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Ausgabe:

1935 Nr. 6

Spalte:

112

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmitt, Otto

Titel/Untertitel:

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte 1935

Rezensent:

Campenhausen, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 6.

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bezeichnen (S, 122); die Auffassung von Beruf als der Im letzten Teil, der praktischen Theologie, sind
Lebensaufgabe bringt, christlich gesprochen, einen be- ': viele Hinweise aus der Erfahrung des nationalsozialisti-
stimmten Ruf Gottes zum Ausdruck (S. 133). Dann aber sehen Pfarrers dankbar aufzunehmen. Verf. schlägt vor,
heißt es — in einer äußerlichen Anlehnung an Heim—: den Konfirmandenunterricht lediglich mit einer Segens-
Kirche und Theologie haben „vom Letzten her" zu feier zu beenden und den 20jährigen eine freiwillige
sprechen (S. 9, 10, 141); die evangelische Volkserzie- Abendunterweisung zuteil werden zu lassen, die nach
bung soll das Kind „für das organische Wirken inner- einem Jahre, in dem zugleich eine kirchliche Mitarbeit
halb der Nation nach dem Worte Gottes heranbilden" verlangt wird, mit der eigentlichen Konfirmation und
(S. 148); die Sendung des Evangeliums besteht darin, dem ersten Abendmahl abgeschlossen werden soll (S.
die Politik unter die letzte Wahrheit zu stellen (S.128); 145 ff.). Wenn Verf. aber etwa daran denkt, die spä

es ist ein Mangel, wenn Krieck die Ganzheitserziehung
nur völkisch und nicht religiös begründet und die Frage
offen läßt, „warum dieses Ganze über dem Teilwesen
stehen müsse" (S. 127) und die innerste Berechtigung
der völkischen Weltanschauung kann nur in der reli

tere Teilnahme am Abendmahl nur diesen entschlossenen
Kirchenchristen zu gewähren, so hätte er die Idee
der Volkskirche verlassen, der er doch gerade dienen
will. Es ist allerdings richtig, daß in der bisherigen
Form des Konfirmandenunterrichts eine Wandlung her-

giösen Haltung gegeben werden (S. 127). Es handelt ! beigeführt werden muß. Verf. tritt für die Versetzbarsich
in diesen beiden bei W. unbegründet nebeneinander- ! keit der Pfarrer ein, allerdings nur bis zu ihrem 40. Le-
stehenden Behauptungen um eine notwendige Aufeinan- bensjahre (S. 145). Er fordert den Kirchenpaß (S.148),
derbezogenheit innerhalb der christlichen ülaubensexi- die kirchliche Mitarbeit bei der Mütterschule (sehr wich-
stenz. Es geht um die Frage, die in der Dogmatik unzu- ! tig) (S. 151), das Anlegen eines Seelsorgebuches (S.167)
reichend mit dem Verhältnis der revelatio generalis zur und Führungsausweise über die Tätigkeit der Pfarrer
revelatio specialis angedeutet ist. Die große Schwierig- (S. 178) (Überorganisation!) Am wichtigsten erscheint
keit dieser Aufeinanderbeziebung darf nicht durch die I mir unter seinen praktischen Vorschlägen die Beachtung
eingeschobene Bemerkung „christlich gesprochen" oder der rassischen Zusammensetzung der Gemeinde (S. 168)
durch die organische Auffassung des Christentums ver- und eine gründliche Studienreform (S. 181ff.). Nicht
deckt oder überhaupt gar verschwiegen werden. Wir folgerichtig verfährt Verf., wenn er mehrfach gegen
sind nicht nur uns, sondern vor allem der deutschen ! die frühere Landeskirche der altpreußischen Union an-
Glaubensbewegung gegenüber gerade an diesem Punkt kämpft, weil sie den Brautkranz nicht mehr unter den
der Gottesoffenbarung in der Natur zur größten Klar- kirchlichen Schutz stellte und doch selber so wenig Ver-
heit und Genauigkeit verpflichtet. — Innerhalb des sy- ständnis für das Sittlichkeitsprinzip christlicher Korpora-
stematischen Teils nenne ich neben den ungenauen Be- i tionen aufbringt, das er als „Krückenmoiral" bezeichnet
Stimmungen des Evangeliums (S. 142), der Beziehung , (S. 130). Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen,
des Gesetzes zum Evangelium (S. 137) und des Chri- i daß manche Angaben über die Geschichte der Deutschen,
stus (S. 104, 108) noch zwei besondere Einwände: ' Christen und der Deutschen Evangelischen Kirche nicht
1. Kierkegaard wird oft erwähnt, aber innerlich nicht mehr zutreffen (S. 30 ff., 113, 174 ff.). Das Buch ist
angeeignet. So steht die Auffassung des Sündenfalls als : geschrieben noch bevor Ludwig Müller Reichsbischof
eines Ereignisses der Vergangenheit direkt im Wider- war, also vor September 1933. —

spruch zu dem in diesem Zusammenhang erwähnten Diese Besprechung zeigt, daß bei einer Deutschen

