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Ausgabe:

1935 Nr. 5

Spalte:

86-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Plato, Platons Gastmahl 1935

Rezensent:

Breithaupt, G.

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 5.

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Da nun in der Handschrift die Schweizer Pfahlbauten, j die Psychologie der Fälschung. Die geistige Gesamt-
die erst seit 1853 bekannt sind, erwähnt werden, er- luft der Fälschung, die Verbindung der aufgeklärten
gibt sich nach Wirth hier ein Beweis echter Tradition Freimaurerei und der demokratischen politischen Ideen
von Wissen, das für die Allgemeinheit verschüttet war. von 1789 mit dem friesomanischen Wahn, stellt freilich
Dazu ist zu' sagen, daß keines der Zeugnisse behauptet, keine Frage dar. Wohl aber dies, daß man bei der ab-
die Handschrift gesehen und geprüft zu "haben, daß ; Strusen Durchführung, besonders in den Etymologien,
überdies im Besitz des Cornelius over de Linden ein an- i immer wieder auf den Oedanken kommt, der Fälscher
dres altes handschriftliches wertloses Chronikenwerk habe sich über die Friesomanie lustig machen wollen.
(Kroniek van Worp van Thabor) gewesen ist, welches j Das hat zu der Theorie geführt, die z. B. Edward Schrö-
er 1867 zusammen mit dem Ura-Linda-Buch vorgewiesen I der für sehr erwägenswert hält, daß der zweifellos in

diesen Ideen lebende Cornelius over de Linden einen
zynischen Helfer gehabt habe, der der Friesomanie mit
dieser Chronik den Todesstoß habe versetzen wollen.
Diese Theorie ist unbeweisbar. Sodann die Psychologie
des erneuten Hervorholens der Fälschung, mit
dem Wirth seiner eignen Sache einen Stoß versetzt hat
wie keiner ihrer Gegner und sein eignes Ansehen als

hat als zweiten Teil des Werks. Er hat also nur zu
einem Überkommenen einen ersten Teil hinzufabriziert.
2. Wirth weicht den vernichtenden Einwänden der Kritik
aus durch zwei Hypothesen: einmal einer Bearbei-
tungshvpothese, für die ein Humanist vom Anfang des
17.Jahrhunderts eingesetzt wird, und sodann einerAb-
schrifthvpothese, für die ein angeheirateter Onkel des

Cornelius over de Linden, der dem Neffen das Original ' Archäolog völlig aufs Spiel gesetzt hat. Ich kann hier
vorenthalten wollte, als Urheber eingesetzt wird. Von nichts sehen als ein indirektes Zeugnis für die tiefe
beiden Hypothesen wird man sagen müssen, daß sie i und fruchtbare Erschütterung, die das Sichwenden zum

apologetische Ausflüchte ohne jeden Anhalt m Tat
bestände sind. Oerade das, was Wirth dem Humanisten
zuschreibt, die sprachliche Verderbnis durch Hollandizis-
men und moderne Worte und die tollen Etymologien
(z. B. Minerva- min erva, Kalypso-K a t (chen) mit der
dicken Lippe), gehört so wesentlich zum Ganzen des
Werks, daß es nicht herausgesondert werden kann;
man denke an das Zusammenwerfen von Freia (Frya),
frei und Friese, das zum Herz des Ganzen gehört. Es
ist überhaupt kein einziges der von der historischen Wissenschaft
gebrauchten methodischen Kriterien für Scheidung
von Vorlage und Bearbeitung angewandt. Zutat
zum Ursprünglichen ist das, was ihm nicht paßt. 3.Wirth
gibt zu einzelnen Aussagen der Chronik Belege aus der
von ihm archäologisch konstruierten Urgeschichte nordischer
Religion und Kultur. Die Ura-Linda-Chronik
lebt noch aus dem, was er erst auf mühsamen Umwegen

Gottesglauben in unserem Volke bewirkt hat. Wo über
der Nacht der Entfremdung und Gottlosigkeit der Gottesglaube
neu aufzugehen beginnt, da werden sich — das ist
ein Gesetz der Religionsgeschichte — immer auch wunderliche
und seltsame Erscheinungen regen. Denn Gott
liebt es, nur in der Krise sich finden zu lassen. Das
sei denen gesagt, die stolz die Nase darüber rümpfen,
daß bei uns so etwas wie das Ura-Lindabuch einen
Augenblick lang bei religiös Suchenden Aufsehen erregen
konnte.

Göttinnen. E. Hirsch.

Piatons Gastmahl. Übertragen u. eingeleitet von Kurt Hildebrandt
. 5. Aufl. Leipzig: F. Meiner 1934. (192 S.) 8°.

geb. RM 3.50.

