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Ausgabe:

1935 Nr. 9

Spalte:

161-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassirer, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Philosophie der Aufklärung 1935

Rezensent:

Konrad, Andreas

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 9.

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Inmitten der geistigen Bewegungen jener Tage steht
die Gestalt des Descartes; sein Denken wirkt auf Spinoza
. Daneben beeinflussen ihn Descartes' Kritiker und
Weiterbildner und die Lebensphilosophie Sabundes, die
über Leone Ebreo an ihn herankam. In der geistigen
Belebung durch die Genannten wird für Spinoza das Problem
eines dynamischen Weltzusammenhanges zu einer
brennenden Frage, und in der Erstlingsschrift „Körte
Verhandeling" erscheint der Ursprung eines Systems,
das man erst dann richtig versteht, wenn man das in
ihm pulsierende dynamische Lebensgefühl erspürt. Von
hier aus gesehen, wird als der „neutrale Ort", an dem
noch viele Möglichkeiten der späteren Systemgestaltung
offen sind, eine Grundhaltung Spinozas deutlich, die ihn J
als Barockphilosophen erscheinen läßt. Wie der Ver-
fasser diese Charakteristik im einzelnen durchführt, muß
man bei ihm selber nachlesen. Dem Gesamteindruck
nach lebt hier sehr stark die positive Wertung Spinozas |
bei Schleiermacher wieder auf, ohne daß Borkowski
darauf hinwiese. Daß der spätere Spinoza in der Entwicklung
seines Systems starrer und statischer geworden
ist, deutet Borkowski verschiedentlich an.

Spinozas Bedingtheit durch die geistige Lage seiner
Zeit wird eingehend deutlich gemacht: wie er von Descartes
beeinflußt wird, und unter welchen Einflüssen er
Descartes weiterbildet. Doch kommt bei aller Abhängigkeit
vom Geist der Zeit das eigentümlich ihm Eigene
und Wesentliche zu seinem Recht, er nimmt seinen
Standort „aus Wesen und Anlage und Zeitgefühl". Damit
aber wird von Dunin Borkowski der Philosophiege-
schichte die Aufgabe gestellt, nicht in erster Linie
Systeme zu analysieren, sondern die „Geistestypen" der
großen Denker herauszuarbeiten, wie das bereits Rudolf
Eucken in seinen Lebensanschauungen der großen Denker
unternommen hatte.

So wird man dem Verfasser für sein Buch Dank
wissen und seinem Grundsatz zustimmen: „Den philosophischen
Ort jedes Philosophen zu bestimmen und
jedes Gesamtsystem aus dem individuellen Wesen dieses
philosophischen Ortes, aus den erkenntnistheoretischen
Anschauungen des Denkers und aus seinen ursprünglichsten
systematischen Entschlüssen, ihrem methodischen
Grundriß nach, nicht als fertiges Ergebnis,
so klar wie möglich abzuleiten, das sollte ein Hochziel
der Philosophiegeschichte werden. Sie wäre dann kein
Labvrinth von Irrungen mehr; schon gar nicht eine Aufzählung
nebeneinanderstehender Meinungen und Geltungen
. Sie wäre die Vorbereitungsforschung zu einer Geschichte
und Metaphysik des menschlichen Geistes."
Ein Beitrag dazu ist Borkowskis Spinozabuch.

Düsseldorf. Kurt Kessel er.

Cassirer, Ernst: Die Philosophie der Aufklärung. Tübingen:
J. C.B. Mohr 1932. (XVIII, 4SI S.) gr. 8°. = Grundriß d. pliilos.
Wissenschaft In Verbindg. m. a. hrsg. v. F. Medicus.

RM 14.50; geb. 17 — .

Aufklärung bedeutet für uns nicht nur eine Epoche
sondern zugleich eine Idee, die Philosophie der Aufklärung
nicht nur eine Summe von Denkern, sondern einen
Stil des Denkens, eine Einheit spezifischer Methoden und
Interessen, in denen die geistige Bewegung eines Zeitabschnittes
sich zur Ganzheit rundet und trotz Verschiedenheit
der Ausgangspunkte und Resultate gleichförmig
wird. Diese innere Einheit in der Mannigfaltigkeit der
Sachgebiete (Naturerkenntnis, Psychologie und Erkenntnistheorie
, Religion, Geschichte, Rechts-, Staats- und Gesellschaftslehre
und Ästhetik) überschaubar darzustellen,
hat sich C. hier zur Aufgabe gemacht. Es handelt sich
bei diesem Werk spürbar nicht nur um ein historisches
Interesse, aber auch nicht nur um das problemgeschichtliche
Interesse des Systematikers, die Fragen und Lösungen
einer Epoche in ihrer zeitlosen Bedeutung für die
sich ewig gleichbleibenden Probleme der philosophischen
Aufgabe überhaupt zu prüfen und zu werten; im Hinter- i
grund steht Hegels Idee, die Wahrheit in ihrer leben- I

digen geschichtlichen Bewegung zu fassen, sie in ihrer
historischen Konkretion zu verstehen, also Geistesgeschichte
und Problemgeschichte zu verbinden.

