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Ausgabe:

1935 Nr. 24

Spalte:

436-438

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Karrer, Otto

Titel/Untertitel:

Das Religiöse in der Menschheit und das Christentum 1935

Rezensent:

Witte, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 24.

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auf den Mangel an leicht zugänglichen volkskundlichen
Unterrichtsstoffen hingewiesen, die zur ernsthaften Einführung
in die Volkskunde als Wissenschaft in Frage
kommen. Durch die geschickte Auswahl der in Betracht
kommenden Textstellen, wobei den schwierigeren
fremdsprachlichen Quellen eine lesbare Übersetzung beigegeben
ist, wird dieser pädagogische Zweck erreicht,
zugleich aber wird an der reichhaltigen Überlieferung,
wie sie gerade für diese Sage vorliegt, deutlich, welche
Gefahr für die junge Wissenschaft Übertreibungen wie
die von L. Mackensen bedeuten, der bei Verwendung des
Begriffes „Dämon" bezweifelt, ob auf germanischem
Boden dafür die seelischen Voraussetzungen gegeben
waren oder ein „Systemzwang" vorlag. Zur Klärung
solcher Fragen ist das vorliegende Bändchen besonders
geeignet, das sich vor vorschnellen Deutungen hütet und
eine ernstzunehmende Antwort der gemeinsamen Arbeit
von Lehrern und Schülern vorbehält. Wir begrüßen um
so dankbarer das gelungene erste Heft der Sammlung
und wünschen den baldigen weiteren Ausbau der Reihe.
Quakenbrück. H.Vorwahl.

Lehmann, Missionar Arno: Die Hymnen des Tayumanavar.

Texte zur Gottesmystik des Hinduismus. Aus dem Tamil übersetzt.
Gütersloh: C. Bertelsmann 1935. (XV, 270 S.) gr. 8°. = Allgem.
Missionsstudien, 19. H. RM 9—; geb. 11—.

Jeder Einblick in die religiöse ferne Welt Indiens
auf Grund von guten Quellen ist willkommen zu heißen.
Denn nur aus solchen ersten Quellen sehen wir in die
Seele der fremden Völker hinein. Darum ist es sehr zu
begrüßen, daß sich der Missionar Lehmann die Mühe
gemacht hat, die religiösen Hymnen dieses bedeutenden
religiösen Dichters des 18. Jahrhunderts aus dem Ta-
mulenlande vollständig zu übersetzen. Er hat es getan
aus einer gründlichen Kenntnis der Religion des Hinduismus
und aus einer feinen Einfühlungsgabe in die
eigenartige Welt dieser Religiosität heraus. Der deutsche
Text gibt etwas wieder von poetischem Schwung,
und plastische Lebendigkeit erleichtert das Lesen dieser
Lieder, die wegen ihrer oft gleichen Gedanken sonst
leicht ermüden würden.

Der Übersetzer hat in seiner Einleitung alles in Kürze
gesagt, was zum Verständnis dieser Religiosität nötig
ist. Er hat gut hervorgehoben, daß bei aller Innigkeit
der Gottesmystik, in der der Dichter steht, alle Lieder
eigentlich mehr von Sehnsucht als von Erfüllung zu
sagen wissen. Sehr gut hat er auch hervorgehoben,
wie diese Frömmigkeit völlig ichbezogen bleibt, daß
auch das ethische Moment stark zurücktritt. Wohl wird
über die bösen Leidenschaften geklagt, in denen der
Mensch gefangen ist und bleibt. Aber eine Schuld des
Bösen vor Gott und gegenüber den Menschen, an denen
man Böses tut, gibt es für den Dichter nicht. Es gibt
auch keine Verpflichtung gegen die Menschen in sittlicher
Hinsicht.

Vielleicht hätte der Übersetzer noch stärker hervorheben
können, daß diese indische Frömmigkeit eigentlich
eine Verklemmung bleibt und keine Erlösung gibt. Das
sieht man am besten an den nur allzu vielen Klagen
über die Verführungskraft der Frauen und die Ohnmacht
der Männer, dieser Verführungskunst der Frauen zu widerstehen
! Warum eigentlich die Männer dann den so
beschimpften Frauen gegenüber immer nachgeben müssen
und sich verführen lassen, das bleibt in ganz naiver
Weise unerörtert. Es wird nirgends den Männern die
Schuld gegeben, sondern nur den Frauen. Der Dichter
ist ganz offenbar sexuell auf das stärkste gebunden. Und
auch seine Gottesmystik hat ihn aus dieser sexuellen
Gier nicht erlöst. Kein Wunder, daß dann auch seine
Gottesmystik die ja auch bei andern Mystikern vorhandene
sexuelle Note hat. Diese indische Religiosität zu
bewundern, liegt also gar kein Grund vor. Man wird
religionsgeschichtlich gern aus diesen Liedern lernen,
was in der tamulischen Höcbstreligiosität liegt, aber um
so stärker hebt sich dann davon ab die gesunde, christliche
Frömmigkeit, die auf dem Heilsgrunde des Werkes
Christi ruht. Da ist, wenn wirklicher, christlicher Glaube
da ist in Reinheit, solche Verklemmung unimöglich. Dabei
wollen wir natürlich nicht übersehen, daß die Wirklichkeit
der in der Geschichte stehenden christlichen Religiosität
auch Verirrungen solcher Art zeigt, bis hin zum
Grafen Zinzendorf, dessen Frömmigkeit in starkeim Maße
' bis zur Widerlichkeit sexuell bestimmt war. Es nützt
nichts, solche Dinge auch im Raum der Geschichte der
christlichen Frömmigkeit zu verschweigen. Sie sind da.
Und nur wenn wir ganz wahrhaftig sind, können wir
uns mit fremder Religiosität auf dem Boden der wissenschaftlichen
Vergleichung recht auseinandersetzen.

