Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1935 Nr. 2

Spalte:

34-36

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Asmussen, Hans Christian

Titel/Untertitel:

Die Seelsorge 1935

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

33

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 2.

34

Mul ert, Prof.Dr.Hermann : Schleiermacher und die Gegenwart.

Frankfurt a. M.: M. Diesterseg 1934. (45 S.) gr. 8°. RM 1.20.

Mulert beschreibt kurz die Stellung Schleiermachers
innerhalb der idealistischen Epoche unsrer Denker und
Dichter, gibt dann (S. 4—18) ein knappes, klares Bild
seines Lebens und Wirkens, das sich vielfach mit der
Darstellung seines religionsgeschichtlichen Volksbuchs
über Schi, von 1918 berührt. (S. 14 werden ihm 5 Kinder
aus seiner Ehe mit Henriette v. Wittich zugeschrieben
statt 4.) Dann wird (S. 18—29) sein völkisches
und staatliches Wirken, vornehmlich nach den patriotischen
Predigten der Jahre 1806—1813 gewürdigt, aber
auch gezeigt, wie er für Gewissensfreiheit, für Teilnahme
des Volks an der Staatsleitung eintrat, so wie er die
Einrichtung von Synoden für das dringendste Bedürfnis
der Kirche ansah. Klar und präzise werden seine
philosophischen Bestrebungen (S. 31—39) dargestellt
und mit Recht dagegen protestiert, daß man in dem
pantheisierenden Zuge seiner Dialektik den Schlüssel zu
seiner Theologie gefunden zu haben meint. Schi, hat
unablässig mit dem Problem Theologie und Philosophie
gerungen, ohne je damit fertig geworden zu sein. In
der Darstellung seiner Theologie hebt M. besonders
auch die nicht-egoistische und nicht-eudämonistische Art
seiner Frömmigkeit hervor, die mit Luthers Polemik gegen
alle genußsüchtige Religion sich berührt.

Der Titel der Schrift läßt eine Vergleichung Schl.s
mit der heutigen Theologie erwarten. M. betont, daß
Schi, gesehen habe, wie unser Glaube uns nicht etwa
bloß zur Kulturkritik führt sondern vor allem zu tätiger
Mitarbeit an den Kulturproblemen. Ich würde den
wesentlichen Unterschied darin sehen, daß Schi, so fest
von der zunehmenden Verwirklichung des Geistes Christi
in der Einzelpersönlichkeit wie in den kulturellen Gemeinschaftsbildungen
überzeugt war, daß er den Schein
erweckt, als könne man durch psychologische und historische
Forschung aus der Gegenwart ablesen, was wahres
Christentum ist. In berechtigter Reaktion hiergegen
hat K. Barth den Gegensatz des über uns stehenden
Wortes Gottes gegen die empirische Christlichkeit
dahin überspannt, daß von einer Durchsetzung des Christentums
in der Welt keine Rede mehr sein kann. Ausschließlich
eschatologisch wird die im irdischen Leben
bleibende Spannung gelöst. Von da aus erscheint Schi,
in dem Lichte, als habe er die ganze Theologie dazu
verführt, daß der Mensch nach ihr aus der Fülle des
eignen frommen Bewußtseins heraus leben solle. In
Wahrheit hat doch die Theol. seit Schi, immer klarer erfaßt
, daß unser frommes Bewußtsein sich nur aus dem
über uns stehenden Wort der Offenbarung nähren kann.

Basel. Johannes Wen dl and.

[Kierkegaard, Sören:) Sören Kierkegaards Papirer. Hrsg.

von A. Heiberg, V. Kühr und E. Torsti ng. 10. Bd., 6 Abt.

Aufzeichnungen der Gruppe B und C 1849 -1853. Kopenhagen:

Gyldendal 1934. (537 S.) gr. 8°.
Die sechste und letzte Abteilung des zehnten Bandes
der hier von mir mehrfach besprochnen großen und
neuen Ausgabe der Tagebücher bringt, in archivalischer
Sauberkeit^ die Materialien für die Schriftstellerei und
Lektüre 1849—1853. Ich gebe genau an, was sich aus
diesen Materialien dem gegenüber, was ich in meinen
Kierkegaardstudien Bd. 2, S. 839 ff. und 890 ff. ausführe,
Neues lernen läßt.

