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Ausgabe:

1935

Spalte:

171-172

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fichtner, Johannes

Titel/Untertitel:

Die altorientalische Weisheit in ihrer israelitisch-jüdischen Ausprägung 1935

Rezensent:

Zimmerli, Walther Ch.

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171

Theologische Literaturzeitung; 1935 Nr. 10.

172

Fichtner, Lic. theol. Johannes: Die altorientalische Weisheit
in ihrer israelitisch-jüdischen Ausprägung. Eine Studie zur
Nationalisierung d. Weisheit in Israel. Giessen: A. Töpelmann 1933.
(VIII, 128 S.) gr. 8°. = Beih. z. Zeitschr. f. d. alttest. Wiss., 62.

RM 6.80.

Später als für andere alttestamentliche Literaturgattungen
ist für die atliche Weisheitsliteratur der enge Zusammenhang
mit dem altorientalischen Schrifttum klargeworden
. Als aber — vor allem seit der aufsehenerregenden
Entdeckung der Verwandtschaft der Proverbien
mit der ägyptischen Lehre des Amer.emope — der Bann
einmal gebrochen war, mehrten sich in rascher Folge
die Arbeiten, welche diesen Zusammenhang bis ins Einzelne
hinein klarzulegen suchten.

Der Pendelschlag auf die andere Seite konnte nicht
ausbleiben: Was ist aber bei all diesen Abhängigkeiten
und Verwandtschaften das eigentümlich Israelitische der
atlichen Weisheit? — Im Dienste dieser Aufgabe steht
Fichtners Untersuchung, die sich das Ziel steckt, unter
aufmerksamer Beobachtung des Zusammenhangs der
Weisheit Israels mit der Weisheit des alten Orients
„ihre charakteristische Entwicklung unter dem Einfluß
der jüdischen Gedankenwelt--aufzuzeigen" (2).

Naich einem einleitenden Teil, der vor allem eine Aufzählung
aller altorientalischen Weisheitsschriften mit kurzen
Einleitungs- und Literaturangaben enthält, sucht F.
in einem ersten Hauptteil (12—59) den Inhalt der Weisheitslehre
zu umreißen. In3 Kreisen läßt ersieh umschreiben
. Neben die Weisheitssätze, die als bloße Klugheitsregeln
anzusprechen sind, treten Sätze mit höherer sittlicher
Absicht: Weisheit ist Sittlichkeit, und über beide erheben
sich (fast nur in der isr. Weisheit) Sätze, welche die
weitere Gleichsetzung vollziehen: Weisheit ist Frömmigkeit
. Alle 3 Kreise stehen auch in der isr. Weisheit in eigentümlicher
Mischung nebeneinander, keiner hat die ausschließliche
Herrschaft errungen. Die spezifisch isr. Eigenart
wird freilich sichtbar in einer vergleichsweise stärkeren
„Zurückdrängung der allgemeinen Weltklugheit durch
die ethische Weisung, die auch der kultischen übergeordnet
wird" (59).

Die innere Schichtung dieser Weisheitslehre aufzuweisen
setzt sich ein 2. und 3. Teil zur Aufgabe. Ziel,
Motiv und Norm des weisen Handelns werden zunächst
(60—97) untersucht. Ziel und Motiv lassen sich eigentlich
nicht voneinander trennen: Ziel des weisen Handelns
ist der Erfolg und ebenso ist der Erfolg das Motiv zum
Handeln. Die Verlegenheit, in die F. durch die etwas
ungeschickte Trennung dieser 2 ineinanderliegenden Dinge
gerät, äußert sich darin, daß nun in dem ,Ziel des
weisen Handelns' überschriebenen Abschnitt weniger
vom Ziel als von der Berechenbarkeit des Weges zum
Ziel geredet ist, von jener aller Weisheit eigentümlichen
Weltbetrachtung, wonach alles Handeln in berechenbaren
Bahnen zum bestimmten Erfolg bezw. Mißerfolg
führt. Unbedingt fest steht für den Weisen der Satz der
Vergeltung: Guttun lohnt sich, Bösestun bestraft sich.
Erst die nachkanonische isr. Weisheit denkt dabei —
ebenso wie die ägyptische — ans Jenseits, die biblische
Weisheit erkennt darin einen Satz der innerweltlichen
Erfahrung. — In der Motivierung des weisen Handelns
vermag erst die jüngere jüdische Weisheit (nach Sirach)
die eudämonistische Haltung der älteren Zeit zu durchbrechen
. Mit vollem Recht wird F. darin eine Auswirkung
der Verbindung von Gesetz und Weisheit erkennen
. Und damit ist auch schon gesagt, in welcher Richtung
sich die Entwicklung auch in der Frage der Norm
des weisen Handelns vollzieht. Die immer eindeutigere
Normierung durch das Gesetz, die Verbindung von Gesetz
und Weisheit ist das Kennzeichen der nachbiblischen
Weisheit. In der Unterwerfung der Weisheit unter das
Gesetz vollendet sich die Nationalisierung der isr. Weisheit
. — Man hat auch immer wieder gemeint, schon in
der kanonischen Weisheit Gesetz und Gebot erwähnt zu
finden. F. weist m. E. überzeugend nach, daß eine Erwähnung
des Gesetzes abgesehen von ein paar sehr
späten Zusatz-Stellen nicht vorliegt.

