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Ausgabe:

1935 Nr. 7

Spalte:

131-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köberle, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Seele des Christentums 1935

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 7.

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wünschter „Urtrieb" bietet sich der „Selbstauszeugungs-
trieb" dar mit dem „Urziel": „Ich will auszeugen, was
ich im Keim schon bin." Als die fünf transitiven Triebe
erscheinen 1. der Hab- und Wehrtrieb, 2. der Leistungstrieb
, 3. der tr. Tätigkeits- und Wirkungstrieb, 4. der
Macrittrieb, 5. der Trieb nach tr. Leben. Als reflexive
Triebe treten auf 1. der Selbstwerttrieb, 2. der refl. Leistungstrieb
, 3. der refl. Tätigkeits- und Wirkungstrieb,
4. der Trieb nach refl. Macht und 5. der Trieb nach
reflexivem seelischen Leben. Diese zehn Triebe, Dauergrundlagen
für ebensovie'.e (!) praktische „Endzielungen"
der Seele, befinden sich entweder im wachen oder im
ruhenden oder im schlafenden Zustande. Da die meisten
von ihnen maßlos sind, so bedarf die Seele eines „Or- |
gans", das die Leitung und Überwachung des an sich
ungeregelten „seelischen Selbstgetriebes" übernimmt,und
hier erscheint als „verantwortlicher Mithelfer an der
rechten Selbstauszeugung" das „freitätige Ich", in dem
wir unter neuem Namen den antiken Nus oder das an- j
tike Hegemonikon wiedererkennen. Sehr reizvoll vermutlich
für den „Kenner", aber wenig überzeugend für
den Wissenschaftler sind die mit jeder einzelnen Deduktion
verbundenen Polemiken gegen inadäquate oder irrtümliche
Deutungen und abweichende Begriffsfassungen.
Ein gewisses Bedürfnis nach Fühlungnahme mit der Er-
fahrung tritt wenigstens im ersten Teil des Buches deutlich
hervor.

Im zweiten Teil, handelnd über: „die Idee der
menschlichen Seele", wird der Übergang von der Aristotelischen
zu der Platonischen Betrachtung vollzogen
und auf Grund „einer besonderen forschenden Anstren-
gütig" versucht das „Urwesen der Seele", das sowohl die
vollkommen ausgezeugte individuelle Seele als auch die
Gattungsseele repräsentiert, zu erkennen. „Zur Idee der i
menschlichen Seele gehört es, daß sie innerhalb eines
normalen Spielraumes eine menschliche Größe erreicht
hat." In ihr muß auch die menschliche „Gestalt" der i
Seele, ihre ethische, soziale und religiöse „Gestalt", so- j
wie ihr besonderer „Seelenstoff" zu idealer Darstellung
gelangen. Was den letzten Punkt anbetrifft, so kann
die Seele „fein, seidig, zart" oder auch „grob, holzig,
rauh" sein. Hier lernen wir auch die Seelenorgane näher
kennen, die „nicht Vorgänge, auch nicht zusammenfassen- i
de Namen für Vorgänge" sind, sondern „Bestandteile,
deren die Seele bedarf". Die ideale Seele hat zunächst
Wahrnehmungsorgane, mit denen sie Dinge, andere Seelen
, sich selbst und Gott wahrnimmt, weiterhin Gedächtnis
, Phantasie, Verstand und Vernunft. Zu diesen an
antike Vorbilder sich anlehnenden Vermögen treten hinzu
: ein seelisches Sprachorgan, besondere Wertfindungs-
organe, praktisch-nomologische Organe und das „freitätige
Ich". Schließlich wird der „Urtrieb" mit dem
„Subjekt des seelischen Selbstgetriebes", dem „freitätigen
Ich" und dem „nomologischen Organ" zum „Zentralorgan
der Seele" zusammengefaßt. Dem Verfasser in
die einzelnen „Bezirke der Seele" mitsamt ihren Unterbezirken
sowie seinen einzelnen Betrachtungen darüber
„in der Idee" zu folgen, müssen wir uns versagen.

Das Werk Pfänders mag für eine bestimmte Glaubensgemeinschaft
ein begrüßenswertes Lehrbuch darstellen
. Der wissenschaftliche Psychologe aber wird mit
wachsendem Erstaunen davon Kenntnis nehmen, wie hier
allen Ernstes — unter nahezu völliger Ignorierung der
bisher geleisteten empirischen Forscherarbeit — mit
längst überlebten und als untauglich befundenen Mitteln
eine „Wissenschaft" aufgebaut wird, die nur von „Kennern
" anerkannt werden kann. Er wird auch — nebenbei
gesagt — kaum Verständnis aufbringen für die
nichtachtende Art, mit der der Verfasser andern Dank-
und Forschungsrichtungen begegnet.

Güttingen. H. Schole.