Um die sich auf allen Gebieten des Geistes bekundende
spezifische Denkform des Zeitalters der Aufklärung
ist es C. grundlegend zu tun. Knüpfte das 17. Jahrhundert
vor allem an die methodischen Untersuchungen
Descartes' an, um in dieser Einstellung die umfassende
Architektur der großen Systeme aufzubauen, so das
18. Jahrhundert bezeichnenderweise an Newtons ,Regu-
lae philosophandi'. Nicht der Weg von den Prinzipien
zum System, von bestimmten allgemeinen Begriffen zur
Totalität des Wirklichen wird beschritten, sondern vom
Konkreten, vom Phänomen, vom einzelnen Datum aus
wird analytisch rückläufig das Prinzip und das Gesetz
der Dinge gesucht. „Diese neue methodische Rangordnung
ist es, die dem gesamten Denken des 18. Jahrhunderts
sein Gepräge gegeben hat" (S. 9). Die ,Lop;ik
der Tatsachen' wird als ein positives Moment dem Systemgeist
der vorangegangenen Zeit bewußt kritisch entgegengesetzt
. Damit hängt aufs engste ein charakteristischer
Wandel des Vernunftbegriffes zusammen. Nicht
mehr die eingeborenen Ideen, die ewigen Wahrheiten
sind die Substanz der Vernunft, sondern Vernunft ist
Kraft des Wahrheitserwerbes, eine Tätigkeit, eine schaffende
Kraft, die alles bloß Faktische, Traditionelle,
Autoritative auflöst, um dann die ,disjecta membra' bewußt
wieder zusammenzusetzen und damit das Ganze
durchsichtig, überschaubar zu machen. Lessings berühmtes
Wort, daß der eigentliche Wert der Wahrheit weniger
in ihrem Besitz als in ihrem Erwerb zu suchen sei,
ist typisch für die gesamte Aufklärung. Die ,libido
sciendi' charakterisiert ihre Grundeinstellung. Das so
bezeichnete analytische Vernunftverfahren befreit sich
nun grundsätzlich aus der Bevormundung durch Mathematik
und Physik; es wird entsprechend auf Psychologie
, Gesellschafts- und Staatslehre angewandt. Der
Weg vom Faktum zu seinen Elementen und wiederum
von den Elementen zum durchschauten Neuaufbau des
Faktums wird nun auf dem gesamten Gebiet der Wissenschaften
beschritten.

Mag sich das Denken des 18. von dem des 17. Jahrhunderts
charakteristisch abheben, so wird doch die tiefreichende
Abhängigkeit der Aufklärung von den Philosophen
der großen Systeme keineswegs verleugnet. Der
Weg, der über die Brücke der Aufklärung von ,Discours
de la Methode' zu Kant führt, ist der Weg der Analysis.
Auf S. 28 redet C. sogar nur von einer ,Accentverschie-
bung'. Letzten Endes sind es Cartesius und Leibniz die
dem 18. Jahrhundert sein Thema gestellt haben:

„Die klassische Cartesische Form der Analysis und jene neue philosophische
Synthesis, die sich in Leibniz anbahnt, wirken hier gemeinsam
und greifen ineinander ein. Von der Logik der .klaren und deutlichen
Begriffe' führt der Weg zur Logik des .Ursprungs' und zur Logik der
Individualität weiter, — von der blollen Geometrie zur Dynamik und
zur dynamischen Naturphilosophie, vom .Mechanismus' zum .Organismus'
vom Prinzip der Indentität zu dem der Unendlichkeit, der Kontinuität
und der Harmonie. In diesem Grundgegensatz lagen die großen gedanklichen
Aufgaben beschlossen, die das Denken des 18. Jahrhunderts
zu bewältigen hatte, und die es in seiner Erkenntnislehre wie in seiner
Naturlehre in seiner Physiologie wie in seiner Staats- und Gesellschaftslehre
, in seiner Religionsphilosophie wie in seiner Aesthetik von verschiedenen
Seiten her in Angriff nimmt" (S. 47)

Trotz des Voltaireschen „Ecrasez l'infäme", trotz
der Forderung radikaler Abkehr vom Glauben durch
Holbach und Diderot findet C. die Grundeinstellung der
Aufklärung religiös bestimmt, findet er, daß ihre geistige
Problematik ,in die religiöse Problematik eingeschmolzen
ist, und daß sie von dieser letzteren ihre ständigen
und stärksten Antriebe empfängt' (S. 181). Vor
allem in den Kreisen der deutschen Aufklärungsphilosophie
handele es sich nicht um die Auflösung der Religion
, sondern um ihre transzendentale Begründung und
Vertiefung. Die Idee der Religion in der Aufklärung
wird in 3 Abschnitten abgehandelt: I. Das Dogma der
Erbsünde und das Problem der Theodicee, II. Die Idee