Gegenüber den früheren Auflagen (1912 l) verzichtet
die vorliegende fünfte, wie ihr Verfasser beiläufig zwi-
wieder rekonstruiert hat Der Einklang zwischen beiden t schen Übersetzung und Anmerkungen S. 155 bemerkt,

',st„dw?. Beweisende Dazu ist nüchtern festzustellen, ; auf wesentliche Änderungen und beschränkt sich, abge-
daß Wirth die Ura-Linda-Chronik nach eigner Aussage 1
schon seit langem kennt, sowie daß echter Zusammenhang
der Aussagen der Chronik mit den Wirth'schen
Belegen größtenteils nicht vorhanden ist. Auch vermißt
man°die*Auseinandersetzung mit der für Wirth doch
kaum angenehmen Aussage der Ura-Linda-Chronik, daß
Atland-Atlantis von der gelben Rasse bewohnt gewesen

sehen von den Anmerkungen, auf eine stilistische Überprüfung
. „Bezüge auf die Gegenwart deuten also auf
Staat und Wissenschaft von 1912." Durch diese etwas
spät angebrachte Bemerkung erklärt sich nachträglich
ein Satz der Einleitung S. 48, bei dem der Leser des Erscheinungsjahres
vielleicht gestutzt hat: „Heute sieht
man allerdings den Zweck des Staates nicht mehr in

ist. Im übrigen verdankt der Leser diesem Punkt der , den staatbildenden Menschen selbst, sondern in den Un

Beweisführung eine Reihe von wunderschönen archäologischen
Abbildungen.

Mit der jetzt in Deutschland erwachenden Liebe zu

staatlichen, Ungebildeten, Schwachen." Es wäre zu wünschen
gewesen, daß dieser Anachronismus durch frühere
Anbringung der Bemerkung von S. 155 eher verdeutscher
Art und deutscher Geschichte und auch mit j ständlich geworden wäre, wenn denn an der Einleitung
dem Versuch einiger Kreise, die religiösen Antriebe im , nichts geändert werden sollte. Sie umzuschaffen, durfte
Glauben der Vorfahren wieder lebendig zu machen, hat ; sich der Verfasser allerdings wohl versagen wegen des
das Unternehmen Wirth's, uns diese Fälschung als ge- Einflusses, der von ihr ausgegangen ist (vgl. F. J.
schichtliche Urkunde vorzustellen, nichts zu tun. Die : Brecht, Piaton und der George-Kreis 1929). Gehört
friesomanische Ura-Linda-Chronik spricht beleidigend und doch K. Hildebrandt zum Georgekreis (vgl. F.Wolters,
verächtlich von den Sachsen und erklärt die übrigen Deut- Stefan George 1930 S. 355, 430 u. ö.), und von dort
schen gar für eine Kreuzung von landflüchtigen Friesen her muß auch sein Buch verstanden werden. Diese Ver-
mit Mongolen. Sie beschimpft den altgermanischen Göt- 1 bundenheit mit George reicht von der Zeichensetzung
terglauben als Betrug fremdländischer Priester. Sie ver- , bis zur Betrachtungsweise, die das Gastmahl nicht als
kündigt den freimaurerisch-aufgeklärten Weltgeistglau- Literaturerzeugnis, sondern als wirkliche Begebenheit werben
und ein von der Demokratie von 1789 beeinflußtes tet und die erklärt: „Das Oastmahl will nicht begriffpolitisches
Ideal. Es wäre nicht loyal, wenn wir evan- , lieh analysiert, es will gefeiert sein." Auch Ausdruck
gelischen Theologen die Tatsache, daß einzelne deutsch- I und Wortwahl der Übersetzung werden durch den Kreis
gläubige Kreise auf die Ura-Linda-Chronik zunächst bestimmt. Gegen „Sterbling" und „Einung" wird man
hereingefallen sind, und daß einzelne Parallelen zwischen nichts einwenden. Eine Anmerkung zu S. 78 über die
Deutschglaube und religiösem Gedankengut der Ura- Übersetzbarkeit des Begriffs Arete empfiehlt, „aus der
Linda-Chronik gezogen werden können, zu einer allzu neuen Dichtung das Wort Tucht zu übernehmen",
billigen Erledigung des Deutschglaubens benutzen woll- Dieses verwendet der Übersetzer auch zuweilen, doch
ten. ohne daß man erkennt, warum S. 77 „Tucht aus

Dieser kurze, ganz auf der nachgeprüften Arbeit Liebe" gesagt wird, während eine Seite weiter derselbe
anderer beruhende, Bericht (eigene Forschung an die Ausdruck mit „Tüchtigkeit um der Liebe willen"
Sache zu setzen, ist bei der Eindeutigkeit der Lage ver- wiedergegeben wird; überhaupt wechseln Tucht, Tüch-
schwendete Zeit) läßt die zwei Fragen ungelöst, die j tigkeit, Tugend mit einander ab. Inmitten einer sonst
mit der Ura-Linda-Chronik verknüpft sind. Einmal j nicht archaisierenden Sprache erscheint Tucht wie eine