Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1935 Nr. 3

Spalte:

60-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Deutscher Gottglaube : von der Deutschen Mystik bis zur Gegenwart 1935

Rezensent:

Witte, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

59

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 3.

60

liegt bisher nur der dritte Band zur Besprechung vor,
der allerdings den eigentlichen Aufbau des Lehrgebäudes
bringt. Das ist das Neue an diesem Werk, daß es
die Ethik und die Psychologie aus der eigentlichen
Sittenlehre ausscheidet und die philosophische, bzw. die
psychologische Grundlegung in die beiden ersten Bände
verweist.

Katholische Sittenlehre ist Tugendlehre, nicht Sündenlehre
; sie ist Glaubenswissenschaft. Ihre vorzüglichste
Quelle ist die göttliche Offenbarung. Als zweite
Quelle kommt für den Katholiken die kirchliche Überlieferung
in Betracht. Dabei dürfe man jedoch „die Anerkennung
, die etwa einzelinen Theologen, wie dem hl.
Alphons von Liguori, vom Apostolischen Stuhle gezollt
worden sei, nicht überspannen"; noch genüge „die
bloße Berufung auf die Autorität des hl. Thomas". —
Von Dogmatik, Askese und Mystik sei die Moral nicht
zu trennen, wohl aber von der philosophischen Ethik.
Positiv wird die katholische Sittenlehre als „die Idee
der Nachfolge Christi" gefaßt.

Aus der Geschichte der katholischen Sittenlehre führt Tillmann
folgende bemerkenswerten Sätze an: „Jesus hat kein System der Sittenlehre
entworfen. — Die Hauptmasse des sittlichen Stoffes liefert das A.
T. — Augustin lehrt, wenn wir Oott zustrebten, lebten wir gut. —
Thomas stellt die Ethik mitten in die Dogmatik; Menschsein sei Ausgang
von und Rückkehr zu Gott. — In der nachtridentinischen Zeit
tritt die Frage nach der opinio probabilis auf (Moralsystem). Alphons
bekenne sich zur opinio probabilior, bedeute aber in der Moraltheologie
keine neue Linie."

Auf Grund dieser Geschichte der katholischen Sittenlehre
stellt sich Tillmann die Aufgabe, das christliche
Lebensideal auf dem Grunde der Offenbarung unter weitgehendem
Verzicht auf eine kasuistische Ergänzung wisse
nscnaftlich darzuste 1 len.

Wenn nun die Nachfolge Christi der eigentliche Inhalt
der katholischen Moral sein soll, so tritt zunächst
die Spannung zwischen dem gottmenschlichen Vorbilde
und dem menschlichen Nachbilde in die Erscheinung.
Von den Nachläufern Jesu sind seine Nachfolger zu
unterscheiden, die „werden und sein wollen" wie er.
Sie nehmen auf Grund der Taufe die Kraft dazu vom
Herrn selbst. Aufgabe des Menschen ist die Entfaltung
aller seiner Anlagen und Fähigkeiten im Kampf
mit dem Dämonischen. Die Einseitigkeit der Individualität
muß dann wieder überwunden werden „durch
Einordnung in die Aufgaben und Ziele der jeweiligen
sozialen Verbände" und „durch Unterordnung unter die
Autorität".

Die sittliche Persönlichkeit kann sich aber „zur
christl ich -katholischen erst erheben" durch das
Zusammenwirken von göttlicher Gnade und menschlicher
Freiheit. Das ist möglich, weil nach Thomas „die
Gnade die Natur nicht zerstört, sondern sie vervollkommnet
". Die übernatürlichen Kräfte, nämlich „Geist" und
„Sein und Leben in Christus" führen zur Gotteskind-
schaft. Die Heimat des Christen ist zwar im Himmel,
aber damit wird er seiner irdischen Aufgabe nicht entfremdet
.

Seine Forderungen entnimmt Jesus zunächst dem
A.T., aber er vereinfacht sie, indem er über den Buchstaben
des Gesetzes seinen Gehalt, über das Recht die
Liebe setzte. Der Kern alles sittlichen Handelns ist
die Gesinnung des Menschen, nicht der Vollzug der
Tat oder ihr Erfolg. Grundforderang ist die Liebe zu
Gott und zum Nächsten. Ihr muß der „Bruch mit dem
Einst und der Aufbruch für das Jetzt" voraufgehen.
Das formende Prinzip ist der Glaube.

Als Wege zur Nachfolge Christi kommen in Frage
die Demut (d. h. „sich selbst im eingegossenen Wahrheitslichte
schauen"), und die Selbstverleugnung oder
Askese, die als positives Ziel „die Verwirklichung des
Reiches Gottes im Menschen" hat, ohne das Triebleben
und das subjektive Verlangen nach Glückseligkeit auszuschalten
.

