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Ausgabe:

1935 Nr. 24

Spalte:

440-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schuster, Hermann

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament heute 1935

Rezensent:

Duensing, Hugo

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43!)

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 24.

440

Das in vortrefflichem Deutsch geschriebene Werk
beruht auf gesunden Ansätzen der Textkritik, die auf
S. 12—14. 21f. 26 dargelegt werden und aus neueren
Kommentaren geschöpft sind. Man hätte ihrer Anwendung
noch mehr Folgerichtigkeit wünschen mögen; davon
mag den Vf. eine vorsichtige Bescheidenheit abgehalten
haben, welcher er öfters, z. B. S. 11 u.; 13 o.
Ausdruck gibt. Er möchte zwei Epen unterscheiden,
das erste bis I Reg. 2, 46 Ende in je 2 x 2 fünftaktigen
Zeilen, das zweite in je 2 x 3 ebensolchen Zeilen. Doch
erzählt Vf. (S. 20), früher habe er in der zweiten Hälfte
die viertaktige ZI. gesucht. Wie man sieht, hat er seinen
Versuch nunmehr ganz auf die Grundlage der qina-TA.
gestellt. Zu diesem Ende legt er den Wortlaut der Bücher
in einem von der Stuttgarter Bibelgesellschaft bezogenen
Abzüge vor, in welchen nach Brunos Intentionen
handschriftliche und daraufhin vervielfältigte Zeichen
für die Enttonung, das Zeilenende und das, für den Vf.
unvermeidliche. Enjambement, für das Strophenende und
für kritische Zwecke eingetragen sind. Obgleich eine
derartige Veranschaulichung der These nicht ideal ist,
erfüllt sie im Ganzen ihre Aufgabe auf eine am wenigsten
kostspielige Weise. Sollte der diesmalige Versuch
nicht die endgiltige Lösung der gestellten Frage bedeuten
, so liegt doch für denjenigen, der sich künftig in die
Geschichte der Lösungs-Versuche vertiefen will, eine
eingehende und verlässige Darstellung des diesmaligen
Versuchs vor.

In einem Metrum altertümlicher Erzählerkunst werden
Unfolgerichtigkeiten zugelassen werden müssen, insbesondere
an Formwörtern des Satzes und an kleinen
adverbiellen Satzteilen. Es gilt, über die Betonung derselben
Regeln aufzustellen, die eine möglichst große Anzahl
der Vorkommen umfassen und die Unterscheidung
gegensätzlich behandelter Vorkommen bis zu einem gewissen
Grade einleuchtend machen. Diese Arbeit kann
nicht umhin, statistisch zu verfahren, und die erste Anforderung
der Statistik ist die Vollständigkeit. Bruno
macht darauf aufmerksam, daß er hieran gespart hat;
daran zeigt sich die erste gefährdete Stelle seines Versuchs
. Er legt Tabellen der Proklitika, Interjektionen,
Konjunktionen, Fragewörter, Demonstrative, Präpositionen
, aber auch Genitive und Konstrukti vor S. 28—39,
und bespricht viele dieser Erscheinungen, nebst anderen,
von Fall zu Fall S. 45—141. Er gibt nur 45 ka'aser
an; doch sind 58 überliefert. Von 15 samma nennt er
nur die 12 aus II Reg.; außerdem sind 138 sam überliefert
; aber der Vf. erwähnt, einschließlich 35 summarisch
genannten, 73; sind die einzeln angegebenen inbegriffen
? Müßte am Satz- oder Zeilen-Ende ein rne'od
tonlos sein, so bedeutet das eine Verlegenheit, die auch
durch E n t tonung eines vorausgehenden Satzteils
nicht behoben würde I Sam. 17,11; 28,20 u. s.w. Stellt
man sich versuchsweise auf den Boden der von Bruno
vorgeschlagenen Grundsätze, so hätten abweichende Zeugen
die Durchführung der Grundsätze erheblich erleichtert
; denn das Wort ist z.B. I Sam. 17,24; 19,4;
20,19. II 1,26; 24,10 nicht allseitig bezeugt. Da rne'od
ein Füllwort ist, bietet die Annahme einer gelegentlichen
nachträglichen Hinzufügung keinerlei Schwierigkeit. Die
Frage ist nur, weshalb diese Hinzufügung beliebt wurde.
Die Ursache ist manchmal deutlich und zugleich dem
Vf. ungünstig; in I Sam. 17,24; 19,4 ist es die Verstrennung
, welche sicher nicht mehr auf metrischen
Erfordernissen beruhte. Anders II 24,10, wo das Sündenbekenntnis
durch einen wohlfeilen Elativ gesteigert
werden sollte, also ein theologisch-erzieherischer Grund
die Erweiterung bestimmte. Fü^ die Rhythmisierung sind
aber Erweiterungen wie II 1,26 belangvoll; ist hier absichtlich
eine Verlängerung einer ZI. vorgenommen worden
, um die Anzahl der Takte an die der Umgebung anzupassen
? Solche Verlängerungen fallen für Brunos
ganzes Vorhaben ins Gewicht, und hätten eine vollständige
Darlegung erfordert.

