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Ausgabe:

1935 Nr. 9

Spalte:

164-165

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Winter, Eduard

Titel/Untertitel:

Religion und Offenbarung in der Religionsphilosophie Bernard Bolzanos 1935

Rezensent:

Jacobi, Erwin

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 9.

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der Toleranz und die Grundlegung der natürlichen Religion
, III. Religion und Geschichte. Es ist der Geist des
Erasmus der von Stufe zu Stufe über den Geist Luthers
in der Aufklärung den Sieg erringt. Das liberum arbi-
trium setzt sich dem servum arbitrium gegenüber durch.
Aber es ist wichtig zu sehen, wie die französische Aufklärung
von Bayle über Voltaire bis Rousseau an der
Überwindung der Erbsündenlehre und des Augustinismus
Pascals zu beißen hat. Es geht auch gerade in der
Religionsphilosophie der Aufklärung keineswegs um den
Primat des Intellekts, (aller Dogmenrationaiismus wird
ja bekämpft) sondern um den Primat der Moralität. Von
da aus bahnt sich der Weg zur Toleranz, zur natürlichen
Religion und zur Bibelkritik. An der Problematik der
Bibelkritik entzündet sich in erster Linie der geschichtliche
Geist der Aufklärung, den leugnen zu wollen ein
Vorurteil der Romantik war. Lessings ,Erziehung des
Menschengeschlechts' bedeute gerade eine geschichtliche
Anwendung des leibniz'schen Theodiceegedankens.

Selbstverständlich geben diese knappen und relativ
willkürlich ausgewählten Hinweise auf den Inhalt des
Buches nur einen minimalen Ausschnitt. Daß der durch
seine problemgeschichtlichen Arbeiten bekannte Autor
die Aufklärung zum Gegenstande einer umfassenden Monographie
gemacht hat, wird uns gerade darum besonders
wertvoll sein, weil trotz vieler Einzelstudien eine
gründliche Zusammenschau der Aufklärungsphilosophie
bisher gefehlt hat. Die Vorzüge dieser Arbeit bedingen
zugleich ihre Grenzen. Der perspektivische Schaupunkt
des Verfassers liegt selbst auf der Linie der Aufklärung,
so wird er der immanenten Problematik dieser Epoche
durchaus gerecht und seine Werturteile fallen trotz gelegentlicher
Kritik höchst positiv aus. Das theologische
Problem, das uns die Aufklärung heute so dringend
stellt — das als solches dem Verfasser notwendigerweise
fernliegen muß — ist das Problem des Niveaus
ihres gesamten geistigen Wollens. Bedeutet der Sieg
des Humanismus über die Reformation in der Aufklärung
, der Sieg vernünftig moralischer Bewußtheit über
die schöpferische Glaubensunbedingtheit der seelischen
Region, in der die Oberzeugung vom servum arbitrium
notwendig wird, nicht von höherer Warte aus gesehen
einen bedenklichen Verlust? Fragen dieser Art liegen
außerhalb der Sehweite und der Absicht dieses Buches.
Aber für alle Auseinandersetzung mit der Gesamterscheinung
der Aufklärung, die der Verfasser der Gegenwart
zur Selbstbesinnung dringend empfiehlt, wird diese Arbeit
als ein Standartwerk gründlichen und umfassenden
Studiums unentbehrlich sein.

Breslau. Kon r ad.

Mehl, Oscar Jon.: Goethe und der Kultus. Eine liturgische
Frucht des Goethejahres 1932. Grimmen: Verlag der Grimmer
Zeitung 1932. RM 2—.

Mehl, der uns manche feine liturgische Arbeit geschenkt
hat, setzt sich zum Goethejahr hin und forscht
der Frage nach, wie stand Goethe zum Kultus der
evangelischen Kirche. Er sagt mit Recht, man hat
Goethes Stellung zu Religion und Christentum gründlich
behandelt. Aber seine Stellung zum Kultus noch
nicht. Und nun stellt er aus einer unheimlichen Belesenheit
und Durchforschung aller Werke und Briefe
Goethes Stellung zu allen Dingen des Kultus dar.
Vom Äußerlichen anfangend bis zum Innerlichsten. Mit
Goethes Stellung zum Kirchengebäude und dem Glockengeläut
hebts an und kommt dann zu Predigt, Kirchenmusik
und den Zeremonien. Die kirchl. Handlungen
folgen, das Kreuz, Gebet und zum Schluß der Kirchgänger
Goethe. Eine historische Studie, die sehr lehrreich
ist und die Stellung eines der Größten zu seiner Kirche
behandelt. Aber überall merkt man den Ästheten, der
in seiner Weise über das Kirchentum seiner Zeit urteilt.
Mehl will eine „praktisch-theologische Studie" schreiben.
Für die Praxis ergibt sich nicht viel aus seiner Arbeit.
Denn wir können und dürfen vom Urteil Goethes nicht

