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Ausgabe:

1936 Nr. 18

Spalte:

327-329

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhard, Albert

Titel/Untertitel:

Urkirche und Frühkatholizismus 1936

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 18.

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Vorlage aus Edessa, bestimmt für eine um 222 n. Chr.
in Dura erbaute christliche Kapelle. Von den 15 erkennbaren
Linien sind 14 noch einigermaßen lesbar.

Der 2. Abschnitt stellt den Text her, den der 3.
dem Diatessaron zuweist. Die Berechtigung dazu tritt
klar zu Tage, wenn man den Inhalt des Bruchstücks der
arabischen, lateinischen und niederländischen Form der
Evangelienharmonie gegenüberstellt.

Das 4. Kapitel behandelt die grundlegende Frage
nach der Ursprache des tatianischen Werkes. Der neue
Fund senkt die Waage stark zugunsten der einst beinahe
allein von A. Harnack vertretenen Auffassung von
der griechischen Gestalt des anfänglichen Diatessaron.
Schade, daß Th. Zahn dazu nicht mehr Stellung nehmen
kann.

Der 5. Teil der Vorbemerkungen interpretiert unter
Heranziehung der vorhandenen Hilfsmittel den neuen
griechischen Diatessarontext und fragt nach der Gestalt
, die Tatian selbst der Perikope gegeben haben wird.
Zeile 3 wird das der eigenartigen Abkürzung TON 2TA
zugrunde liegende töv axavQay&ima dem sonst allgemein
für das Diatessaron bezeugten farblosen tavra vorgezogen
.

Dagegen erweckt gleich zu Beginn der überlieferte
Wortlaut, der Frauen der Jesus begleitenden Jünger
in seiner Nähe zeigt, K.'s Mißtrauen. Ich glaube, mit
Recht. Der Mann, dem seine Stellung zur Ehe verbot,
Lk. 2,36 die Prophetin Hanna länger als sieben Tage
(statt ebensoviel Jahre) verheiratet sein zu lassen, wird
schwerlich da von verheirateten Aposteln geredet haben,
wo er keinerlei Zwang seitens seiner Vorlagen ausgesetzt
war.

Bedauerlicherweise deutet das neugefundene Bruchi-
stück in keiner Weise an, wie die Christen geartet gewesen
sind, die sich in Dura der Evangelienharmonie
bedient haben, ob es rechtgläubige Kirchenchristen waren
oder ob sie sich, wie Tatian selber, zu irgend einer
Häresie bekannt haben. Vielleicht dürfen wir auf weitere
Funde hoffen, die die Anfänge der Kirchengeschichte
Mesopotamiens in dieser Hinsicht mehr aufhellen.
Doch soll man nicht zu unbescheiden sein. Auch das,
was wir erhalten haben, ist mehr, als vor kurzem noch
selbst Optimisten erwartet hätten.

Göttingen. W. Bauer.

Ehrhard, Albert: Urkirche und Frühkatholizismus. Bonn:
Verlag der Buchgemeinde 1935. (328 S.) gr. 8°. = Die Kathol. Kirche
im Wandel der Zeiten u. d. Völker. I. Bd. Die Kirche im Bereich
der alten Völker. 1. Teil. geb. RM 5.40.

Der Altmeister katholischer Kirchengeschichtsschreibung
A. Ehrhard beabsichtigt, in drei Bänden „Die
katholische Kirche im Wandel der Zeiten und der Völker
" darzustellen. Der erste Band soll „Die Kirche im
Bereich der alten Völker", d. h. im Osten der Griechen
und der Orientalen, im Westen der Lateiner, nämlich
der Römer und der von ihnen unterworfenen Volksstämme
in Italien, Afrika, Gallien, Spanien und Britannien
, behandeln. Er zerfällt in zwei Teile, von denen der
vorliegende erste „Urkirche und Frühkatholizismus" bis
Konstantin d. Gr. vorführt, der zweite die griechische
und lateinische Kirche auf ihrer Lebenshöhe, die Ausgänge
beider Kirchen, die byzantinische Reichskirche,
die von ihr abhängigen orthodox-slawischen Kirchen
auf dem Balkan und in Rußland, endlich die orientalischen
Nationalkirchen zum Gegenstand haben wird. Auf
diese Weise soll der Umstand zur Geltung kommen, daß
das oströmische Reich durch die germanische Völkerwanderung
nicht zerstört wurde, das griechische Kirchengebiet
also im Unterschied vom abendländischen noch
jahrhundertelang in den alten Geschichtsbedingungen
verharrte und erst durch die Einnahme Konstantinopels
durch die Türken 1453 in ihren zweiten Zeitabschnitt
eintrat, die kleinen orientalischen Nationalkirchen aber
von dem Augenblick, da sie sich von der griechischen
trennten, bis in unsere Tage überhaupt keinen als Be-

I ginn einer zweiten Lebensstufe zu deutenden Wandel
! aufweisen. Bei dieser Gliederung bietet sich die Möglichkeit
, auch „die östlichen Kirchengebiete, die bei
! der bisherigen Einteilung zu einer stiefmütterlichen Be-
, handlung verurteilt waren, zu ihrem Recht kommen zu
lassen durch die jeder von ihnen gewidmete Betrachtung
ihres eigenen Lebensganges" (S. 5 f.). Man kann sofort
hinzufügen, daß E., der vorzügliche Kenner des
| byzantinischen kirchlichen Schriftrums, auch besonders
I geeignet ist, den Kirchen des Ostens die ihnen gebüh-
] rende Darstellung zu geben. Der zweite Hauptteil soll
dann das Leben und Wirken der katholischen Kirche
innerhalb der neuen aus der germanischen Völkerwanderung
hervorgegangenen Völker des Abendlandes behandeln
, und soll wieder in zwei Hälften zerfallen, von
I denen die erste die Zeit der kirchlich-religiösen Einheit
j des Abendlandes unter der Leitung der Kirche (Mittelalter
), die zweite die Zeit seiner kirchlich-religiösen
Zerrissenheit bei wachsender Anfeindung der Kirche
(Neuzeit) darzustellen hat. Einen dritten Hauptteil „Die
katholische Kirche in der Neuen Welt und in den Mis-
j sionsgebieten" will E. einer jüngeren Kraft überlassen.