-----—r

K ö b e r 1 e , Prof. Dr. Adolf: Die Seele des Christentunis. Beiträge
z. Verständnis d. Christusglaubens u. d. Christusnachfolge i. d. Gegenwart
. Berlin: Furche-Verlag 1932. (387 S.) gr. 8°.

RM 5.901 geb. 6.80.

Köberle ist in dem Aufgabenbereich, den man mit
den (mißverständlichen) Ausdrücken „Apologetik" und
„Volksmission" bezeichnet, wahrhaft groß. Er leuchtet
in die Probleme der modernen Welt hinein, formuliert
die gegenwärtigen Weltanschauungen und Lebenshaltungen
z. T. geradezu klassisch (wir in Deutschland sehen
allerdings nach dem Umschwung einiges anders!) und
gibt Entwirrung, Lösung, Klärung und Weisung vom
christlichen Glauben her. Die Seele des Christentums
ist der Seele des modernen Menschen gegenübergestellt
und zugeordnet. Der Zweck des Buches ist (S. 13):
„von allen möglichen praktischen Notlagen und Erkenntnisfragen
der Gegenwart her einhellig hinzuführen zu
der Gewißheit, daß Christus allein der rettende und sinnliche
gute gleichnis- und beispielhafte Veranschaulichung
gebende Mittelpunkt der Menschheit und alles Weltgeschehens
ist." Diesem Zweck dient auch die vorbild-
Was zu wünschen übrig bleibt, ist eine völlige Umprü-
gung der christlichen Begriffe in die Sprache der Gegenwart
. Das Buch ist hier praktisch zu werten. Die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit dem theologischen
Standpunkt Köberles kann anhand so kleiner
Aufsätze nicht erfolgen.

Der Titel ist gewählt nach einer im Buch enthaltenen
Darlegung über „Die Seele des Christentums", die Köberle
auf einer Tagung in Stuttgart dem (wie er sagt,
glanzvollen) Vortrag Martin Bubers über die Seele des
Judentums entgegenstellte. So scharf und treffend wurde
in der Kürze (außer durch Wobbermin und Heim) das
Wesen des Christentums lange nicht dargestellt. Wir
drucken die Zusammenfassung ab (S. 330): „Gott hat
gesprochen in einem, der Sohn ist, und spricht in ihm
sein lebendiges Wort in immer neuer Gegenwart durch
die Zeiten. Gott hat eine ewige Versöhnung gestiftet
und alle menschlichen Opfer durch ein reines vollkommenes
Opfer auf immer zunichte gemacht und zu Ende
gebracht. Gott hat uns die Erstlingsgaben einer neuen
Welt geschenkt und heißt uns in freudiger Erwartung
ausschauen nach einem neuen Himmel und nach einer
neuen Erde." K. betont den Zusammenhang mit
dem Jüdischen und die Überwindung des Jüdischen zugleich
. Ergänzung nach einer anderen Seite hin bringt
das Stück: „Der Messias, die Hoffnung Israels", das
als christliche Lösung der Judenfrage Mission unter
Israel (statt wilder Geiferei und statt hurerischem Nachlaufen
) aufstellt. Die beiden genannten Aufsätze stehen
im 3. Teil des Buches: „Die Botschaft des Evangeliums
an die Religio ne n", der außerdem einen
Aufsatz „Die außerchristliche Ethik als Missionsproblem
" (mit einer genialen kurzen Deutung der wichtigsten
außerchristlichen Religionen!) bringt.

Der 1. Teil hat die Überschrift: „Wege zur
christlichen Wahrheitserkenntnis" und beginnt
mit einem äußerst bedeutsamen Aufsatz: „Was ist
Wahrheit", der die erkenntnismäßige und sittliche Seite
der Wahrheitsfrage und vor allem die Beziehung beider
aufhellt und auch dem Wissen und Denken seinen
Raum innerhalb des Gott es Verhältnisses anweist. In
„Christus und die Schöpfung" wird u. a. gezeigt, daß
wir im Licht der Hingabe Jesu für die gefallene Schöpfung
auch die Natur wieder liebhaben dürfen. Recht
bekannt wurde bereits die Gegenüberstellung: „Modernes
Schicksalsforschen und christlicher Gottesglaube", — vor
den üblichen seichten Widerlegungen dadurch hervorragend
, daß die Wirklichkeit der „okkulten" Kräfte zugegeben
und von dort her zu dem stärkeren Herrn alles
Geschehens geführt wird. Das Stück „Geist, Geister und
heiliger Geist" liegt auf derselben Linie, entlarvt Weltbesessenheit
und Vergottungsstreben und verlangt, daß der
Menschengeist unter dem Kreuz Buße tue. Ferner enthält
der 1. Teil: „Die Gemeinschaft der Heiligen" und:
„Das Rätsel des Todes und seine Überwindung".

Der 2. Teil ist überschrieben: „Die Lebenskraft
des Evangeliums". In ihm interessieren besonders
zwei Aufsätze: „Reformation und Erziehung" (keine