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Ausgabe:

1935 Nr. 8

Spalte:

143-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tellenbach, Gerd

Titel/Untertitel:

Roemischer und christlicher Reichsgedanke in der Liturgie des fruehen Mittelalters 1935

Rezensent:

Benz, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 8.

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nur wenige Spezialisten geben wird, die sich mit ihr
ernsthaft beschäftigt haben oder zu beschäftigen beabsichtigen
. So liegt der Hauptwert der Veröffentlichung
darin, daß uns mit dieser Schrift eine der ältesten und
wertvollsten Urkunden der georgischen Sprache vorgelegt
wird. Blake hatte den Text 1919 in Tiflis abgeschrieben
und später durch Collation sicher gestellt.
Da ihm, selbst in Amerika, keine georgischen Typen
zur Verfügung standen, so sah er sich gezwungen, zur
lithographischen Wiedergabe zu greifen. Bei der gewaltigen
Arbeit hatten die Herausgeber manche Mithelfer,
denen sie nun ihren Dank abstatten dürfen. Wir schlies-
sen den kurzen Hinweis ebenfalls mit einem herzlichen
Dank an die Herausgeber.
Gießen. O. Krüger.

Tel I enbach, Gerd: Römischer und christlicher Reichsgedanke
in der Liturgie des frühen Mittelalters. Heidelberg: C. Winter
1934. (71 S.) gr. 8°. = Sitzungsberichte d. Heidelberger Akad. d. Wiss.
Philos.-hist. Kl. Jahrg. 1934/35, 1. Abhandig. RM 3.60.

Das letzte Jahrzehnt hat eine Reihe wichtiger Werke
über die Entwicklung des mittelalterlichen Reichsgedankens
und seine Bedeutung für die Kirchenpolitik, die
Reichspolitik und für das Geschichtsbewußtsein des Mittelalters
gebracht. Diese Untersuchungen stützten sich
größtenteils auf die kirchen- und staatspolitischen Flugschriften
, Traktate und Abhandlungen der mittelalterlichen
Theologen und Politiker selbst, bzw. auf die ge-
schichtstheologischen Konstruktionen, wie sie der symbolistischen
Auslegung der Apokalypse zu Grunde lagen
. T. führt hier einen neuen Gesichtspunkt ein: ausgehend
von der Tatsache, daß im Sakramentar unter
den verschiedenen liturgischen Gebeten auch die sogenannten
geschichtlichen Gebete und Messen für Kaiser
und Könige, für Krieg und Heidenbekämpfung, um Frieden
und Beschiützung der christlichen Völker stehen,
faßt er die gesamte Forschung der erst seit dem vorigen
Jahrzehnt sich entwickelnden Liturgiewissenschaft
zusammen, um zu zeigen, wie in den Wandlungen dieser
historischen Gebete die Wandlung des Reichsgedankens
zum Ausdruck kommt und wie die Wandlung des Geschichtsbewußtseins
eine charakteristi he Veränderung
dieses Reichsbewußtseins des betenden corpus Christia-
num mit sich bringt. Die Ergebnisse lassen sich aus
den Textvarianten der liturgischen Schriften ablesen:
Bereits die ältesten Sakramentarien zeigen eine enge Berührung
zwischen dem römischen und dem christlichen
Reichsbewußtsein, die sich zu dem Bewußtsein der Christenheit
verstärkt, ein regnum Christi, ein populus Sanc-
tus Dei, eine Oekumene zu seih, deren Kern das römische
Reich ist. Dem entspricht, daß sich in der Liturgie die
Begriffe der Romana securitas und der devitio Christiana
verbinden, ja sogar die devotio Christiana in devotio
Romana variiert wird, ein sinnfälliges Zeugnis des Eingehens
des römischen Kulturbewußtseins in den Bestand
der christlichen Ideologie. So erhält das Imperium Ro-
manum, die securitas, pax, devotio Romana einen festen
Ort in der altkirchlichen Liturgie. Mit dem Zusammenbruch
des römischen Weltreiches und dem Auftreten
neuer Völker und Reiche tritt hier eine doppelte Wandlung
ein. Zunächst einmal verblaßt die Idee vom römischen
Universalreich. Die germanischen Staaten treten
gleichberechtigt neben das alte Reich. So wird das
„Römisch" in der Liturgie durch „Fränkisch", „Gallisch
", „Englisch" ersetzt, an Stelle des alten Reichs
erscheint das neue fränkische Reich als die heilsgeschichtlich
vorgesehene Ordnung, durch welche hindurch
sich die Aufrichtung des Gottesreiches vollenden soll.
Darüber aber vollzieht sich die Ausbildung eines christlichen
Gesamtbewußtseins der abendländischen lateinischen
Welt, die sich in dem Ersatz der Formeln wie
imperium romanum usw. durch imperium christianum,
d. h. in der Verwandlung der sozialmetäphysischenGrundbegriffe
des römischen Reiches in universale christliche
Begriffe ausprägt. Diese Wendung zu einem christlichen

