Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1935 Nr. 6

Spalte:

101-102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sundwall, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Zusammensetzung des Markus-Evangeliums 1935

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

101

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 6.

102

Einführung in die Synoptiker ausgezeichnete Dienste
zu leisten vermag.

Göttingen. H. Seesemann.

Sund wall, Prof. Dr. Johannes: Die Zusammensetzung des
Markusevangeliums. Abo: Abo Akademi 1934. (86 S.) gr. 8°. =
Acta Academiae Aboensis. Humaniora IX, 2.

Die vorliegende Schrift bewegt sich in den Bahnen
der formgeschichtlichen Methode. Sie knüpft in erster
Linie an das bekannte Buch von Bultmann, Die Geschichte
der synopt. Tradition 21931, an, das von Sundwall
als ,überragendes' Werk gekennzeichnet wird, ferner
geht sie auf die Sonderuntersuchungen zum Mkev.
zurück: auf Wendling, Die Entstehung des Mkev. 1908
und auf Arn. Meyer, Die Entstehung des Mkev. in der
Festgabe für Jülicher 1927. Klostermanns Mk.kommen-
tar wird (übrigens als einziger Markuskomm.) häufig
herangezogen, sowie auch die übrigen Schriften, die sich
mit dem Mkev. im Zusammenhang mit der Formgeschichte
beschäftigen. — Als Aufgabe stellt S. sich, ebenso
wie seine Vorgänger: Scheidung zwischen Tradition
und Redaktion bei Mk. Die bisher gewonnenen Resultate
werden, namentlich in der Form der Ergebnisse
Bultmanns, im großen und ganzen übernommen. Als
neues Moment tritt dazu: ein Achten auf Stichwortverbindungen
zwischen einzelnen Stücken und auf
Wort Wiederholungen innerhalb einzelner Erzählungen
. Sundwall ist sich bewußt, daß er bei diesen Beobachtungen
Vorgänger hat (vielleicht hätte für die
Stichwortverbindungen bei Mk. ausführlicher auf die entsprechenden
Beobachtungen von A. Meyer verwiesen
werden können, S. 4), er geht ihnen aber genauer nach,
als es bisher geschehen ist. Er analysiert den ganzen
Mk.stoff, Abschnitt für Abschnitt, und legt seine Ergebnisse
in anschaulichen Rekonstruktionen dar.

Zunächst will ich seine Beobachtungen über die
Häufigkeit der Stichwortverbindungen aufnehmen. In
der Tat hat S. recht, daß sie bedeutend häufiger vorkommen
, als wie es bisher berücksichtigt wurde. Als
Beispiel greife ich den in der formgeschichtlichen Forschung
gut bekannten Abschnitt 2,1—3,6, die galiläi-
schen Streitgespräche, heraus. Mit 1,45 ist 2, lf. durch
die Stichworte eiotXÖEiv — eioe/.ücjv, (Öote |it|xeti - üaxe |tt|x6n,
öiacf/>i(uCEiv töv Xöyov — eXöXti aüxou; töv Xövov verbunden.
Innerhalb 2,1 — 12 scheidet S. mit Bultmann zwischen
dem Heilungswunder und dem Streitgespräch über die
Sündenvergebung. Im letzteren sieht er jedoch gegen
Bultmann eine selbständige Gesprächsbildung, weil er
hier das Stichwort findet, das zum zweiten Streitgespräch
hinüberleitet: uuao-na — ünapttoXoi. V. 14 hängt
durch das Stichwort teXwviov mit V. 15—17 zusammen.
V. 18—20, das dritte Streitgespräch, mit dem Thema
v>loreu£iv, ist wegen des toOitiv in V. 16 angeschlossen.
In dieser Weise setzt S. seine Untersuchungen fort.
— Es fragt sich nun, ob damit ein Maßstab gegeben ist,
bei Mk. zwischen Tradition und Redaktion unterscheiden
zu können. Das muß verneint werden. Denn die Stichwortverbindungen
sind sicherlich zum großen Teil schon
in der mündlichen Tradition geschaffen worden. So
muß S. es auch selbst eingestehen, daß die galiläischen
Streitgespräche schon vor Mk. zu einer „Catena in der
Tradition" vereinigt worden waren, die der Evangelist
dann für seinen Zweck nur weiter ausgebaut und lokalisiert
hat. Die Beobachtungen von S. sind jedoch damit
nicht wertlos — im Gegenteil: sie sind eine wertvolle
Bereicherung unserer Hilfsmittel zum Verständnis und
zur Auslegung des Mkev., die wir dankbar entgegennehmen
. Die Arbeitsweise des Evangelisten erläutern
sie jedoch wohl seltener, als wie S. es will, wenngleich
auch das natürlich vorkommt (z. B. 1,45 und 2,11;
s. oben).

