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Ausgabe:

1935 Nr. 7

Spalte:

133-134

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaeder, Erich

Titel/Untertitel:

Glaubenslehre für Gebildete 1935

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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133

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 7.

134

Überheblichkeit, aber auch keine Verzagtheit, des Erziehers
, Erziehung im Bewußtsein der Sündenvergebung,
unbestechliche Beurteilung der menschlichen Natur und
der Wirklichkeit des Bösen, Ziel: Gestaltung eines Menschen
nach dem Bilde Gottes) und: „Die Entwicklung
der sittlichen Persönlichkeit im Luthertum" (die Ethik
des erschrockenen und des getrösteten Gewissens, der
Christusgemeinschaft und der Kampfbereitschaft). Nicht
genügend erscheint mir „Religion und Kunst", doch
besteht die Forderung, daß auch der Künstler sich
mit der Gabe des heiligen Geistes taufen lassen müsse,
sicher zu Recht. Mit völliger Zustimmung las ich „Unsere
Verantwortung in der Alkoholfrage", die mir die beste
(unwiderlegliche!) Begründung des Rufs zu völliger
Alkoholenthaltung vom Christentum her zu sein scheint,
und „Sport und christliche Ethik". Der 2. Teil enthält
endlich: „Gebet und Dienst", „Der Sonntag", „Das
Lied der Kirche, ein Erweis ihres Lebens".

Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Schaeder, Geh. Rat Prof. D. Erich: Glaubenslehre für Gebildete.
Gütersloh: C. Bertelsmann 1933. (VI, 233 S.) 8U. RM 6.50; geb. 8 - .

Es ist ein äußerst glücklicher Gedanke Erich Schae-
ders, die Aufgabe zu stellen und anzugreifen, die der
Titel seines Buches zum Ausdruck bringt: Glaubenslehre
für Gebildete. Denn ganz unbestreitbar trifft seine
Annahme im weitesten Umfang zu, daß unsere Gebildeten
von der Gesamthaltung der neueren dogmatischen
Arbeit der deutschen evangelischen Theologie entweder
überhaupt keine oder doch nur sehr mangelhafte und
unrichtige Kenntnis haben. Das ist mir selbst kürzlich
in einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Wilh. Hauer
und seiner sog. deutschen Glaubensbewegung aufs stärkste
entgegengetreten. Aber darüber hinaus! Auch der
ganze unselige Kirchenstreit hat diesen Tatbestand mit
zur Voraussetzung — in Sonderheit in der Unklarheit
über Bedeutung und Geltung des „Bekenntnisses" d. h.
in jenem Zusammenhange (sofern nicht dieser Begriff
in seiner Mehrdeutigkeit zur kirchenpolitischen Irreführung
benutzt wird): der dogmatischen Lehrformulierungen
der Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts.

Schaeder spricht in einer Einleitung nach der Dar-
leo-ung der Beweggründe seiner Arbeit über die Methode
der Glaubenslehre. Die „Ausführung" behandelt dann
in drei Kapiteln den Begriff des Glaubens, die Entstehung
des Glaubens und die Erkenntnis des Glaubens.

Die Einleitung sowie die beiden ersten Kapitel der
Ausführung lassen die Absicht und die Grundposition
Schaeders am deutlichsten hervortreten. Schaeder bezeichnet
diese jetzt mit Vorliebe als „Wort- und Glaubenstheologie
". Ja gelegentlich sagt er kurzweg: „Theologie
des Glaubens". Schon in dem bevorzugten erstgenannten
Ausdruck bekundet sich gegenüber der früher
von Schaeder vertretenen „theozentrischen Theologie"
eine viel stärkere Berücksichtigung der
subjektiven oder psychologischen Seite
der Aufgabe. Ich habe Schaeders Programm einer
„theozentrischen Theologie" mehrfach die Forderung
entgegengestellt, die evangelische Theologie müsse (sofern
nämlich ihre Aufgabe durch das Begriffspaar „theo-
zentrisch" und „anthroprozentrisch" bestimmt werden
solle) theozentrisch und anthropozentrisch zugleich sein
— anthropozentrisch im methodischen Ansatz, theozentrisch
in der Zielrichtung und Gesamtdenkweise. Schaeder
drückt jetzt das sachlich Gleiche so aus, er treibe
eine Wort- und Glaubenstheologie in engster
Verbindung der beiden Größen (S. 70
u. ö.). Daß Schaeder zu dieser Korrektur seines früheren
Standpunktes durch die Einseitigkeiten und Übertreibungen
der dialektischen Theologen, zumal Karl
Barths, veranlaßt worden ist, läßt seine Darlegung unmißverständlich
erkennen.