Da ist das Wichtigste ein Zwiefaches. 1) Wir gewinnen
keinerlei neue Daten für die Entstehung der beiden
Reihen „Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen
", oder zur Predigt über Gottes Unveränderlich-
keit. Das Erhaltene erlaubt nur geringe und nicht allzu
viel ergebende Einblicke in das Werden dieser Schriften.
2) Wir gewinnen die Gewißheit, daß Kierkegaard sich
mit großen neuen schriftstellerischen Plänen und Entwürfen
in dieser Zeit nach 1849 über das an den Tag
Gegebene hinaus nicht getragen hat. Er hat daran gedacht
, die aus dem Buch über Adler übrig gebliebnen

j Stücke als „Drei kleine ethisch-religiöse Abhandlungen"
I den vorher daraus genommenen „Zwei kleinen ethisch-
1 religiösen Abhandlungen" nachzusenden. Er hat daran
gedacht, „Christliche Reden" über die Leidensgeschichte
zu schreiben. Aus dem allen ist nichts geworden, und
die Vorarbeiten zum zweiten sind auch spärlich geblieben,
i Ebenso ist das, was in diesen Jahren an Lektüre er-
| kennbar wird, außerordentlich wenig. Die ganze Arbeit
t hat dem inwendigen Umgang der Reflexion über sein
' Verhältnis zum Bestehenden und seine Lebensaufgabe
gehört.

Demgemäß ist der Hauptinhalt des Bandes eine Reihe
von in Ziselierarbeit durchgefeilten polemischen Stük-

i ken. Sie beziehen sich zunächst auf die zufälligen kleinen
Berührungen, die er in Dänemark persönlich hatte,

I auf Martensens, Nielsens, Mynsters und noch ein paar
kleinere Äußerungen, die ihn oder sein Werk oder seine
Anschauungen betreffen. Sie lösen sich aber von dem
persönlichen Hintergrunde immer mehr ab und werden
eine Rechenschaft über sein generelles Verhältnis zum
Bestehenden, ein Versuch, von dem persönlichen Aus-

[ gang aus in sein Verständnis des Christentums hineinzuführen
. Sie enden in der These, daß das Christentum

| nicht mehr da ist, als der Summa dessen, was er zu
sagen hat und doch nicht gerne sagen möchte. Es ist
alles in allem eine reflektierende Aufrechnung, welche
an begrenztem Stoffe die Voraussetzungen zum Angriff
des letzten Lebensjahres sicher stellt. Die literarischen
Berührungen mit dem im Angriff Gesagten sind geringer
als die in den eigentlichen Tagebüchern.

Alles in allem ein richtiger Forschungsband, der
zu keiner wesentlichen Berichtigung oder Bereicherung
des Bildes führt, aber als Kontrolle unentbehrlich ist.

An einigen Stellen stehen ein paar kleine psychologische
und religiöse Kostbarkeiten. Aber deren Wiedergabe
hier würde den Rahmen einer Anzeige sprengen.

Die Tätigkeit der Herausgeber ist wie immer schlechthin
bewundernswert.
Qöttingen. E. Hirsch.

Asmussen, Hans: Die Seelsorge. Ein praktisches Handbuch
über Seelsoige und Seelenführung. München: Chr. Kaiser 1934.
(229 S.) gr. 8°. = Pfarrbücherci f. Amt u. Unterweisung, Bd. 1.

RM 3.80; geb. 4.80.

Jedes Gebiet des kirchlichen Handelns in der evangelischen
Kirche muß vom Zentrum der evangelischen
Lehre aus bearbeitet werden — diese Grundthese von
Asmussen besteht, richtig verstanden, sicher zu Recht
und bedeutet ein Gericht über vieles, was bisher zur
„Seelsorge" gesagt und geschrieben wurde. Doch sollte
man m. E. statt „der evangelischen Lehre" „des evangelischen
Glaubens" sagen. Im Zentrum steht
natürlich das Kreuz oder die „ Rechtfertigung".
Wer dieses „Zentrum" nicht im Herzen trägt und
immer wieder vor sein Bewußtsein stellt, kann gewiß
nicht evangelischer Seelsorger sein. Die Frage aber,
ob wir neben diesen zentralen „Lehren" noch anderes
zu verkündigen haben und auf die Menschen noch in
! einer anderen Weise einzuwirken haben, bei der diese
j zentralen Lehren zunächst eben nicht im Mittelpunkt
i stehen, wird wohl jeder mit Ja beantworten. Auch
Asmussen. Aber Asmussen scheidet und trennt ganz
scharf Seelsorge und Seelenführung. Seelsorge geschehe
aus dem Zentrum, souverän, sie komme über
uns, der Geist gebe sie. Seelenführung erfolge nach
: einem von uns Menschen bewußt erarbeiteten Plan, in
einer bewußt eingenommenen Haltung, nehme den Tatbestand
der Gottlosigkeit hin, fordere seine Überwindung
, setze als Ziel den „gottesfürchtigen Menschen",
müsse aber jedes erreichte Teilziel als vollständig
ungenügend hinstellen. Seelenführung und Seelsorge verhalten
sich nach Asmussen wie Gesetz und Evangelium
. Ich halte die ganze Unterscheidung für bedenklich.
Es ist unmöglich, beide derart auseinanderzureißen, weder
theoretisch, noch praktisch. Sie liegen völlig inein-