Der Gottesanschauung des Weisen geht der 3. Teil
nach. Schon in den Gottesbezeichnuingen läßt sich eine
zunehmende Nationalisierung verspüren. Die Benennungen
sind aber nur Ausdruck einer inneren Wandlung.
} Zu den international gültigen Zügen des Gottesbildes,
seiner Gerechtigkeit (die in der nachkanonischen isr.
Chokma durch den Gedanken der Barmherzigkeit leise
gemildert erscheint), seiner absoluten Schöpfer- und
Regenten-Allmacht tritt mehr und mehr in der Spätzeit
der Gedanke an Gottes besonderes Handeln mit seinem
Volke Israel in Erwählung und Gesetz. Ja, es setzt sich
schließlich immer stärker die Ueberzeugung durch, daß
Gott in der Gabe des Gesetzes den Juden vor anderen
Völkern Weisheit verliehen habe. — Die — schon oben
als Endpunkt der Nationalisierung der isr. Weisheit genannte
— Verschmelzung von Weisheit und Gesetz
glaubt F. aus der Abwehr gegen Hellenismus und helle-
; nistische Weisheit, deren zersetzender Einfluß etwa in
Kohelet sichtbar wird, begreifen zu können.

Die vorliegende Arbeit, deren Inhalt in seinen Haupt-
' zügen eben skizziert worden ist, sucht in fleißiger Weise
möglichst weitschichtig das Vergleichsmaterial zusammenzutragen
, aus dem die Eigenart der isr.-jüd. Weisheit
herausgehoben werden kann. Es sind auch eine Reihe
guter Einzelbeobachtungen gemacht (etwa, daß
[ Leben ] nur als Belohnung für den recht und fromm
Handelnden, nie aber nur als Belohnung für lebens-
kluges Verhalten auftritt (64 f.), während umgekehrt ]xäi
(ni. gelabt werden) sowohl als Lohn klugen, als auch
ethischen, ja sogar religiösen Verhaltens genannt ist
j (62). Als Ganzes hat die Arbeit freilich wenig Neues
| zu sagen. Sie faßt bisher schon Bekanntes neu zusam-
j men und belegt es sorgfältig durch Einzelbeobachtun-
I gen. Das eigentliche innere Problem der „Nationalisie-
rung der Weisheit" dagegen ist m. E. gar nicht gesehen,
geschweige denn angefaßt. Internationale, „kluge" Weisheit
und nationale „gehorchende" Gesetzesfrömmigkeit
sind zwei ganz heterogene Gebilde, die sich nicht ein-
; fach einander assimilieren können mit leichten Anglei-
chungen. Entweder muß das eine der beiden Elemente
seine Eigenart opfern und infolgedessen seine Struktur
wandeln, oder aber beide treffen sich in einer Mitte und
müssen beide etwas von ihrer Eigenart verlieren. Und
das Reizvolle einer Untersuchung der „Nationalisierung
der Weisheit" wäre es, der Frage nachzugehen: Wieweit
ist nationalisierte Weisheit überhaupt noch Weisheit
? Verliert sie ganz ihre Eigenart oder bildet sich ein
neues Gebilde einer „nationalen Weisheit", die eben
dann von der landläufigen, übernationalen Weisheit, wie
| sie von F. in ihren Grundzügen richtig gezeichnet worden
ist, charakteristisch verschieden ist? Dabei genügt
es nicht, das Eindringen des Jahwenamens, der Erwäh-
lungs- und der Gesetzesvorstellung festzustellen. Mit
diesen Feststellungen ist recht eigentlich erst die Frage
j aufgeworfen: Wie verändern diese Elemente das innere
! Gefüge der Weisheitslehre? An dieser Stelle wäre der
Arbeit Neuland offen. F.s Arbeit ist Vorarbeit hiezu.
j Ihr Untertitel: ,Eine Studie zur Nationalisierung der
i Weisheit' mag diese Beschränkung rechtfertigen, wäre
I es aber nicht auch Aufgabe einer Vorarbeit, darauf hin-
' zuzeigen, wo dann die eigentliche Tiefenarbeit einzusetzen
hat?

Aarburg. W. Zimmerli.

Schubert, Hans von: Lazarus Spengler und die Reformation
in Nürnberg. Hrsg. u. eingel. v. Hajo H o lb orn. Leipzig
M. Heinsius 1934. (XXXIX, 449 S.) gr. 8°. = Quellen u. Forschungen:
z. Reformationsgeschichte (früher Stud. zur Kultur u. Gesch. der Reformation
) Hrsg. v. Verein f. Ref. Gesch. Bd. XVII. RM 28—.
Es ist eine hübsche Bemerkung des Herausgebers
dieses nachgelassenen Werkes, Hajo Holborn, die er in
seiner feinsinnigen einleitenden Charakteristik von H.v.
Schubert gelegentlich macht, daß nämlich auch eine
Form der Neugierde Motiv für die Beschäftigung mit
der Historie sein kann. Das trifft gewiß für H. v. Schu-