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Ausgabe:

1935 Nr. 7

Spalte:

124-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacobs, Arsenius

Titel/Untertitel:

Die Rheinischen Kapuziner 1935

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 7.

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stus)" gegenwärtig ist. Das ist aber pneumatische Wirklichkeit
, die nichts spezifisch Altkirchliches, sondern spezifisch
Christliches ist (Luther) und gerade auf germanischem
Boden besonders intensiv erfahren wird. Zur
These von der spezifisch germanischen Eigenart individueller
Gotteserfahrung: S. 35 sagt der Verf.: „Alle
Mystik will letzthin eben sein: individuelles Erfassen
des Göttlichen in der menschlichen Seele." Wenn es
alle Mystik es will — und in der Tat will es auch die
jüdische und die arabische — dann kann nicht das spezifisch
Germanische darin bestehen. Zur These vom
Gegensatz Gotisch-Germanisch gegen Romanisch: der
Verf. nennt S. 50 die Romanik frühgermanisch. Also
handelt es sich um den Gegensatz von Frühgermanisch
und gotisch-germanisch. Was ist aber das Germanische
selbst? Zur These von der germanisch-historischen Tatsächlichkeit
: S. 54 schreibt der Verf. richtig, daß das
Ziel aller Mystik ist: das Historische durch das Mystische
zu überhöhen." Also wäre entweder die germanische
Mystik keine Mystik, oder, wenn sie doch das Historische
nichtwirklich nimmt, sondern überhöht, nicht germanisch.
Wo bleibt dann das Spezifische? Zur These von dem
Heldencharakter des germanischen Christus bei Seuse:
S. 27 schreibt der Verf. richtig, daß Seuse Christus
„nicht so sehr wie der Dichter des ,Heliand' als germanisch
-herrschend, sondern vor allem biblisch-mystisch
sehe". Also palästinensisch?

So heben die eigentlichen Resultate die aprioristii-
schen Thesen des Verf. selbst auf und man hat zwar
am Schluß etwas von der Christusanschauung Seuses,
aber nichts von ihrer germanischen Eigenart. Die Selbstwiderlegung
dieser Methode zeigt, daß man die germanischen
Elemente der deutschen Mystik überhaupt nicht
auf dem Weg solcher Aprioris erforschen kann, die
dauernd durch die Geschichte selbst widerlegt werden.
Der einzig sichere Weg ist hier die Erforschung der
Sprache. Das Beispiel des Meister Eckehart und das
Verhältnis seiner deutschen und lateinischen Schriften
zeigt, daß von dort her klar und eindeutig festgestellt
werden kann, worin die Eigenart seiner deutschen Frömmigkeitsäußerung
liegt. In der Bildhaftigkeit, der Para-
doxie, der künstlerischen Form, der Emblematik der
Sprache, in der Einfassung der mystischen Erfahrung
und des letzten Unsagbaren in die Bildsprache der ritterlichen
Minnelyrik und in der Einfassung der erfahrenen
Christusnähe in die zeitliche Gegenwärtigkeit seines Lebensraumes
und seiner Muttersprache: darin tauchen bei
Seuse die spezifisch deutschen Züge seiner Frömmigkeitsempfindung
auf, eben dadurch, daß er als Deutscher
das, was er erfahren hat, deutsch ausdrückt und in diesem
Ausdruck das Irreale und Transzendente inkarniert.
Absurd ist es dagegen, die traditionellen Vorstellungen
vom germanischen Heldenethos, an diesen armen
Mönch anzulegen, der — wie seine syrischen und koptischen
Vorbilder der Thebais — ein Kreuz mit Nägeln
auf seinem Rücken herumschleppte, um sich dauernd zu
peinigen, der sich zur Erhöhung seines Leidens scheute,
das Ungeziefer aus seinen schwärenden Wunden zu
verscheuchen, die er sich zur Ertötung seines Leibes
der Sünden beigebracht hatte, der schließlich an den Folgen
dieser Wunden starb, den Mönch, dessen ganze
brennende Frömmigkeit emporwächst aus einem steten
Sündenbewußtsein, den Mönch, dessen zärtliche und lyrische
Innigkeit und Empfindlichkeit ausgebildet und vertieft
ist durch ein Klosterieben, dessen Ethos eben nicht
ein auf die Gemeinschaft oder gar das „Volk" gerichtetes
Handeln, sondern die auf die Ertötung des eigenen
Leibes gerichtete Bußdisziplin war.

Halle a. S. Ernst Benz.

Piaget, Arthur, und Gabrielle Berthoud: Notes sur le Li vre
des martyrs de Jean Crespin. Avec la Collaboration du Seminaire
d'Histoire de la Reformation. Neuchätel: Eaculte de Theologie
de l'Universite 1930. (269 S.) 8°. Fr. 6-.

