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Ausgabe:

1935 Nr. 24

Spalte:

438-440

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruno, Arvid

Titel/Untertitel:

Das Hebräische Epos 1935

Rezensent:

Caspari, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 24.

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göttlicher Ahnungen fähig ist". Und derselbe Tertullian
redet die Seele in seiner Schrift „De testimonio animae"
so an: „Du bist, soviel ich weiß, keine Christin". „Woher
passiert dir das, da du doch keine Christin bist?".

Ob aber Tertullian das Wort von der anima natura-
Hter christiana in dem üblichen Sinne schon gesagt hätte,
so beweist das ja keinesfalls, daß das Wort richtig ist.
Und es ist eben nicht richtig. Das beweist uns der uns
heute bekannte, den Kirchenvätern nicht bekannte Bestand
der großen "Weltreligionen. Es gibt große Religionsgebilde
, welche atheistisch sind. Darum fällt die
Grundthese dieses Buches hin, die den alten Kirchenvätern
und vielen heutigen Dogmatikern sich anschliessend
, meint, es gebe in allen Religionen so etwas wie
ein Suchen und teilweises Erkennen Gottes, wirklich
Gottes. Dem kann ich in keinem Maße zustimmen.
Hier fehlt es dem Buch doch an tiefer Erfassung einfach
der Grundideen der Weltreligionen, die in Wirklichkeit
zur Christusbotschaft in einem viel schrofferen
Gegensatz stehen, als es hier in diesem Buch erscheint.
Und es fehlt ihm leider auch die Kenntnis der genialen
Schau, in der Luther diese Dinge gesehen hat. Auch
Luther hat natürlich die ganze, wirkliche religionsgeschichtliche
Lage der Völker der Erde noch nicht gekannt
. Auch er wußte noch nichts von den atheistischen
Religionen. Aber das hat Luther ganz unübertreffbar
genial richtig gesehen, daß es um die sogenannte allgemeine
Offenbarung Gottes ganz anders steht, als die
Kirche bis dahin gemeint hatte und als leider auch heute
noch soviele Religionsforscher meinen. Er sagt, daß
ein Gott sei, das ahnen sie. Aber wenn sie sagen, dies
ist Gott, dann irren sie stets. Und weil sie sich nicht
damit begnügen, zu sagen, daß sie nur ahnen, daß irgend
ein Göttliches sei, sondern nun versuchen, dies Göttliche
, dessen Existenz sie ahnen, genau zu bestimmen,
darum ist alle ihre Religion nur Nacht und Finsternis.
Es ist bei ihnen eben nicht ein wirkliches Ahnen Gottes
, sondern nur ein Ahnen, daß da etwas ist, was
über ihnen ist. Also, alle Religionen sind nur Nacht
und Finsternis, darum Irrweg und Irrtum, darum nur
Verderben für die Völker. Das ist meiner Meinung nach
auch das Urteil der Bibel. Denn nach dem N.T. können
die natürlichen Menschen Gott eben nicht erkennen.
Sie sind vollkommen blind, sie sind tot, tot in ihren
Sünden. Die Stellen Römer 1 und 2 dürfen nur im Zusammenhang
mit den sonstigen Aussagen des N. T. über
die Religionen der Menschen verstanden werden. Und
es gilt eben von allen Menschen: Da ist keiner, der
nach Gott frage (auch nur frage!!!), auch nicht einer.
Die Lehre der alten Kirchenväter vom Logos spermatikos
war schon die erste große Verirrung vom Standpunkt
des N.T. fort. Das Wort Hebr. 1,1 redet nicht davon,
daß Gott zu allen Völkern auch durch die andern Religionsstifter
gesprochen hat, sondern es sagt sehr deutlich
: Gott hat zu den Vätern gesprochen durch die
Propheten! Nur durch diese, nicht auch durch
Buddha und Konfuzius und andere. Es ist ein Irrtum,
zu meinen, es gebe in der ganzen Menschheit „den allgemeinen
Glauben an einen Gottesgeist" (S. 160). Dieser
allgemeine Gottglaube ist gerade nicht da! Es ist in
der Menschheit auch kein allmähliches Emporsteigen in
der Religion. Es gibt zwischen den Religionen und der
Christusbotschaft nur das schroffe Entweder-Oder der
Entscheidung. Sind die Religionen die Wahrheit (wobei
hier offen bleiben muß, welche von ihnen), darrn ist
die Christusbotschaft Irrtum und Irrweg. Ist aber die
Christusbotschaft die Wahrheit, dann sind alle andern
Religionen nur Irrtum und Irrweg. Es ist sehr zu bedauern
, daß der katholische Verfasser in einer Zeit, in
welcher die allgemeine Religionswissenschaft die frühere
Entwicklungstheorie in der Beurteilung der Religionen
überwunden hat, dieser verfallen ist oder an ihr noch
festhält in einer Zeit, in welcher das angesichts des Tatbestandes
der Religionen, wie wir sie jetzt besser kennen
als noch vor 30 Jahren, nicht mehr gut möglich ist.