Der Mensch kann aber das Geschenk des freien
Willens auch mißbrauchen. So kommt es zum Wider-

! sprach gegen Gott, zur Sünde. Erst wenn es gelingt,
| ein tiefes Gottvertrauen mit einem gesunden Selbstvertrauen
zu verbinden, ist der Weg zur Heilung des Sünders
beschritten.

Den Ausführungen Tillmanns kann man weitgehend
zustimmen. Seine Grundhaltung ist selbstverständlich
: katholisch: Leise Überbewertung des A.T., des Synergismus
, der Autorität; daneben jedoch anerkennenswerte
Selbständigkeit gegenüber Thomas von Aquino und
Alphons von Liguori. Das Buch hat den Vorzug, leicht
lesbar zu sein, und läßt doch die wissenschaftliche Gründlichkeit
nicht vermissen. Vorurteilsfrei wird auch das
benutzt was evangelische und jüdische Theologen, moderne
Philosophen und Pädagogen auf diesem Gebiete
erarbeitet haben. Die Gliederung ist übersichtlich und
klar, die prägnanten Zusammenfassungen am Schluß
der einzelnen Abschnitte erleichtern das Verständnis.
Die Quellenangaben führen bis in die neueste Zeit hinein
; Stichproben auf das Register ergaben kaum Ver-
j sager. In seiner straffen Abgrenzung des Stoffes auch
j gegenüber der Kasuistik stellt das Werk einen Fortschritt
in der katholischen Moralwissenschaft dar.

Stettin. Hugo Stel te r.

Mandel, Prof. D. Herrmann: Deutscher Gottglaube von der

deutschen Mystik bis zur Gegenwart. Mit einem Anhang: Heerschau
deutschen Glaubens. Leipzig: Armanen-Verlag 1934. (VII, 128. u.
31 S.) gr. 8°. RM 4.20.

Dies Buch bildet den 3. Teil einer auf 4 Teile angelegten
„Deutschtheologie". Die beiden ersten Hefte
behandelten: 1. Nordisch-deutsches See len tum im Gegensatz
zum morgenländischen, ein Schlüssel zur Religionsgeschichte
, ein Maßstab zur Religionsgestaltung.
2. Nordisch-arische Wirklichkeitsreligion. Das 4. Heft
soll behandeln: Deutsche Frömmigkeit (Von der letzten
Bindung und dem tuendleidenden Lebenskampf, als
2. und 3. Artikel). In diesem 3. Band wird eine geschichtliche
Überschau über die Entwicklung der Theologie
und der Frömmigkeit des Westens im letzten
Jahrtausend gegeben mit einer Kritik derselben von
der Deutsch-Religion aus. Es mag hier dahingestellt
bleiben, ob die geschichtliche Darstellung der Gedanken
der großen christlichen Führer der Christenheit
überall richtig ist. Es kommt hier nicht viel darauf an.
Hier wird das Lied gesungen, das wir ja aus den

! Schriften der Deutschen Glaubensbewegung zur Genüge
auch sonst kennen: Das wahre Christentum Christi
ist eben von dem Juden Paulus entstellt worden. Und
dies paulinische Christentum ist das Christentum der
Kirchen. Dies aber ist artfremd und darum für uns
nordisch-arische Menschen unbrauchbar. Dies „dogmatische
Christentum" kommt „nach den guten Gründen
einer Isolierung, zu schweigen von den Gründen unserer

i natürlichen Wesensart, nicht mehr in Frage". Diese
Isolierung sieht Mandel als Tatsache. Der personalisti-

[ sehe Monotheismus des Christentums, sein „Sündenpessimismus
", seine personalistische Jenseitshoffnung,
seine Versöhnungs- und Erlösungslehre, das alles sei

| völlig erschüttert. Und keine Volksmission, keine noch

i so gut gemeinte Erneuerung dieser Ideen in der Theologie
, auch nicht die liberale Theologie, können das

j Alte wiederbeleben. Die neue, christliche Kirche, wie
er sie fordert, muß dies alles abstreifen und eine pan-

j theistische, „eine natürliche Wirklichkeitstheologie" bieten
, welche als Wesen der christlichen, der echt christlichen
Frömmigkeit den Menschen „Wirklichkeitsmystik"
gibt. „Davon wird die praktische Zukunft des Christentums
bei den Völkern der Erde ganz entscheidend mit
abhängen." Man möge Gott ja wohl auch als persönlichen
vorstellen, aber das ist doch eine niedere Vorstellung
. Die wahre, höchste Gottesauffassung ist doch
die pantheistische. Im Grunde ist Gott unfaßbar. Es
gibt eben doch bei Mandel nicht mehr als „den unbekannten
Gott": „Ich glaube an einen verborgenen, ewigen
Grund alles Seins, der alles sein macht, was ist,