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Ausgabe:

1935 Nr. 7

Spalte:

130-131

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfänder, Alexander

Titel/Untertitel:

Die Seele des Menschen 1935

Rezensent:

Schole, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 7.

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ohne jede Erläuterung, die Konvokationen werden dann
S. 68 ff. unter den Kirchenversammlungen behandelt;
oder er redet von dem Patronat S. 60 ff., ohne den
grundlegenden Unterschied von unserem Privat-Patro-
nate zu erwähnen, die Territorialbeschreibung der Kirche
erfolgt nur gelegentlich unter den Titeln „Erzbischöfe"
und „Bischöfe", über die so charakteristischen kirchlichen
Gerichtshöfe (S. 55) ist nicht mehr gesagt als
über die eucharistischen Gewänder (S. 44), bei der Beschreibung
der hl. Taufe (S. 45) nach dem Common
Prayer Book fehlt, was für uns das Wichtigste ist,
nämlich die Feststellung, daß da die Wiedergeburt durch
die Taufe gelehrt wird, die uns erst die Entstehung
der Puseyiten verständlich macht. Es sind auch aus
der Darstellung nicht die Risse und Sprünge im Kirchenaufbau
zu ersehen und die Absplitterungen zu begreifen,
die allerdings S. 38 auch geringgeschätzt werden. Die
Einteilung in 3 Geschichtsperioden, geistige Eigenart
der Kirche, Prayer Book und Gottesdienst, Bischöfe
und Diözese, Genieindepfarrer, Kirchenversammlungen,
staatl. Anerkennung, Eigentum und Einkünfte der Kirche
und Besoldung der Geistlichen, Anglik. Kirchengemeinschaft
und Lambethkonferenz und Beziehungen zu anderen
christlichen Kirchen ist nicht sehr konzinn, und
vom Leben der Kirche hören wir zu wenig. Das Deutsch
läßt öfter zu stark die englische Stilisierung erkennen.
Man sollte auch z. B. nicht schreiben, daß „eine anti-
dogmatische Bewegung beim Parlament um einen Nachlaß
der von der Geistlichkeit verlangten Subskriptionsbedingungen
einkam" (S. 37), oder daß gewisse Leute
eine Empfehlung der königlichen Kommission „als die
eigentliche Ursache des Streites bezichtigen" (S. 39).
Besonders interessant sind für uns, die wir uns mit der
Verfassung einer Reichskirche abplagen, die Kapitel XI
und XII mit ihrer Darlegung der imponierenden Stellung,
die Englands Erzbischöfe kraft ihrer Tradition und
Persönlichkeit innerhalb der anglikanischen Kirchengemeinschaft
(Lambethkonferenz) und des Weltprotestantismus
einnehmen, wobei allerdings die Beziehungen zu
Deutschland mit 8 Zeilen abgetan werden (S. 103). Die
Übersicht über die anglikanische Theologie der Gegenwart
zeigt Konservativismus und Modernismus in
unausgeglichenem Ringen und ein pelagianistisches Drängen
der anglikanischen Psyche auf ethisches und praktisches
Christentum, die Arbeit der Kirche von England
in den überseeischen Ländern die reiche großartige
missionarische Tätigkeit einer nicht von allzuviel Problemen
beschwerten Kirchlichkeit.