Bezüglich des vorliegenden Bandes sagt E. selbst,
I daß er sich in „engem Anschluß" an seine zwei früheren
Schriften „Urchristentum und Katholizismus" (Luzern
I 1926) und „Die Kirche der Märtyrer" (München 1932)
halte. Näherhin ist er auf den weitesten Strecken,
[ ja fast ganz, eine Wiedergabe dieser beiden Schriften,
bald mit Verkürzungen, bald mit Ergänzungen. Ich
kann daher sowohl hinsichtlich seiner Gesamthaltung,
seiner Vorzüge und seiner Schwächen, als auch wegen
verschiedener Einzelpunkte auf meine früheren Anzeigen
in dieser Ztg. (1926, Sp. 606—609 und 1933, Sp.
176—180) verweisen. Um einen besseren Abschluß zu
gewinnen, ist die letzte große Christenverfolgung unter
Diokletian und der Umschwung durch Konstantin von
den früheren Verfolgungen losgelöst und an den Schluß
des ganzen Bandes gestellt worden.

Noch mehr als früher hebt E. diesmal „den humanen Charakter des
Soldatenkaisers" Diokletian hervor, dem „die christliche Nachwelt nicht
gerecht wurde, als sie ihn zum blutigsten Christen Verfolger stempelte,
statt Galerius und seinen späteren Cäsar Maximinus Da ja als solche zu
brandmarken" (S. 290). Übrigens hat soeben M. Oelzer (in der
Festschr. f. Eberh. Vischer, Basel 1935, S. 35—44) mit erwägenswerten
Gründen den von Laktanz belasteten Galerius zu entlasten versucht.
Wenn E. S. 36 schreibt, daß „eigentlich nur noch" die Pastoralbriefe in
ihrer Echtheit bestritten seien, so ist das doch sehr „uneigentlich" zu
nehmen. S. 67 findet er dann „das frühe Auftreten der Häresie durch
I die gegebenen Verhältnisse so gebieterisch gefordert, daß das Schweigen
darüber eine starke Instanz gegen die Echtheit der Pastoralbriefe wäre."
Die Behauptung (S. 86), daß der Tod Pauli in Rom niemals geleugnet
I worden sei, trifft nicht zu (s. Ad. Bauer, Die Legende von dem Mar-
tyrum des Petrus, und Paulus in Rom, Wiener Studien 38, 1916, S.
I 270—307). S. 96 wird wieder der „autoritative Ton" des 1. Klemensbriefes
und die Gehorsamsforderung 59, 1 und 62,3 hervorgehoben,
während vor kurzem der Benediktiner F. R. van Cauwelaert (in der
! Rev. d'hist. eccl. 31, 1935, S. 267—306) den „plan de l'egalite", die
I brüderliche Gesamtverbindlichkeit, und den Unterschied zwischen dem
woxdooEadai, oder der iototoiyti unter die eigenen Priester (57,1 f)
entsprechend dem soldatischen Gehorsam (37, 1—3) und dem xoti'ijcoov
I Yivsoöai gegenüber den Ermahnungen der römischen Gemeinde bemerkenswert
nennt (s. auch B. Altaner in der Theol. Revue 35, 1936,
Nr. 2, Sp. 41—45). Beim Primatsbeweis schaltet E. aber den Cyprian
als Zeugen aus, wegen des Widerstandes, den er dem Papst Stephan I.
im Ketzertaufstreit entgegenstellte (S. 216). Das ist an sich insofern
nicht ganz schlüssig, als ja auch ein Mangel an Folgerichtigkeit vorliegen
könnte, was bei Cyprian allerdings nicht zutrifft. Doch steht E. auch
der Chapman'schen Aufstellung über die zweite Fassung von de un. 4,
die „auffallenderweise fast allgemeine Zustimmung fand", sehr kühl
gegenüber (S. 216). Darum ist auch nicht zu verstehen, wie er vorher
schreiben konnte, daß Cyprian in diesem Kapitel auf die römische Kirche
zu sprechen komme, von der doch weit und breit keine Rede ist. Auch,
! daß Cyprian „Oberbischof" oder „Obermetropolit" (in irgendwie
I rechtlichem Sinne) gewesen sei (215. 251), ist mit seinen eigenen
Aussagen und den tatsächlichen Verhältnissen nicht zu vereinbaren.
I Bei der Kirche von Alexandrien aber (S. 215) würde man gerne lesen,
i daß ihr Bischof bis ins dritte Jahrhundert hinein überhaupt der einzige
j Bischof von ganz Aegypten war und jeweils von der alexandrinischen
I Priesterschaft aus ihren Reihen erhoben und geweiht wurde. Bei Novatian