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Ausgabe:

1935 Nr. 4

Spalte:

76-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der urchristliche Realismus und die Gegenwart. 1. Teil 1935

Rezensent:

Wendland, Heinz-Dietrich

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 4.

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vouoi zu rechtfertigen: durch Rom. 2, durch den Hinweis,
daß schon Luther den Dekalog umgeformt habe, und
durch die Behauptung, daß dem Dekalog wichtigste
deutsche Gebote fehlten. Sehr wenig stichhaltig erscheint
dem religionspsychologisch Geschulten die Beweisführung
Stapels aus dem ersten Satz der 10 Gebote
: „Hat Gott unser deutsches Volk aus Ägypten
weggeführt? Waren unsere Vorfahren Sklaven in Ägypten
? Gott redet hier klar und deutlich zu dem israelitischen
Volke, nicht zu andern Völkern, nicht
zu den Deutschen. Soll also der Dekalog des Moses
für uns gelten, so müssen wir zunächst Bestandteile
des Volkes werden, das in Ägypten Sklave war" (S.12).

Im zweiten Abschnitt verbreitet sich Stapel über
„Die relative Absolutheit der reinen Lehre
und der wahren Kirche", betont die Doppelseitigkeit
der Kirche, die aufgelöst wird, wenn man nur
die irdische, und zur Sekte wird, wenn man nur die
himmlische Seite sieht, und untersucht das Ineinander
von Kreatürlichkeit und Göttlichkeit in der Lehre. Dabei
heißt es: „Über Reinheit oder Falschheit einer Lehre
zu urteilen . . . steht allein der Kirche als solcher zu"
(S. 19), wobei wieder zu fragen ist, wo denn diese in
Erscheinung tritt. Dann spricht Stapel über den „m i ß -
verstandenen heiligen Geist", und weist die
verfaßte Kirche in den Bereich des ersten Artikels, während
die „Heilige Kirche" zum dritten Artikel gehört.
Der heilige Geist wirke durch Inspiration und durch
(sekundären) Glauben, sodaß es also in der transzendenten
Gemeinschaft Führer und Geführte gebe. Am interessantesten
sind die nun folgenden Ausführungen über
„Die heidnische und die christliche Aufgabe
der Kirche". Sofern das Christentum den
1. Artikel haben muß, sei es „Religion", und die Kirche
habe auch „Heidnisches" zu tun. Das Heiligtum solle
nicht ausgerottet, sondern erfüllt werden. Was zu tun
sei, sei überhaupt — jedenfalls bei der Jugend — zunächst
Heidnisches; das andere werde später geschenkt
. „Man mache aus der Jugend zunächst eine
gute Heidenschaft. „Speere werfen und die Götter
ehren!" (Schiller). Verehren sie von Herzen den Weltschöpfer
und haben sie den guten Willen, besser zu
sein und alles besser zu machen als die Alten, so wird
Gott für das Weitere sorgen" (S. 51f.). Statt „heidnisch
" sollte man wenigstens mit Asmussen — der
hier, wenn auch mit gegenteiliger Abzweckung, ebenso
scharf scheidet — „gesetzlich" sagen, denn Heidentum
ist nicht nur Vorstufe, sondern ebenso sehr Gegensatz
zum Evangelium, denn es vergöttert Irdisches. Vielleicht
wäre es noch treffender, die Ausdrücke „prophetisch"
und „pädagogisch" zu gebrauchen.

Am wenigsten überzeugen die Folgerungen, die Sta- |
pel zum Schluß unter der Überschrift „Die Gefahr
der allgemeinen Auflösung" für die Lage der
Kirche zieht. Er behauptet, den heiligen Geist dürfe
man nicht gegen die irdische Gewalt mobil machen,
die Kirche stehe nicht nur unter dem Recht, sondern
auch unter der Macht des Staates, richtet an die, die
das ökumenische für wesentlich halten, die „Doktorfrage
, ob auch die Marsbewohner, wenn sie es gibt,
zur Kirche gehören und eigentlich mit nach Genf eingeladen
werden müßten" (S. 56), stellt den Satz auf:
„Ein öffentliches Urteil über sein (sc. des Reichsbischofs
Müller) Können oder Nicht-können steht nur
dem Führer, über seine Theologie nur Gott zu" (S. 58),
und gibt so fragwürdige Rechtfertigungen wie diese:
„Gewiß hätte manches glimpflicher getan werden können
, aber ein solches „hätte" ist dürftig angesichts
großer geschichtlicher Vorgänge. Es ist so geschehen,
wie es geschehen ist, also mußte es so geschehen"
(S. 66). Solche und ähnliche Ausführungen sind, wie
sich inzwischen wirklich erwiesen hat, ein äußerst gefährliches
Danaergeschenk für die Deutschen Christen, die
dazu so ziemlich mit dem Staat identifiziert oder als
sein Instrument bezeichnet werden. Zuzustimmen ist