Im betonten Gegensatz zu den Dialektikern legt
Schaeder Gewicht darauf, daß die dogmatische Arbeit
einem doppelseitigen Tatbestand Rechnung tragen müsse.
Sie müsse nach der einen Seite hin klarstellen, daß der

Glaube das, was er ist, durch seinen Inhalt (seinen
Objektgehalt) ist, daß also der wirksame Grund des
Glaubens im göttlichen Geist und nicht in Größen des
Diesseits liegt; sie müsse aber in der anderen Richtung
auch darauf Gewicht legen, daß jener Inhalt sich seine
eigenartige Form menschlich-seelischen Lebens schaffe,
eine seelische Lebensform m'it einer bestimmten Struktur.
Und der letztgenannte Tatbestand nötige zu der genaueren
Erfassung dieser Struktur, also zu einer Aufgabe,
die nur durch „religionspsychologische" bezw. „glaubenspsychologische
" Arbeit zu leisten sei.

In der speziellen Anwendung auf die Bibel ergibt sich
von hier aus ein „Ineinander" von Besitz objektiven,
wortvermittelten Geistes und subjektiver Beurteilung
der Heiligen Schrift, das genau auf das Verfahren führt,
das ich als religionspsychologischen Zirkel bezeichne.
Schaeder umschreibt es folgendermaßen: Der Glaube
habe in seiner Wortgebundenheit die Fähigkeit und die
Aufgabe, den Kodex der Bücher des Neuen und Alten
Testamentes daraufhin zu beurteilen, ob und inwiefern
er Gottes Wort enthält; so werde also der Glaube zum
Beurteiler der Heiligen Schrift, der in innerster Gebundenheit
an das Bibelwort doch zugleich darüber befindet
, inwiefern die Bibel Autorität für den Glauben ist.

Auf dieser Höhenlage evangelisch-theologischen Denkens
sucht nun das dritte Kapitel die wichtigsten Einzelfragen
zu behandeln. Daß es daher überall klärend und
den Weg zum Glauben öffnend wirkt, wird nicht bestritten
werden können. Eine andere Frage aber ist, ob
jene Höhenlage wirklich durchweg eingehalten ist oder
ob nicht im Einzelnen zum Teil ein Rückfall in die von
Schaeder grundsätzlich abgelehnte Denkweise der früheren
Orthodoxie erfolgt. Auf diese Gefahr deutet schon
in der Terminologie die (an Julius Kaftan erinnernde)
Überschrift des dritten Kapitels hin: „Die Erkenntnis
des Glaubens". Denn dieser Begriff umschließt die Gefahr
einer intellektualistischen Denkweise, die dann als
solche — gegen die Absicht des Verfassers — sich auch
rationalistisch gestaltet. Daß diese Gefahr nicht überall
vermieden ist, scheint mir gleichfalls unbestreitbar zu
sein. In dem von Schaeder vorgetragenen Entwurf der
Christologie tritt sie besonders deutlich hervor.

Und in diesem Sachverhalt ist — aufs Ganze gesehen
— die Schranke begründet, die die volle Wirkung
des Buches begrenzen wird. Es wird doch leider nur
einem bestimmten Kreis von Gebildeten den von Schaeder
beabsichtigten Dienst leisten können, nicht oder
doch nur in geringem Umfange den von der Naturwissenschaft
herkommenden und naturwissenschaftlich interessierten
Gebildeten. Denn ihrem Intellektualismus kommt
es zu oft und zu weit entgegen, als daß es ihn durchbrechen
könnte. Aber das mindert das oben genannte Verdienst
Schaeders nicht.

Göttingen. G. Wob berm i n.

Ved d er, Dr. H.: Das alte Südwestafrika. Südwestafrikas Ge-
I schichte bis zum Tode Mahareros 1890. Nach den besten schriftl.
u. mündl. Quellen erzählt. Berlin: M. Warneck 1934. (XVI, 666 S.
u. 1 Kte.) gr. 8°. RM 10—; geb 12—.

Welche hochbedeutsame Kulturarbeit die Missionare,
vor allem die deutschen evangelischen Missionare, für
Afrika geleistet haben und noch leisten, ist bei uns leider
viel zu wenig bekannt. Sie haben den Völkern und
Stämmen Afrikas überhaupt erst ihre Schriftsprachen geschaffen
, ihr beginnendes Kulturleben aufgebaut auf gesunder
Grundlage, oft in schwerem Kampf für die Völker
gegen die weißen Kolonialherren. Auch der Verfasser
dieses Buches gehört zu diesen verdienstvollen Missio-
j naren. Und es ist erfreulich, wenn auch für uns Theologen
beschämend, daß die philosophische Fakul-
| tät in Tübingen ihn zum Doktor ernannt hat. Mir
ist schon oft begegnet, daß nichttheologische Kollegen
die Mission besser kannten und höher schätzten als
theologische. Nun könnte man diesem Buche gegenüber
vielleicht darauf sagen, daß diese Geschichte Südwestafrikas
, die hier über die ältere Zeit in diesem statt-