Das lebhafteste Bild kirchlicher und theologischer
Gestaltung bieten die evangelischen Kirchen der Niederlande
. 22 Mitarbeiter haben sich in Band III zusammengefunden
zur Darstellung der 8 Kirchengemeinschaften
, der Inneren und Äußeren Mission, der Jugendarbeit
und der religiösen, sozialen, politischen und ethischen
Strömungen im evangelischen Volkstum. Da ist
zunächst größte ev. Glaubensgemeinschaft die Ned.Herv.
Kerk (ca. 215 Mill.), die vom Landesherrn 1816 aus
den Trümmern der Vergangenheit geschaffene Unionskirche
auf reformierter Grundlage. Von ihr haben
sich 1834 die „Christliche Reformierte Kirche" und
1886 die „Niederdeutsehe Reformierte Kirche" getrennt
und sich als „Doleerende" 1892 zu den „Gereformeerden
Kerken in H." (600 000 Seelen) vereinigt, wobei die
mit dieser Vereinigung Unzufriedenen teils 1892 als
„Christelijk Gereformeerde Kerk" (jetzt 130 Gemeinden
), teils 1926 als Geref. Kerken in N. in hersteld
verband (jetzt 25 Gemeinden) ausschieden. Außerdem
besteht seit 1816 die nicht in der Union aufgegangene
Ev. Luthersche Kerk, die ebenfalls Freisinnige und
Rechtgläubige in sich vereinigt, j;so gut es eben geht"
(S. 61), mit 78 000 Seelen und ihre rechtgläubige Absplitterung
, die sich 1833 als Hersteld Ev. Luth. Kerk,
(12000 Seelen) konstituiert hat; ferner die „Remonstran-
tische Bruderschaft", die auf den Ausschluß aus der Kirche
durch die Synode von Dordrecht (1618/19) zurückgeht
(ca. 20 000), und die Algemeene Doopsgezinde
Societeit" (Mennoniten) mit ca. 62 000 Seelen. Die
Gründe und Ziele dieser Aufspaltung werden nun von
den verschiedensten Seiten dargestellt, besonders zurückhaltend
von der Ned. Herv. Kerk, die ja auch mit
ihren eigenen inneren Gegensätzen genug zu tun hat, und
stark aggressiv von de» Geref. Kerken, die durch ihre
Verbindung mit der polit. Führung des Landes besonders
auf Aktivismus eingestellt sind. Um eine unparteiische
Schau bemühen sich Professor Cramer in der „Geschichte
der Niederl.-Ref. Kirche" (S. 13—26) und Prof.
Brouwer in den „Strömungen innerhalb der holl. Theologie
der Gegenwart" (S. 88—101). In den geschichtlichen
Einzelheiten ist die Darstellung nicht immer zuverlässig
; die Anfänge der lutherischen Kirchenverfassung
z. B. sind nach der „Eerste kerk. ordonnance voor
de Luth. Gemeente te Amsterdam" (s. „Godgel-bijdra-
gen" von Domela Nieuwenbuis 1851) so gewesen, daß
ein aus den Geistlichen und 4 Ouderlingen oder
Gedeputeerden bestehendes „Konsistorium" (conventus
eccles.) die oberste Leitung hatte und hier der älteste
Geistliche oder der älteste Ouderling präsidierte. In
der Geschichte der Ned. Herv. Kerk kommt m. E.
der Kampf zwischen örtlicher und synodaler Autorität
zu kurz. Kuyper hat sich immer dagegen gewehrt, der
Mann der „kleinen Leute" zu sein (zu S. 95); daß man
ihn „längere Zeit Professor der Freien Universität"
gewesen (S. 46) sein läßt, ist eine sicher ungewollte
Bagatellisierung. Mitunter ist auch der deutsche Ausdruck
anfechtbar; man kann nicht von konservativ „Angehauchten
" (S. 135) bei den Gereformeerden sprechen,
die Mennonitengemeinde ist nicht „eigenmächtig" (S.
74), sondern souverän; unbeholfen wird die grundsätzliche
Ablehnung des Pazifismus in den Satz gefaßt:
„Einige Kirchen enthalten sich sogar noch der Mitgliedschaft
" (S. 169), oder von einer Missionsgesellschaft
gesagt, daß man ihre „Haltung nicht mehr schätzen
konnte" (S. 138). Eine letzte sprachliche Revision ist
nötig. Als Ganzes aber ist das Buch ein besonders eindringlicher
Lehrmeister für unsere eigenen kirchlichen
Nöte.

Berlin. August Schowa 11er.

Pfänder, Prof. Alexander: Die Seele des Menschen. Versuch einer
verstellenden Psychologie. Hailea. S.: M. Niemeyer 1933. (V11I.416S.)
gr. 8°. RM 9- ; geb. 10.80.

Der Verfasser, Professor der Philosophie an der
Universität München, gibt in diesem 416 Seiten umfassenden
Werk nicht etwa eine strukturanalytisch „verstehende
" oder nach irgendeiner erfahrungswissenschaft-
lichen Methode erarbeitete Psychologie. Das Gebotene
stellt sich vielmehr dar als eine auf scholastisch-spekulativem
Wege versuchte logizistische Weiterführung der
Aristotelischen Vermögenslehre, bei der empirische Beobachtungen
eine sehr geringe, dialektische Begrit'fsent-
wicklungen jedoch eine beherrschende Rolle spielen.
Der logisch - dogmatische (auf den ersten 212 Seiten
nicht hervortretende) Ausgangspunkt des Verfassers
liegt in der „nur für Kenner" offenbaren Wesensbestimmtheit
der „menschlichen Seele", ein „sich in
der Zeit auszeugendes" substantielles Lebewesen und
als solches Sitz der seelischen Triebe, Träger seelischer
„Organe" und Territorium verschiedener „Seelenbezirke"
zu sein. Die wesentliche Leistung des Autors besteht
nun darin, seine Ausgangsbegriffe so zu fassen, daß
jedwedes Gewünschte oder dogmatisch Geforderte durch
Begriffsanalyse als „selbstverständlich" aus ihm ableitbar
ist. (Sein Begriff des „Verstehens" wird von ihm
diesem dialektischen „Selbstverständlichmachen" gleichgesetzt
.) So beginnt er, „nachzuforschen, ob es in der
menschlichen Seele nicht einen letzten Grundtrieb, einen
Urtrieb gibt, der ihr einsichtig selbstverständlich ist
und der sich verständlicherweise gerade in die Mannigfaltigkeit
der bisher gefundenen fünf transitiven und
fünf reflexiven Triebe gliedert und ihnen zugleich ihr
nötiges Maß und ihren normalen Sinn gibt". Als ge-