Die Gliederung der Tabellen ist öfters unwirksam;

so sollen einem schwankend betonten Wort benachbarte
Verben und Adjektive getrennt gehalten werden; sind
die Verben aber Qualitätbegriffe wie I 17,11, so wirkt
der Elativ auf solche genau so ein wie auf Adjektive.
Wenn freilich I 20,19 jarad gesteigert werden soll, so
ist die Überlieferung des Satzes nicht brauchbar; aber
es hilft nichts, an die Stelle des Verbs ein anderes zu
setzen, welches wiederum nicht steigerungsfähig ist. Erschwerend
kommt hinzu, daß die gra mm atiseben Be-
i Zeichnungen der Tabellen nicht durchweg zutreffen; S.
30 u. heißt das pf. nibhal I 28, 21 ein Partizip, ze I Reg.
19,5 Pronomen; die Interjektionen heißen Adverbien
u.s.w. In die Betonung von liqrat konnte S, 28 keinerlei
System bringen. Ist alle Metrik zu Opportunismen
genötigt?

Andere Einwände dürfen nur kurz namhaft gemacht
( werden.

Eine versifizierte Geschichte der Jerusalemer Könige
von deren erstem bis zum letzten wäre höchstens als Fa-
. milienepos für Jojakin und seine Söhne denkbar I Chr.
1 3,16f.; aber dazu gehörten die Erzählungen über Efraim
! größtenteils nicht, noch weniger die über Elia-Elisa. Dem
| vermuteten Epos fehlt die leitende Idee, auch wenn man
nur ganz bescheidene Anforderungen an eine solche
stellt. Eine Entstehung des Ganzen zu dem letzten in
der Erzählung berücksichtigten Termin wäre keine vorteilhafte
Annähme; wohl aber müßten auch von Brunos
Voraussetzungen her Einverleibungen älterer Vorlagen
angenommen werden. Damit wäre das Problem der Kontinuität
des metrischen Schemas wieder gestellt, von
welchem er absehen möchte S. 26. Daß geringe Ansprü-
! che an den dichterischen Wert sich auch mit versifizier-
j ten Tabellen — etwa des Stammbaums oder der Bundes-
! mitglieder zu einem mnemotechnischen Zwecke — begnügen
würden, kann man sich nicht verhehlen; damit
; wird aber das Problem einer in einen Satz eingebauten
'j Liste — der Dodekapolis I Sam. 30,27 ff. — nicht er-
; ledigt. Es gibt Kataloge, denen gegenüber die Frage
; nach ihrem Rhythmus zwecklos wird; sie können ebenso-
j gut Prosa sein. Diese Möglichkeit ist dann auch an
; listen-artigen, aber in erzählerischen Sätzen gegebenen,
Anreihungen von Tatsachen offen. In I Reg. 14, 23 vgl.

15,14 u. s.w. meldet sich eine josijanische Theorie;
; der Gesichtspunkt wäre ein didaktischer und selbst, wenn
versifiziert, kein epischer. — Mit dem in I Sam. 1,1 ge-
; suchten Anfange des Epos würden verlässige Ergebnisse
der Literarkritik aufgegeben; er würde gleichfalls
der epischen Idee widerstreben. Ich ziehe die Voraussetzung
, Sam. und Reg. seien ein oder zwei Epen, in
Zweifel; beruht der dortige Zusammenhang auf anderen
als dichterischen Grundlagen, so entfällt der Anlaß für
die Annahme der epischen Gattung in diesen Büchern.
Kiel. Wilh. Caspari.

Schuster, Prof. D. Hermann : Das Alte Testament heute. Frankfurt
a. M.: M. Diesterweg 1935. (III, IIIS.) gr 8°. RM 3.60.
Diese Schrift verdankt zwar ihre Entstehung den
augenblicklichen Angriffen auf das A.T., ist aber nicht
nur ein Produkt der gegenwärtigen Lage und nur für
diese geschaffen und wertvoll, sondern wird ihren Wert
behalten, auch wenn die augenblicklichen Nöte überwunden
sein sollten. Das verdankt sie dem Umstand, daß

I sie nicht Meinungen und noch so gute Gründe bietet,
wie das ja auch von mancher anderen einschlägigein
Schrift gilt, sondern daß sie viel anschauliches Material
bringt, sodaß auch der mit dem Stoff weniger Vertraute
lernen und urteilen kann, ja daß sie einen gedrängten
Überblick über die Hauptformen und -phasen der alt-
testamentlichen Religion bietet. Schuster hat recht daran
getan, seine Gedanken vom bleibenden Wert des A.T.
an zahlreichen auschaulichen und lebendig geschilderten
Beispielen zu entwickeln, denn der schlimmste Verbündete
der heutigen Feinde des A.T. ist die beschämende

j Unwissenheit, welche weithin hinsichtlich des A.T. und

; seines Inhalts herrscht.