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Ausgabe:

1936 Nr. 13

Spalte:

234-235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reisner, Erwin

Titel/Untertitel:

Die christliche Botschaft im Wandel der Epochen 1936

Rezensent:

Haun, Fritz

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Theologische Literaturzeitung 1936 Nr. 13.

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beit eines Berner Kirchenhistorikers. Doch mag die
Besprechung seines Zwinglibildes gerade 1936 noch besonders
am Platze sein, sind es doch nun 400 Jahre
her seit dem sich einerseits durch die Wittenberger
Konkordie und anderseits durch die Aufstellung des
1. Helvetischen Bekenntnisses Luthertum und Zwinglianismus
offiziell von einander schieden. Was wäre
geworden, wenn damals nach dem Wunsch besonders
der Straßburger, Zwinglianer und Lutheraner sich geeinigt
hätten? Wäre dann das Bild Zwingiis durch das
des Wittenberger Reformators noch mehr erhellt oder
noch mehr verdunkelt worden? Beidem geht nämlich
Guggisberg durch die Jahrhunderte nach, der Zeichnung
und Verzeichnung des Bildes des Zürcher Rer
formators. Dabei bleibt der junge Gelehrte sich bescheiden
dessen bewußt, wie subjektiv und zeitlich bedingt
das eigene Urteil selber in der Betrachtung und
Beurteilung all der Darstellungen Zwingiis ist (S. 4.
160. 197 besonders: 235). Vorsichtig schickt der Verfasser
ferner voraus, „daß es seine Aufgabe überschritten
hätte, in der gesamten theologischen, politischen,
historischen, und belletristischen Literatur nach Äußerungen
über Zwingli finden zu wollen". Man darf aber
wohl sagen, daß die überaus fleißige Zusammenstellung
wohl kaum ein wesentliches Werk über Zwingli, nach
der Bibliographie von Georg Finsler, den Nachträgen
in den ^Zwingliana", aus anderen Bibliographien und
nach eigenen Nachforschungen übergangen hat. Diese
Zusammenstellung der Urteile über Zwingli ist so
zum Überblick geworden, zu einer schauenden Erfassung
der Zwinglibild-Darstellung der verschiedenen kirchengeschichtlichen
Epochen. Für die Reformationszeit
lagen als Hülfen schon tüchtige Arbeiten, wie die
von Berchtold-Belart, Frieda Humbel, oder Farner, (vom
letzteren: Das Zwinglibild Luthers 1931) vor.

Licht und Scharten fallen damals scharf auf Zwingli
je nach der Betrachtung durch Freunde oder Gegner.
Das Zeitalter der Orthodoxie versucht vor allem Zwingli
als reinen Vertreter der lauteren Lehre hinzustellen, wird
dabei aber Zwingiis theologischem „Sondergut" nicht
gerecht. Der Pietismus konnte sich in die weiten Perspektiven
im Zwinglibild nicht recht finden. Sein Modell
war übrigens mehr Luther als Zwingli. Mit umso
größerem Eifer versuchte sich dagegen die Aufklärung
Zwingiis zu bemächtigen. Sein Humanismus entsprach
(doch man übersah dabei die großen Unterschiede!) so
recht dem Humanitätsstreben des Zeitalters. Zwingli,
der Aufklärer! Ein Höhepunkt dieser Zwingliauffassung
ist durch das Reformationsjubiläum 1819 gekennzeichnet
. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Verfasser
dann dem Zwinglibild des 19. Jahrhunderts. Die einsetzende
Fülle von Publikationen machten ihre Gruppierung
nicht leicht. Ob hier die Betrachtungsweise
unter den drei verschiedenen Gesichtspunkten der drei
Richtungen im schweizerischen Protestantismus des 19.
Jahrhunderts, eine ganz glückliche Methode des Vorgehens
ist, sei dahingestellt. Dagegen ergibt der Überblick
über die wissenschaftliche Zwingliforschung seit
1870, der nach sachlich-theologischen Rubriken erfolgt,
interessante Gesichtspunkte. Daß besonders auch die
Arbeiten von Walter Köhler eingehend gewürdigt werden
, der den humanistisch-reformatorischen Doppelcharakter
im Wesen und Werk Zwingiis herausgearbeitet
hat, war zu erwarten. Zum Schluß fügt Guggisberg
seiner reichhaltigen Schau auch das Zwinglibild der
Dichter bei. Mit Recht reicht er hier die Palme Gottfried
Kellers Zwinglibild in „Ursula". — Die Arbeit
von Guggisberg ist in flüssiger Sprache geschrieben;
der Ton ist vielleicht da und dort etwas zu lehrhaft.
Der Autor gibt auch gleich Anregung für eine ganze
Reihe weiterer Arbeiten über Zwingli (so S. 79. 86. 102.
120. 143. 181. 189. 202. 204. 221. 226.) Zu beanstanden
wäre allenfalls, daß Zwingiis „Labyrinth" seine Erstlingsschrift
genannt wird (S. 17). Das „Fabelische Gedicht
" ist wohl älter. Ob im Abendmahlsbericht Zwingli

