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Ausgabe:

1936 Nr. 20

Spalte:

362-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sartorius von Waltershausen, Bodo

Titel/Untertitel:

Paracelsus am Eingang der deutschen Bildungsgeschichte 1936

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 20.

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1932 die Prolegomena, aber erst sein letzter Helfer Edmund
Hauler hat das Ganze zum Druck befördern können
und zeichnet auch als der schließlich Verantwortliche
für das Erscheinen.

Und dennoch macht die neue Ausgabe einen recht
geschlossenen Eindruck. Freilich sind die Veränderungen
gegenüber der bisher noch immer vorzugsweise verwendeten
, 1871 in der Bibliotheca Teubneriana erschienenen
Ausgabe Rudolf Peipers verhältnismäßig gering.1
Sie erstrecken sich zunächst auf die Interpunktion, die
jetzt die Lektüre sehr erleichtert, besonders auch dadurch
, daß alle Nebensätze durch Kommata abgetrennt
worden sind; aber auch die übrigen Interpunktionsveränderungen
sind meist Hilfen zum schnelleren Verständnis
des Textes. Sodann ist die Rechtschreibung der
sonst üblichen angeglichen: v für u, Assimilation in Fällen
wie imm- statt inm-, ass- statt ads- u. ä., Großschreibung
der von Eigennamen abgeleiteten Adjectiva u.s.w.
Die längeren Prosaabschnitte sind übersichtlich durch
Absätze gegliedert worden. Aber auch der Text selbst
hat hier und da Änderungen erfahren, vorzugsweise
in der Richtung, daß von Peipers Konjekturen an
vielen Stellen abgegangen und der handschriftlich überlieferte
Text — besonders nach dem Parisinus — wiederhergestellt
worden ist. So bieten jetzt einige Stellen
einen offenbar genuineren Wortlaut: 7,9; 12,22;
14,1; 15,10; 16,19 (Seiten- und Zeilenzahl der neuen
Ausgabe). Indessen ist in den von mir nachgeprüften
Partien an kaum einer Stelle eine wesentliche Änderung
des Sinnes festzustellen (gegenüber der Peiperschen
Ausgabe). Selbstverständlich wird dennoch in Zukunft
jetzt nach dieser neuen Edition des Wiener Corpus
die Schrift des Boethius zu zitieren sein.

Nicht weniger als 100 Seiten nehmen die sehr ausführlichen
und dankbar zu begrüßenden Indices ein
S. 128—229): I. Initia carminum, II. Index locorum
Zitate), III. Index nominum, IV. Index rerum, V. Index
verborum et locutkmum, VI. Index grammaticus, rhetori-
cus, prosodiacus, metricus; für diese waren nur Anfänge
für die Indices IV und V von der Hand Weinbergers vorhanden
; sie sind von Ludwig Bieler bearbeitet und zu
Ende geführt worden, der auch die übrigen Indices
hinzufügte.

In den Prolegomena setzt sich der verstorbene
Hauptherausgeber mit allen wichtigen Fragen der Kritik
ziemlich erschöpfend auseinander: mit Abfassungszeit
, Quellen (sehr vorsichtig), Übersetzungen, Kommentaren
, früheren Ausgaben und vor allem mit der
handschriftlichen Überlieferung. Er gibt eine Übersicht
der bekannten Handschriften, soweit sie vor 1100 liegen,
von späteren sind nur die aufgeführt, die aus irgend
einem Grunde besondere Bedeutung haben; es sind im
ganzen 84, von denen 18 zur Textgestaltung herangezogen
sind. S. XXVII f. wird — wenn auch kurz —
auf die Verwendung des Cursus in der Consolatio eingegangen
, überall ist die große Gewissenhaftigkeit spürbar
, mit der sich Weinberger in die wissenschaftliche
Spezialliteratur vertieft und sie für seine neue Ausgabe
nutzbar zu machen gesucht hat.

Erfreulich ist die Anerkennung, die Weinberger (S.
XXVI a. 1) der schönen Übersetzung Eberhard Got-
heins zollt, deren Veröffentlichung aus seinem Nachlaß
(Verlag Die Runde, Berlin 1932) wir seiner Gattin verdanken
; sie beweist, daß das Trostbuch des Boethius
doch nicht nur rein literarische Bedeutung für uns
Heutige besitzt, wie Max Manitius (Gesch. d. lat. Liter,
des MA.s I, S. 22) behauptet, sondern auch noch
sehr lebendige Wirkung auf den Leser unserer Tage
auszuüben vermag.
Hildesheim. Hans Walt her.

