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Ausgabe:

1936 Nr. 14

Spalte:

262-264

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barth, Karl

Titel/Untertitel:

Die große Barmherzigkeit 1936

Rezensent:

Schian, Martin

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261

Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 14.

262

bis 1802. Fulda: Fuldaer Actiendruckerei 1935. (XV, 253 S.) gr. 8°.

= Quellen u. Abhandlungen z. Gesch. der Abtei u. der Diözese Fulda.

Bd. XIV. RM 5.50.

Der Verfasser dieser sauberen, quellenmäßig gut
fundierten geschichtlichen Arbeit gibt in seinem Schlußwort
(S. 249) selbst zu: „Das Bild, das wir auf Grund
der vorliegenden Arbeit vom Hochstift Fulda erhalten,
trägt, von Einzelheiten abgesehen, im wesentlichen die
.gleichen Züge, wie das der übrigen geistlichen Staaten
." Richtig ist auch die allgemeine Feststellung,
daß die geistlichen Staaten nicht hinter den kleineren
weltlichen zurückgeblieben seien. Das Bild des Fürstbischofs
selbst ist vom Verfasser nicht in glühender
Begeisterung als das eines „Helden", sondern in recht
kühler Zurückhaltung mit aller Kritik gezeichnet. Der
Hauptteil der auf archivalischen Quellen in Fulda, Marburg
und Saalmünster beruhenden Arbeit behandelt ver-
fassungs- und wirtschaftsgeschichtliche Fragen. Enne-
king zitiert dabei auch gelegentlich das Buch von Fritz
Härtung: Das Großnerzogtum Sachsen unter Karl
August 1775—1828 (1923). Dazu wäre zu bemerken,
daß in Sachsen-Weimar zumal unter der Kammerpräsidentschaft
Goethes, aber auch Jahrzehnte später, Handel
und Gewerbe, also Cameralia, durchaus im Vordergrunde
des Interesses der landesherrlichen Pflege gestanden
haben. Und in dieser Hinsicht wird auch im
Hochstifte Fulda getan, was irgend wie möglich und
erreichbar erscheint, oft ohne Rücksicht auf etwaigen
Erfolg, nur um es den Anderen gleich zu tun (vgl.
S. 96—138).

Die wenigen Seiten, auf denen die geistliche Regierung
, also Angelegenheiten der Kirche (S. 161 —187)
und die der Schule (S. 187—196) erörtert werden,
stehen gegenüber der Gesamtdarstellung durchaus im
Hintergrunde. Es erscheint doch so, als ob hier die
Möglichkeiten nicht völlig ausgeschöpft wären. Sollten
gar keine Spuren von Febronianismus hier zu finden
sein? Sollte es nicht möglich sein, in der Haltung
des Domkapitels, dessen Mitglieder einzeln und in ihrer
Gesamtheit oft in scharfem Gegensatze zum Landes-
herrn und Bischöfe standen, hier und da nationalkirchliche
Ideen festzustellen? Die Mitteilungen über den
Kantianismus an der fuldischen Universität sind recht
interessant, aber doch nicht abschließend. Ebenso ist
die Ausbreitung der Toleranzgedanken im Anschluß an
den Josephinismus und das österreichische Toleranzedikt
nur angedeutet. Hinsichtlich der Aufklärung unterscheidet
E. eine kirchliche, die er mit S. Merkle gelten
lassen will, und eine weltliche, die er ablehnt. Aber
alles dies, wie auch die Frage der Wiedervereinigung im
Glauben — in Fulda durch Petrus Böhm O. S. B. vertreten
— wird nur mit einem Worte berührt. Die Person
des letzten Fürstbischofs zeichnet sich mehr durch bürgerliche
Sauberkeit in jedem Belange als durch fürstliche
Selbständigkeit und Initiative aus. Es ist das Bild
eines pflichttreuen kaiserlichen Beamten, der sich durch
die Zeichen der Zeit nicht beirren lassen will und der
etwas eigensinnig auf dem Posten verharrt, der tatsächlich
vom Kaiser schon längst aufgegeben war. Die
eingehende Darstellung der Säkularisation (S. 225—249)
läßt Adalbert III. als einen pflichttreuen und gewissenhaften
Fürsten erscheinen, der sich mit Würde in das
Unvermeidliche fügt.
Berlin. Otto Lerche.

Leese, Prof. Lic. Dr. Kurt: Natürliche Religion und Christlicher

Glaube. Fine theologische Neuorientierung. Berlin : Juncker & Dünn-
haupt 1936. (75 S.) gr. 8°. RM 2.80.

