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Ausgabe:

1935 Nr. 7

Spalte:

127-128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hermes, Walter

Titel/Untertitel:

Hermann Heinrich Grafe und seine Zeit 1935

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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127

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 7.

128

Von den neuen Abschnitten ist besonders bemerkenswert S. 423 i
bis 426 „Deutsche Christen", die hier im Wesentlichen und unter allzureichlicher
Anführung von Hermann Kremers (f 19. XII. 1934) dem
Evangelischen Bunde angehängt »erden: der Evangelische Bund wird |
wohl auch seinerzeit die Rechnung zu begleichen haben! Der Abschnitt I
„Kampfesscheu und Bildungsschwindel" S. 442 ff., besonders „Bildungsschwindel
der Nachkriegszeit" S. 448 ff. ist dem Referenten, der seit
fast zwei Jahrzehnten gegen den Bildungsdünkel und den Irrweg
der Volksbildungsarbeit ankämpft, aus der Seele geschrieben.

Berlin. Otto Lerche.

- |

Zinke, Dr. Karl: Zustände und Strömungen in der katholischen
Kirchengeschichtsschreibung des Aufklärungszeitalters
im deutschen Sprachgebiet. Breslauer [kath.-] theologische j
Dissertation. Teildruck. Bernau bei Berlin [Börnickerstr. 6]: Selbst- i
verl. d. Verf. 1933. (XXIV, 151 S.) 8°. RM 6.50.

Seit 1927 besitzen wir aus der Feder des kath. Theologen Emil
Clemens S c h e r e r ein auf gründlichster Einzelkenntnis ruhendes Werk
über Geschichte und Kirchengeschichte an den deutschen Universitäten,
in dem die kathol. Kirchengeschichtsschreibung bis ca. 1800 verfolgt
ist. Die vorliegende Studie von Z. führt zeitlich noch einige Jahrzehnte
weiter herab (bis c. 1830), ist aber auch für die schon von
Scherer behandelte Zeit eine wertvolle Ergänzung. Wir erhalten zuerst
einen zusammenfassenden Überblick über die kathol. Kirchengeschichtsschreibung
vor den Einwirkungen der Aufklärung; dem folgt ein Abschnitt [
über Bemühungen jener Zeit um quellenmäßige Darstellungen und Urkunden-
sammlungen besonders unter dem Einfluß der französischen Kirchengeschichtsschreibung
; die eigentümlichen Schwierigkeiten, mit denen
z. B. der Plan einer Germania Sacra damals zu kämpfen hatte, treten
deutlich heraus, ebenso auch das Prestigebedürfnis der Mönche, das sie
alle Opfer bringen ließ, die solche historischen Arbeiten erzwingen. Der
Hauptteil der Arbeit befaßt sich mit den „entschiedenen Aufklärern"
unter den kathol. Kirchenhistorikern vor und nach 1800. Man ist
erstaunt, bis zu welchem Radikalismus und zu welcher Verständnislosigkeit
für ihre eigene Konfession Männer wie der rein deistisch denkende
Peter Phil. Wolf, der Exjesuit Franz Joseph von Grossing, der Freiherr
Karl Alexander von Reichlin-Meldegg, der schließlich Protestant wurde,
fortzuschreiten vermochten. Auch Anton Theiners kirchengeschichtliche
Auffassungen treten in ein helles, freilich garnicht vorteilhaftes Licht.
Der Wert der Studie liegt in der historischen Kleinarbeit, in der sehr
fleißigen Beibringung eines sonst nicht bekannten, sehr schwer zugäng- |
liehen Einzelinaterials; es ist sehr zu begrüßen, dal! der Verf. seiner Darstellung
sehr reichlich Anmerkungen mit Zitaten aus seinen Quellen !
beigegeben hat.

Jena. Karl Heussi.