wirklich der „bibelnähere" Ausleger vor Calvin und
Luther genannt werden darf? (S. 98) — R. Hunziker,
Jeremias Gottheit S. 52 läßt den Berner Dichter
Zwingli gegenüber fremder sein als Guggisberg es darstellt
(S. 151). A. Lang ist nicht Straßburger, son-
I dem Hallenser Historiker. (S. 219). Die Orthographie
I von Tersteegen ist verschrieben; Turrettin wird gewöhn-
j lieh als Jean-A l p h o n s e von den andern seines Na-
j mens unterschieden. (S. 95). Doch was bedeuten diese
i kleinen Auslassungen im Blick auf den erfreulichen
I Gesamteindruck, den die Arbeit von Guggisberg als
ganzes erweckt. Es war ein ausgezeichneter Gedanke
die trockene Zwinglibiographie mit all ihren Titeln
in so anschaulichen Darstellungen Blut und Leben
gewinnen zu lassen, und all die Zwinglibilder nicht nur
, nebeneinander zu reihen, sondern in so kluger und
| gegenwartsbezogener Lebendigkeit zu ordnen, zu deuten

und zu beurteilen.
I Bern. _O. E. S t r a s s e r.

Heinze, Rudolf. Die Kulturauffassung Schleiermachers nach
der „Ethik" und der „Christlichen Sitte". Gotha: Leopold Klotz 1935.
(57 S.) 8°. RM 2-.

Der Verfasser geht aus von der Behauptung Karl
Barths, Schleiermacher sei ein „christlicher Kulturtheologe
", dem „schließlich nur um der Kultur willen
am Christentum gelegen war"; er will aber nicht zu
dieser Behauptung Stellung nehmen, sondern nur zur
Vorbereitung einer solchen Stellungnahme die Kulturauffassung
SchLeiermachers untersuchen. Unter diesem
Gesichtspunkt ist das Ergebnis der Arbeit recht dürftig;
denn da H. mit Recht feststellt, daß Schleiermacher
I unter „Kultur" etwas ganz Anderes verstanden hat als
I Barth, nämlich „die Wirtschaft, die Bildung der ihr die-
j nenden menschlichen Fähigkeiten und die damit zusammenhängende
Sitte", so ist diese „Kultur"-Auffassung
Schleiermachers für die Beurteilung der Behauptung
Barths ziemlich belanglos. Trotzdem bleibt die Unter-
j suchung verdienstlich, da sie auf Grund subtiler Einzel-
[ arbeit einige Probleme gut herausstellt. Die Spannung
j zwischen philosophischer und christlicher Ethik, das Verhältnis
von Person, Staat und Menschheit zu einander,
die Bedeutung der „Nation" (als „naturhafter" Größe)
zum Staat u. s. w. — alles das wird in der Fragestellung
Schleiermachers beleuchtet; gelegentlich versucht der Verfasser
auch eigene — freilich recht skizzenhafte — Hinweise
auf die notwendige Fortführung der Probleme.
Leider ist der Stil nicht sehr erfreulich, sodaß man oft
vor Unklarheiten steht, von denen man nicht recht weiß,
ob sie nur sprachliche oder auch sachliche Ursachen
haben. Doch soll diese Feststellung den Wert des
' Heftchens nicht herabsetzen.

J Berlin-Lichterfelde. Hans Schlemmer.

Leisner, Erwin: Die Christliche Botschaft im Wandel der
* Epochen. München: Chr. Kaiser 1935. (197 S.) gr. 8°. RM 6.60.

Ein quälendes Buch. Der Verfasser wird sagen, das
soll es auch sein. Ich weiß wohl, daß Qualen Segen
J werden können, wenn sie Gottgewirkt sind. Aber in
! diesem Buch kommt das Quälende mehr aus der Vernunft
des Verfassers — als aus der Liebe Gottes.

Es steht sehr viel Wahres und Tiefes in diesem
1 Buch. R. geht aus vom Gedanken der Botschaft, die
immer ein Gespräch ist. Denn jedes Wort verlangt
einen, der es spricht und einen, der es hört. Und setzt
| mit, daß der Hörende irgendwie auch antworten will.
! Der Redende bleibt der Gleiche: Gott. Von Ewigkeit
j zu Ewigkeit. Der Hörende und Antwortgebende steht
! im Wandel der Epochen und. dadurch ist sein Hören
oder Nichthören, sein Antworten oder Nichtantworten
bestimmt. Nur da wo wirklich gehört und geantwortet
wird, ist wahre Kirche. Die Welt hört nicht und antwortet
nicht, da sie der Sünde verfallen ist. Kirche in
der Welt ist also Widersinn. „Die christliche Kirche
ist die Gemeinschaft der gläubigen Sünder, die in
| ihrer Hinwendung zu Gott die empirische Wirklichkeit