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Ausgabe:

1935 Nr. 6

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baynes, Charlotte A.

Titel/Untertitel:

A Coptic Gnostic treatise contained in the Codex Brucianus (Bruce Ms. 96. Bod. Lib. Oxford) 1935

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 6.

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Geschichtsdeutungen schon in der heiligen Schrift). Eines
bleibt allerdings immer zu beachten: „In der allerstreng-
sten Hingabe an das Studium der heiligen Schrift wird
auch die Theologie ihre erste und vornehmste Aufgabe
erblicken" (Quervain). Bleiben wir im Gespräch
mit dem Verfasser: 1. Christen handeln in der Erkenntnis
des Augenblicks, in Erkenntnis der Gegenwart, die
Gunst der Stunde, den Kairos, erkennend, 2. Wie kommt
es denn zu solcher Erkenntnis des Augenblicks? Nicht
anders als durch die Predigt des Evangeliums und durch
die Erleuchtung des heiligen Geistes, 3. Diese Erkenntnis
(des heiligen Geistes) hat mit den Aussagen des
Zeitgeistes nichts zu tun. Der Zeitgeist will den Augenblick
auch erkennen, wie das Beispiel von Nicodemus
sagt. Nicodemus ist ein Deuter der Zeit; er versteht
aber die Zeit, er versteht aber den Augenblick nicht,
weil dieser Augenblick von Jesus Christus als dem
Herrn bestimmt wird. Es gibt fromme und unfromme
Deutungen der Geschichte, religiöse und heidnische Weltweisheit
" (S. 85). Quervain bemüht sich also um
eine von Jesus Christus als dem Herrn der Zeit bestimmte
Deutung des „Augenblicks", der „Stunde" des
„Kairos" und verzichtet damit auf ein unter der Schrift
stehendes Verständnis der Geschichte, das immer wieder
gewagt sein will. Wer Geschichte als Geschichte wirklich
ernst nimmt (nicht nur als Ort der Entscheidung,
sondern auch als Ort, in dem über uns entschieden
wird, als Herrschaft irdischer und dämonischer Mächte,
auch als verborgene Wirklichkeit Gottes), wird über
die Frage des „Augenblicks", der „Stunde" und des
„Kairos" hinausgedrängt. Auch die einfache grundsätzliche
Gegenüberstellung von Zeitgeist und Gottes Geist
genügt dann nicht mehr, denn diese Verschiedenheit
ist (biblisch gesprochen) nicht eindeutig: Es gibt Ereignisse
und Stunden, an denen weder Zeitgeist noch
heiliger Geist vorbeisehen können; man muß sie deuten
und das Wagnis der Deutung auf sich nehmen (Jon.
3,2). Auch wenn man an ihnen vorübergeht „als sei
nichts geschehen", hat man sie schon in einem bestimmten
Sinn gedeutet (oder mißdeutet). In solchen
Fällen handelt es sich um die Verschiedenheit der Deutung
durch Zeitgeist und Gottes Geist. Gottes Geist
und Zeitgeist können sich aber auch dadurch widersprechen
, daß der Zeitgeist Gottes „Kairos" nicht erkennt
und durch seine Urteile und Forderungen in Widerspruch
gerät mit Gottes Geist (Joh. 2,4; 7,6; 7,10).
Die Stunde der Menschen braucht nicht die Stunde
Gottes zu sein. Die Verschiedenheit von Zeitgeist und
Heiligem Geist ist also nicht eindeutig, weil Geschichte
als Geschichte nicht eindeutig ist. Über die biblische
Auffassung der „Stunde" Gottes (bezw. des Christus)
fehlt uns noch eine gründliche Untersuchung. Gibt
es nicht auch ein Fortschreiten Gottes in der Geschichte
? (Ich meine ein Fortschreiten, nicht einen Fortschritt
, ein „dem Heil näher kommen", das nicht
Berechnung, aber auch nicht Selbstverständlichkeit, sondern
Gehorsam ist (Rom. 13, IIb). Zum Hören auf das
Wort Gottes gehört auch ein Verständnis der eigenen
Situation. Die Offenbarung ist im Sohn abgeschlossen
und erfüllt, nicht aber die Erkenntnis. Erkenntnis wird
„neu" und „wiedergewonnen". Diese Fragen und Randbemerkungen
zu Quervains biblischer Meditation (es
gibt gegenwärtig eine biblische Meditation „über" den
Text und eine biblische Exegese „aus" dem Text
„h e r a u s", vergleiche etwa A11 h a u s' Erklärung des
Römerbriefes 1933 mit Quervain) sollen nicht die
von dem Verfasser herausgestellte Notwendigkeit verdunkeln
, daß Gottes Wort Ausgangspunkt und Richtschnur
bleiben muß für eine rechte Beurteilung und
Wertung unserer Situation; aber nur dann, wenn wir
Geschichte wirklich als Geschichte ernst nehmen und
unter Gottes Wort stellen, kann die von Quervain bekämpfte
theologische Geschichtsphilosophie wirklich
überwunden werden.