Loh mann, Ernst: Nur ein Leben. Lebenserinnerungen. Schwerin: j
F. Bahn 1933. (191 S. m. 16 Abb.) kl. 8°. kart. RM 3- ; geb. 3.75. j
Hermes, W.: Hermann Heinrich Gräfe und seine Zeit. Ein j

Lebens- und Zeitbild a. d. Anfängen d. westdeutschen Gemeinschaftsbewegung
. Mit einem Anhang der Lieder u. Gedichte Gräfes.
Witten (Ruhr): Bundes-Verlag 1933. (463 S. u. 42 Abb. a. 8 Taf.) '.
8°. geb. RM. 5.50. j

Unter dem Titel „Nur ein Leben" beschreibt der 73 jährige, durch :
seine Tätigkeit für das armenische Hilfswerk bekannte Gemeinschafts- ,
führer sein interessantes Leben. Vom Rheinland geht sein Berufsweg
Uber Halle, wo er Hilfsprediger an der Neumarktsgemeinde unter Hein- j
rieh Hoffmann ist, nach Elberfeld zur Evangelischen Gesellschaft, von |
da an die Christuskirche in Frankfurt/Main, wo ihn seine Arbeit auch
mit den „Vaganten" und aus der Bahn Geschleuderten zusammenführt. Wir
begegnen den Namen Kähler, Dammann, Schrenck, von Oertzen, Bovet,
Lepsius, hören von der Gnadauer Konferenz, Reisen zu internationalen
Jungmännertagungen, Christlichen Studentenkonferenzen. Von Frankfurt
wird er dann in die Arbeit für Armenien gerufen. Die dortigen Ver-
hältnisse werden anschaulich geschildert, ohne daß wir von der Arbeit
des „notwendigen Liebeswerkes" viel erfahren, statt dessen interessante
Erlebnisse auf den Orientreisen von Ägypten bis zum Kaukasus, Schilderungen
von Land und Leuten mit guten Bildern. Im Weltkrieg tut
der 54 jährige Dienst an der Front mit fünf Söhnen, von denen drei
Etilen, Ein letzter Teil „Mosaik" bringt kurze Erlebnisse aus der Evangelistentätigkeit
. Eine Reihe ansprechender Gedichte stehen zwischen
den einzelnen Abschnitten.

Wenn man die Empfehlung auf der Umschlagseite der Lebens- !
beschreibung Gräfes liest, die in der in manchen Gemeinschaftskreisen
üblichen Art über die evangelische Kirche spricht, so wird man beim
Lesen der Lebensbeschreibung dieses Gründers der freien evangelischen
Gemeinde Elberfeld auf das angenehmste enttäuscht. Mit großer Liebe
ist der Verfasser den Quellen des Lebens Gräfes nachgegangen, und
hat uns nicht nur ein sehr anschauliches, in fesselnder Sprache ge- !
schriebenes Lebensbild eines hochinteressanten Christen aus der Mitte ;
des vorigen Jahrhunderts geschenkt, sondern auch ein gut Stück rheinisch- !
westfälischer Kirchengeschichte erzählt, mit treffenden Schilderungen von j
Land und Leuten. Der Teutoburger Wald, aus dem G. stammt, Biele- j
feld, Duisburg, der Niederrhein, das Wuppertal, das Siegerland mit I

ihren landsmannschaftlichen, wirtschaftlichen und kirchlichen hochinteressanten
Verhältnissen erfahren eine liebevolle, im allgemeinen recht glückliche
und, soweit Berichterstatter Einzelheiten nachprüfen kann, auch
richtige Darstellung mit mancherlei Exkursen auf die wirtschaftliche und
kirchliche Entwicklung auch in außerdeutschen Ländern. Gemeinschafts-
bewegung, Evangelisation, Freikirchentum werden in den Rahmen eingespannt
, den Einwirkungen der freikirchlichen Entwicklung in Südfrankreich
, (in Lyon weilt G. eine Zeitlang) und der Schweiz auf die
freien Gemeindegriindungen in Deutschland wird nachgegangen. Interessante
Menschen aus der Erweckungsbewegung verschiedener Nationen
(besonders Darby und der Darbysmus) werden geschildert, allerdings
auch ein Gewirr von Sekten und Richtungen, durch die man sich nicht
leicht hindurchfindet, die auch wohl nur bestimmte Kreise interessieren.
Besonders ausführlich wird Entstehung und Geschichte der besonderen
Gründungen Gräfes, des „Brudervereins" (nicht zu verwechseln mit der
einige Jahre vorher gegründeten „Evangelischen Gesellschaft" in Elberfeld
) und der „Freien Evangelischen Gemeinde in Elberfeld geschildert, deren
Gründer, geistlicher und geistiger Mittelpunkt der Laie Fabrikant G. war.
Diese evangelischen Gemeinden nehmen zur Erwachsenentaufe eine
verschiedene Stellung ein. Ausführliche Wiedergaben aus Briefen, Tagebüchern
und sonstigen Niederschriften lassen uns G. als einen tief im
Bibelglauben verwurzelten Mann erkennen. Der Bonner Neutestamentier
Eduard G. war sein Sohn; mit dessen Richtung hat sich der Vater nicht
mehr auseinandersetzen können, der Sohn war 14 Jahre, als der Vater
starb. Mit Einzelheiten, stark absprechenden Urteilen über die Massenkirche
sei nicht gerechtet. Eine Reihe z.T. ganz ansprechender geistlicher
Lieder von G. bilden den Abschluß, sie sind in freikirchlichen
und Gemeinschaftskreisen beliebt, einige wenige, wie „Darf ich wiederkommen
mit der alten Schuld ?" sind auch in kirchliche Gesangbücher
aufgenommen. Ein sehr ausführliches Inhaltsverzeichnis ersetzt ein Personen
- und Sachregister, das die Brauchbarkeit des Buches noch erhöhen
würde.- Im Ganzen ein hochinteressantes Buch, das wohl eine
Lücke ausfüllt.

