — kommen i
als wesentliche Anlehnung noch nicht in Frage, das
Vorhandene ist erbaulich und überschwenglich. Neben
den Quellen benutzt der Verfasser auch immer wieder die
reiche Literatur namentlich auch in Zeitschriften und
Zeitungen. Zumeist aber versucht er, sich damit der
eigenen Stellungnahme zu enthalten. So hält sich Schm.
auch bei der Darstellung des Syllabus zurück und führt
neben Protestanten auch andere Akatholiken und römische
Katholiken als Kritiker dieses Syllabus an: er |
selbst bleibt bei einem ja — aber. Mit einer gewissen |

Befriedigung hingegen glaubt er feststellen zu dürfen,
daß sich für den Syllabus die streng dogmatische Eigenschaft
einer Kathedraldefinition nicht nachweisen lasse.
Vor allem aber fehlt ganz und gar der große geschichtliche
Blick. Aus den ,Acta sedis apostolicae' zieht der
Verfasser eine Fülle von Kleinmaterial, das er etwa
nach Ländern geordnet eintönig aneinandergereiht vorträgt
. Jeweils ist dazu neben den Urkunden auch die
Fülle der Literatur angeführt, und so hat man immerfort
den ermüdenden Eindruck einer zwar fleißigen, aber
nicht über der Sache stehenden Kompilation. In der
Darstellung etwa von Benedikts XV. Vermittlungsversuchen
im Weltkriege ist Schm. völlig einseitig ein
Gegner des Reichskanzlers Michaelis, der aufgehetzt
vom Evangelischen Bunde, in engstirniger protestantischer
Sektiererei den Papst geradezu um den greifbaren
Erfolg seiner Bemühungen betrogen hat. Der von Traub
und Ludendorff (! S. 213) geleitete Evangelische Bund
hat es dem Verfasser überhaupt angetan! Seine Darstellung
der Friedensbemühungen des Papstes Benedikt
XV. stützt er ausgiebig auf Friedrich Ritter von
Lama: „Der vereitelte Friede. Meine Anklage gegen
Michaelis und den Evangelischen Bund" (1926) und
„Die Friedensvermittlung Papst Benedikts XV. und
ihre Vereitlung durch den deutschen Reichskanzler Michaelis
" (1932) unter häufiger Anführung der Gegenschriften
,von einem Deutschen' — einem im Evangelischen
Bunde tätigen vormaligen römisch-katholischen
Ordenspriester — „Papst, Kurie und Weltkrieg" sowie
„Deutschland und der Vatikan", während er die ernsthafte
Kritik an diesen Dingen, wie sie etwa von General
Max Graf Montgelas, R. Fester und M. Spahn ausgeht,
völlig unberücksichtigt läßt. Mit Streitschriften, auch
wenn man sie von beiden Seiten her zitiert, ist geschichtlich
schlecht etwas zu beweisen. Lama aber ist
schon gar kein Autor, der vor der Geschichte standhält
(S. 208f.; vgl. Jahresberichte für deutsche Geschichte
8:1932 [ 1934] S. 66 Nr. 1311 f. u. S. 262).

Im Einzelnen ist das Buch von einer Fülle von kleinen
und größeren Versehen und Fehlurteilen durchsetzt
. Nur Einiges greifen wir heraus: die römische
Frage bezw. ihre damalige Nichtlösung ist keineswegs
von so entscheidender Bedeutung für die Wohlfahrt
Europas, wie der Verfasser annimmt (S. 312). Den
aus der Borromäusenzyklika (1910) hervorgehenden
Schmähungen der Reformation und der Reformationsfürsten
trat nicht der katholische König Georg von
Sachsen entgegen, der schon 1904 gestorben war und
der sich vermutlich nicht so exponiert hätte, sondern
sein ebenso katholischer Sohn König Friedrich
August III., dem wir diese bewußt deutsche und menschlich
schöne Tat nie vergessen wollen! (S. 100). Zur
Begründung bezw. Neuerrichtung des Bistums Meißen
wurde der geschichtliche Sachverhalt in der päpstlichen
Bulle vom 24. Juni 1921 „Sollicitudo omnium eccle-
siarum" stark den Bedürfnissen angepaßt. Schm. aber
hängt ganz sklavisch an diesem Wortlaut, ohne auf
die Dinge, wie sie wirklich waren, Rücksicht zu nehmen
(S. 282); übrigens hieß der apostolische Vikar damals
nicht Löhmann, sondern Löbmann. Die Tschechoslowakische
Kirche schildert Schm. etwa von ihrer heutigen
Lage aus; zur Zeit Benedikts XV. bot sie immerhin
einige weitere Aussichten mehr als heute (S. 288).

Im Ganzen wird man über das jetzt abgeschlossene
dreibändige Werk sagen dürfen: fleißige Materialzusammenstellung
, bei ultramontaner Haltung Bemühung um
möglichste Objektivität, in Einzelheiten flüchtig und
nicht ganz zuverlässig, schließlich keine geschichtliche
Leistung, die der Bedeutung des Gegenstandes
entspricht.

Berlin. Otto Lerche.

Angermai r, Dr. theol. Rupert: Die Schutzaufsicht eine Pflicht
der christlichen Gemeinschaft. Eine moraltheologische Untersuchung
. Freiburg i. Br.: Caritasverlag 1934. 2 Tie. (XVI, 348 und