In dem Vorwort zu dieser programmatischen theologischen
Neuorientierung', die der Verfasser teilweise
als Vortrag vor der ,Sächsischen Kirchlichen Konferenz'
ZU Chemnitz bot, erinnert er an die wahrhaft prophetischen
Worte des unvergessenen Ernst Troeltsch aus dem
Jahre 1924: „Gerade heute schlägt dem Christentum

; eine neue weltgeschichtliche Stunde. Es muß mit einem
neuen Naturbild, einem neuen sozialen Zustand und
einer tiefen inneren Wandlung der geistigen Welt sich
j neu verbinden und muß der leidenden Welt einen neuen
Frieden und eine neue Freiheit bringen ... es steht in
einer kritischen Stunde seiner Weiterbildung und hier
I sind sehr gründliche und kühne Neuerungen nötig, die
über alle bisherigen Denominationen hinausgehen."
Einen höchst beachtenswerten Beitrag dazu bieten die
anregenden Ausführungen dieser Schrift K. Leese's und
reihen sich seinen 1932 im gleichen Verlag veröffentlichten
Studien zur ,Krisis und Wende des christlichen
Geistes' an, setzen sich zugleich aber auch auseinander
j mit dem innerhalb der dialektischen Theologie (E. Brun-
| ner-K. Barth) geführten Gespräch über ,Natur und
' Gnade'. Unter dem Hinweis auf besonders charakterL-
J stische Äußerungen biblischer und außerbiblischer Na-
! turfrömmigkeit bezeichnet er als das zentrale Anliegen
seiner Schrift, „der sog. ,heidnischen' Naturmystik das
I volle Recht, auch das gute Gewissen innerhalb der
christlichen Glaubenshaltung gegenüber jahrhundertelangen
Versäumnissen der Kirche und ihrer Theologen
zu erkämpfen und zu wahren. Leib und Geschlecht,
Blut und Rasse, Trieb und Drang, Boden und Heimat,
Seele und Volk, kurz alle vitalen Mächte und Werte
haben unter den erörterten Bedingungen ihren Ort und
Stand auch in der christlichen Glaubenshaltung . . .
Sie gewinnen für die christliche Glaubenshaltung kei-
i nerlei Ausschließlichkeit, aber sie gewinnen neuen Offenbarungswert
und neue Offenbarangswürde". All diese
ernsten religiösen Probleme der Gegenwart können nicht
durch theologische Repristinationen eine Lösung finden,
sondern müssen „mit einem neuen und lebendigeren
Geist, mit einem höheren Atem des Lebens" durchdacht
werden, wie er aus der geistigen Krisis der Zeit hervorgeht
. Ist doch, nach K. Leese, „die große Gefahr
der kirchlichen und theologischen Lage der Gegenwart
unter der starken Nachwirkung der dialektischen Theo-
; logie das Festwerden und die Einklemmung im Bekenntnis
zum Bekenntnis', d. h. die konventikelhafte
Enge einer Dogmatik, die — um ein Wort des Tacitus
sinnvoll anzuwenden — ein ,Sichstürzen in die Knechtschaft
' (ruere in servitium)" darstellte.

München. R. F. Merkel.

Barth, Karl, und Eduard Thurneysen: Die große Barmherzigkeit
. Predigten. München: Chr. Kaiser 1935. (236 S.) gr. 8°.

RM 4 50.

Ein Viertelhundert Predigten, etwa je zur Hälfte
von den Verfassern beigesteuert; großenteils schon

j früher einmal gedruckt. Datum und Verf. sind bei

I jeder Predigt angegeben, nicht aber die Art des ersten
Abdrucks. Die Reihenfolge entspricht der Folge der

j Texte nach der Ordnung der biblischen Bücher, der
zeitliche Raum, über den sich die Stücke verteilen, ist

i groß; 1925—1934. Nur 5 stammen aus den Jahren nach
der nationalsozialistischen Revolution; auch in dieser

j ist die Bezugnahme auf die kirchenpolitische Lage selten
, manchmal aber recht deutlich. Das Vorwort hebt

I hervor, was auch bei raschem Einblick klar heraustritt:

j die Verf. meiden mehr und mehr jede Themapredigt,
sie streben zur reinen Auslegungspredigt hin; sie spre-

j chen di? Forderung aus, daß die Predigt der Kirche
diesen Weg immer bewußter und entschiedener gehen

j müsse. Dementsprechend fehlt jedes Thema und jede
Teilungsangabe. Manchen Predigten könnte man frei-

! lieh unschwer ein Thema geben; anderen nicht. Die
„Auslegung" wird sogar als „Ablesen" gedeutet, frei-

j lieh als ein Ablesen, das zur Anrede an den Menschen
von heut wird. Ob dieses Ablesen nicht oft ganz nahe

I an das herankommt, was früher Anwenden genannt
wurde, soll nicht erörtert werden. Der starke biblische

j Gehalt ist zweifellos charakteristisch für diese Sammlung
wie für die ganze Art der beiden Verfasser. Daß

i sie in der angedeuteten Predigtweise „von Jahr zu