Das Zweite, auf das Sundwall in seiner Schrift hinweist
, sind die Wortwiederholungen. S. zeigt, wie diese
für den mnemotechnischen Zweck in der mündlichen
Tradition geschaffenen Wiederholungen sich in den Ge-

! staltungen vieler Geschichten bei Mk. erhalten haben.

j Doch ist auch dieser zweite Gesichtspunkt der Untersuchung
nicht dazu geeignet, Tradition und Redaktion

; bei Mk. unterscheiden zu lehren. S. weist es selbst
nach, wie Mk. auch in den Stücken, die er als Einleitung
oder als Rahmen geschaffen hat, den Responsionsstil
zu treffen sucht; vgl. zu 4, lf. 33 f. (S. 24). Trotzdem
müssen wir S. auch für diese Beobachtungen dankbar
sein, weil sie — wie der Verf. selbst darlegt — ein

i wertvolles Hilfsmittel für die Textkritik darstellen. Um
eins von vielen Beispielen zu nennen: Mk. 5,13 lautet
mit nB und vielen anderen Zeugen: xctf e,-ietoeh>ev «öwrts
während D liest: xeU euüeui^ xiiyio? Ir|aoüc, EJtE(ii)i £ v uütoug

I ei? xovg xoigovs. Die zweite Lesart ist nach S. vorzuziehen
, weil hier das «ieijiiiev in V. 13 dem x>|*i|k>v in V. 12
entspricht (S. 31). M. E. ist diese Beobachtung durchaus
richtig. Auffallend ist dabei, daß es regelmäßig der
codex D, die umstrittene ,westliche' Handschrift ist,
die das Responsionswort enthält, während die ägyp-

i tischen Handschriften es nicht haben. Sollte sich hieraus
nicht eine neue Stütze für den hohen Wert und das

1 hohe Alter der ,westlichen' Lesarten ergeben?

Mit dem Ausgeführten soll nicht gesagt sein, daß

; uns die Hinweise Sundwalls überhaupt nicht die Arbeitsweise
des Mk. erläutern können. Sie dienen durchaus
dem Verständnis der Zusammensetzung des Mkev.
und sind als ergänzendes Moment zu dem, was Bultmann
a. a. O. S. 362 ff. ausgeführt hat, gut brauchbar
— vielleicht aber auch gerade dadurch, daß sie uns
häufig zeigen, wie schwer, ja fast wie unmöglich, es ist,
bei Mk. genau zwischen Tradition und Redaktion zu
unterscheiden.
Qöttingen. H. Seesem an n.

de Quervain, Alfred: Vom christlichen Leben. Eine Auslegung
von Römer 12 u. 13. Berlin: Furche-Verlag 1934. (112 S.)
8". = Dienst am Wort. Beitr. z. Schriftauslegung u. z. Schriftverständnis,
H. 1. RM 2.40.

Die gegenwärtige Krise in Kirche und Theologie
führt zu einer besonders regen Beschäftigung mit den
biblischen dogmatischen Fragen von Rom. 12 und 13.
Schon Karl Barth hatte in seinen Bibelstunden „Vom
christlichen Leben" (1926, 21928) auf die Frage antworten
wollen: „was sollen, vielleicht auch was dürfen
! wir tun als Christen?" Asmussen bringt eine Predigt
über „Das Opfer der Gemeinde" (Evgl. Theologie
j 1934, Heft 2); seine Trennung von Heldentum und
j Opfer enthält ein richtiges Moment, ist aber in dieser
; Form einseitig und schwer möglich. Nun liegt uns als
Beitrag reformierter Schriftauslegung die theologische
Arbeit Quervains vor: „Vom christlichen Leben";
sie ist eine biblisch-dogmatische Meditation über Rom.
12 und 13 (mit einem Anhang Joh. 18,28—19,15). Der
Ausgangspunkt liegt klar vor Augen: die Einleitung
nennt die Rechtfertigungslehre Luthers, Calvins und
Kohlbrügges (man beachte diese Reihenfolge!). Auch
die Antithese ist sofort deutlich: das Wort Gottes
umspannt alle diese Möglichkeiten (Zeit, Ort, Lebenslage
) und bedarf keiner Ergänzung durch eine neue
Weltanschauung auf der Grundlage der Geschichte, durch
eine „Theologie des Staates, des Volkes, der Kultur"
I (so Vorwort). Die biblizistischen Wurzeln der reformierten
Theologie wenden sich also gegen die im vorigen
Jahr so häufig auftauchenden religiösen Deutungen von
Zeit, Ort und Lebenslage; doch ist die reformierte Antithese
mit ihrem grundsätzlichen Verzicht auf die Möglichkeit
theologischer Geschichtsdeutung ebenso problematisch
wie eine allzu rasch ersonnene Geschichtsphilosophie
. Gerade dann, wenn wir wissen, daß wir gefallene
und abgefallene Schöpfung sind, gerade dann,
wenn wir Sünde wirklich als Sünde ernst nehmen, gerade
dann, wenn wir wissen: unser Erkennen ist Stückwerk
(1. Kor. 13, 9), haben wir auch eine neue Möglichkeit
, Geschichte „besser" zu verstehen (mehr kann man
i nicht sagen angesichts der vielen pseudoprophetischen