das Handeln der Kirche beeinflussen lassen. Ich habe aus
dieser Schrift viel vom Menschen Goethe gelernt —
aber wenig für die Frage der Neuformung des kirchl.
Handelns. Immerhin ist es von Wert und Bedeutung
an der Hand eines Sachkundigen einmal in die Gedankenwelt
eines der Geistigsten unseres Volkes über die
Kirche und ihr Handeln eingeführt zu werden. Denn
wie Goethe urteilen viele der Geistigen. Nur viel oberflächlicher
und äußerlicher. Man hat ja oft die Frage
aufgeworfen: Was haben die Gebildeten an dem kirchlichen
Handeln auszusetzen? Ist es ihnen wirklich nur
Form oder welchen Inhalt geben sie von sich aus der
: Form? Hier ist diese Frage an Goethe gestellt und
[ von Goethe aus beantwortet. Insoweit läßt diese Schrift
auch den Praktiker aufhorchen. Weil sie — wenn man
Goethes Stellung verallgemeinern darf — in die kirchliche
Gedankenwelt der Gebildeten einführt.

Bonn- Fritz Haun.

Winter, Eduard: Religion und Offenbarung in der Religionsphilosophie
Bernard Bolzanos, dargestellt mit erstmaliger Heranziehung
d. handschriftlichen Nachlasses Bolzanos. Breslau: Müller
&Seiffert 1932. (183 S.) gr. 8°. = Breslauer Stnd. z. hist. Theologie
hrsg. v. F. H. Seppelt, F. Maier, B. Altaner, Bd. XX. RM 12—.

Bernard Bolzano, der geistige Führer der böhmisch
-katholischen Aufklärung, lebt in der Geschichte
der Philosophie weiter durch die Ausbildung der logisch
-mathematischen Methode im Denken, die ihn in
Sachen der logischen Elementarlehre zum unmittelbaren
Vorgänger von Husserls philosophischem System macht.
Das diskursiv abstrakte Denken hat B. auch auf die Religionswissenschaft
angewandt und auf dem logisch-mathematischen
Fundament bereits um sein 20. Lebensjahr
eine Religionsphilosophie und Re'.igionslehre aufgebaut
, zwecks deren Verbreitung er Priester wurde und
die er seit 1805 auf der neuerriebteten Kanzel für Religionswissenschaft
an der Universität Prag vertrat, bis
1820 in dem berühmten Bolzano-Prozeß seine Absetzung
erfolgte. Wenn die Religionsphilosophie Bolzanos schon
zu seinen Lebzeiten in geistige Vergessenheit geriet, so
erklärt sich das daraus, daß noch so scharfe begriffliche
Durchdringung von Glaube und Offenbarung allein
nicht dem Wesen von Religion und Offenbarung gerecht
zu werden vermag und daß die Zeit der protestantischen
Aufklärung, in der Bolzano aufwuchs, ihn das
; Wesen des Glaubens und der Offenbarung in ihrer Vernünftigkeit
und Menschlichkeit, statt in der übernatürlichen
Verbindung des Menschen mit Gott suchen ließ.
Gleichwohl bleiben gerade gegenüber einem ungesunden
Anschwellen romantisch-mystischer Strömungen die
Begriffsableitungen Bolzanos und sein Herausheben der
Bedeutung von Religion und Offenbarung für menschlichen
Fortschritt und Menschenliebe von dauerndem
Wert.

So ist es nicht nur im Sinne einer vollständigen Erkenntnis
Bolzanos und seines Werkes, sondern auch um

[ des Gegenstandes selbst willen aufs dankbarste zu begrüßen
, wenn Eduard Winter in dem vorliegenden

j Buch die Religionsphilosophie Bolzanos zum Gegen-

< stände einer besonderen Untersuchung gema cht hat.

I Winter ist dazu wie kein anderer berufen, hat er doch
durch seine Schriften über das positive Vernunftkriterium
(1928), über die geistige Entwicklung Anton Günthers
und seiner Schule (1931) und durch die inzwischen
erschienene Bolzanobiographie (Bernard Bolzano

, und sein Kreis 1933) sich als tiefgründigen Kenner der
geistigen Gesamtlage Österreichs um die Zeit von 1800

l bis 1850 ausgewiesen. Die Untersuchung über die Religionsphilosophie
Bolzanos ist ein vorausgenommenes
Stück der Bolzano-Biographie und zu deren Ergänzung

: notwendig heranzuziehen. Im Gegensatz zu allen bisherigen
Arbeiten über die Religionsphilosophie Bolzanos
ist Winter in der Lage, das gesamte Material zur Reli-

' gionsphilosophie Bolzanos zu verarbeiten und durch
erstmalige Heranziehung des handschriftlichen Nachlasses
mancherlei Irrtümer zu beseitigen.