Gesamtbewußtsein hängt mit der Erweiterung des Frankenreiches
zum universalen Imperium zusammen und
j spricht sich am deutlichsten in der Redaktion aus, die
Alkuin mit dem römischen Sakramentar vornahm, und
in der er anstelle der römischen oder fränkischen die
christliche Benennung für die Reichsbegriffe einführte,
als sichtbarstes Zeichen, daß erst im karolingischen Imperium
der christliche Reichsgedanke des Mittelalters
zur Herrschaft kam und von da an auf allen Gebieten
i des politischen und geistigen Lebens seine Wirksamkeit
l entfalten konnte. In der Kaiserkrönung Karls kommt
aber eine neue Verbindung des christlichen mit dem römischen
Reichsgedanken zum Ausdruck: die renovatio Ro-
mani Imperii in dem christlichen karolingischen Weltreich
. Der Hauptgedanke des römischen Imperialismus,
dessen Ziel die Unterwerfung des Barbarentums unter
die Herrschaft der Zivilisation und der Gesittung ist,
erfährt seine christliche Umbildung in den Gedanken
der Ausbreitung und Verteidigung des christlichen Glaubens
und der Unterwerfung der Heiden. Der Begriff des
Imperium Romanum wird in einem neuen Sinn lebendig.
Die Entwicklung dieses Gemeinschaftsbewußtseins zeigt
sich so in der Liturgie seit dem 10. Jahrhundert in den
Fürbitten für das christliche Heer, das in den christlichen
Heidenkrieg zieht. Aus diesem Gemeinschaftsbewußtsein
des christlichen Imperialismus heraus wurden
Slaven und Ungarn, Sarazenen und Normannen und
heidnische Kelten in Schottland und Wales bekämpft.
Auch die Funktion des Kaisers als Vogt der Kirche
hängt mit der Ausbreitung des Gemeinschaftsbewußtseins
zusammen. „Wie Rom einst den Erdkreis eroberte
und sein Mittelpunkt wurde, so hat die Kirche des
Apostelfürsten in Rom, aller Welt das Licht des Glaubens
gebracht. Deshalb empfing mit der römischen
Kirche auch ihr Vogt, der Kaiser, eine nur ihm eigene
universale Stellung in der christlichen Welt."

Als quellenmäßige Grundlage seiner Forschungen
bringt T. zunächst eine Liste der liturgischen Bücher des
VII.—XI. Jahrhunderts, eine verdienstvolle Zusammenfassung
der liturgiegeschichtlichen Forschungen der letzten
Jahrzehnte, weiter eine Sammlung der wichtigen liturgischen
Gebetstexte, in denen sich das Reichsbewußtsein
des corpus christianum in Fürbitte für Reich, Kaiser,
Heer äußert. Diesen Gebetstexten sind die Textvarianten
der einzelnen Jahrhunderte beigegeben, aus denen
man die Ersetzung, Verschiebung, Ergänzung, Streichung
der einzelnen sozialmetäphysischen Kategorien verfolgen
| kann, wobei bei den nationalen und universalen Adjek-
j tiven und Attributen nicht bloß die Texte verzeichnet
sind, die Abweichungen enthalten, sondern auch diejenigen
, die mit der zugrundegelegten Form übereinstimmen
. Beigefügt sind einige neu edierte Gebetstexte aus
1 dem Sakramentar von Gellone, ood. Paris, lat. 12048.

Die Arbeit von T. ist ein neuer Beweis für die Not-
! wendigkeit, Kirchengesehichte als Geschichte der christ-
j liehen Frömmigkeit zu schreiben und die Äußerungen
; dieser christlichen Frömmigkeit nicht nur in den Dog-
! men und Lehrstreitigkeiten, sondern in ihrer Gesamtaus-
Wirkung auf das Zeit- und Geschichtsbewußtsein und
die Lebensform und Selbstdeutung einer Epoche zu
; begreifen.

Halle a. S. Ernst Benz.

Quint, Josef: Die Oberlieferung der Deutschen Predigten
Meister Eckeharts. Textkritisch untersucht. Bonn: L. Röhrscheid
1932. (XLV, 957 S.) gr. 8°. RM 31—.

Dieser Band, der schon durch seinen Umfang in Erstaunen
setzt, ist gleichermaßen ein Zeugnis für die Arbeitskraft
wie für die entsagungsvolle Selbstbeschrän-
kung des Verfassers — aber nicht minder auch für den
: opferfreudigen Wagemut des Verlegers, der hier keines-
! wegs die Prolegomena zu einer im eigenen Verlag geplanten
neuen Ausgabe der deutschen Schriften des
großen Mystikers herausbringt. Was wir jetzt erhalten,
i ist ein ungemein inhaltreiches Quellen- und Hilfsbuch