Von seinem Grundstandpunkt aus kommt daher der
Verfasser auch nur zu der Feststellung einer relativen
Absolutheit, die sich in der „überlegenen Wertfülle"
des Christentums ausdrückt. Das ist aber faktisch keine
Absolutheit. Der Begriff Absolutheit ist eben auch nicht
mehr in dem bisherigen Sinne haltbar. Es geht um die
Wahrheit, nicht um eine noch so große Überlegenheit.
Es geht darum, ob hier in Christus wirkiieh die Wahrheit
ist. Dann ist sie in den andern Religionen nicht. Der
Verfasser meint, es werde heule kein Religionswissenschaftler
sich getrauen, die absolute Alleingeltung des
Christentums zu beweisen. Dazu muß ich sagen, daß
wir, gottlob, auf dem Wege sind, daß wir das wohl zu
behaupten wagen.

So kann ich nicht anders als dies Buch als überholt
zu bezeichnen nach seiner Grundposition. Diese überholte
Linie zeigt sich z. B. auch in der Art, in welcher
die Sündenfallsgeschichte psychologisier't wird in einer
für einen katholischen Gelehrten sehr freimütigen Weise.
Aber diese Psychologisierung ist nicht mehr haltbar.
Man soll diese Geschichten stehen lassen in ihrer ungeheuren
Wucht. Es geht im Raum der Bibel wirklich
um die Frage des Durchbruchs Gottes, wirklich des lebendigen
Gottes, in die Geschieht der Menschheit. Es
ist hier etwas anderes als in allen andern Religiomen.
Das kann ich nun hier nur behaupten, nicht beweisen.
Ich hoffe aber, alle diese hier angedeuteten Gedanken
bald ausführlich begründen zu können.

Wenn man nun auch die ürundposition des Buches
ablehnen muß, so kann man an ihm doch vielerlei aus
freudigem Herzen loben. Der Verfasser hat sich in die
andern Religionen in einer sehr sympathisch anmutenden
Weise liebevoll eingefühlt. Nur daß er in sie eine zu
große Ähnlichkeit mit der Christusbotschaft hineingefühlt
hat. Aber daß er diese Religionen mit so edler
Gerechtigkeit zu beurteilen sich bemüht, das ist warm
anzuerkennen. Auch sonst ist es ein sehr milder Standpunkt
, den er vertritt, sogar auch in der Beurteilung der
Häretiker und andersgläubigen Christen. Ihm fehlt, gottlob
, jeder Fanatismus. Er will gerecht sein. Nur ist er
allzu gerecht. Aber das ist immerhin besser als zu absprechend
.

Er ist so „weitherzig" in seiner Auffassung vom
Wesen „wahrer Religion" — die ich nicht teilen kann —,
daß er sogar jetzt schon von den Vertretern des neudeutschen
Heidentums als Kronzeuge gegen christliche Kritiker
dieses Neuheidentums zitiert wird!!!

Das Buch ist auch zu loben wegen seiner interessanten
Darstellung. Man liest es mit Spannung und hat den
Eindruck, daß der Verfasser sich so eingehend mit den
Religionen beschäftigt hat, daß er in ihnen wirklich lebt.
Aber er sieht in sie Dinge hinein, aus seiner Liebe, die
nicht in ihnen liegen. Wenn er z. B. sagt, daß in der
Mystik aller Religionen man sich wirklich von der Gottheit
berührt weiß, so ist das zuviel gesagt. Daß die
Mystiker wirklich mit Gott in eine wesensmäßige Verbindung
kommen, ist durch nichts zu erweisen. Sie sagen
das, daß sie etwas Unfaßbares erleben in ihren
Versenkungen. Aber der Erweis ist nicht zu erbringen,
dal) dies wirklich Gott ist. Und so nimmt der Verfasser
hier gleich Wahrheit an, wo wissenschaftlich nichts
darüber zu entscheiden ist. Die Mystiker müßten uns
einen Beweis bringen, daß das Gott ist, was sie erleben.
Es gibt nämlich auch Mystiker, die eben so ernst sind
wie die, die der Verfasser im Auge hat, welche in ebenso
tiefer Mystik erleben, daß es keinen Gott gibt! Hier
wäre wirklich mehr Kritik am Platze und weniger liebevolles
Sicheinfühlen.

Es ist ein sympathisches Buch. Aber an meinem Gesamturteil
kann ich trotz alledem nichts ändern.

Berlin. Johannes Witte.

Bruno, Rektor D. Arvid: Das hebräische Epos. Eine rhythmische
u. textkritische Untersuchung der Bücher Samuelis u. Könige. Uppsala :
Almqvist & Wikseils 1935. (158 S. u. 164 S. hebr. Text) gr. 8°.