Für die Kämpfe der Gegenwart, in denen man so
gern der christlichen Intoleranz die Toleranz der andern
Religionen entgegenhält, sei nur noch darauf hingewiesen
, daß dieser Dichter sagt von seiner Religion des
Sivaismus: „Es liegt in seiner Art, daß jede andere Religion
sich ihm zu unterwerfen hat" (S. 72).

Berlin. Johannes Witte.

Karrer, Otto: Das Religiöse in der Menschheit und das
Christentum. 2. Aufl. Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1934. (IX,
264 S.) 8°. RM 5.20; geb. 6.50.

Das Buch enthält fünf Hauptabschnitte: 1. Die Verbreitung
des Religiösen in der Menschheit. 2. Die Ent-

■ stehung des Religiösen in der Menschheit. 3. Die Entfaltung
des Religiösen in der ferneren Menschheit. 4. Vergleichung
der Religionen, religionswissenschaftlich. 5.
Theologische Würdigung des Religiösen in der Menschheit
. Der erste Hauptteil schildert die Gottesidee in den
verschiedenen Religionen, zeigt den Zusammenhang von
Religion und Sittlichkeit in den verschiedenen Religionen

; und behandelt das Gebet in seiner Stellung in den Reli-

; gionen. Hier kann man schon fragen, warum gerade
diese drei Punkte gewählt worden sind. Die Gottesfrage
ist natürlich die wichtigste Frage, die behandelt
werden muß. Aber dann sind die beiden andern Fragen,
die für jede Religion entscheidend sind, die nach dem
Ziel der Religion (jenseitig und diesseitig) und die nach
dem Weg zu diesem Ziel. Und daß darüber, über diese
beiden letzten Fragen, nichts Zusammenhängendes gesagt
ist, erscheint mir als ein Mangel. Bei der Gottes-

■! frage ist meiner Meinung nach unrichtig, daß über die
Lehre Buddhas selbst gesagt wird, daß Buddha das
Dasein Gottes nicht geleugnet habe. Wenn irgend etwas
klar ist, dann ist es dies, daß die Lehre Buddhas
Atheismus war. Buddha steht mit diesem Atheismus in
Indiens Religionen ja nicht allein da. Der Gründer der
Religion des Jainismus hat auch den Atheismus vertreten
. Ebenso waren das Samkhya und andere Systeme
atheistisch. Liegt hier aber religiöser Atheismus
vor, d. h. dürfen wir den Jainismus und Buddhismus
trotz ihres Atheismus wirklich Religion nennen, dann
stimmt das ganze Schema der Behandlung des Verfassers
nicht inbezug auf das Verhältnis der andern Religionen
zum Christentum. Dann stimmt auch die Definition
über den Begriff der Religion nicht, die der Verfasser

; gibt: „Demnach ist Religion zu verstehen als das Hereinbrechen
, Durchscheinen der objektiv gegebenen göttlichen
Wirklichkeit ins Bewußtsein, in das Denken und
Fühlen des Menschen" (S. 11). Hier ist nicht „Gott

| die Wirklichkeit, die der Mensch entdeckt" (S. 11). Denn
hier ist gar kein Gott! Und es ist Buddha und Maha-
vira und andern Großen der Religion ganzer Ernst damit
: Es ist tatsächlich kein Gott. Das gerade „erleben"
sie in ihrer mystischen Schau. Diese Lage, vor die uns
die heutige Kenntnis der großen Weltreligionen gestellt
hat, war den alten Kirchenvätern verborgen. Wir stehen
vor einer ganz neuen und ganz anderen Lage als sie.
Darum besteht auch das Wort von der anima naturaliter
christiana nicht zu Recht. Im übrigen wird mit diesem
Worte Mißbrauch getrieben. Dies Wort Tertullians besagt
nach seiner eigenen Deutung nicht mehr als dies,
daß die Seele, „sie, von Gott dem Menschen gegeben,