Halle, Saale. Wilhelm Usener.

Ekklesia. Eine Sammlung von Selbstdarstellungen der christlichen
Kirchen. Hrsg. von Friedr. S i eg m u n d-S c h u 1 tze. I: Die Britischen
Länder. l.Heft: Die Kirche von England. III: Die mitteleuropäischen
Länder. 9. Heft: Die evangel. Kirchen der Niederlande. Gotha: L.
Klotz 1934. (124 u. 176 S.) gr. 8°.

I: RM 6—; in Subskr. 4—. III: RM 8 - ; in Subskr. 5.50.

In 12 Bänden mit etwa 50 Heften soll das Gesamtwerk
erscheinen, vom 1. und 3. Band liegt je 1 Heft
vor, das „englische" als Übersetzung der bereits früher
erschienenen englischen Ausgabe, das „niederländische"
von seinen Verfassern deutsch geschrieben und vom
Herausgeber stilistisch „leicht geglättet", sachlich eine
erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1922. In I, 1
gibt der Bischof von Chichester George K. A. Bell eine
Gesamtdarstellung der Geschichte, des Gottesdienstes,
der Verfassung, des Standes und der Beziehungen der
Kirche von England und Rev. Philip Usher eine Übersicht
über die Anglikanische Theologie der Gegenwart.
Canon A. W. Davies schildert die Arbeit der Kirche von
England in überseeischen Ländern, soweit dort nicht
selbständiges Kirchentum existiert. An der wertvollen
Zusammenstellung der englischen und deutschen Literatur
über Anglikanismus haben sämtliche Mitarbeiter
ihren Anteil.

Es gibt sicherlich niemand, der eine bessere Einführung
in seine Kirche für den Engländer schreiben
könnte als Bischof Bell, der das ganze Gebiet ihrer
Ausdehnung und Arbeit wissenschaftlich und praktisch
beherrscht und ihren „komplexen" Charakter so stolz
empfindet, daß er alles, was sie kraft dieses Charakters
für die Zusammenfassung von Volks- und Kirchentum
wie für die verschiedenen Richtungen in der Kirche bedeutet
, besonders eindrucksvoll hervorbeben kann. Aber
es ist mir doch fraglich —und das gilt natürlich nicht
nur für Bell —, ob der Einheimische in einer diskussions>-
losen Darstellung auch für den Ausländer der beste
Führer durch seine Kirche ist. Er kennt zu wenig die
Fragestellung des fremden Lesers, um ihm nicht auf
der einen Seite zu viel, auf der anderen zu wenig zu
geben. Die vollkommenste deutsche Ausgabe wäre m. E.
die Verarbeitung des von englischen, holländischen usw.
Mitarbeitern dargebotenen Materials durch einen deutschen
Herausgeber. Bell spricht z. B. S. 29 von den
Puritanern oder S. 38, 48 etc. von den Konvokationen