I dem Hinweis auf die Gefahr, daß die Kirche außer aller
! Beziehung zum Volk als Volk gerät und dieses anderen
Mächten überlassen bleibt. Für die Abwendung dieser
i Gefahr ist aber auch durch Stapels Büchlein nicht viel
getan, auch nicht durch die eingestreuten sehr derbe Ausdrücke
, mit denen er als „Laie in der Wüste" spricht. Die
Aufgabe der rechten christlichen Verkündigung ans Volk
; als Volk ist ungeheuer schwierig und noch kaum richtig
j gestellt, geschweige denn gelöst.

l Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Arseniew, Nikolaus von: Der urchristliche Realismus und
j die Gegenwart. 1. Teil. Kassel: Bärenreiter-Verlag 1933. (76 S.)
Sr- 8°. kart. RM 2—.

In der Gegenwart vollzieht sich ein neuer Durchbruch
des urchristlichen Realismus. Zugleich aber ist dieser
Durchbruch noch mit allerlei fremden Elementen ver-
j bunden, die überwunden werden müssen, damit der alt-
und urchristliche Realismus völlig zum Siege komme.
Das ist die Hauptthese des Verf. Unter „urchristlichem
Real ismus" versteht er das konkrete, menschlich - ge-
' schichtliche Erscheinen des ewigen Lebens im johannei-
sehen Sinne („wir sahen seine Herrlichkeit"), die Bot-
; schaff von der Auferstehung als gegenwärtiger Wirk-
I lichkeit, als Verklärung des Leibes, durch welche die
ganze Welt verändert wird. Das alles ist „nicht Erwartung
bloß, sondern schon Erfüllung, obwohl noch
! verborgen und obwohl die Vollendung noch bevorsteht"
(10). Dieser Satz kennzeichnet die Haltung der ganzen
Schrift; von ihm aus vollzieht A. seine Kritik an allerlei
Strömungen der gegenwärtigen Theologie und Kirche.
Das „obwohl verborgen" ist in seiner — ostkirchlichen
i — Theologie in Klammern gesetzt, beherrschend ist die
Verkündigung: Das Leben i s t erschienen. Leider hat
A. diesen urchristlichen Realismus (der Begriff soll
selbstverständlich kein philosophischer sein!) nur in wenigen
Strichen angedeutet, eine umfassendere Ausarbeitung
wäre aber den Darlegungen über den Duirchbruch
dieses Realismus in der Gegenwart sehr zugute gekommen
—, so etwa, wenn er gegen die hellenistische Mysterienfrömmigkeit
oder den Piatonismus genauer abgesetzt
worden wäre. Daß er gerade im Offenbarungsund
Auferstehungsglauben des N.T. sich bezeugt, und
daß diese streng christologisch zu begreifen sind, darin
ist A. völlig zuzustimmen. Damit aber das Wort „Realismus
" nicht zu naheliegenden Mißverständnissen führt,
hätte wohl doch der eschatologische Charakter dieses
Realismus durchgreifend herausgestellt werden müssen.

Diesen Realismus sieht A. sich ankündigen im religiösen Kriegserlebnis
und im religiösen Suchen der deutschen Jugendbewegung: in einem
neuen Gefühl für die übermächtige Wirklichkeit Gottes. Da A. die deut-.
sehe Jugendbewegung nicht etwa bloß aus dem Schrifttum, sondern aus
seinem eigenen Mitleben kennt, zeigt er hier besonders feinsinniges Ver-
| ständnis. Die Gefahren eines antik-heidnischen Pantheismus und einer
verschwommenen, ästhetisierenden Romantik sind ihm nicht verborgen, aber
daneben steht eine echte Ahnung des Geheimnisses Christi und seiner
; Kirche.

Sodann verfolgt A. den Durchbruch des urchr. Rea-
| lismus in der e v. Theo 1 o g i e der Gegenwart: bei
j Barth, Gegarten, Brunn er, sowie außerhalb der
dialektischen Theologie in der B erneu ebener Bewegung
, bei Stähl in, Alfred Dedo Müller und bei
Z o e 11 n e r. Er findet bei diesen Theologen ein neues
Verständnis für den Wirklichkeitscharakter der Offen-
! barung und für die Fleischwerdung Christi, für die
Leiblichkeit der Auferstehung und den kosmischen Cha-
j rakter der Weltvollendung. In der dialektischen Theologie
sieht er jedoch noch die Gefahr einer Spiritualisie-
i rang der Auferstehuingswirklichkeit. Der Zusammenhang
zwischen diesem unserem Leben und dem Auferstehungsleben
, dem neuen Aion wird zu sehr verflüchtigt. Das
Wissen um die in Christus real geschehene Überbrückung
und um die schon jetzt wirksame Heiligung des Krea-
türlichen tritt allzusehr zurück. Dem Joh.-Evangelium
ist diese Theologie noch nicht gerecht geworden (32 f.,
39, 42). In der Neugestaltung der Dogmatik Barths