Halle a. S., z. Zt. Lüdenscheid. O. Michel.

B a y n e s, Charlotte A.: A Coptic Gnostic Treatise. Contained
in the Codex Brucianus [Bruce MS. 96. Bod. Lib. Oxford]. A Translation
from the Coptic: Transcript and Commentary. Cambridge:
University Press 1933. (XXVII, 115 Taf. u. 229 S.) gr. 8°. 30 sh.

Der Codex Brucianus Nr. 96 ist der gelehrten Welt
; und vor allem der deutschen Öffentlichkeit wirklich er-
i schlössen worden erst durch die grundlegende Arbeit
von Carl Schmidt: Gnostische Schriften in koptischer
Sprache aus dem Codex Brucianus herausgegeben, übersetzt
und bearbeitet 1892 (= Texte und Untersuchungen
VIII 1. 2). Schmidt hat auch bereits erkannt und dargetan
, daß der Codex von einigen Bruchs-tücken abgesehen
Blätter von zwei selbständigen Werken enthielte.
Das erste derselben hatte er als die beiden Bücher des
, Jeu bezeichnet, dem anderen keinen Namen gegeben,
I wie es denn auch in der von ihm besorgten Ausgabe'
; der „Koptisch-gnostischen Schriften" I 1905 im Rah-
I men der „Griech. christl. Schriftsteller der ersten drei
Jahrhunderte" als „Unbekanntes altgnostisches Werk"
1 erscheint.

Diesem nicht näher zu bezeichnenden Buche hat
i Ch. A. Baynes ihre Arbeit gewidmet. Sie spricht von
I a Coptic Gnostic Treatise. Nach der Vorrede, die sich
zu dem beherzigenswerten Grundsatz bekennt, man müsse
, um die Gnosis zu verstehen, von deren eigenen
Schriften ausgehen statt von denen ihrer — oft beschränkten
und im Widerspruch befangenen — Geg-
j ner, wendet sich die Verf. einer kurzen Einleitung zu.
Diese berichtet von der Handschrift, ihrer Erwerbung
und Erforschung, beschreibt sie sodann und entwickelt
die Grundsätze, nach denen das neue Buch gestaltet ist.

Das Fundament, auf dem die Verf. baut, ist verständigerweise
das bahnbrechende und weithin schon abschließende
Werk von C. Schmidt. Einer der wichtigsten
Punkte, an dem sie abweicht, betrifft die Anordnung
, insofern als sie die fünf Blätter des Codex, die
i bei jenem den Schluß bilden, an den Anfang versetzt.
J Die Darbietung des Textes erfolgt in der Weise, daß
; die linke Seite von der bildlichen Wiedergabe der Hand-
i schrift eingenommen wird, während die Seite rechts da-
| neben eine Abschrift enthält, die mögliche Wiederher-
1 Stellungen und Verbesserungen — auch hierbei ist B.

ihren Vorgängern dankbar verpflichtet, ohne auf eigene
! Versuche zu verzichten — mitberücksichtigt. Die Repro-
; duktion bestätigt, was man über die schlechte Erhaltung
des Codex schon früher vernommen hatte. Aber wir
[ erhalten wenigstens die tröstliche Versicherung, daß
einem weiteren Verfall mit Erfolg Einhalt geboten sei.

Die größere Hälfte des Bandes 'nehmen Übersetzung
und Kommentar ein. Dieser geht sorgfältig und ergebnisreich
den Einzelfragen nach. Von den Kirchenvätern
I werden vor allein Irenaeus, Hippolyt und Clemens Alex.
: für die Erklärung ausgenutzt. Dazu treten die anderen
koptisch-gnostischen Schriften. Dabei wird die Pistis
Sophia seltsamerweise noch nach dem Druck von 1851
verwendet, während wir doch seit 1925 auch hier die
i endgültige Ausgabe von C. Schmidt (Coptica II) besitzen
.

Eine besonders reiche Ausbeute hätte wohl das
Apokryphon des Johannes gewährt, das einen Bestandteil
des Berliner koptischen Papyrus aus dem 5. Jahr-

I hundert bildet. Aber dieses Buch mit seinem kosrnologi-

! sehen Inhalt, das dem Irenaeus (I 29) als Vorlage für
seine Darstellung des Systems der Barbelognostiker gedient
hat, ist bis heute noch nicht herausgegeben. So

I sah sich B. auf die Auszüge beschränkt, die C. Schmidt
in deutscher Übersetzung in der Festschrift für P. Klei-
nert (Philotesia 1907, S. 317 ff.) mitgeteilt hat. Aber
auch so ist es ihr gelungen, ein umfassendes Material
zur Aufhellung der krausen Gedankengänge jener alten

j Schrift beizubringen. Man muß dafür um so dankbarer
sein, als gute Indices gestatten, die Einzelheiten wieder
aufzufinden.

Die Übersetzung ist in lesbarem Englisch gehalten.
! Die deutschen Mitforscher werden sich freilich für den