Die hier gesammelten „Notizen" gehen aus dem

1 Seminar für Reformationsgeschichte an der Universität
: Neuenburg hervor. Sie wollen keine abschließende Un-
j tersuchung über das „Buch der Märtyrer" bieten. Trotz-
j dem gewähren sie einen eindrucksvollen Blick in dieses
; eigenartige Werk. Le Livre des Martyrs wurde von dem
1 aus Arras flüchtigen Advokaten Jean Crespin, der in
Genf eine Buchdruckerei eröffnet hatte, zum erstenmal
1554 herausgegeben. In der Folge erfuhr es zahlreiche
neue und erweiterte Auflagen. Die Ausgabe von 1619
in folio umfaßt 1768 Seiten. Ein erster Teil enthält
i Nachrichten über Märtyrer verschiedenster Zeiten und
; Länder, ein zweiter eine kurze Geschichte der refor-
! mierten Kirchen in Frankreich, ein dritter und vierter
i polemische und theologische Traktate. Die erste Auf-
■ gäbe einer wissenschaftlichen Untersuchung des Wer-
i kes ist die Auffindung seiner Quellen. Die Briefe, Testa-
mente und letzten Bekenntnisse der Märtyrer zeichnen
! sich durch ihre ungewöhnliche Länge, durch ausführliche
Bibel- und Väterzitate und durch ihren gepflegten
; Stil aus. Crespin gesteht, daß er die Verhörakten bear-
i beitet hat. Leider sind die ursprünglichen Dokumente,
die Crespin benutzt hat, nicht mehr erhalten. Die Forschung
muß also von Fall zu Fall festzustellen ver-
; suchen, was wohl von den einzelnen Märtyrern vvirk-
! lieh geschrieben wurde und was spätere Überarbeitung
ist. Wie weit das möglich ist, bleibt noch eine offene
Frage. Zum Vergleich werden die Antimartyrologien
herangezogen. Am wertvollsten erscheint mir der dritte
Teil der „Notes": eine systematische Übersicht über
die Märtyrer und die von ihnen erlittenen Marter. Mir
j ist durch diese Zusammenstellung zum ersten Mal wirk-
lieh klar geworden, was es im Frankreich des 16. Jahrhunderts
bedeutet hat, bekenntnistreuer Protestant zu
sein. Die Vorgänge zeigen, daß die Kraft des Geistes
| und des Glaubens stärker ist als alle gewaltsame Ver-
i folgung.

Zürich. L. v. Muralt.

Jacobs, Dr. P. Arsenius, O. M. Cap.: Die Rheinischen Kapuziner
1611 —1725. Ein Beitrag z. Geschichte d. katholischen Reform. Münster

i. W.: Aschendorff 1933. (XXII, 163 S.) gr. 8°. = Reformationsge-

[ schichtl. Studien und Texte, begr. v. J. Grevingt, m. Unterstützung d.
Ges. d. Corpus Catholicorum hrsg. v. A. Ehrhard, H. 62. RM 8.30.
Mit Recht beanspruchen die Kapuziner in der kirchengeschichtlichen
Forschung neben den Jesuiten steigende
Beachtung: haben doch gerade die Kapuziner vielseitigen
und tiefgehenden Einfluß auf die Durchführung der
katholischen Reform, also auf die Gegenreformation
ausgeübt. Das materialreiche Buch von M. Heyret

i über den Pater Marcus d'Aviano, der bei der Entsetzung
Wiens 1683 eine so seltsame Rolle spielte — oder
doch gespielt haben soll, zeigte deutlich, daß die Kapuzinergelehrsamkeit
in unseren Tagen einen Platz an der

: Sonne anstrebt (vgl. Theol. Lit. Ztg. 1932 Nr. 9 Sp.
204 f.).

Die vorliegende ebenfalls recht materialreiche Arbeit
Jacobs' erschließt das bisher völlig unbenutzte Pro-
vinzialarchiv der Kapuziner in Ehrenbreitstein und dazu
weitere Archivmassen aus Darmstadt, Düsseldorf, Karlsruhe
, Koblenz, Rom, Speyer, Wiesbaden und Würzburg,
und verwertet dazu eine recht umfangreiche Literatur.
J. schildert in einem ersten Kapitel die kirchlichen Verhältnisse
im Arbeitsgebiet der rheinischen Kapuziner
zu Beginn ihrer Tätigkeit von Karlsruhe bis Kleve und
von Aachen bis Hannover — sodann in einem zweiten
Abschnitt das Auftreten der Patres in Nordwestdeutschland
— in diesem vorher umgrenzten Arbeitsgebiet —,
I ihre Berufung durch den Mainzer Kurfürsten und die
I Gründung des ersten Klosters in Köln sowie die Fort-
; schritte des Ordens in diesen Landen. J. schildert sodann
die Arbeitserfolge des Ordens innerhalb der Gesamtentwicklung
der Gegenreformation, insbesondre die Konversionen
, dann ihre Arbeitsmethode, ihre Missionstätigkeit
, kirchliche Versorgung, Bildungsarbeit und Schrift-
; stellerei, um abschließend innere Angelegenheiten des