1) Meine Nachprüfung erstreckt sich auf das 1. Buch. — Die amerikanische
Ausgabe der Loeb Classical Library von 1918 und die 1925
in London erschienene von Q. T. Smith haben sich bei uns neben der
Peiperschen kaum eingebürgert.

i Waltershausen, Bodo Sartorius Frh. v.: Paracelsus am Eingang
der deutschen Bildungsgeschichte. Leipzig: Felix Meiner

I 1936. (VIII, 216 S.) 8°. = Forschungen zur Geschichte der Philosophie
und der Pädagogik. H. 16. RM 8 — .
Der Verfasser zeichnet auf Grund seiner umfassenden
Belesenheit im Schrifttum des Parazelsus ein an-

| schauliches Bild von der Gedankenwelt dieses großen
„Sehnsuchtsmenschen", wie man ihn genannt hat. Wohl
kannte er m'it seiner Zeit die Unterscheidung der natür-

I liehen und der himmlischen Welt, die er noch nicht wie
später die Mystik völlig in eines setzt. Aber sein Interesse
haftet doch ganz an dem Menschen, an seinem
Wesen, seiner Stellung in der Welt, seiner Stellung zu

j Gott. Gegenüber aller scholastischen Logik und humani-

I stischen Rhetorik dringt er im Geiste des Urchristentums
auf praktische Frömmigkeit. Gegenüber der „Hoffahrt

I der Tempel, der Stände, der Universitäten" fordert er
die Ordnung des Lebens „nach der Notdurft der Christen
und nach der Notdurft des Lebens". Er war Arzt
und hielt den Aerzten seiner Zeit den Spiegel vor, daß

| sie in der Richtung solchen Dienstes ihre Kunst ausüben,
nicht des „Mauls Amt", sondern des „Herzens Amt"
verwalten sollten.

Die Anthropologie des Parazelsus wird eingehend
gezeichnet. Er teilt den Menschen auf in eine vergängliche
und in eine unvergängliche Wesensschicht. Seinem
natürlichen Wesen nach ist er aus der „Quintessenz",

| dem Grundsstoff der Welt, geschaffen durch das Wort
Gottes und von daher mit zwei Leibern, dem elementischen
und dem siderischen, mit triebhaften und mit
geistigen Antrieben begabt. So ist der Mensch Mikrokosmos
und bleibt in den vitalen Lebensvorgängen wie
Zeugung, Geburt, Krankheit, Heilung, Nährung, Wachstum
mit dem Makrokosmos verbunden. Der Mensch
ist aber nicht bloß ein Bild der Welt, sondern auch ein
Bild Gottes, als solcher ist er himmlischer Abkunft und
hat eine Seele und durch sie Unvergänglichkeit und
pneumatische Leiblichkeit.

In der Welt ist der Mensch das Zentrum aller
Dinge, der Mittelpunkt der Schöpfung und ihr Endziel
. Er bewirkt die Vollendung der Schöpfung durch
sein Leben und Schaffen, Denken und Handeln in ihr.
„In Weltgestaltung und Welterkenntnis führt der
Mensch, die letzte Kreatur, das Zentrum und Endziel
der Welt, die Schöpfung zu Ende; er ist hineingestellt in
den Schöpfungsprozeß als dessen aktives Endglied, das
die Wunder der Welt an den Tag bringen soll und das
in ihr Angelegte verwirklichen im Dienst des menschlichen
Lebens". — Zwei Lichter von Gott gegeben,
das natürliche Auge und das ewige Auge, leuchten dem
Menschen in seinem irdischen Leben. Mit dem Auge des
siderischen Leibes schaut der Mensch die Wundervveit
Gottes, und mit dem Auge des himmlischen Leibes
schaut er die Geheimnisse Gottes. „Sie beide verwandeln
gleichsam die Lebensumwelt des Menschen in das
Reich der Natur und in das Reich Gottes, in dem er erkennend
und handelnd sich bewegt."

Diese Zweipoligkeit des Menschen ist in seiner Ganzheit
aufgehoben. „Die innere Tendenz des Parazelsi-
schen Denkens geht dahin, den Dualismus in der Auffassung
des Menschen, der Wissenschaft, zuletzt Gottes
und in der Natur monistisch zu überbrücken". Damit
tritt Parazelsus an den Anfang der spiritualistisch-my-
stisch-theosophischen Richtung, die neben der reformatorischen
Haltung in den Täufern und Männern wie
Valentin Weigel, Sebastian Frank, Jakob Böhme nebenher
gelaufen ist. Allerdings ist diese mystische Haltung
bei Parazelsus noch nicht ganz einheitlich entwickelt
, sie ist nur mehr der Richtung nach in ihm angelegt
. „Parazelsus ist nicht Mystiker gewesen in dem
strengen Sinne, daß er in seinem Seelengrunde Gott erlebte
, und er hat auch nicht die Identität aller Kreaturen
in Gott ausgesprochen. Aber die innere Tendenz seines
Denkens geht doch dahin, die Dinge nicht nur rn Entsprechung
stehen, sondern zusammenfallen zu lassen".

I Daß freilich Luther in seinem Kampf gegen Kirche und

!