Kierkegaard. Im „Begriff der Angst" (Ausgabe Die- I Theologie viele Fragen der Lösung entgegenharren,
derichs, bes. S. 20 ff.) wendet sich dieser mit den stärk- Trotz der Einwände gegen den vorliegenden Versuch
sten Argumenten gegen eine sukzessive Auffassung des sei dieses Buch recht vielen zur Durcharbeitung und
Sündenfalls, wie sie von W. vorgetragen wird (S. 94, Auseinandersetzung empfohlen. Denn in der Hauptsache,
120), zugunsten des qualitativen Sprungs im Augen- in der charakterlichen Entscheidung für Christus und
blick. 2. Bei den Ausführungen über die Rechtfertigung Deutschland, ist es vorbildlich.

wird wieder wie bei dem bereits erwähnten Doppelver- j Leipzig. H. E. Eisen hu th.

hältnis der Offenbarung nur eine Seite betont. Der

Kampf gegen falsche Konsequenzen der dialektischen , Schmitt, Otto: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte.

Theologie hat W. dazu verleitet, echt christliche Bezie- | Liefg. 2-4. Stuttgart j B Metzler

hungen ihrer Spannung ZU berauben. Er betont zwar mit I Dje großen Erwartungen,' die die erste Lieferung des Reallexikons
Recht, daß die Rechtfertigung nur in einem glaubens- | zur deutschen Kunstgeschichte erweckte (vgl. Sp. 61 f. dieser Ztschr. 1934),
vollen Kampferfahren werden kann (S. 121). Aber Verf. j haben die folgenden Lieferungen im vollen Umfang entsprochen, und
vergißt das „forensische Urteil" innerhalb dieses tat- I neben den Artikeln von allgemein kunstgeschichtlicher Bedeutung und
vollen Kämpfens. Für ihn besteht die Rechtfertigung | z. T. erheblichen Umfang (z. B. Guido Schoenbergers interessanten Aus-
immer da, „wo wir uns aus dem Glauben heraus für j führungen über die „Alalasterpiastik" Sp. 294-323) sind auch die im
Gott entscheiden, aber stets aus der inneren Spannung 1 enseren Sinne kirchen- und uturgiegeschichthch wichtigen Stoffe wieder
hprui« zur Tat vnrrlrincrf n «f>1hs+ wpnn Hips- Tat f»rwas mcht zu kurz gekommen. Vgl. Agnus Uei, Allegorie, Allerheiligen, Al-
neraus zur l at yomringen, selbst wenn dies, lat etwas m Almosenstock usw . . Ausführlich werden „Adam und Eva-
gewagtes ist, das Sich theo logisch nicht rest.OS verant- (LeQnie Re Sp. 126-156) sowie „Adam-Christus" (Oswald Erich
Worten laße" (S. 125). Verf. kann allerdings dieses Urteil j Sp. i57_167) behandelt; man vermißt höchstens einen Hinweis auf
Gottes, das auch bei der kämpferischen Haltung in Bezug i das Verhältnis Gottvaters und Christi, in den Paradiesesdarstellungen,
auf die Vergangenheit etwas Zukommendes ist, weglassen, ; das aber wohl der „Schöpfungsgeschichte" vorbehalten bleiben soll,
da er Gott mit dem Lebensprozeß des Universums ver- Der „Altar" und die verwandten Artikel füllen fast die ganze vierte
gleicht und die Sünde als einen organischen Mangel be- ! Lieferung aus. Doch darf hier zu den sonst vortrefflichen Darlegungen
zeichnet (S.124L). In die Ganzheit kann der Mensch durch ! Jos. Brauns bemerkt werden, das seine korrekt katholische Auffassung

bewußte Entschließung zurückkommen, schließlich auch ; v°" d5 Bed'ut?n**?* hXl™'ZT^t.Z^^^^
:„ a„„ r- u • • a1 :„ a:„ \ j. i j u -j„ von der protestantisch bestimmten Forschung nicht geteilt wird. End-
in das Geheimnis und m die Mystik von denen beiden, j ljch gej Pwähnt daß Artikel wie Adler, Affe Ähre usw. jeweils auch die
Wie W behauptet, der Glaube lebt (S. lo3). Die Wieder- : symboiische Bedeutung des betreffenden Gegenstands anführen und
herstellung des Organischen ist aber nicht gleich- j gegebenenfalls auch die Heiligen aufzählen, die ihn als Atribut haben,
bedeutend mit der Rechtfertigung im Glauben, die eine i So dient das Reallexikon in bescheidenem Umfang auch als Heiligen-
Überwindung des anklagenden Gewissens und des durch 1 lexikon zur ikonographischen Identifikation.
keine gute Tat zu überwindenden Schuldbewußtseins ist. I Göttingen._H. v. Campenhausen.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 30. März 1935.

Verantwortlich: Prof. D.W.Bauer in Göttingen, Düstere Eichenweg 14; für den Anzeigenteil: C. Kunze, Leipzig.
Verlag der J. C. Hinri ch s'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.